Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 47 (10.12.1909)
- Date
- 1909-12-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692614-2692661--05086-2699962- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ietlftfle M llt. 47 des fmifefnrtec Ifraettfififieii lamiti8B6taftes. Inhalt der Beilage. Artikel: DaS Oelkrüglein. oder warum degenerieren die Juden ntdjt? — Die .Hebräische Mittelschule Tachkemoni" in Jaffa. — Aus den Vereinen — Aus der zionistischen Bewegung. - Kunst und Literatur. — Bereins-Kalender. Das Oelkrüglein oder Warum degenerieren die Juden nichts Eine Chanukah-Betrachtung von Dr. med. Rainer, Arzt in Wiesbaden. „Mai Chanukah", was bedeutet Chanukah? frugen unsere Weisen! Sie, die etwa 2000 Jahre dem gewaltigen Ereignis näher als wir waren und es noch frisch im Gedächtnis aller Welt wußten, hätte» am allerwenigsten eine solche Frage tun sollen, welche jeder jüdische ABC-Schühe noch jetzt prompt beantworten könnte. Und dann die Antwort darauf: Alle Oele waren von den Griechen bei ihrem Eindringen in das Allerheiligste des Tempels verunreinigt worden, nur ein einziges reines Oelkrüglein war übrig geblieben, das nach dem Siege sieben Tage lang brannte, bis man neues Oliven-Oel vorschriftsmäßig anfertigcn konnte!" Keine Rede von den beispiellosen Kämpfen, kein Wort von der Makkabäer Heldentaten, keine Erwähnung des Löwenmuts des Jehudah Hamachbi! Das Oelkrüglein, das einzig reine, gab Veranlassung zum siebentägigen Chanukafeste. Sonderbar! Ein Häuslein wackerer Männer rettet ein ganzes Volk. vor Untergang, vor Assimilation mit dem damals allmächtigen Hellenentum, — und das Oelkrüglein ist nur schuld am siebentägigen Siegcsfeste? Ja! die Frage der Weisen ist tiefer zu erfassen. Warum wird so viel Wesens vom Chanukawnnder gemacht, daß inan das Andenken an das — allerdings staunenerregende — Geschehnis sieben Tage lang feiert, da doch keine geringeren Wunder früher und nachher geschahen? Was haben nicht Pharaonen, Hamanc, Kreuzfahrer, Torquemado, Peter Arbucs et tntti quanti zum Untergange der Inden ersonnen, — und wie wunderbar war die Rettung des winzigen Volkes trotz aller Verfolgung? Und nicht allein in der Vergangenheit, auch in der Gegenwart und zu allen Zeiten „erheben sie sich, um uns den Garaus zu machen, aber der Allgütige errettet uns aus ihren Händen," tote es in der Hagadah heißt. Warum wird gerade Chanuka besonders feierlich begangen? Darauf die Antwort: „Es war damals so weit gekommen, daß das gewaltige Hellenentuin mit seinem Kunst- und Schönheitskultus, seiner Philosophie — und Sophistik die junge jüdische Generation gänzlich bestrickte, so daß sie bei den Athletenkämpfen, an denen sie eifrig teilnahm, sich des Bundeszeichens schämte. Das Jndentuin drohte von dein Griechentum verschlungen zu werden. „Alles Oel im Heiligtume ward verunreinigt von den Griechen!" Rur ein „reines Oelkrüglein" war übrig geblieben, ebenso wie ein Makkabäerhäuslein treu zu seinem Volke sesthielt und sich mutig der gewaltigen Uebermacht entgegen warf, um sein Volk, seine Tradition vor Assimilation, vor Untergang zu retten! Sieben Tage lang brannte das Oelkrüglein, bis neues Oel kam! Tagelang hielten es in heißen Kämpfen die Makkabäerbrüdcr ans, bis sie durch ihren Mut das ganze jüdische Volk zum Kampfe begeisterten — und den Sieg trotz der Uebermacht der grimmen Feinde davontrugen! Ein Oelkrüglein erhellte das Heiligtum,' eine Familie führte das Judentum zum Sieg! Daß die Franzosen, Spanier, Italiener re. der Degeneration entgegengehen, ist allgemein bekannt. Von den Deutschen hätten wir es nicht gewußt, wenn nicht die „Gesellschaft z. Regenartion d. dtsch. Volkes" anläßlich des jüngst erfolgten Todes ihres eifrigsten Begründers, des Dr. Dammann, welcher zugleich in seinem Werke „Renra" ein Mittel gegen die Degeneration gefunden zu haben glaubte, sich in Erinnerung gebracht hätte. — Die Juden aber überdauerten ihre Bezwinger, die Griechen, Römer und noch manch' anderes mächtiges Volk, das spurlos von der Bildfläche der Weltarena verschwand. Trotz aller Verfolgungen, trotz aller Grausamkeiten des finsteren Mittelalters — leben die Juden immer noch — und sind »och manchem ein Dorn im Auge! Sie degenerieren nicht trotz aller Gewaltmaßregeln, trotz aller Zurücksetzung und Ausnahmegesetze! Warum? Weil sie ihr Konservierungsmittel immer bei sich haben! Ein Kriiglein „reines" Oel — und das Volk ist gerettet, das Heiligtum gewahrt! So wie der ausgeraubte Sänger Arion den Piraten zurufen konnte: „omnia mea mecum Porto", ebenso können die Juden ihren Verfolgern getrost antworten: Alles könnt ihr uns nehmen, unsere Leiber den Scheiterhaufen überantworten, unsere Bücher durch Bannbullen vernichten lasse», — aber unser Erhaltungsmittel, unsere Lehre, unsere Tradition führen wir immer mit uns, in uns — und diese ist unzerstörbar, so lange noch irgendwo ein „reines" Krüglein geistigen Oels in Israel da ist, das zur Erhellung der ganzen Diaspora genüge. So wie der Phönix aus der Asche erstand, ebenso kann Israel sich aus sich selbst herausgebären, so lange noch ein Funken jüdischen Geistes glimmt! Ob Pharao oder Haman, ob Antiochus oder Gottfried von Bouillon, ob Bruhn oder Schack, ob Lueger oder Pückler, — das ist eine alte Geschichte, die ewig neu bleibt. Uns können sie nichts anhaben, so lange wir unserem Erhaltungsmittel treu bleiben! Wie spricht doch der Prophet Secharjah? „Ich sah einen völlig goldenen Leuchter mit sieben A r m e n dran . . . und ich srug . . . was bedeutet er? Und da antwortete ... nicht durch S t r e i t m a ch t noch durch Gewalt, sondern durch meinen Hauch (wirst du siegen)". Und wenn am Makkabäerfeste die Lichtlein in manch jüdischem Haus hell erglänzen — und das „Scheossoh nissim laavausenn" erklingt, dann ist die Frage nach der Fortdauer des Judentums von selbst beantwortet! Es geht ein unsichtbarer elektrischer Strom durch, ganz Israel, der es belebt, erwärmt! Ein Oelkrüglein ist es, ein „reines"! Denn „Mai Chanukah"? .... Die „Hebräische Mittelschule Tachkemoni" in Jaffa. Wer die Schule beherrscht, dem gehört die Zukunft! Es ist deshalb nicht verwunderlich, daß auch im Lande unserer Väter in jüngster Zeit in bezug auf Errichtung neuer und Förderung bestehender Schulen eine reiche Tätigkeit entfaltet wird. Die „Hebräische Mittelschule Tachkemoni" in Jaffa ist berufen, in dem jüdischen Schulwesen Palästina's eine wichtige Rolle zu spielen, vielleicht, dürfen wir sagen, eine neue Aera anzubahnen. Sie will einerseits das, was die Talmud - Thora - Schulen immer in anerkennenswerter Weise erstrebt: eine aus tiefer Kenntnis der jüdischen Gesetzesliteratur beruhende Lebensheiligung und Charakterbildung erzielen, sie will andererseits aber auch gründliche moderne Kenntnisse ver.nittelu, wie sie das heutige weit verzweigte öffentliche Leben, wie sie ganz besonders das rasch aufblühende und zu immer größerer Entwicklung gelangende geschäftliche Leben in Palästina gebieterisch fordert. Aus ganz geringen Anfängen ist diese Schule erwachsen. Vor fünf Jahren wurde durch einige in Jaffa ansässige Kaufleute eine kleine Schule ins Leben gerufen. Zunächst wurden in einem bescheidenen Lokal mit kleinem Spielplatz zwei Klassen mit zusammen 13 Schülern eröffnet, die von einem Lehrer unterrichtet wurden. Aus eigner Kraft, unter großen Opfern, mancherlei Schwierigkeiten und Hindernissen tniterhiclten und führten diese wackeren Leuten die Schule. Da jedoch die immer größer werdenden Schwierigkeiten, der Mangel an materiellen und ideellen Mitteln, die Schule nicht zur rechten Blüte gelangen ließen, trat das Schulkomitee mit dem Misrachi wegen Uebernahme der Anstalt in Verhandlungen, und das Resultat derselben war die Bildung eines besonderen Komitees, in welchem sich angesehene Männer aus allen Richtungen des traditionellen Judentums zusammenfanden. Mit dem Frühjahr d. I. begann dieses Komitee seine Tätigkeit und sandte zwei tüchtige Schulmänner nach Jaffa: Oberlehrer N. Schlesinger als Direktor und Dr. Engel als Lehrer. Der 'neuernannte Direktor begann seine Tätigkeit init der Ausstellung eines zweckmäßigen Lehr- und Stundenplanes. Die Schüler verteilen sich auf 7 Klassen einschließlich der Vorbereitungsklasse und erhalten systematischen Unterricht in Bibel, Talmud, hebräischer Sprache, Arabisch, Französisch, Geschichte, Rechnen, Algebra Naturkunde, Geographie und Singen. Hebräisch, die Umgangssprache der jüdischen Bevölkerung, ist Unterrichtssprache. Auch Unterricht in Handelswkssenschasten ist jüngst eingerichtet worden. Es wird peinlich auf Ordnung, Reinlichkeit und stramme Disziplin gehalten. Den Direktor unterstützt bei der Durchführung seiner Maßnahmen ein Lokalkomitee, an dessen Spitze Oberrabbiner A. I. Kuk steht. Schon nach Ablauf des ersten Halbjahres zeigt. es sich, daß in Direktor Schlesinger ein Mann von Umsicht und Energie gewonnen wurde, der mit Hingabe und Verständnis seine schwierige und verantwortungsreiche Aufgabe erfüllt und der befähigt ist, die Schule ihrem hohen Ziel entgegenzuführen, Nachdem gleich in der ersten Zeit die Schülerzahl von 70 auf 110 gestiegen war, beträgt sie jetzt mit Beginn des zweiten Halbjahren 150, dabei mußten aber leider 30 Schüler aus Mangel an Raum zurückgewiesen werden. Das ist der überzeugendste Beweis, daß der Tachkenioni ein Bedürfnis deckt und fich weitgehendsten Ansehens und Vertrauens erfreut. Es ist zu wünschen, daß das Verständnis für die Aufgabe der Schule sich in weiten Kreisen Bahn bricht, daß sich Gönner finden, die durch Zuwendung von reichen Mitteln den Weiterausban der Schule und die Schaffung aller notwendigen Einrichtungen ermöglichen.*) Es ist ein Kulturwerk ersten Ranges, nnd es ist ein echt jüdisches Werk, das im „Tachkemoni" geschaffen worden. Vielleicht und hoffentlich ist diese Schule bestimmt, ein Baustein für eine mustergiltige geistige Kolonisation des heiligen Landes in größerem Stile zu werden, vielleicht wird ihr Erfolg beispielgebend und anregend wirken für weiteres Streben in dieser Art. Durch den Segen, welcher der Gesamtheit aus dem Gedeihen der Anstalt erwächst, wird das Wort, daß „neues Leben aus den Ruinen erblüht" zur Wahrheit werden. *) Spenden ninimt die Redaktion dieser Zeitung, sowie der Kassier, Herr I. Hackenbroch, Frankfurt a. M., Röderbergweg 30, entgegen. Lehrer und Schüler de» Tachkemoni. ' V’ sic*-' v mfö. >*Vr