Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 47 (10.12.1909)
- Date
- 1909-12-10
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Frankfurker Israelitisches Familienblati. Nr. 47. Wie es bei vielen alten Leuten der Fall ist, hatte Chase durch Tod oder Entfernung all die ihrigen verloren. Die einen waren gestorben, die anderen waren Iveit weggefahren, andere wieder wurden gleichgültig. . . Jetzt ist sic allein auf der Welt. Sic kauft alte Kleider/ manchmal liest sie sogar alte Fetzen von den Müllgruben auf, trägt sie auf dem Rücken in einem großen Korb aus Weidengeslecht, verkauft diese sonderbare Ware an noch sonderbarere Käufer und — lebt. Ob sie ohne jegliche Freude und Trost lebt, ob fie nichts auf der weiten Welt hat, das ihr erloschenes Auge in einem Hoffnungsfunken erstrahlen ließe und auf ihren welken Lippen ein zärtliches, beinahe freudiges Lächeln Hervorrufen könnte? Blickt jetzt hin, wie sie von der Last des Korbes gekriiinnrt am Rande der Straße dahinschleicht und mit der zerfetzten Jacke die Häufermauern streift. Sie hat den Kopf im gelben Tuche ein wenig cnrporgcrichtet, ihr Singe sprüht einen beinahe heißen Funken, — sie lächelt und ruft mit zittriger Stimme: „Chaimke! nu! Chaimke!" Ein kleiner, sechsjähriger Bub, über die Straße rennend, vernahm das Rufen, kam auf sic zugestürzt, schlang seine Arme um ihren gebeugten Hals, küßte schallend die gerunzelte Stirn, und sich umwendcnd, lief er bald mit einem Schwarm Spielgenossen lachend davon. Chase war nicht allein auf der Welt. Chaimke war ihr jüngster Enkel nach der jüngsten Tochter, nach jener eben, die während einer kurzen Zeit in ihrem dornigen Lebenskranze wie eine Rose geblüht hatte. Der Tod hatte die Rose der alten Lumpenhändlcrin von der Erde weggeweht, aber sie sah ihr lebendiges Bild in dem zurückgelassenen Kinde. Chaimck hat der Mutter Haar, kastanienbraun und ringelnd, und Augen, wie seine Großmutter einst gehabt hatte, große schwarze, wcitgeöfsnete Augen in einem ovalen, bleichen Gesicht. Chaimke ist ein hübsches Kind. Seine Kleidung kennzeichnet deutlich das Gewerbe der Großmutter; feit einem Jahre nämlich trägt er eine Weste aus weißem, schwarz punktierten Perkal und eine Jacke und Mütze aus demselben Stoff. Die Mütze ist mit einem verbogenen Schirmdache ans Leder versehen, er trägt sie aber selten, denn größtenteils vergißt er sie zu Hause und in de» Straßen zeigt er sich in einem Käppchen, das kaum die Spitze seines Ringelhaarcs bedeckt. Chaje näht immer eigenhändig Chaimkes Gewand. Das kommt zivar äußerst selten vor, immer aber bietet es einen sonderbaren Anblick, wenn die alte Frau in großen Augengläsern rmd in einem gelben Kopftuche auf einem niedrigen Stuhl beim Scheine eines Lämpchens sitzt, und mit den zittrigen Händen die Fetzen zusanrmennäht. Sie tut das mit einer außergewöhnlichen Anstrengung des Geistes und der Sehkraft, von Zeit zu Zeit halblaut brummend. Es ist ihre Gewohnheit, zu sich selbst zu reden. „Wer wohnt jetzt dort", flüstert sie manchmal. Sie denkt dann an die kleine, schmutzige Schenke, in welcher sie geboren und erzogen wurde. „Aj, aj, wie schön sind sie gewesen!" . . Das ist eine Erinnerung an die alten Bäume des Herrschaftsgartens, in deren Schatten sie einst als Kind und Mägdlein gelustwandclt hatte. Manchmal lächelt sie und schüttelt das Haupt wie in einer scherzenden Drohung. Vor ihren Augen säuseln die Silberflutcn des Stromes und flimmert das hineinstarrcnde schivarzäugige Mädchen. Ein anders Mal seufzt sie schwer. „Als er starb" — sagte sic — „wurde er weißer als das Mehl, das er immer auf sich trug! Er ist jung gestorben. Er hat sein Lebelang schwere Säcke auf den Wagen geladen . . er hat sich sehr abgerackert und . . . ging von dannen." . . . Dann fügt sie hinzu. ,H>err der Welt, vereinige seine Seele mit den Seelen Abrahams, Jsaks und Jakobs rmd all derjenigen, die Dir liÄ sind!" Und manchmal sagt sie: „Der Mensch ist ähnlich dem Odem! seine Tage verschwinden wie ein Schatten!" Da denkt sie an ihre junge Tochter, Chaimkes Mutter, an die Rosa, die der Tod wcggerafst. . . Es gibt aber Momente, daß die dicke Nadel Chaje's Händen entgleitet; sie ballt zornig die Faust, und ihre Augen leuchten hinter der Brille zürnend. „Aj, aj, ein schlechtes Weib, eine Diebin, wie sie mich beschwindelt, wie sie mich betrogen hat. Für solch einen Fetzen hat sie von mir. zwei Polnische Gulden genommen! und wer wird mir dafür soviel geben? ich bin unglücklich, sie hat mich ruiniert!" Sic denkt nach, beruhigt sich und fügt hinzu: „Nu, wer mir dafür soviel geben wird. Das Mädchen von jener reichen Herrschaft! Sie versteht sich auf nichts und lacht und hüpst nur fortwährend. Ich werde diese glänzenden Knöpfe an diese Jacke annähen und werde sie nicht von der Seite, wo Löcher, sondern wo die glänzenden Knöpfe sind, zeigen. Vielleicht wird sic mir gar drei Gulden geben! Ein Gulden Verdienst! das wäre ein Glück!" ... Von dem kolossalen Verdienste eines ganzen Guldens träumend und beim Gedanken an die glän zenden Knöpfe, mit welchen sie morgen bas junge Stubenmädchen blenden wird, lächelnd, fühlt Chaje, daß sie zu schlummern beginnt. Die Füße schmerzen sie furchtbar von den Pflastersteinen, sie möchte sich schon gerne legen, sie erhebt sich also, spürt aber, daß irgend ein Körper unter ihren Füßen liege. Mit der zitternden Hand ergreift sie das Lämpchen und beugt sich zu Boden. Es ist dies Chaimke, der anfänglich bei ihren Knien gehockt hatte, schwatzend und die für ihn bestimniten Kleidungsstücke begaffend; jetzt liegt er zu ihren Füßen, zusammengekaucrt, schlafend und in dem geballten Fäustchen ein Stück nicht zu Ende gegessenen Bretzels haltend. Chaje's eingefallenen Lippen öffnen sich von einem Lächeln; sie stellt die Lampe auf den Tisch, nimmt den Enkel in die Arme, und aus sein vom Schlaf gerötetes Gesicht laute Küsse drückend, sagt sie: „Du kleiner Schläfer! ich bin durch dich schier gefallen!" Bei den letzten Worten lacht sie schon so, daß sie beinahe kichert. Chaimke erwacht, öffnet die schlaftrunkenen Augenlider und führt wie am schnellsten das Bretzelbruchstück an den Mund. Die Groß mutter schiebt ihn unters Federbett. „Bube — Großmutter!" läßt das Kind sich vernehnien. „Nu?" fragt sie, mit dem Ablegen der Jacke beschäftigt. „Und wo ist das Zehngroschenstück, das ich heute von einem Puriz (vornehmer Herr) bekommen habe?" Diese Frage macht auf Chaje einen peinlichen Eindruck. „Wo dieses Zehngroschenstück ist!" ruft sic, „ich habe es zum Fenster hinausgeworfen! Du hast es erbettelt! Habe ich dir nicht gesagt, daß du nicht betteln darfst! Wenn du noch einmal nicht gehorchen wirst, werde ich dich mit einer Rute durchprügeln!" Chaimke hört aber weder die Vorwürfe, noch die Drohungen der Großmutter. Er schläft bereits mit der Bretzel am Mund und einen Arm unterm Kopf. Die langen Wimpern werfen lange Schalter auf seine rosigen Bäckchen, und der kleine Mund lächelt fairst. Großmutter zürnt noch eine Weile, dann aber zieht sjc arrs der Tasche das vom Enkel erbettelte Zehngroschenstück und beguckt cs vou allen Seiten, wie um sich selbst zu überzeugen, daß sie nicht den großen Unsinn begangen, es zum Fenster hinauszuwersen. Dabei seufzt sie schwer, schüttelt traurig das Haupt, aber schließlich, unter das Federbett gleitend, sagt sie: „Nu, ivas soll man tun!" — Und fügt hinzu: „Die Not!"- Manchmal unterhalten sich Großmutter und Enkel zu zweit sehr lustig. Das passiert am häufigsten, wenn Chaje zienrlich spät abends heimkehrt, andern Rücken ein Korb voll gekaufter und von den Misthaufen aufgclesener Lumpen tragend. Chaje's Wohn,mg befindet sich in der Mitte jener Labyrinthes, das die Gäßchen und Häuschen des Jrrdenviertels bilden. Sie besteht aus solch einem rriedern Stübchen, daß Chaje mit ihren Händen die schwarz gewordenen Querbalken der Decke erreicht. Manchmal passiert es, daß Chaimke der Groß mutter zuvorkommt und zuerst von seinen Ausflügen heimkehrt. Es ist ein vernünftiges Kind. Im Dunkel des Stübchens findet es die Streichhölzer, zündet die kleine Lampe an und stellt sie aufs Fenstcrchen um der heimkehrcnden Großmutter zu leuchten, wenn sie den kleinen Hof, der die Form eines langen, gewundenen Korridors hat, passieren wird. Bald lassen sich auch müde, schleppende Schritte vernehmen, und Chaje keucht durch die niedere Tür, unter der Last ihres bunten Krames. Dann schnellt Chaimke vom Boden empor, will ihr behilflich sein, den Korb abzunehmen/ und dann streckt er ihr die Hand mit einem Bretzelfragment oder einem Stückchen Käse entgegen. „Bube, esse!" Sie ist größtenteils so müde, daß sie sich nur hinsetzt und die Hände von sich streckt. Dann beginnt Chaimke im Korb zu wühlen, und jeder bunte Lappen versetzt ihn in Entzücken Einmal sand er in ihrem Korb ein paar grellrote Kinderschuhe, da war er von ihnen so entzückt, daß die Alte ihm gestatten mußte, sie anzuziehen und eine Nacht in ihnen zu schlafen . . . (Fortsetzung folgt.) Toiletten-Tische in einfacher bis hocheleganter Ausführung liefert den verehrl. Damen als Spezialität* Katalog gratis. FiiiM, Frankfurt al, Bitagassn 8. Hi. J. EMMEL & SOHN Sehillerstrasse 26. Spezlal-Gesebäfi für Malu. Zeichen-Utensilien. olzbrand-,KerbsehnUt-,Tarso-'n. Batik-Artikel. Kaiser Friedrich Quelle i ■ »> Offenbach a. M. - ■ Gegen Gicht nnd Rheumatismus bewährt. Institut für Massage Karl Ed. Augstein, Kaiserstrasse 50. Teilmassage 0,30 Mk., Ganzmassage 1,— Mk. Beste Zeugnisse nnd Empfehlungen von Aerzten und Patienten z. D. Damen werden von Dame bedient. n Cphmidt akffck. Kerrensämeickem. 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Josef stellt sie als Kundschafter )in. Zum Wahrheitsbeweis ihrer Unschuld sollen ic den jüngsten Bruder bringen. Drei Tage lang entschließt sich keiner von ihnen zu der schweren Mission. Schließlich ziehen sic alle heim. Simon bleibt als Geisel zurück. Die Brüder denken an ihre frühere Sünde. Sie finden unterwegs das Getreidegeld in ihren Säcken wieder, die Aufregung teigert sich. Der Vater zu Hause ist bestürzt, will Binjamin nicht sortlassen. Schmerzlich bekümmert entschließt er sich endlich dazu, weil kein Getreide mehr vorhanden. Juda verbürgt sich für Binjamin. Sie nehmen Geschenke mit, Josef empfängt sie reundlich, läßt ihnen ein Mal bereiten, teilt Gechenke aus, am meisten dem Binjamin. Sie werden nochmals erprobt. Josef läßt seinen Silberbecher heimlich in Binjamins Sack legen. Sie ziehen ahnungslos ab. Der Hausverwalter eilt bald nach, untersucht die Säcke, Binjamin wird als Dieb verhaftet. Alle kommen, bestürzt zu Josef zurück. Sic alle wollen Sklaven sein. Josef indes will nur Binjamin zurückbehalten. Zugleich ist S ch a b b o s - C h an u k a. Jauzer. Kein Zidkoscho Zedek zu Mincho. — Montag ist Ransch - Chaudesch T e w e s. ONenvsever Druckluft »Anlage Telefon 123. Offonbach 8. H. Telefon 128. Unübertroffene bewährteste TepplChrelnlBUIltJ. FamMermachrichre». Geburten. Einen Sohn, Herrn Jakob Wolff (Loewenthal), Frankfurt. Einen Sohn, Herrn Oberlehrer Dr. Samter (Hamburger), Berlin. Eine Tochter, Herrn Josef Reiter (Lewy), Breslau. Einen Sohn, Herrn Albert Heß (Rapp), Frankfurt. Einen Sohn, Herrn Leon Hackenbroch (Meyer), Frankfurt. «erl-bte. Else Pick, Rawitsch — Adolf Manheinr, Lissa. Maria Leyser, Düsseldorf — Leo Wolff, Gießen. Sterbekälle. Josef Friedmann, 69 I., München. Hugo Weinberg, 45 J„ Herford. Jean David, 51 F., Berlin-Wilmersdorf. Doris Geliert geb. Norden, 63 I., Berlin. Moritz Lichtenstein, 56 I., Frankfurt. Valentin Landsberg, 59 I., Frankfurt. Emil Insel, 46 I., Metz. Jette Frankenthal, 73 I., Nürnberg. Simon Kaufmann, 55 I., Direktor der Ludwigshafener Walzmühle, Ludwigshasen. Rosine Mandelbaum, 72 I., Frankfurt. Dr. med. Hermann Cohn, 48 I., Lüdenscheid. Albert Schindler, Schauspieler, Berlin. Emma Bernstein geb. Saulmann, -57 I., Hamburg. Eva Auerbach geb. Auerbach, 77 I., Berlin. Rosalie Levy, 69 I., Frankfurt. Heinrich Bechhold, 81 I., Frankfurt. Sara Weil geb. Adler, 79 I., Frankfurt. Sigmnnd Singer, Bsmeplatz 23 empfiehlt Stoffe für Herren-Anzfige und Paletots zu billigsten Preisen.