Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 46 (3.12.1909)
- Date
- 1909-12-03
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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ß«te 10. Sk. 46. den Weg zu uns. Der .Hedeutende jüdische Publizist und vielleicht berühmteste russisch-jüdische Kämpfer, von dem ein namhafter hebräischer Schriftsteller gemeint hat, daß zehn Männer mit den Qualitäten dieses kongenialen Denkers den Juden den Judenstaat brächten, Dr. Schidlowsky wird am neunten Zionistenkongreß tcilnehmen. Ein historisches und epochales Ereignis im jüdischen Leben ist die Chicagoer Vereinigung. Das jüdische Proletariat ist abgekehrt von seinen Irrwegen!"' Konftantinopel. „Telcgrafo", die meistgelesene spaniolische Zeitung, schreibt: „Aus Smyrna wird uns geschrieben, viele unserer Leser wünschen zu wissen, ob der „Telegrafo" für oder wider den Zionismus sei. Derselbe Wunsch wurde uns von zahlreichen Lesern der Hauptstadt zum Ausdruck gebracht. Wenn nun auch unser Blatt bisher nichts iibcr seine Tendenzen bezüglich dieser Frage hat verlauten lassen, werden wir nunmehr. doch gern die verlangte Antwort erteilen, und bas geradeaus und mit Präzision. Da müssen wir nun erst gestehen, daß die Frage, wie sie uns formuliert wurde, uns in Erstaunen versetzt. Wir möchten unsererseits folgcnde Rückfragen stellen: „Kann es einen guten Juden geben, der nicht Zionist ist? Ist es möglich, daß wir keine Anhänglichkeit bekunden" an die Geschichte unserer Vorfahren, für das Land, in dem Israel die glänzendste Epoche seiner Existenz durchwachte? Können wir auf der andern Seite uns lossagen von unfern unglücklichen Brüdern in Rußland, in Rumänien usw. und ihren Leiden gegenüber indifferent bleiben?" „Kann irgend ein guter Jude das Prinzip Der Solidarität verkennen, dem vor allein andern Israel seine Existenz über alle Verfolgungen hinaus durch Jahrhunderte hin verdankt?" „Kann man Nichtzionist sein, ohne unsere religiösen Schriften abzuleugnen?" „Endlich ist es denkbar, die Möglichkeit der Fortexisienz eines Volkes anzunehmen ohne ein Ideal, das es .allein vor sicherin Tode bewahren kann?" „Ohne die Hoffnung hätte der Selbstmord längst die Erde entvölkert. Und ebenso wie das Leben unbegreiflich wäre ohne die Hoffnung, ebenso ist eine Nation, der ihr Ideal entrissen wird, zum Verschwinden verurteilt." „Ja! Wir sind Juden, also sind wir Zionisten!" „Allein, wir sind ebenso Ottomanen, aufrichtige Ottomanen, und wenn wir eine starke Liebe zur Vergangenheit des Volkes hegen, dem wir zugehören, so haben wir gleicherweise lebhafte Anhänglichkeit für unser Vaterland, die Türkei und für unsere Brüder, die Ottomanen." Die Tochter des Kardinals. Historische Erzählung von Friedrich Rott. lSchluß). Mitternacht war längst vorüber, im Vatikan lag alles in tiefstem Schlafe, als sich die Tür des'Zimmers, das dem Leibarzt des Papstes, wenn derselbe im Vatikan übernachtete, bestimmt war, lautlos in ihren Angeln drehte, und lautlosen Schrittes trat der Kammerdiener des Papstesnäher, eine Kapuzinerkutte hing über seinem Arme. „Im Auftrag Sr. Helligkeit überbringe ich Euch den Segen des Heiligen Vaters und das Honorar, das Hochderselbe Euch noch schuldet. Und im Aufträge des Herrn, den ich damals zu Euch geführt hohe, übergebe ich Euch hiermit das Mönchsgewand, in dem Ihr am sichersten Eure Flucht bewerkstelligen werdet, derselbe hat mir gleich damals auf die Seele gebunden, in dem nun eingetretenen Falle Euch an Eure Vereinbarung mit ihm zu mahnen. — Ihr erinnert Euch derselben?" „Selbstverstäiwlich." „So habe ich nichts weiter hinzuzufügen, als daß Euer Freund es für sicherer hält, daß Ihr Euch zu Land bis zum Meeresstrand begebet und erst dort das Schiff — ich glaube, er hat es Graziella genannt — besteiget. Ihr werdet daher in dem letzten Hause, das der Tiber zunächst liegt, ein Maultier finden, auf dem Ihr in wenigen Stunden den Strand erreichen könnt. Saget nur, der Kammerdiener Sr. Heiligkeit habe das Saumtier für Euch dort einstellen lassen." „Und wie kann ich Euch danken, treuer Enrico?" „Ich vollziehe nur den Befehl Sr. Helligkeit und außerdem kaim ich nur dessen Worte wiederholen, was ich für Euch tue, ist nur eine Erwiderung dessen, was Ihr mir getan."' Nahezu eine Woche war verstrichen, seitdem die sterblichen Ueberreste des Kardinals in der Gruft seiner Ahnen beigesetzt worden. Das junge Mädchen, die Erbin seines kolossalen Vermögens, war unstreitig die reichste Erbin des Kirchenstaates und ward von gar manchem beneidet. Sie selbst schien Frankfmjer ZsrMrksthes Farnilienblatt. jedoch den ihr gewordenen Vorzug kaum als solchen zu empfinden, bleich und trübe lehnte .sie in ihrer Causeuse, starrte teilnahnilos in's Leere, und nur selten brachte sie ein Wort über ihre Lippen, obgleich sie die zahlreichen Kondolenzbesuche nicht hatte abweisen können. Alle Welt staunte, selbst ihre vertrautesten Freundinnen hätten nicht geglaubt, 'daß der Hintritt ihres Oheims sie so schwer treffen würde. Es war gegen Abend, die »leisten Besucher hatten sich bereits entfernt, nur ihr Vormund. Graf Borghese, weilte noch bei ihr und Graf Tnrnek' und seine Gemahlin. „Wie gesagt, Contessa," sprach ihr Vormund „Ihr solltet Euch ermannen, solltet Euch Eurem Schmerze nicht so vollständig hingeben. Es ist ja richtig, Ihr habt einen schweren Verlust > erlitten und Euer guter Oheim hat cs reichlich um Euch verdient, daß Ihr um ihn.trauert. Aber jedes Ucbcrniaß ist von Nachteil, Ihr schädigt Gure kostbare Gesundheit. Bedenket doch, wie war der teure Entschlafene stets so ängsllich besorgt für Euer Wohlsein und wie würde er erschrecken, ivcn» er Euer blasses schmales Gesichtchen heute sehen würde. Ihr seid doch kaum ein Schatten Eurer selbst." „Der Herr Graf hat recht," stiinmte die Gräfin Turnek bei. „Ihr dürfet Euch nicht sovollständig hingeben. Seit der traurigen Stunde des Hinscheidens Eures Oheims seid Ihr keine Minute im Freien gewesen, dieser ständige Aufenthalt zwischen den vier Mauern ist auch nachteilig. Nehmet darum unfern Vorschlag an, verbringt mit uns einen Tag auf dem Meere, die erfrischende Seeluft wird Euch wohltun." „Das wird sie sicherlich," fiel Graf Borghese ein, „gebet nach, Contessa; Eure Verwandten meinen es gut mit Euch, nehmet ihren Vorschlag an." Aber Graziella konnte sich nicht so rasch dazu entschließen, nur um dem ihr lästig werdenden Drängen zu entgehen, versprach sie, den Vorschlag in Erwägung zu ziehen. „Tuet das," versetzte der Graf, indcni er sich erhob „und lasset mich morgen, wenn ich -kommen werde, mich nach Eurem Befinden zu erkundigen, durch die Nachricht erfreut werden, daß Ihr ausgeflogen seid, um endlich wieder einmal einen Tag in Gottes freier Natur zu verbringen." Er zog die Hand seiner liebreizenden Mündel an seine Lippen, verneigte sich gegen die andern und verließ das Zimmer. „Endlich!" sagte Graf Arnulf, aufatmend, „es hält jetzt so schwer, Euch allein zu treffen, und ich habe Euch doch noch einiges mitzuteilen im Aufträge Eures dahingeschiedenen Freundes." Eine Träne hatte sich in dem weit geöffneten Auge des jungen Mädchens gesammelt und glitt langsam über ihre bleichen Wangen. „Was habt Ihr mir mitzuteilen?" fragte sie .gepreßt. „Bor allem, daß meine kleine 'Frau in diesem schrecklichen Lande nicht mehr bleiben will und daß wir morgen die Heimreise antrcten." „Großer Gott! — Ihr reiset fort, und ich soll hier allein bleiben!" — „Nein Graziella, wenn Ihr dem Rate und dem Wunsche Eures Freundes folgen wollet, so bleibet Ihr nicht hier, sondern reiset mit uns." „Ich soll mit Euch reisen? das hat er gewünscht? — Er hat doch gewußt — freilich, Ihr könnt das nicht wissen. —" „Doch, er hat mir alles gesagt, und ich weiß auch, daß Ihr vielleicht nicht immer bei uns bleiben möchtet .— aber vorläufig — es war sein Wunsch." „Dann gehe .ich mit Euch, wohin Ihr wollet. Aber wird mein Vormund es zugeben?" „Nein, das wird Euer Vormund < nicht .zngeben. denn er beabsichtigt, Euch mit seinem Sohne zu vermählen. Da aber Euer Freund Eure Intentionen kannte, glaubte er nicht, daß Ihr auf die von Eurem. Oheim und seinem Vetter geplante Verbindung eingehen würdet, darum hielt er es für das Richtigste, daß Ihr. in unserer Begleitung und unter unserm Schutz heimlich von hier abrciset. Doch darf ich nicht unterlassen. Euch aufmerksam zu machen, daß Ihr dadurch bas Euch von Eurem Oheim hinterlassene Vermögen vollständig aufgeben würdet." „Daran liegt mir nichts, was er für das Richtigste gehalten hat, das will ich tun — immer. Also wann gedenkt Ihr abzureisen?" „Morgen in den Frühstunden, haltet Euch bereit. Doch dürfet Ihr kein« Vorbereitungen treffen, die Eurer Umgebung auffallen könnten. In einer Gondel fahren wir den Tiber hinunter bis zum Hasen, wo ich ein Schiss liegen habe, bas ich nach Euch getauft habe, Graziella." Daß er Mittags von dem Kapitain der Graziella die Nachricht erhalten hatte, daß der erwartete Geistliche nach ihm gefragt und ihn auf dem Schiffe erwarte, hatte er ihr nicht gesagt, um keine falsche Hoffnung in ihr zu erwecken; denn daß derjenige, den sie ihren Freund nannte, seit dem Antodafä nicht mehr unter den Lebenden weile, davon hielt er sich, wie alle Welt, überzeugt. Er vermutete, daß Rabbi lJizchak vor seinem Ende den Kammerdiener des Papstes mit einer Nachricht für ihn betraut habe, der ihn deshalb auf dem Schiffe erwarte. Er wollte daher nicht zögern, dem mutmaßlichem ' Wunsche des Freundes zu entsprechen und gleichzeitig die geplante Heinircise anzutreten. Es war ein wunderbar schöner Tag, als sie auf dem leichten Fahrzeug auf leicht' bewegten Wellen stromabwärts glitten. Selbst Graziella atmete unwillkürlich leichter, die frische reine Morgenluft tief einzichcnd. Aber sie gewahrte nicht die Schönheiten der reizvollen lachenden Ufer» an beiden Seiten, ihr Blick war nach Innen gerichtet. Die junge Gräfin Tnrnek hatte sich neben sie gesetzt, hatte den Arm um sie geschlungen und bemühte sich, durch anmutiges Plauoern die Trauernde von ihrem Grübeln abzulenken. Doch deren einsilbige, oft gradezu sinnlose Antworten bewiesen, daß die gnt gemeinten Bemühungen umsonst waren. Jetzt war sogar ei» heißer Tropfen auf die Hand der jungen Gräfin gefallen, mißbilligend schüttelte sie den Kopf. „Graziella, Graziella, tut es Euch denn gar so leid, .pon hier zu scheiden?" „Ach nein, das ist es ja nicht — ach, Ihr wisset nicht — als wir herkamen — ich war so glücklich, war so voller Hoffnung — und er ist nur um meinetwillen hergekommen — und darum — um meinetwillen hat ihn das 'Schreckliche getroffen! —" Sie barg bas Antlitz in den Händen, ihr zarter Körper bebte in verhaltenem Schluchzen. Ratlos sahen die Gatten einander an, sie hätten so gern getröstet, aber diesem Schmerze , gegenüber erstarken ihnen die Trostesworte auf den Lippen. Inzwischen war es Mittag geworden, die Gondel hatte den Hafen erreicht und glitt nun direkt auf das bezeichnete Schiff zu. „Gleich sind wir da" rief Graf Arnulf, „schauet Euch nur das schmucke Fahrzeug an." Beide Damen entsprachen der Aufforderung und traten an seine Seite. Plötzlich stieß das junge Mädchen einen gellenden Schrei aus, mit ausgestreckten Armen schien sie sich in's Wasser.stürzen zu wollen, mit Gewalt mußte der Graf sie halten. Aber ihr Schrei hatte Erwiderung gefunden, der Kapuziner dort auf dem Schiffe hatte sie erkannt. „Tirza!" jubelte er und neigte sich mit ausgebreiteten Armen weit über Bord, „meine Tirza!" Da hob Graf Turnek das (junge Mädchen hoch empor, und gleich darauf hing sie an des Geliebten Halse, und lachend und joeinend jauchzte sie unaufhörlich: „Amico mio! amicö mio!" Alle Anwesenden waren mächtig erschüttert, selbst die Schiffer. Die junge Gräfin barg ihr tränenüberflutes Antlitz an des Gatten Schulter, dieser aber wandte sich crllärend an den Kapitain: „Die Signorina ist die Schwester des geistlichen Herrn." - „Das sieht man," erwiderte der Kapitain schmunzelnd. — Ob er sich täuschen ließ? * Die Liebenden legten die große Reise glücklich zurück. Die Freunde begleiteten sie bis in die Hauptstadt der Niederlande, wo Tirza, nachdem sie Luin Judentum übergetreten war, dem Freunde angetraut wurde nach dem Gesetze Moses und Jisrael, und bis an ihres Lebens Ende erfreuten sie sich des reinsten, höchsten Glückes. Ende. Bunte Chronik. Bismarck und Bleichröder. In dem neuesten Bismarck-Buch von Heinrich Poschinger: „Stunden bei Bismarck" ist zu lesen: „Das Verhältnis Bismarcks zu Bleichröder stand einzig für sich da. In der Zeit, da die Wogen des Antisemitismus in Berlin aufs höchste gestiegen waren, hatten diese Beziehungen auch nicht ein Haar von ihrer Herzlichkeit verloren. Bismarck konnte krank und für keinen Minister oder Botschafter zugänglich sein; wenn Bleichröder sich melde» ließ, so wurde er empfangen. „Setzen Sic sich, lieber Bleichröder," und nach einigen Minuten war der Großbankier so sehr ins Erzählen gekommen, daß die Viertelstunden vergingen wie die Minuten bei den: Vortrage irgendeines Ministers. Der Schlüssel zu dem intimen Verhältnis Bleichröders zu Bismarck war in der unbedingten Hingebung des Finanziers an den Kanzler zu suchen. Bismarck wußte, daß er auf Bleichröder bauen konnte, wie auf einen Felsen, ebenso auf dessen Diskretion. Von einem Besuche im Kanzlerpalais zurückgekehrt, erzählte ja Bleichröder mit Vorliebe von Bismarck, wie er ihn getroffen, was er gesagt hatte — der Kern der Unterhaltung war aber bei ihm begraben, und mit eisernen Zangen hätte ihm keiner ein ihm von Bismarck änvertrautes Geheimnis entreißen können. In Bismarcks Gegenwart durste kein Fremder wagen, über Bleichröder zu witzeln, und als einmal eines der Kami-