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Neue jüdische Presse · 1909-12-03 · Heft 46 (3.12.1909) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 46 (3.12.1909)
Date
1909-12-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Mitfle zn Ht. 46 des fanftfnctet IsmckMm MMMlMs. A«S den Vereinen. Frankfurt a. M. Ein Publikum, das wir sonst bei jüdischen Vorträgen nicht zu sehen gewohnt sind — Rechtsanwälte, Aerzte rc. des Westends mit ihren Damen — waren zum größten Teil die Zuhörer bei dem Vorträge, den Rechtsauwalt Hugo Sonnenfeld-Berlin im Aufträge der Ortsgruppe des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" im Saalq der Loge Carl hielt. Dr. med. Max Mainzer bcgriißte die Erschienenen, erwähnte, daß die Ortsgruppe des Zentralvereins in Frankfurt 700 Mitglieder habe, eine Zahl, die größer sein dürste und müßte, denn wenn auch die städtische Verwaltung Frankfurts von antisemitischen Instinkten einigermaßen frei sei, so sei das doch nicht von der Bevölkerung zu sagen. Rechtsanwalt Sonnen selb begann sodann seinen Vortrag, der sich teils mit den Zwecken des Zentralvereins — Erziehung der Inden zur Selbstachtung und Eintreten für die Gleichberechtigung der Inden auf allen Gebieten —, teils mit dem Thema „M o d e r n e s Strafrecht und Jüdische Ethik" beschäftigte. Ueber letzteres führte er ans: Das talmudische Recht hat im Strafrecht Forderungen verwirklicht, die das moderne Strafrecht erst in der letzte» Zeit mit Erfolg erstrebt hat. Erst zu Beginn der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ist bei uns die Mündlichkeit und Unmittelbarkeit des Verfahrens an Stelle des schriftlichen oder des geheimen Verfahrens eingeführt worden. Das talmudische Recht hatte diese Forderung bereits verwirklicht. Bei uns wird der Angeklagte im Verfahren häufig den Zeugen nicht gegenübergestellt,' nach talmndischem Recht darf der Zeuge nur in Gegenwart des Angeklagten vernommen werden, widrigenfalls er aus dem Verfahren ausscheidet. Kinder unter-13 Jahren und Personen im Abhängigkeitsverhältnis dürfen nicht Zeuge sein; eine selbstverständliche Forderung des wahren Rechts, die aber das moderne Strafrecht im Gegensatz zum alten jüdischen noch nicht erfüllt. Zu den modernsten Problemen des Strafrechts gehört das Verlangen, daß die uncidlichen Zeugenaussagen auch schon strafbar sind, damit die Möglichkeit eines Meineides vermindert wird, und daß ein falsches Zeugnis zu Ansprüchen auf Schadenersatz berechtigt, Dinge, die bereits dem talmudischcn Recht entsprechen. Das Recht des Arbeiters auf baren Lohn und nicht in Naturalien rc. ist bei uns erst eine Errungenschaft der Neuzeit; daß der Arbeiter bei Kontraktbruch nicht schadenersatzpflichtig ist, wenn eine Ausbeutung seiner Arbeitskraft vorliegt, haben wir aber noch nicht erreicht; während das talmudische Recht beides bereits hatte. Unser Strafrecht beruht auf den philosophischen Auffassungen von Kant und Hegel, daß die Strafe die Vergeltung für geschehenes Unrecht sei, Ivobei die Strafbemessung in Rücksicht auf die Zukunft, der Besscrungsgedanke, zu kurz kommt. Das talmudische Recht hat bereits den Besserungsgedanken im Auge. Frankfurt a. M. ..Pädagogisches im Talmud" lautete das Thema des Vortrages, den Herr Lehrer S. Unna im Verein „T i f e r e s Bachnri m" hielt. Wir Juden hatten bereits — so führte Redner aus — zur talmndischen Zeit die allgemeine Volksschule. In einer Stadt, in der keine Volksschule ist, sollst dir nicht dauernden Aufenthalt nehmen, befiehlt der Talmud. Der Schulbesuch begann in - Palästina mit 5., in Babylonien mit 6. Lebensjahre und währte bis etwa zum 16. Lebensjahre. Nach Nabba sollen 5 Stunden täglich gegeben werden, 3 vormittags und 2 nachmittags. Ferien gab es nicht, der Freitag und der Vortag der Jaumtauwim war frei, am Sabbat wurde das Wochenpensüm wiederholt. Der Hauptunterrichtsgegenstand war die Lehre, doch lernten die Schüler auch Schreiben, Rechnen, Sprachen und Naturwissenschaft. Der Lehrer soll die Individualität berücksichtigen („Lehre den Knaben nach seiner Weises, vom Leichten zum Schwereren gehen und gründlich, aber nach der kürzesten Methode unterrichten. 25 Schüler war das gewünschte Maximum einer Klasse; bei 40 Schülern muß dem Lehrer noch eine Hilfskraft zur Seite stehen, und 50 Schüler müssen von 2 Lehrern unterrichtet werden. Man sieht also, daß die jüdische Volksschule zur talmudischen Zeit der modernen Volksschule nicht nachsteht. Frankfurt a. M. Der Verein selbständiger isr. Handwerker ersucht sämmtliche selbstständige isr. Handwerker, nächsten Montag Abend 9 Uhr im Restaurant Seligmann, Klingerstraße 28, vollzählig zu erscheinen. Gäste, wenn auch Nichthandwerker, willkommen. Kattowitz. Der Verband der jüdischen Literaturvereine Oberschlesiens, hielt seine diesjährige De le gierten Versammlung zu Oppeln ab. Vertreten waren die Vereine Beuthen (Rechtsanw. Dr. Schmidt, Rektor Schürmann), Großstrehlitz (F. Steiner), Kattowitz (Dr. med. Glogauer und' Dr. Braunschweiger), Königshütte (Hamburger, Markiewitz), Myslowitz (Rabb. Dr. Winter), Neisse (Rabb. Ellgnther), Oppeln (Rabb. Dr. Goldmann und Sanitätsrat Dr. Schlesinger), Ratibor (Rabb. Dr. Dienemann, A. Bieberfeld) und viele Gäste. Der Berbandsvorsitzende D r. Brauns ch w e i g e r cröffnete die Sitzung mit Gedächtn i s w v r t e n für den verstorbenen Dr. G n st a v Karpeles. Aus dem von ihni erstatteten Bericht ist folgendes hervorzuheben: Der Verband besteht gegenwärtig ans 12 Vereinen mit insgesamt 849 Mitgliedern, die Zunahme betrug 85. Rengegründet wurden keine Vereine; wenn auch in manchen größeren Gemeinden keine Versine bestehen, so wird teilweise ihre Aufgabe von idortigen Logen und Zionist. Ortsgruppen erfüllt. Von den Vereinen wurden bei Einnahmen von insgesamt 4920 Mark 4050 Mark verausgabt. 4 Vereine erhielten Zuschüsse von ihren Synagogengemeinden. Sämtliche Vereine verfügen iiber Bibliotheken mit zus. 3477 Bänden. Soweit die Vereine über gedruckte Kataloge verfügen, werden diese durch Vermittlung der Verbandsleitung ansgetanscht. Die meisten Vereine stelle» ihren Mitgliedern auch Zeitungen zur Verfügung, 2 Vereine besitzen eine Lesehalle. An Vorträgen wurden 51 veranstaltet, wovon 42 von Rednern ans Oberschlcsicn selbst gehalten wurden, und zwar 19 von Rednern in den eigenen Vereinen (worunter auch dankenswerter Weise zwei Damen) und 23 in den.übrigen Verbandsvereinen. Von den übrigen 9 Rednern waren auch noch 2 aus Schlesien, wodurch die durch weither berufene Redner bedeutenden Kosten sehr herabgemindert wurden. Gut bewährt hat sich wie in den Vorjahren auch diesmal die Einrichtung der Verbandsrednerliste für Oberschlesien, wodurch den Vereinen eine große Anzahl von Borträgen gegen Erstattung der persönl. Auslagen an die Redner ermöglicht wurde. Vielfach schlossen sich an die Vortragsveranstaltnngen zur Hebung des Bcreinslebens mit gutem Erfolge gesellige Zusammenkünfte an. Die Verbandskasse schließt mit einem Bestand von 390 Jk ab. In der sich anschließenden regen Debatte wurde besonders über die Borträge und ihren Inhalt gesprochen und namentlich betont, daß die Veranstaltung zusammenhängender Vorträge und Cyklen wünschenswert sei. Dementsprechend wird die Berbandsleitung für diese Saison zunächst einen zusammenhängenden Zyklus über die „Geschichte der Juden in Deutschland" den Vereinen zur Verfügung stellen. Außerdem soll den Vereinen empfohlen werden, nach Möglichkeit hebräischeSprachknrse zu veranstalten. — Eingehend wurde auch über besondere Ve r an st altun gen für die schulentwachsene Jugend debattiert, die Notwendigkeit solcher allgemein betont und die Erfahrungen ansgetanscht, die in den Vereinen gemacht wurden, die sich bisher schon diesem Ziele gewidmet hatten. Die beiden Vorsitzenden, Dr. Brannschweigcr und Dr. Glogauer, Kattowitz, wurden wiedergewählt. Der Sitz des Verbandes ist in Kattowitz. —x. London. Der Verein für Sabbatbeo b' a ch t u n g hielt eine von etwa 250 Prinzipalen besuchte Versammlung ab, in der die Errichtung eines Biiros, bestehend aus Prinzipalen und Angegestellten, beschlossen wurde. Ehrensekretär des Vereins ist A. Rnbenstein, London A, Highburg, New- Park 120. Personalien. Berlin. Geh KommerzienratWilh. Kopetzky erhielt den Kronenorden 3. Klasse. — In Kottbus wurden bei den Stadtverordneten wählen Bankier W. L ö w e n st e i n und Kommerzienrat M. Grünebanin wieder- und Jüstizrat H a m in e r s ch m i d t neugewählt. — In M e s e r i tz feierte das Josef R a t h e - sche Ehepaar die goldene Hochzeit. Darmstadt. Dr. JuliusGoldstein. Privatdozent an der Technischen Hochschule, erhielt, den Charakter als Professor. Gietzen. Am kommenden Montag begehen die Eheleute I. M. Schulhof das Fest der goldenen Hochzeit. Posen. In Strelno wurden die Kaufleute Gersonund Eilenberg und in Stuhm Kaufmann Hermann Aron zu Stadtverordneten gewählt. Hamburg. Dr. Eugen Frankel, Projektor am jKrankenhause Hamburg-Eppendorf, erhielt den Charakter als Professor. lL.) Hohensalza. Philipp Rosenberg, Ignatz Schwerzenz, Dr. L. Levy und Rechtsanwalt Grünberg, wurden zu Stadtverordneten gewählt. Rexingen. Abraham Jakob Fröhlich und Frau Dorchen, geb. Landauer, erhielten anläßlich ihrer goldenen Hochzeit vom König von Württemberg twssen Bronzemodell mit Widmung. Wien. Dr. AdolfHoff mann, der Schöpfer des großen Seehospizcs zu Rovigno und Gründer des Vereins zur Pflege armer Brustkranken auf dem Lande, ist nicht mehr. Mit dem 88jährigen hat uns. ein Mann verlassen, der den Idealismus und die Menschenliebe des typischen Juden während des ganzen Lebens als sein erstes Leitmotiv wahrte. Buäapcft. In Sopran verichied — 72 Jahre alt — Frau Salome Lipsch' itz, geb. Halpern, die Witwe des Präsidenten der orth. israel. Landeskanzlei. Prag. Im 82. Lebensjahre verschied Siegmund Plohn, Alterspräsident des israel. Tempels, Vorsteher des Nüchstenliebevereins, des israel. Freitisch- Vereins etc. Der Dahingcschiedenc hintcrläßt eine Tochter, welche mit Kommerzienrat Max B o n d y vermählt ist. Pretoria (Süd-Afrika). M. Simon, Besitzer des Hotels Imperial und Präsident der jüdisch» Gemeinde, wurde zum Stadtrat gewählt. Aus der Lehrerwett. Frankfurt a. M. Es wird weitere Kreise interessieren zu erfahren, daß in der hiesigen Taubst u m in e n a n statt jüdischer Religionsunterricht erteilt wird. Als Lehrer hierfür fungiert seit 10 Jahren Herr P a p p e n h e i m. Paris. Nach zuveiiäisigen Mitteilungen ist ein neues Rabbiner-Reglement in Vorbereitung, das eine erhebliche Verschlechterung der Lage der Rabbiner darstellt. Nur ein Franzose, der das Pariser Rabbinerscminar besucht hat, soll als Rabbiner angestellt werden können. Jede Kultusgemeinschaft von mehr als hundert Mitgliedern soll einen Rabbiner haben. Das Zentralkonsistorium bestimmt die Rabbinersitze. Die Verleihung des Oberrabbinertitcls ist zum Teil von der Zahl der Gemeindemitglieder abhängig. In dieser Hinsicht enthält der neue Entwurf eine wesentliche und nicht gerade sehr zweckmäßige Steuerung. Nach den bisherigen Bestimmungen mußte der Erlangung eines solchen Titels eine besondere Prüfung voransgehen. Die Rechte der Rabbiner sind sehr knapp bemessen. Sie beschränken sich auf das Predigen und Vorbeten in den Synagogen, auf die Beanspruchung einer vierwöchigen Ferienzeit in jedem Jahre und auf die Erteilung und Beaufsichtigung des Religionsunterrichts. Andere Funktionen dürfen die Rabbiner ohne besondere Erlaubnis des Zentralkon« sistoriums .nicht ausüben. Lublin. Vorige Woche fand hier die Wahl eines Rabbiners durch die dazu bestimmten Wahlmänner statt. Einstimmig wurde der bekannte Gaon Rabbiner E. Klatzkin -Marianpol, Verfasser niehrerer bedeutender Werke, gewählt. Eine talmudische Kapazität ersten Ranges, gilt er seit Jahrzehnten mit Recht als eine phänomenale Erscheinung in der russischen Rabbinerwelt, auch dank seinem eminenten encyclopüdischen Wissen auf anderen Gebieten (er versteht niehrere europäische Sprachen und ist insbesondere ein Kenner der Medizin). 1 Aus -er zionistischen Bewegung. Berlin. Montag fand im Tiergartenhof eine von Zionisten veranstaltete Volksversammlung statt, in der Reichstagsabgeordneter Dr. Stand-Wien eine glänzende, wirkungsvolle Rede über „Probleme des Judentums" hielte Redner behandelte die Phasen der zionistischen Bewegung, die vorherzl'sche, herzl'sche und nachherzl'sche Periode, in beredten und prägnanten Worten, die auch einen hohen agitorischen Wert haben dürften. Insbesondere verstand er es, die Assimilanten treffend und gebührend, mit beißender Ironie zu geißeln. Leider wurde in die Diskussion von einem christlichen Missionar ein Mißton hineingebracht, der eine Ablenkung vom eigentlichen Thema zur Folge hatte, da die folgenden Redner in ihrer berechtigten Empörung den Fehler begingen, sich allzuviel mit den Missionstendenzen auseinanderzusetzen. Die Schlußrede des Dr. Stand vermochte jedoch diesen Mißton abzuschwäche». Der Vortrag wurde oft von ranschendeni Beifall unterbrochen und rief sichtbar starke Begeisterung hervor. Brünn. Die hiesige,Jüd. Bolksstimme" schreibt in einem Artikel „Katto Witz-Chicago": „Und heute,.fünfundzwanzig Jahre nach Kattowitz, gerade in den Tagen, wo des schüchternen Versuches von einunddreißig mandatlosen Männern gedacht wird, einigen sich in Chicago die drei jüdisch-sozialistischen Parteien: Poale - Zionisten, Zionisten-Sozialisten und Seimisten auf ein palästinensisches Programm und verschmelzen zu einer Partei. Dr. Syrkin, der Sezessionist vom Kongreß, kehrt mit seinem Anhang zurück, Dr. S ch i d - lowsky kommt zu uns. Dr. Schidlowsky, der frühere russisch-assimilatorische Sozial-Revolutionär» der Gründer der späteren Seimist.enpartei, findet

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