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Neue jüdische Presse · 1909-11-19 · Heft 44 (19.11.1909) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 44 (19.11.1909)
Date
1909-11-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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z» llr. 44 des fmnftfiirfet IlmeHflfifien Familimklattes. Bor einem Bierteljahrhnndert. II. D i e T a g u n g v o m 18.—23. Cheschwan 5645 in Kattowitz. Ain 18. Cheschwan genannten Jahres fanden sich im Hause der Bnei - Brith - Loge Concordia zu Kattowitz folgende Personen zusammen: die Oberrabbiner: R. Samuel Mckhilewer s. A.-Radom, spater Bialystok, R. David Friedmann - Pinsk - Karlin, Dr. I. M. Rabinowitsch s. A.-Paris, Dr. Lippe-Jassy, Dr. Drübinowitz s. A.-Rostow a. Don., die Privatgelehrten: Redakteur des Hamelitz Alex. Zederbaum s. A. - Petersburg, David Gordon s. 31., Redakteur d. „Hamagid" in Lyck, Rechtsanwalt Jassinowski, S. P. 'Rabinowitz, beide zu Warschau. Die Kaufleute K. W. Wyssotsky s. A.-Moskau. L. Kalilischer s. 3l. (sohn des gefeierten R. H. Kalischer)- Thorn, Löb Schalit s. 31. - Riga, Wolf Luntz-Riga, Jakob Meiersohn s. 3l., L. Dawidsohn, B. Rittenberg — alle drei aus Warschau; Jakob Daiches s. 3l.- Charkow, B. Freudeuberg, Dr. med. I. Chassanowitz- Bialystok, Moses Bramsohu-5kowno, L. Kliwanski s. A. - Kowuo, R. Wollreich - London, S. Baruch- London, jetzt Palästina, M. Moses s. 3l., Freithal, Sch. Fricdländer, Löbinger als'Loge-Vorsitzender, sämtlich aus Kattowitz, Dr. med. Leo Pinsler s. A.-Odessa, T. Pines-Roshani bei Grodno, G. Schönmann-Meseritsch bei Siedlitz. Die übrigen, darunter Rab. Jakob Josef s. 3l.-Wilna, später Chief-Rabbi der vereinigten Gemeinden in Newyork und der bekannte Rab. und Rosch Jeschiboh in Lida bei Wilna R. I. I. Reines mit anderen drei blieben in Warschau, unsere Rückkehr erwartend. Da alles schon früher in Warschau verabredet war, konnten wir uns sofort konstituieren. Und so wurde Rab. Mohilewer als Alters- und Ehrenpräsident, Dr. Leo Pinsker als Präsident, Redakteur Zederbauin als Vizepräsident, S. P. Rabinowitz als Sekretär für Hebräisch und Sch. Friedländer als Sekretär für Deutsch gewählt. Der Rahmen dieser Wochenschrift, gebietet mir, mich gedrängt zn fassen; ich muß mich also auf das Wesentliche beschränken: Inhalt der Rede des Präsidenten Leo Pinsker, Schlußrede Rab. Mohilewer's und die gefaßten Beschlüsse. Pinsker führte aus: Die Lage unserer Volksgenosse», die in großen und dichten Massen vegiticren, ist entsetzlich und kann nur durch 3lenderung des Ortes und der Lebensweise gebessert werde». Unser Volk, ursprünglich ein ackerbauendes, mußte infolge des zweitausendjährigen Goluslebens seine Hinneigung zur Mutter Erde ganz ersticken. Wenn wir vor dem Forum der Weltgeschichte auch rein dastehen, so bleibt doch als Tatsache unser Nichtarbeiten in den bäuerlichen Berufen und unsere allzugroße Beteiligung an Berufen, die mit Muskelarbeit wenig zu tun haben. Wir arbeiten vielleicht schwerer als andere Völker, aber unsere Arbeit ist weniger sichtbar produktiv, — und so sagen uns die Völker, in deren Mitte wir leben, für unsere Leistungen keinen Dank, im Gegenteil. Die Zeitverhältnisse haben sich so gestaltet, daß wir heute auf eine Aendcrung im sozialen Leben der Juden hindrängen müssen. Sonst werden bei den großen Problemen der Arbeit und' des Lohnes, die heute die Welt beherrschen, Demagogen und antiseniitische Lügner es nicht versäumen, uns als die einzigen Vertreter des mobilen Kapitals hinzustellen. Bald werden Reaktion und Demagogie sich unserer „Frage" bemächtigen, und wir haben dann die Folgen zu tragen. Wir müssen deshalb alle Kräfte anspannen, um ins Freie hinaus;,vkommen, um Elle und Wage in Pflug und Winzermesser umzutauschen.?llso: zurück nach Hause, zur Mutter Erde, zur Mutter, die unserer so lange schon harrt! Das jüdische Volk ist willensstark; das hat cs m den zweitausend Jahren seiner Golusgeschichte gezeigt. Auf dieses Volk können wir vertrauen, daß es die Tragweite unseres Unternehmens verstehen und verständnisvoll das begonnene Werk sortführen wird. Unser Volk ist auch klug genug zu verstehen, daß die Wiedergeburt eines Volkes ohne Disziplin und zielbewußte korporative Arbeit nicht zu erreichen 'ist. Es wird auch begreifen, daß die Wiedergeburt eines Volkes nicht im Handumdrehen geschehen kann. Und tvas bedeuten ein. zwei und drei Menschcnalter bei einem Am-Olam, bei dem ewig lebenden Volke! Zu unserni Glück ist schon der 3lnsang gemacht. Der große Gedanke der Wiedergeburt des jüdischen Volkes in seiner uralten Heimat, hat bereits reale Formen angenommen. Schon mehr als zwei Jahre sind verflossen, seitdem die so viel verlästerten und als Zielscheibe allen Verfolgungen ausgesetzten russischen Juden ihre ersten Pioniere hinausgeschickt haben behufs Koloniengründung im heiligen Lande, Kolonien, die Anlaß zu schönen Hoffnungen geben. Traurig ist es, scheu zu müssen, wie auf einen so großen Gedanken manche kaltblütig und manche unzufrieden schauen. Nicht so der ältestte aller Juden Moses Montefiore. Mit Herz und Seele, mit allen. Fihern ist. er dem heiligen Land ergeben. Unsere Versammlung hat das Glück, die Fahne des großen Gedankens herabwehen zu lassen auf das ruhmvolle Haupt des Aeltesten und Besten in Israel!! Wir stellen ihm ein Denkmal, das alle Pyramiden und Heldendenkmäler überdauern wird. Gleichzeitig legen wir den Eckstein zu einem Binjan Olam, zur Wiedergeburt unseres Volkes und seiner Renaissance. Es möge der Gott, der in Zion residiert, uns helfen, unser Werk zu vollführen. Es möge nun Israel ruhig und sicher aus dem Boden seiner Väter wohnen und nicht zu leiden haben. — Der Eindruck der Rede auf das kleine Auditorium läßt sich nicht schildern. Wir alle. Alt und Jung, weinten wie kleine Kinder. Mit der Eröffnungsrede schloß die erste Sitzung. Der nächste Tag brachte den Einlauf eines Manifestes an das jüdische Volk von Rabb. Dr. Rülf- Memel, das später, etwas geändert, in seiner Broschüre „Aruchath bas 3lmi" zum Albdruck (deutsch) kam, ein warmes Schreiben von Rabbi Esriel Hildesheimer, ebenso von Dr. Salvendi-Dürkheim. 3llle Delegierten brachten die von ihnen gesammelten Summen mit, außerdem den Kausbrief von Katra (Heb Gederoh), das zur künftigen Kolonie der Hochschüler bestimmt war. Es begann die Geschästsdebatte, die heute freilich kein besonderes Interesse mehr bietet. 3lber damals war dies alles äußerst dringend und notwendig. Unser Werk war keineswegs legalisiert, denn in diesem Punkte ist die Bureaukratie, da es sich um Geld handelt, äußerst empfindlich. Darum schüttelten loir alle auch den Kopf, als Redakteur Zederbaum uns versicherte, er werde die Legalisierung durchführen. Zum Glück hat Zederbaum nach, vier Jahren schwerer Arbeit die Legalisierung durchgesetzt. Er war auch ganz der Mann dazu, die personifizierte Energie, in Petersburger Beamtenkreisen wohlgelitten. Vorläufig mußten wir freilich arbeiten, wie wir konnten. Die dreitägigen Debatten ergaben folgende Beschlüsse: 1. Das Institut wird „Maskereth Mosche" genannt. 2. Da das Gelingen des Ganzen von dem Erfolg der ersten 3lnsiedler abhängen dürfte, muß man vorläufig von jeder Neugründung absehen, und sich auf zeitweilige Unterstützungen beschränken, bis einer der Versammelten, als bevollmächtigter Delegierter entsendet, alles in Augenschein nimmt. (Der bekannte hochherzige Chef des Hauses in Moskau K. Wyssotsky unterzog sich später dieser schwierigen Aufgabe und mühevollen Reise.) 3. 3lu die Chobebe-Zion ist ein 3lufruf zu erlassen des Inhalts, daß sie in den Massen nicht die Meinung aufbringen dürfen, der Beitrag für Zion verleihe irgend welches Vorrecht beim Kolonisieren. Der Beitrag für Zion ist göttliches Gebot für jeden Sohn des jüdischen Volks ohne irgend welche andere Bevorzugung. 3lls Unterstützung für die Kolonie» „Pethach Tikwoh", „Jssud Hamaaloh" (Galiläa) und „Katrah" gingen von: Beratungssaal 4000 Rubel nach Paris an Herrn Michel Erlanger ab. ö. Der oder die Delegierten nach Palästina sollen darauf bedacht sein, an Ört und Stelle eine Durchsührungskommission, aus unabhängigen, unparteiischen, zuverlässigen Männern bestehend, einzusetzen. Erst dann soll die Aktion eröffnet werden. 6. Angenommen wurde der Beschluß, außer der Unterstützung der Kolonisten, auch einen Fonds zu gründen behufs Bodenerwerb und spätere Parzellierung. Dieses ist erst nach vielen Jahren durch die Gesellschaft „Geuloh Haarez" verwirklicht worden. (Siehe Knesseth srael erstes Jahrbuch 1886, herausgegeben von . P. Rabinowitz, Jahrgang 1886, Seite 929.)) Damit war die Tagesordnung erschöpft, und Rabbi Samuel Mohilewer nahm das Wort zur Schlußrede. Er sagte: Der einzige Prophet im Golus, Ezechiel, führt uns vor das wundervolle Bild der Wiederauferstehung eines totgesagten Volkes. Einige seiner Söhne sagen: „Ausgedorrt sind unsere Knochen, verloren ist unsere Hoffnung, wir sind zerstückelt." Da kam ein Geist von allen Windrichtungen und stellte jeden Knochen in sein Gelenk, behäutete den Körper, belebte seine Sehnen. — Der göttliche Prophet fährt fort: „Ich öffne euere Gräber und bringe euch auf den Boden Israels, dann erst lege ich meinen Geist in euch, daß ihr auflebet, und ich lasse euch ruhen auf euerem eigenen Boden." „Meine Brüder!" rief der fast jugendlich lebhafte greise Rabbi. „Was wir heute — beesrath Haschem — unternehmen wollen, ist die Häutung auf den verdorrten Knochen, die Belebung der schlaffen Sehnen! Das sollen erreichen unsere Pioniere in Palästina und die Schaffung der Stationen für Chibath Zion überall, wo noch ein Herz für die Fortexistenz unseres Volkes schlägt! Dann kommt der Geist, der uns zu neuem Leben erweckt. Meine Brüder! Ich weiß, daß in diesem Saale sich auch einige Männer befinden, die in einigen wichtigen Fragen meinen Standpunkt nicht teilen. Ich glaube aber an das größte aller Wunder, — ein Wunder, das sich auf dem Boden Israels vollziehen wird — daß nämlich die Zerrissenheit und „Zerstückelung" in Israel aufhören wird. Im Lande der Väter wird sich bewähren Ezechiels Prophezeihung, daß der „Ez Josef" und „Ez Jehudi" zu einem Baum zusammenwachsen und wir alle ,Ane Israel" sein werden." Nach einer kurzen, aber stimmungsvollen Ansprache schloß Dr. Leo Pinsker die Sitzung unter Schweigen der Versammlung. Still, wie gekommen, fuhren wir nach Hause, jeder in sich gekehrt und nachdenkeud, was und wie weiter zn handle» sei. Selbst der 'Antrag der Logenbrüder, noch einen Tag zu verbleiben und — wie in Europa nach einer mühevollen Beratung üblich ist — einem Bankett beizuwohnen, lehnten wir ab. I. P. Rabinowitz. Personalien. Berlin. Den Cbarakter als Sanitätsrat erhielten folgende Aerzte: Dr. Martin Friedlaender, Dr. Heinrich Löwenthal, Dr. Paul Marcuse, Dr. Hugo Reiche, Dr. 3llexander Friedeberg, Dr. Max Mayer, Dr. Bernhard 3lscher, Dr. 2ldolf Baruch, Dr. Heinrich Preuß, sämtlich in Berlin, Dr. Wilh. Feilchenfeld in Charlottenbürg, Dr. James Fraenkel in Lankwitz. Dr. Hermann Kornblum in Wohlan, Dr. Emanuel Zimmer in Sagan, Dr. JPsef Arnstein in Ratibor, Dr. HermannWallerstein in Gelsenkirchen und Dr. Hermann Isaac, Är. Theodor Landnu in Charlottenburg. Mannheim. Hopkenhändler Adolf Baer und Kaufmann Machol Strauß wurden in die Gemeindevertretung gewählt. RenftaSt C.«3. Kommerzien'at und Stadtrat Albert Fränkel, der Präsident der hiesigen jüd. Gemeinde, ist — 72 Jahre alt — verschieden. Gersfeld o. Rhön. „Elches chajil". das hohe Lied des jüdischen Jdealweibes, das der Hausherr vor Beginn des ersten Sabbatmahles nach traditionellem Brauche rezitiert, singt Strophe für Strophe das Lob einer Frau unserer Gemeinde, Frau Jeanette Weinberg W w e., die letzten Samstag im hohen Greisenalter ihr arbeits- und segensreiches Leben beschlossen hat. Auch bei dieser prächtigen Frau war kein Augenblick das Tages ungenützt, und nur die Weihe des Sabbats bot ihrem rastlosen Schaffen halt. 3luch sie leitete Gottesfurcht, auch ihr Mund sprach nur Worte der Weisheit, auch ihre Hand war stets bereitwillig den Armen geöffnet. Lebensklug, fleißig und gut und als eine gewissenhafte Beobachterin des unscheinbarsten jüdischen Brauches steht Frau Jeanette Weinberg allen, die sie kannten, vor 3lugen, und in dieser harmonischen Ganzheit des jüdischen Jdealweibes wird sie weiter leben und wirken, nachdem ihre sterbliche Hülle uns verlassen hat. (L i Posen. In Lions wurde Kaufmann Charles Bar,ich als Magistratsschöffe wiedergewählt. — In Wreschen verschied — 52 Jahre alt — Frau I a d e s o h n, eine durch ihr Wirken auf jeglichem Gebiete der Wohltätigkeit bei Juden und Christen angesehene Frau. Lppeln. Anläßlich seines 70. Geburtstages ernannte die Stadt Herrn Stadtrat Julius Pringsheim zum Stadtältesten. Wie«. In Trebitsch starb Herr Albert Grünberger, während 30 Jahre Bürgermeister der Stadt. Herr Grünberger lebte in streng jüdischtradionellem Sinne und war bei Christen und Juden sehr angesehen. Wien. In ihrem 88. Lebensjahre ist Frau Helene Kadi sch geb. Pappenheim, die Tochter des berühmten Preßburger Gemeindevorstehers Rabbi Wolf Pappenheim s. A., gestorben und in Preßburg beigesetzt worden. Sie war eine Frau von hervorragender Herzens- und Geistesbildung. London. Zu Bürgermeistern sind gewählt worden: Ratsherr H. E. Davis in Gravesend, Ratsherr H. Feldmann in Hüll, der lebhaften aktiven 2lnteil an jüdischen Angelegenheiten nimmt, und Harry Groumann in Johannesburg. Der König ernannte Sir Edgar Speyer zum Geheimen Rat. — Die englische Judenheit hat durch den Tod Sir Benjamin L. Cohen's einen schweren Verlust erlitten. Cohen wurde 1844 in London als Enkel Joseph Cohen's, von dessen Schwestern eine mit Nathan Meyer Rothschild und eine mit Sir Moses Montefiore verheiratet war, und Sohn Louis Cohen's geboren. Gemäß den Traditionen seines Hauses widmete er sein Interesse der Oeffentlichkeit. Dem Londoner Stadtrate gehörte er von 1888—1901, dem Parlamente von 1892—1906 als Konservativer an. 3luch im öffentlichen jüdischen Leben spielte er eine hervorragende Rolle, so in der Leitung des „Jewish Board of Guardians" und der „United Synagogue". 4785

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