Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 42 (5.11.1909)
- Date
- 1909-11-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Bor einem Vierteljahr-Hundert. Erinnerungen eines der Einbcrufer der Kattowitzcr Konferenz. I. Vorgeschichte. 188t—82. Um diese Zeit war die antisemitische Bewegung im Westen emporgekoimnen, während in Osteuropa ei» neues Regime ans Ruder gelangte. Bald brach der Sturm los, und zahllose kleinere und größere Pogrome wurden inszeniert (Odessa, Elisabethgrad und Kiew ic. Mai—Juni 1881). Diesen Ereignissen folgte das berüchtigte Zirkular des Ministers Ignatiew an alle Gonverncurc des jüdischen Ansiedelnngsrahons behufs Einsetzung von Kommissionen, welche die Schädlichkeit der Juden für die Christenheit beweisen sollten (25. August 1881). Gleichzeitig erklärte die damalige Regierung im Kiewer Pogromprozeß durch den Staatsanwalt S t r e l n i k o w: 1. die Regierung betrachte die Pogrome als Protcstansdrnck des Volkes gegen die jüdischen Mitbewohner,. 2. den Inden stehe, wenn diese Zustände ihnen mißfallen, die W e st g r e n z e offen. Die Kommissionen arbeiteten fleißig. DaS Fazit ihrer Beratungen ist ans den temporären, doch schon beinahe drei Dezennien andauernden Maßnahmen, welche die Bezeichnung Lpx Ignatiew tragen, ersichtlich. In den ersten Monaten des Jahres 1882 (zwischen den Warschauer und den Balter Pogromen) ersolgtcn mitten im strengsten Winter Ausweisungen der Juden. Im Frühjahre desselben Jahres beriefen die Juden eine Versammlung der Notablen nach Petersburg, um über die Lage zu beraten. In dieser drangsalsvollen Zeit, die noch größeres Unheil erwarten ließ, wurde die Zionsidce zu neuem Leben geweckt. Es bewährte sich der Midrasch Echoh, 'Abschnitt 3: „Am 9. Ab. wurde die Messiasidee geboren." Keine Gemeinde, keine Stadt kann sagen, wo sie zuerst entstand und hak auch keine Prioritätsrechte auf sie. — Man erinnert sich dabei der Worte des Propheten (Ezechiel XXXVII, 9): „Von allen vier Windrichtungen komme, o Geist, und hauche den Toten Leben ein, daß sic auslcben mögen." Schreiber dieser Zeilen war damals Hauptmitarbeitcr der „Hazephirah" in Warschau und hatte daher Gelegenheit, die Stimmung in den jüdischen Großstädten einerseits und die Tragweite der Regierungsmaßnahmcn andererseits richtig cinznschätzen. Inzwischen war infolge der Pogrome und der sie begleitenden harten Maßregeln die öffentliche Meinung in Europa, namentlich in England, erwacht. Von gewisser Seite wurde die Anregung gegeben, daß die englischen Weltzeitungen ihre Korrespondenten an den Schauplatz der Ereignisse entsenden sollen, um so die Vorgänge im richtigen Lichte darstellen 311 können. Es "folgten die Meetings in Manshionhouse, lvo Kardinal M a n - n i n g seine zündenden Reden hielt. Noch lebte der Geist Beaconsfields in jenen Kreisen. Bedeutende isnmmen wurden gesammelt. Die Versammlung der jüdischen Notablen trat in Petersburg zusannnen, und die österreichische Grenze, insbesondere Brody und Lemberg, waren von Eucigranten überfüllt. In Brody war das Mitglied der Pariser Alliance Charles Netter, Gründer von Mikweh Jisroel bei Jaffa, eingetroffen. Nach Lemberg hatte sich eine Abordnung des englischen Komitees, bestehend ans den Herren Montag ne (jetzt Lord), Dr. A s ch c r s. A. und dem großen nnermüdlicheir Agitator für Besiedlung Palästinas durch Juden Sir Öliphant s. A. begeben. Die Notablen-Versammlnng in Petersburg, deren Ehrenpräsident der gefeierte R. I i z ch 0 k E l k a n a n s. A. war und deren Vorsitz Baron H 0 r a c e G ü n z b n r g s. A. führte, erhielt einen Brief von der Lcmberger Abordnung, in welchem gebeten wurde, mehrere Personen behufs Aufklärungen gewisser Tatsachen, die zwar mit der Ziousidee nichts zu tun hatten, aber doch von großer Wichtigkeit waren, nach Lemberg zu entsenden. 3t. I i z ch 0 k, der Kownoer Raw, und andere Anwesende waren verhindert und baten R. Samuel M 0 h i l e w e r, in meiner Begleitung nach Lemberg zu fahren. Die 3Ieise sollte schleunigst vor sich gehen, und es wurde uns geraten, den Weg über Sosnovic—Kattowitz zu nehmen. So kainen wir im April des Jahres 1882 nach Kattowitz. In Kattowitz, wo damals die Bnei-Brish-Loge Concordia existierte, trafen wir mit den Herren Moses, F r e i t h a l (Lehrer), Friedländer und dem Vorsitzenden der Loge Herrn Löbinger zusannnen. In den ersten drei erkannten wir bald Gesinnungsgenossen. Herr Löbinger versprach die Mitwirkung der "Loge. lieber Krakau und Dswiwerczin fuhren wir nach Lemberg und sahen mit eigenen Augen das schreckliche Elend der Auswanderer und die Plan-und Kopflosigkeit derselben. Nachdem wir unsere Spczialmission erfüllt haten, kehrten wir nochmals über Kattowitz zurück. Wir sprachen mit den Herren Moses und Freit h a l über die Herausgabe des „Kolonist" und anderes mehr. Damals wurde R. Samuel zuni Rabbiner 1u Bialystok gewählt, wo schon mehrere der späteren Konferenzteilnehnier, namentlich die Herren B. F r e i d e n b e r g und Dr. I. C h a s a n 0 w i tz, großen Einfluß hatten. Ich erhielt eine Depesche, über Wilna nach Petersburg zu fahren. In Wilna überzeugte ich mich, daß dort ebenso wie in Bialystok schon ganze Vereine organisiert waren, deren Wortführer Männer wie der Gelehrte S. I. F ü n n und der berühmte Novellist Leon L e v a n d a sowie zahlreiche noch jetzt wirkende Männer waren. Die günstige Lage von Bialystok, wo 31. Samuel M 0 h i l e w e r seinen Sitz hatte, war, wie wir bald sehen werden, für die Bewegung sehr ersprießlich. Indessen hatte auch Odessa zu wiederholten Malen seine Pogrome erlebt. 'Nun begann man auch dort, sich mit den Fragen Palästinas näher zu beschäftigen. Der bekannte Arzt Dr. Leo Pinsker veröffentlichte seinen manisestartig gehaltenen Aufruf „Autoenianzipation". Der Publizist Lilien bl um entsagte seinen Rcformallürcn und widmete sich ganz der Palästinasachc, was in Anbetracht der Lage Odessas ('Nähe von Konstantinopel und folglich Palästinas) von großer Wichtigkeit war. Von Litauen ans wurden die Gemüter in Riga und an anderen Orten der Ostsee vorbereitet. In Deutschland wirkte als Zeitschrift der Kattowitzcr „Kolonist", der Vorgänger des „Serubabel", und der tatkräftige Willi Bambus s. A. Ich will erwähnen, daß die ersten, mit denen wir zur Arbeitsgemeinschast in nähere Verbindung traten, drei 3iabbiner waren: 3k. E s r i e l Hildesheimer s. 31. in Berlin, 3k. Dr. I. R ül s f. A. in Memel und 3k. Dr. A d 0 l f S a I v e n d i in Dürkheim. Die Arbeit während der Jahre 1882 und 1883 war zumeist eine sporadische. Es wurden Gelder gesamncelt, hie und da auch Boden gekauft, ohne daß man aber seine Beschaffenheit feststclltc und sich mit den Verkaufs- und Eigentumsrechten näher bekannt machte. (Rischon le Zion, Katca und Samürin, später Sichron-Jacob). Allmählich trat eine Aenderung ein. Als der Notschrei der eben erst begründeten Kolonien erscholl, begab sich R. M 0 h i l e w e r nach Paris, und mit Hilfe zweier warmer Zionsfrennde (Oberrabbiner Z a d 0 k C a h n und Michael Erlanger) gelang es ihm, Baron Edmund 3k 0 t h s ch i l d zu bewegen, die Kolonien in Galiläa und Judäa unter sein Protektorat zu nehmen. (Wie heute erinnere ich mich noch des Momentes, als ich am Jomkippur 5611 abends aus der Synagoge nach Hause kam und eine dringende Depesche Rülss vorfand, in weicherer mir mitteilte, daß es gelungen sei, die Kolonien unter 3ivthschilds Protektorat zu bringen. Ich sprach dann Birchas Schehchejonu aus.) Bnlo zeigte cs sich, daß es unmöglich sei, sich ganz auf Paris zu verlassen, denn die Munifizenz des Barons allein ohne korporatives 'Mitwirken der jüdischen Oeffeutlichkcit genügte nicht. Die Einheitlichkeit des Vorgehens wurde zur gebieterischen Notivcndigkeit. 'Aber wie sollte das geschehen? Die Entfernungen im russischen Reiche (Warschau-Wilna, Odessa—3kiga, Petersburg—Moskau) sind in der Tat so große, der Hindernisse so Viole, daß es nur schwer zu einen', richtigen Gedankenaustausch, geschweige denn zu einer offiziellen Versammlung kommen konnte. In einer der Sitzungen lenkte der selige Herr 'M 0 s e s unsere Aufmerksamkeit auf Kattowitz lind erinnerte dabei an das Versprechen, das uns dort vor zwei Jahren gegeben worden war. 'Noch war kaum die halbe 'Arbeit getan. Es mußten Mittel gesunden werden, um die Verhältnisse eines Millionenvolkes zu sondieren, Stimmung zu machen und die Größe unserer Sympathien festzustellen. In einer sehr zahlreich besuchten Sitzung, der auch 3k. M 0 h i l e w-e r beiwohnte, entwickelte Schreiber dieser Zeilen seinen Plan, der — kurz gefaßt — in folgendem bestand: Es müsse ein N a m e gefunden werden, der schon allein ein ganzes Palästinaprogramm' bedeutet, der zugleich als Repräsentant des universellen Judentums und der Zionsidee gelten könne. Ich machte auf den etwa 10 Monate später fallenden hundertsten Geburtstag MoseS Montefiores aufmerksam. Diesen Zufall sollten wir benützen, um das Porträt des Jubilars in großen Massen zu verkaufen. Der Herausgabe des Porträts konnte nichts im Wege stehen, da Montefiore selbst in Petersburg persona gratissima war. Das Ganze war cxls Privatuntcrnehmen gedacht. Ohne auf die näheren Details einzugehen, muß man sagen, daß der Plan gelang. Unter dem Porträt ivurden die stimmungsvollen Verse des berühmten Dichters Jehuda Leib Gordon gesetzt. Alle Vertrauensmänner, die sich mit dem Verkaufe des Porträts befaßten, wurden als Vertreter eines Vereines betrachtet. Das Unternehmen brachte mehr als 40000 Rubel ein, abgesehen von den Summen, welche von den verschiedenen Vereinen gesammelt wurden. 'Nun waren wir im Besitze von einigen Mitteln. Außerdem verfügten wir über einen Kreis von Anhängern. Als 'Name des Vereins wurde „Chibbath Zion" gewählt, die Anhänger hießen „Chobebe Zion". Diese Bezeichnung wurde nach 6 Jahren auch offiziell anerkannt. Das war im Frühjahre 1884. Nun wurde ein Memorandum ausgearbeitet und ein interimistischer Kassierer gewählt, welches Ehrenamt zuerst Herr B. R i t t e n b e r g - Warschau, nach der Konferenz Herr Jakob M e i e r s 0 h n s. 21. und endlich Herr Bankier I g n a z B e r n st ein s. A., Breslau, Herausgeber der jüdischen Sprichwörter, bekleidete. Um die Einheit der zerstreuten Gesinnungsgenossen zu festigen, wurde ein Zirlukarschreiben erlassen, in welchem 1. vor einer fluchtähnlichcn Emigration gewarnt wurde, 2. erklärt wurde, daß der Beitrag "keinem der Zionsfrennde ein 'Anrecht gebe, in Palästina sich als Kolonist niederlassen zu können, ß. der Wunsch ausgedrückt wurde, daß die Ehrung des Jubilars einen kollektiven Charakter haben solle. Zu diesem Behufe wurde ein 'Album in künstlerischer Form ausgearbeilet, in welchem in alphabetischer Ordnung die Städte mit den Widmungen der dort befindlichen Vereine aufgeführt wurden. Die Stilisierung der Widmungen wurde jeder Gemeinde, resp. Vereine überlassen. Mit der Ucbergabe des 'Albums im 'Namen sämtlicher Chobebe - Zion Rußlands wurde der Redakteur des „Hamagid" in Lyck, D a v i d Gordon, welcher lange Zeit in London lebte und dem Jubilar, sowie Dr. Löwe (Sekretär AkontcfivreS) bekannt war, 'betraut. Die Einhändigung hatte im Elul 5644 stattgefunden. M 0 >1 t e f i 0 r c sandte darauf einen ansehnlichen Beitrag für den allgemeinen Kolonisarivnssonds nach Warschau. 'Am Laubhüttenfeste deS genannten Jahres 5645 fanden die Delcgiertcnwablen statt. Die russischen Delegierten kamen nach Warschau, um am 18. Marchechwan in Kattoivitz einzntressen. Bon den 28 3kciscndcn aus Rußland wurden fünf an der Grenze angehalten. Unter ihnen R. Jakob Joseph aus Wilna, später Chief -3kabüi der vereinigten Gemeinden in 'New Port, und 3i. I. I. ReineS aus Lida. Die 'Ausländer waren aus Kattowitz und anderen Plätzcic Oberschlesiens, sowie aus Thorn (R. L.öb Kali scher). Rabbiner Hildesheimer übermittelte brieflich seine Wünsche zur gedeihlichen Beratung. S. P. Rabinowitz (Scheser). Personalien. Frankfurt a. M. Nahezu siebzig Jabre alt. ist hier in diesen Tagen nach kurzem Leiden Frau Henriette Bcnario verstorben, eine Frau, die es wohl verdient, daß ihr in diesen Blättern ein Wort des Gedenkens gewidmet werde. Einer alten, fromme», hochangesehenen Familie entsprossen, hat sie sowohl in ihrem früheren Wohnort 'Marktbreit, in dem sie über drei Jahrzehnte wirkte, >vie in unserer Vaterstadt die Traditionen ihres Elternhauses heilig gehalten und zu Ehren gebracht in ihrer öffentlichen Wirksamkeit, als Gründerin und Leiterin des jüdischen Frauenvereins in ihrer früheren Heimat, als eifrige Mitarbeiterin der hiesigen Frauen-Krippc und Vorstandsmitglied der jüdischen Haushaltnngsschule, aber fast noch mehr in ihrer privaten Tätigkeit. Wie sie ihrem vor mehr als Jahresfrist Heimgegangenen Gatten, Herrn Samuel Benario s. 'A., in seiner geschäftlichen 2trbcit unermüdlich zur Seite gestanden hat, wie sie durch ihre Klugheit und den vornehmen Gerechtigkeitssinn, der das Ehepaar gleicherweise auszeichnete, mit dazu beigetragen har, dem Benario'schen Geschäfte weit und breit bei Inden und 'Nichtjuden einen -Namen zu geben, der als ein wahrer „Kiddnsch haschem" bezeichnet werden darf, das bleibt ebenso unvergessen wie ihr ideal schönes Familienleben, an dem die jungen Leute, die in ihrem Geschäfte tätig waren, teilnehmen durften, als wären sic Kinder des eigenen Hauses. Großes 'Aufsehen erregte es s. Zt., als die mutige Frau einem ihrer Söhne, der durch die zufällig ojsene Coupcetürc eines fahrenden Eisenbahnzuges gefallen war, nachsprang, glücklicherweise, ohne irgendwelchen Schaden zu erleiden. Die Beerdigung fand in der vorigen Woche in Jiödelsee statt unter außergewöhnlich zahlreicher Teilnahme von nah und fern. Das 'Andenken au die edle Frau, die mit beschwichtigender Güte und Milde, mit ihrer tiesen Frömmigkeit, einem starken Familiensinn, einer angeborenen, rührenden Einfachheit und 'Anspruchslosigkeit des Wesens eine seltene Tatkraft verband, wo es galt zu raten und zu helfen, wird weit über den Kreis ihrer Familie hinaus bei allen, die ihr im Leben nahe treten durften, in hohen Ehren gehalten iverden. Namentlich aber wird die Heimatgemeinde der stillen Wohltäterin in steter Dankbarkeit gedenken. Frankfurt a. M. 'Le 0 v 0 ld Sonne mann, der Begründer der „Frankfurter Zeitung" und der Mitbegründer der Deutschen Bolksparrci, ist im hohen Greisenalter von 78 Jahren verschieden. Mit diesem vielseitig begabten und universell gebildeten Manne ist eine Persönlichkeit dahingegangen, die in ihrem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit und in ihrem eifervollen Streben sür die Menschheit ein ausgesprochen jüdischer Typus war. Berlin. Dr. Walter 'Bett erhielt die Rote Kreuzmedaille 3. Klasse und Pros.