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Neue jüdische Presse · 1909-10-29 · Heft 41 (29.10.1909) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 41 (29.10.1909)
Date
1909-10-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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M älc. 41 des Icflnfefartec Ilmetitifdim cPamitieiißCaftes. Wiener Kunstbrief. Im hiesigen Knnstsalon Heller wurde die Wintersaison mit der A u s st e l l u n g von Liliens neuesten Werken, nämlich den Illustrationen zur Bibel, eröfsnet. Außerdem gelangten hier zur Schau einige Kupferstiche, an den Aufenthalt des Künstlers in Palästina erinnernd, sowie mehrere Ex-libris. Die Kunst der Illustration ist eine Kleinkunst — d. h. das Gewaltige kann in ibr nicht ausgedrückt werden —, sie ist aber die Kunst des Subtilen, der bis in die feinste Nuance ausgeführten Darstellung, die sowohl die Beherrschung der Form, wie auch die Erfassung des innersten Wesen des Objekts erfordert, was jedoch selten gelingt. Vom durchschnittlichen Illustrator wird daher nur das erste erwartet, und zu solchen gehört Lilien. Was ihn von anderen unterscheidet und zugleich über sie erhebt, darauf werden wir später kommen. In Bezug auf Form zeichnet sich Lilien durch eine edle Linienführung aus, welche durch seine Technik — nämlich Zeichnung der bloßen Konturen, sowie Anwendung nur der schwarzen Farbe — noch gesteigert trnrb und mit dem Inhalte übereinstimmt. Dieser zeigt, daß der Künstler ein lyrisches Talent besitzt, wobei es sich in harmonischen, ruhigen Bahnen bewegt. Es schlägt keine allzu starken, gewaltigen Töne an. Das beweisen eben seine Illustrationen zur Bibel. Jene großartigen, kaum zu fassenden Szenen der heiligen Schrift sind überhaupt wenig dargestellt, und die wenigen, die es sind, verfehlen ihre Wirkung. Entweder sind sie unoriginell, oder es mangelt ihnen am Tragischen und sind daher ausdruckslos. Solche sind z. B.: „Die Vertreibung aus dem Paradiese", „Moses die Tafeln zerbrechend," „Kain" und aus den poetischen Büchern: „Die Klagen bcs Jeremias." Dagegen kommt in den meisten anderen.Illustrationen Liliens Talent zur vollen Geltung, besonders aber in den zu faen poetischen Büchern. Zu den besten aus dem Pentateuch gehören: „Abel die Schafe weidend," ein anmutiges Bild, voll Frühlingsluft und Sonnenschein, „Die tanzende Mirjam," von den übrigen: „König Salomo" als Dichter des Hoheliedes und „Sulamith." Sie sind so voll Zauber und Poesie, daß wir uns genötigt fühlen, ihre nähere Beschreibung zu unterlassen. Es ist jedoch ein Bild vorhanden, das den Beschauer so mächtig fesselt, daß er aller anderen Vorzüge und Mängel vergißt. Betitelt ist es: „Vater und Sohn." Ein wunderschöner Knabe, mit einem von Reinheit und Unschuld strahlenden Gesichte, in einer Hand ein Bündel Reisig, führt mit' der anderen Hand seinen greisen, zur Erde gebeugten Vater. Dieser mit einem vom tiefsten Schmerze durchfurchten Antlitz bückt sich zu der ihn führenden Hand und küßt sie leise. Die Opferung Jsaks. Der Jüngling bemerkt nicht den Schmerz des Vaters, er schreitet inmitten der blühenden, im Frühlingsglanz strahlenden Natur vor sich hin, und seine leuchtenden Augen schauen wie bezaubert auf den vom Sonnenlicht begossenen Berg Moriah. Und dem alten Abraham, glaubt man, rolle eine heiße, einzige, stille Thräne durch das vom tiefsten Krimmer und Elend sprechende Gesicht. Er führt seinen eigenen Einzigen zum Tode. Ihn, den langersehnten und so spät gekommenen. Er beugt zwar in Demut sein Haupt vor Gott und fühlt sich doch im Innern schuldig; dieses Schuldbewußtsein ist dadurch ausgedrückt, daß er seinem Sohn die Hand küßt. Es ist im ganzen Bilde eine feierliche Stimmung ausgegosscu; die Weihe des Augenblicks, in welchem so starke Gefühle mit einander käinpfen, scheint alles, alles zu durchdringen, — das Schaf, das ruhig nebenher schreitet, jede Pflanze, jeden Stein. In diesem Bilde „Vater und Sohn" ist alles, was Liliens Talent ausmacht, in seiner größtmöglichsten Potenz ausgedrückt. Seine klare, anschauliche Darstellungsrveise, seine lyrische Auffassungskrast und speziell seine jüdische Gesinnung, die sich in seinem starken Sinn für. die Familienliebe zeigt. Daß diese Gesinnung einen Teil seines Schaffens, ja einen wesentlichen sogar, bildet, ist eine auf den ersten Blick zu erkennende Tatsache. Besonders machte ihn seine große Herzlverehrung unter den Zionisten sehr populär. Dieser Umstand, wirkt sogar störend im reinen Genießen seiner Werke, da sehr viele, fast die meisten seiner Gestalten den Herzltypus tragen, was einförmig, ja oft ernlüdend für den Beschauer ist und von keiner großen Spietweite der Phantasie des Künstlers in dieser Hinsicht — d. h. in Darstellung charakteristischer Physiognomien — zeugt. Daß er sonst eine große Erfindungskraft besitzt, zeigen seine kunstvoll ausgeführten Initialen und ähnliche Buchverzierungen, die j.n großer Anzahl ausgestellt sind. Bon dem Rest der Illustrationen, die in keinem direkten Zusammenhänge mit der Bibel stehen, zeichnen sich die „Ansicht von Jerusalem" sowie „die nächtliche Wanderung durch die Wüste" aus. lieber Lilien denkend kommt einem ein Illustrator, auch aus Galizien, unwillkürlich in den Sinn, Herr Wachtel. Beim Vergleich beider muß man einsehen, daß Lilien viel höher als Künstler steht als Wachtel, der das Bloß - technische, das Handwerksmäßige der Mal- und Zeichenkunst besitzt. Zum Schluß will ich noch einen guten Einfall des Herrn Heller, des Veranstalters dieser Ausstellung erwähnen. Es ist ihm gelungen, die zwei bestbekannten Mitglieder der .hiesigen Hofbühnen Fräulein Lia Rosen und Herrn Ferdinand G r e g o r i zu einer Vorlesung von biblischen Partien zu gewinnen, wobei sich Frl. Rose» durch den Bortrag von „Simsons Fall, sein Elend und Rache" allgemeinen Beifall erworben hat. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Im Verein» ..Mekor C h a j i m" hielt letzten Sonntag Herr Rabbiner Dr. B o n d i - Mainz eine Gedenkrede auf den vor einigen Monaten verschiedenen Herrn Julius Hirsch. Männern wie Julius Hirsch brauche man — so führte Redner ans — keine Erinnerungsdenkmäler aufzubauen, denn sie leben fort; nur durch einige Striche wolle er sein Bild, wie es in allen, die ihm nähertraten, lebe, erstehen lassen. In Julius Hirsch lebte sein großer Vater weiter, und er machte die Worte seines Vaters wahr, daß ein Leben im Geiste des jüdischen Gesetzes mit der mustergültigen Erfüllung eines jeden Berufes harmonisch vereint werden könne. „Tauroh im derech erez" war das Leitwort seines Lebens. Des Tages fand inan Julius Hirsch in seinem Berufe, des Abends und ani Sabbat hinter seinen Büchern, die in dem Augenblicke, da er sie aufschlug,' ihm seine Tagesmühen mit all ihren Gedanken vergessen machten. Und so sehr beherrschte Julius Hirsch die jüdische Wissenschaft, baß seine, des Nichtakademikers Borträge den Stoff restlos beherrschten, im Verein „Mekor Chajim" hat er 15 Jahre lang diese Vorträge gehalten. Nach der Gedenkrede gab Herr Dr. Bon di die einleitenden Worte zu seinem Vortragszyklus „Aus der Zeit des zweiten Tempels". Er zeigte, wie die göttliche Fügung sowohl bei der Zerstörung des ersten, wie des zweiten Tempels sichtbar ist; 11 Jahre vor der Zerstörung des ersten Tempels wurden die größten Gelehrten Palästinas von Nebukadnezar nach Babylonien geschleppt, so daß dort, dem Zwange gehorchend, das Sanhedrin (Keneseth) sein muhte, ein Glück, denn so blieb dieses verschont von den furchtbaren Greueln des Krieges; ebenso rettete Jochanan ben Sakkai vor der Zerstörung des zweiten Tempels das Judentum, indem er mit Erlaubnis des Siegers Vespasian in Jabne eine Lehranstalt errichten durfte. Eine göttliche Eingebung war es auch, daß der König von Babylonien die Rückkehr der Juden und den Aufbau des zweiten Tempels gestattete; war diese Erlaubnis doch durchaus unpolitisch! 42 000 Juden zogen damals unter Serubabel und dem Hohepriester Josua nur zurück, die andern blieben in der babylonischen Provinz, die sie bewohnten. Die Frage, warum Esra und das Sanhedrin erst später übersiedelten: beantwortet Redner dahin, baß dies Bornch, dem greisen und schwächlichen Oberhaupte des Sanhedrins, zu Liebe geschah. Frankfurt a. M. Jm..Monteiiore-Berein" stellte sich gestern Mend in Referendar Regensburger aus Braunschweig ein junger Redner vor, der hervorragende rednerische Begabung mit Meisterung des Wortes und innerer Begeisterung verbindet. „Die jüd. Jugend und ihre Aufgabe n",~ lautete das Thema seines Vortrages, den er auf einer glänzenden Zeichnung des jüdischen Jndiffercntismus und des jüdischen Antisemitismus, die ja typische Erscheinungen unserer heutigen jüd. Jugend geworden sind, aufbaute. Während die Erwachsenen, so führte Redner aus, in ihrer Jugend noch eine jüdische Erziehung erhielten, besonders noch das jüdische Familienleben gesehen haben, spielt das Judentum im Geistes¬ und Gefühlsleben des jüdischen jungen Mannes und des jüdischen jungen Mädchens unserer Tage fast gar keine oder gar keine Rolle. An allen Bestrebungen idealer Natur beteiligen sie sich, für alle Bestrebungen idealer Natur haben sie Verständnis, — nur all' dem, iras mit dem Judentum zusammenhängt, stehen sie interesselos gegenüber. Diese junge Generation soll einst unsere Väter und Mütter werden, — heißt das nicht, dem jüdischen Auflösungsprozeß kühl ins Auge sehen! Trotzdem sind die Alten untätig; nirgends findet der Satz „Die Jugend ist die Hoffnung der Zukunft" weniger Beachtung, als bei uns. Unsere jungen Leute wissen nicht, was sie aufgegeben haben.' Denn kann es etwas Idealeres geben, als die Fortsetzer einer gewaltigen Vergangenheit und die Bannerträger einer großen Zukunft zu sein? Und dann: kann' man überhaupt eine solche Erbschaft der Weltanschauung und des Blutes einfach in die Rumpelkammer werfen wie einen alten Anzug? Erschreckend ist die Unkenntnis der Jugend aus dem Gebiete der jüdischen Geschichte und Religion; nicht einmal ein Apologet des Judentums gegen antisemitische Rüpeleien zu sein, ist man befähigt. Harnack hat man gelesen, aber die Gegenschriften Eschelbachers und Bäcks kennt man nicht. Und dabei steht fest, daß wer das Judentum nur einigermaßen kennt, es lieben muß. Man entschuldigt häufig seinen jüd. Jndisferentismus mit der Antireligiösität, mit einer materialistischen Weltanschauung. Wer selbst wer für einen Deismus im weitesten Sinne nicht zu haben ist» kann und muß in einem positiven Verhältnis zum Judentum bleiben, denn das Judentum sagt nicht: „Du sollst glauben", sondern: „Du sollst halten". Er muß deshalb dem Judentum schon treu bleiben, weil er, wenn er für unsere Rechte kämpft, die Sache der allgemeinen Knltur fördert, für den Sieg der Gerechtigkeit eintritt. Redner schildert nun, wie es nicht 6ei_ dem Jndifferentismus geblieben ist, wie viele Verächter des Judentums, jüdische Antisemiten geworden sind und schließt mit der Schilderung der Jüdischen Jugendvereins-Bewegung, die neben den zionistischen Bestrebungen, deren Wirkungen auch der Richtzionist anerkennen muß, eine hoffnungsvolle Aenderung zeigt. Frankfurt a. M. .Montefiore-'-Berein. Das neue Winter-Programm des „Montefiore"-Vereins hat bei den Mitgliedern desselben großen Beifall gefunden und dem Vereine wiederum zahlreiche Freunde zugeführt Allabendlich herrscht reges Leben in den Vereinsräumen, und besonders an den Freitag-Abenden ist der Besuch ein derart starker, daß der Wunsch nach Beschaffung größerer Lokalitäten immer dringender wird. Die Beteiligung an den Lehrgängen nnd Kursen ist ebenfalls eine erfreulich rege, so baß auch in dieser Beziehung ein schöner Fortschritt unverkennbar ist. Am nächsten Samstag, ben 30. er., eröffnet Herr Dr. B. May einen Schiur über „K e d a u s ch i m". Derselbe findet regelmäßig Samstag vorniittags von 101/2—11 Vs Uhr im Vereinslokal statt. Die bereits vorgemerkte Teilnehmerzahl beweist am besten, wie sehr die Bereinsleitung auch mit dieser Einrichtung ihren Mitgliedern entsprochen hat. Als nächste größere Veranstaltungen des Vereins seien an dieser Stelle noch erwähnt: Die Schiller-Gedächtnisfeier am Mittwoch, den 10. November er., bei welcher Herr Dr. I. Heinemann die Rede übernommen hat und im Anschluß daran Schiller'sche Werke rezitiert und gesungen werden. Der Unterhaltüngs-Abend am Mittwoch, den 17. November er., zu welchem u. a. Fräulein Clara Lewisohn ihre geschätzte Mitwirkung zugesagt hat, und schließlich die Chanuka- Feier am Samstag, den 11. Dezember er.» in den Festsälen des neuen Kaufmännischen Bereinshauses. Die Vorbereitungen zu diesem Feste, welches bekanntlich einen Glanzpunkt nnter den jüdischen Bereinsseiern Frankfurts bildet, sind bereits so weit gediehen, daß sich ein glänzender Verlaus schon jetzt mit Sicherheit Voraussagen läßt. Frankfurt a. M. Die Bortragssaison de8 Vereins „Tiferes Ba churim" wurde mit einem Vortrage des Herrn Rabbiners Dr. Jakob Horovitz eröfsnet. Der Redner behandelte die Stellung der Propheten znm Gesetz und insbesonderezum Opfer. Wenn er, so führte der Vortragende aus, nach einer Qual der Wahl sich noch kn letzter Stunde zu einer eingehenden Behandlung gerade dieses Themas entschlossen habe, so seien für ihn zwei Gründe maßgebend gewesen. Sogenannte aktuelle Tagesfragen haben oft den Nachteil, daß sie von ernsterer Forschung abziehen und das Interesse allzu ausschließlich Dingen von nur vorübergehender Bedeutung zuwenden. Das gegenwärtige Thema aber habe den Vorzug, ein zugleich eminent aktuelles und an sich wertvolles zu sein. Eine so große Erscheinung, wie der Prophetismus könne . nicht im Ganzen auf einmal gewürdigt werden. Man komme ihrem Verständnis nur näher, indem man sie von einem bestimmten Punkte aus betrachte. So werde die Untersuchung dieser Einzelfrage zu einem tieferen Verständnis des Prophetismus überhaupt befähigen, zugleich aber dartun, wie falsch es ist, wenn heutzutage eine das Gesetz mehr oder weniger preisgebende Richtung des Judentums sich den Namen des prophetischen Judentums beilegt. Herr Rabb. Horovitz belegte seine These über das Verhältnis des Prophetismus zum Gesetz in seinen leicht verständlichen Ausführungen durch eine solche Fülle von Material, indem er Jesaia, Jeremia, Ezechiel, sowie die Unzahl der kleinen Propheten behandelte unter besonderer Berücksichtigung aller für den Gegenstand in Betracht kommenden Schriststellen, auf die manches neue Streif- 48

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