Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 40 (22.10.1909)
- Date
- 1909-10-22
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 5 Nr. 40 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Er werde mich Graziella nennen, das wäre anch dem Namen Tirza so zieinlich entsprechend.." „Ich glaube wohl," versetzte er. „Aber nun weiß ich noch immer nicht, womit Du Dich beschästigst." „Womit ich mich beschäftige? — das weis; ich eigentlich selbst nicht. Bisher habe ich mich noch gar nicht beschäftigt. Gestern, nachdem Du mit dem Oheim fvrtgcgangcn bist, da habe ich sehr bald gegessen, Forelle und Eier und Konfitüren und wunderschöne Früchte, eingcsottene und rohe. Es standen auch Braten und Torten auf den; Tische und noch allerhand Sachen, von denen ich nicht weist, was es war. Du hast zwar gesagt, ich dürfte alles essen, wenn es nur nicht von lebendigen Tieren wäre, — aber ich kann es nicht, und ich glaube, ich werde es nie können, denn — Du hast mir doch versprochen, dast Du mir zum Uebcrtritt zum Judentum Helsen wirst —" „Sobald Du selbständig sein wirst, früher nicht. Erst dann kannst Du wissen, ob Du alle Gebote, die Gott seinem Bolkc gegeben hat, wirst halten können." Der Rabbi unterhielt sich noch einige Zeit mit dem jungen Mädchen. Sie erzählte ihm, daß der Kardinal gesagt habe, er werde schwerlich sein Versprechen halten und bei ihrem Unterricht in der Landessprache gegenwärtig sein können, denn durch seinen Erfolg bei dem Papste werde er bald mehr Patienten haben, als er werde behandeln können. „Nicht wahr. Du wirst alle Tage zu mir kommen; ich wüßte doch sonst nicht, was ich anfangen sollte." „Kleines Kind! — Aber sei ohne Sorge; wenn ich es irgend ermöglichen kann, besuche ich Dich täglich. Doch jetzt ist es Zeit, dast ich mich auf den. Weg mache. — Adieu Liebling!" „Addio amico mio, ä rcviderci!" „Brava!" rief der Kardinal, der eben in das Zimmer getreten war. „Seid willkommen im Rainen des Herrn, Signore. Nun, was sagt Ihr zu unserer jüngsten Italienerin? Sie macht gute Fortschritte, nicht wahr?" „Es scheint so. Doch Ew. Eminenz wolle verzeihe», .ich werde im Vatikan erwartet." „Da lvtll ich Euch nicht anfhalten. Aber ich wünschte sehr, über Verschiedenes mit Euch zu sprechen. Wenn Se. Heiligkeit in dieser Zeit Eure Anwesenheit nicht bedarf, so wäre cs mir am liebsten morgen früh zwischen Acht und Zehn." „Sehr wohl, Ew. Eminenz." Er verneigte sich gegen den Kardinal, nickte dem jungen Mädchen freundlich zu und entfernte sich. Mit dem geivohnten Gruße: „Seid willkommen im Namen des Herrn!" begrüßte der Kardinal am nächsten Morgen den Rabbi. Dieser gewahrte jedoch sofort, daß das Antlitz des andern bleicher, daß seine Stimme matter als sonst war. „Ew. Eminenz hat befohlen —" „Nicht befohlen, Signore, nur gewünscht habe ich Eueren Besuch. — Doch vor allem, wie steht das Befinden des heiligen Vaters? und wie war die Nacht?" „Gut, Gottlob! recht gut." „Dank sei dem Herrn! und Dank seinem weisen Diener, der das Oberhaupt der Christenheit ans den. Händen der Unweisen gerettet hat. Doch nun möchte ich —" „Verzeihung, Eminenz, wenn ich unterbreche. Es ist sonst nicht meine Art, meinen ärztlichen Rat anzubieten, ' wenn derselbe nicht verlangt wird. Aber Ew. Eminenz hat mich Sr. Heiligkeit empfohlen, ich halte mich daher überzeugt, das Vertrauen Ew. Eminenz zu besitzen —" „Wie fein zweiter Arzt." „Und dennoch — Ew. Eminenz ist leidend, das habe ich sofort bemerkt. Aber heute ist das — nun, sagen wir das Unbehagen, weit größer, als ln den jüngst verflossenen Tagen —" „Es ist so, wie Ihr sagt. Ich habe eine entsetzliche Nacht verbracht — habe auch selbst schon überlegt, ob es nicht geraten wäre. Euch zu konsultieren —" „Ich stehe zur Verfügung —" „Ich weiß — und ich weiß auch, daß ich mich an keinen geschickteren und an keinen zuverlässigcrn Arzt wenden könnte — cs ist nur —" er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, während sein Gesicht fiir einen Moment von einer Blntwelle überflutet war „Ich schäme mich, es einzugestehen," fügte er mit seltsam verlegenem Lächeln hinzu, „es ist vielleicht eine Schande, — aber — ich lebe so sehr, sehr gern." „Ich auch," stimmte Rabbi Jizchak lächelnd bei, „mir ist überhaupt noch kein Mensch vorgekommen, der nicht gern gelebt hätte —" „Nun ja freilich, der Trieb zum Leben ist allen Menschen eigen — aber man blickt doch gar oft auch dem Tode unerschrocken ins Auge — im Kriege — wo kämen wir hin, wenn wir uns mit alter Kraft ans Leben klammern würden? — und anch sonst — anch ich war dereinst ein schneidiger Offizier —■ und heute — eigentlich erst seit drei Tagen — seit die Kleine hier ist," fügte er im Flüsterton hinzu, ' „seitdem hat das Leben einen ganz anderen Wert, für mich — heute wäre es nur entsetzlich, wenn ich erfahren würde, daß cs tnit mir zu Ende geht. — - Ihr wisset, was sie mir ist?" „Ich weiß es. — Die verstorbene Frau Gräfin Turnek hielt es für erforderlich, mich über die Verhältnisse ihrer Tochter nach jeder Richtung hin zu informieren." „DaS ist mir lieb, sonst —" Er fuhr sich mit der Hand nach dem Herzen, als empfände er dort plötzlich einen heftigen Schmerz. „Ew. Eminenz sollten mir doch vor allein eine Untersuchung gestatten, wenn auch das Unwohlsein voraussichtlich nicht bedenklich sein wird, so scheint es doch sehr schmerzhaft zu sein, wogegen cs zweifellos Linderungsmittel gibt." Der Kardinal ließ sich schließlich überreden, sich von dem Arzt untersuchen zu lassen, der zufällig eine schmerzstillende Tinktur bei sich hatte, die sich auch sofort bewährte. Das heißt, es war das kein wirklicher Zufall, Rabbi Jizchak hatte, wie bereits erwähnt, sofort erkannt, daß der Kardinal leidend, und hatte sich anch über die Art seines Leidens nicht getäuscht, deshalb hatte er für alle Fälle das Fläschchen mit der schmerzstillenden Tinktur zu sich gesteckt. Denn es lag ihm sehr daran, den Kardinal sich zu verpflichten. „Vielen Dank, Signore; ich fühle mich wie neubelebt! Doch nun zu der Sache, wegen derer ich Euch rufen ließ. Nachdem die gottselige Gräfin sich Euch gegenüber als Mutter des Kindes bekannt hat, hat sie Euch doch zweifellos aufgefordert, dasselbe taufen zu lassen und seid Ihr zweifellos dieser berechtigten Aufforderung nachgekommen, — doch ihr Name macht mich irre, Tirza ist ein altbiblischer Name, und ich habe noch nie gehört, daß ein Kind so getauft worden wäre." „Sie ist überhaupt nicht getanst, die selige Frau Gräfin hat mir ausdrücklich das Versprechen abgenommcn, ohne dringende Notwendigkeit sie ihrem Kind nie als Mutter bezeichnen zu wollen, und ansdrücklich hat' die Frau Gräfin mir mündlich erklärt und ich glaube, sie hat eS auch schriftlich wiederholt, daß sie lieber das ewige Heil ihrer Seele in Frage stellen würde, als das zeitliche Glück ihres Kindes." Der Kardinal wiegte staunend den Kopf. „Uncrfaßlich! — nnersaßlich! — Ich erinnere mich jedoch nur, gelesen zu haben, daß die Frau Gräfin sich im vorhinein und für alle Zeit mit dem einverstanden erklärt, was Ihr für das Kind tun oder bestimmen werdet. — Damit war allerdings für Euch anch die Frage der Taufe erledigt. — Nun Ihr Euch jedoch veranlaßt gesehen habt, das Kind mir zu übergeben, nun tritt die ganze Angelegenheit in eine andere Phase. — Das werdet Ihr begreifen." Rabbi Jizchak war erblaßt bis ans die Lippen. „WaS gedenkt Ihr zu tun." . „Meine Pflicht," - versetzte der Kardinal. Es entstand eine Pause. In beiden Männern arbeitete es sichtlich, beide waren sichtlich bestrebt, ihre Erregung zu beherrschen. Endlich begann Rabbi Jizchak: „Ich kann Ew. Eminenz zwar nicht zurückhalten von dem, was Ihr als Eure Pslicht bezeichnet; aber ich halte mich verpflichtet, darauf aufmerksam zu machen, daß das junge Mädchen in einer Weise davon betroffen werden 'wird, die mich mit ernster Sorge fiir ihre Gesundheit erfüllt." Der Kardinal erblaßte. „Wie? Ihr glaubt?" „Ich weiß, daß Tirza mit allen Fasern ihres Herzens an der Religion hängt, in der sie erzogen worden ist." „Aber Ihr sagtet doch selbst, daß das nicht ihre Religion ist, daß die jüdischen Gesetze nicht für sie verpflichtend sind. Aber eine Religion muß' doch jeder Mensch haben, entweder die jüdische oder die christliche, das werdet Ihr doch zugeben." „Keineswegs. Ew. Eminenz hat sich mit dem ungetansten jungen Mädchen wiederholt stundenlang unterhalten; nun bitte ich, mir aufrichtig -zu sagen, ob das junge Mädchen reiner, unschnldsvoller, selbstloser, oder gutherziger sein könnte, als sie ist, oder ob sie reiner, unschuldsvoller, selbstloser oder gutherziger werden würde, wenn sie getauft würde." „Nein, das halte ich nicht für möglich, sie ist so lieb, so hold, so keusch,'so rein, daß ich nichts sehnlicher wünsche, als daß sie immer' so bleiben möchte." „Aber sie wird nicht so bleiben, wenn ihr ein ihr fremder Glaube aufgedrungen werden würde! — All das Liebe und Holde, das ihr Wesen jetzt kennzeichnet, würde sich in das entschiedene Gegenteil umwandckn; — ebenso ihre Zuneigung, die kindliche Liebe und Verehrung, mit der sie ihren Oheim umfaßtl" (Fortsetzung folgt.) Kunst und Literatur. Der G o l c m. Eine Ghettolegende von Arthur Ho- . litscher. Geh. 2 Jk, geb. 3 JL Berlin, S. Fischer. Jonathan u. Tirza h. Drama in 4 Akten von Samuel B. Rosncr, Miava (Ungarn). 2 Kr. Selbstverlag. Mit Erwachen des jüdischen Nationalbewußtseins ist anch in uns der Wunsch rege geworden, wie andere Völker eine nationale Kunst zu besitzen. Man wird cs daher leicht verstehen, daß man jedem jungen Talente, das sich auf dem Gebiete jüdischer Kunst betätigen wollte, zujubelte, daß man von jedem neu auftauchenden Lternc, mochte es auch eine zweizahlige Größe sein, eine Neuerwcckung der jüdischen Kunst erwartete. Seien wir aber ganz ehrlich, und legen wir uns frei von jedem Ausluge von Chauvinismus (nebenbei sei bemerkt, daß ich jedem unterdrückten Volke daS Recht auf etwas Chauvinismus zugestehe) die Frage vor: „Gibt es eine moderne jüdische Künste Diese Frage kann map nicht mit einem bündigen- „Ia" oder „"Nein" beantworten, sondern wir müssen zuerst untersuchen, welches die Voraussetzungen für eine nationale Kunst sind. Da sinden wir, daß die Entstehung einer nationalen Kunst unbedingt an folgende beiden Bedingungen geknüpft ist: Es^muß 1. ein nationales Milieu und 2. nationales Selbstbcwußtsein vorhanden sein. Vielleicht genügt aber auch die erste Bedingung allein, denn das zweite wird mehr oder weniger aus dem ersten erzeugt. Sind diese beiden Bedingungen bei trns erfüllt? Das nationale Milien haben wir zwar noch nicht, aber ein Surrogat haben wir dafür doch wenigstens noch — das Ghetto. Haben wir nationales Selbstbcwußtsein? Gott sei dank, es ist erwacht. Nachdem wir so untersucht haben, wie weit die Bedingungen für eine nationale Kunst bei uns erfüllt sind, können wir znr Beantwortung der zuerst gestellten Frage schreiten. Unsere Antwort lautet: Da bei uns die Bedingungen zur Schaffung einer nationalen Kunst noch nicht ganz erfüllt sind, so können wir noch keine moderne jüdische Kunst besitzen; immerhin aber spüren wir doch schon das Wehen der Winde und das Brausen der Stürme, die dem Frühlingserwachen der neuen jüdischen Kunst vorausgchen. Bor allem haben wir die Anfänge jüdischer Kunst im Osten, wo im Ghetto ein jüdisches Milieu, wenn auch immerhin ein etwas verzerrtes, besteht, durch das Neuerwachen jüdischen Selbstbewußtseins und Stolzes zu erwarten. — — Diese Gedanken über jüdische Kunst sind mir bei der Rezension zweier Dramen von jüdischen "Autoren wieder aufgestiegen, und ich habe es für ganz nützlich gehalten, sie als eine etwas lange Einleitung der Beurteilung der beiden Stücke voran zu setzen. Zuerst Arthur Holitscher's Ghettolegende Der Golem. Eine Ghettolegende nennt Holitscher sein Werk. Nur eine Legende soll es sein und kein Drama, Alle Ansprüche, die man an eine Legende stellen kann, erfüllt dies Stück. Den mystisch legendenhaften Ton hat Holitscher ganz vorzüglich getroffen. Was Holitscher in seinem Stücke behandelt» können ja säst alle erraten; aber auf den Inhalt eingehen möchte ich nicht, ich nehme den Schmetterlingen nicht gerne den Schmelz. Wie weit ist aber „Der Golem" ein jüdisches Stück? So weit das Ghetto jüdisch ist, so weit ist „Der Golem" jüdisch. Das zweite Stück, das zur Besprechung vorliegt, „Jonathan und T i r z a" von Samuel B. Rosncr hat mit Holitschers Stück durchaus nichts gemein. Man könnte fast sagen: Es ist das Gegenteil von Holitschers Legende. Während der Golem nur durch das Milieu jüdisch ist, ist Rosners Drama durch den Gedanken, durch den Willen jüdisch. Rosncr ist ganz erfüllt von der Hoheit des jüdischen Nationalbewußtseins, und dieser Stolz spiegelt sich in dem Stücke wieder. Dieses Gefühl, daß der Verfasser redlich bemüht war, ein wahrhaft jüdisches Drama zu verfassen, hat uns mit manchen Mängeln — besonders in der Komposition — versöhnt, und wir glauben wohl, daß das Drama, wenn es mit Begeisterung und Feuer gespielt wird, aufrichtigen Beifall finden kann. F. G. Im jüdischen Theater. Frankfurt a. M., 18. Oktober. Die letzte Bluttat der spanischen Reaktion istinaller Munde und so recht dazu geeignet, vornehmlich uns Juden die Schreckcnstage des spanischen Mittelalters wieder ins Gedächtnis zu rufen, ' Eine „historische spanische Operette," deren Schauplatz „Madrid in den Zeiten der Jnqnis i t i o n" ist, mußte daher einem besonderen Interesse begegnen und zog denn auch in der Tat eine sehr zahlreiche. Zuhörerschaft zu der jüdisch-deutschen Theatergrnppe, die am Sonntag- Abend im großen Saale der Börse „Kol Nidre" von Schcrkanski zur Aufführung brachte. Die etwas primitive Handlung dieser Operette versetzt uns in die bewegtesten Wogen der Zeit der spanischen Marannenverfolgungem Der königliche, vom Hofe begünstigte Sänger Barthela — ein geheimer Jude — liebt Elvira, die Tochter des Großinquisitors, eines getauften Juden. Dieser hat in Barthelo längst den Marannen erkannt und will ihm umso "mehr ans Leben, als er dessen Liebe zu seiner Tochter entdeckt. — Endlich gelingt es ihm, Barthelo beim „Kol Nidre" in einer geheimen, Gebetsversammlung zu treffen. Elvira nun, die nachgeeilt ist, erklärt vor allem Volke, daß sie auch Jüdin sei, und so muß der 'Großinquisitor auch sein eigenes Kind zum Tode verurteilen. Am Scheiterhaufen läßt ihn der Anblick seiner sterbenden Sachter eines schrecklichen Todes verbleichen.