Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 36 (15.9.1909)
- Date
- 1909-09-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Mlagk p, ilt. Zß des fanfefnrtec IsraMslkm FamlimklMes. Der hohe Rabbi Löw als Pädagog. Von Rabbiner H. Dreifuß, Diirmenach In seinem Artikel: „Der „hohe" Rabbi Löw" sagt Herr Rab. Dr. I. Unna: „Beim Studium trat er für eine systematische Lehrweise ein; man solle zuerst die schriftliche Gehre, dann die Mischna kennet lernen und sich dann erst dem Talmud zuwcnden. Insbesondere wandte er sich gegen diejenigen, die ohne richtige Grundlage gleich den Talmud studierten und hier durch pilpulistische Kunststücke ihrem Mangel an gründlichem Wissen zu verdecken suchten." Die Richtigkeit dieser Ausführungen soll im folgenden noch näher gezeigt werden, da die Bedeutung des hohen Rabbi Löw auf Pädagogischem Gebiet so groß und so nachhaltig gewesen ist, daß cs sich wohl lohnt, darüber in einem eigenen Aufsätze zu sprechen. Das Material dazu findet sich in Güdemanns umfangreichem Werke: „Quellenschriften zur Geschichte des Unterrichts und der Erziehung bei den deutschen Juden." R. Löw geißelt mit scharfen Worten die Art und Weise des damaligen Unterrichts.' „Ich will einiges davon erwähnen, da ich es nicht über mich gewinnen kann, zu schweigen, wenn ich die verkehrten Unterrichtsverhältnisse betrachte. Kein Mensch weiß in der Thora Bescheid, er steht Fragen, die man darüber an ihn richtet, wie ein Esel, ja wie ein toter Stein gegenüber . . man baut sozusagen das Hans, ohne vorher das Fundament gelegt zu haben. . . . Die Toren in diesen Ländern gehen einen verkehrten Weg. Sie Nehmen mit dem Knaben etwas Bibel aus dem laufenden Wochenabschnitt, unterbrechen dann wieder und gehen in der andern Woche zum nächsten Wochenabschnitt über, wenn dann das Jahr um ist, hat er den Anfang vergessen. So geht es im zweiten, dritten, vierten Jahre usw., nur daß der inzwischen reifer gewordene Knabe ein größeres Pensum des laufenden Wochenabschnitts bewältigen kann, gleichwohl bleibt ihm zuletzt, wenn er vom Bibelunterricht scheidet, nichts im Gedächtnis." Dann geht man gleich zum Talmud über, wobei der Schüler leere, unverstandene Worte lernt, ohne sich ein Bild vom behandelten Gegenstände machen zu können. So kennt er den Talmudtext noch nicht, hat die Halacha noch nicht verstanden, wenn er bereits in Tossafot eingeführt wird. „Lehrer von dieser Methode sind mit Blindheit geschlagen." Diese Methode muß zu einer Methode des „Einbläuens" führen, aber in kürzerer Zeit wäre in vernünftiger Weise ebensoviel zu erreichen gewesen. Doch das schlimmste ist die Pflege des Pilpuls, das Haschen nach „dialektischen Windbeuteleien." Das ist verderblich nicht nur für die Thorawissenschaft, auch die Wahrheit und die Lebensart leiden darunter. „Der Bachur richtet sich nach den: Sinne derer, die ihm zu essen und zu trinken geben. Wenn sein Wissen auch nur aus Windbeuteleien besteht, so gelten diese doch bei den: gemeinen Volke für tiefe Erkenntnis, und er sagt sich: „Damit gewinne ich Ehre und Ruf und zuletzt giebt man mir eine Frau aus der Stadt, die Geschäfte zu machen weiß und Geld hat." Das ist sehr beklagenswert, denn hierin liegt der Grund, dafür, daß die gläubigen, frommen, weisen und verständigen Männer hinwegschwinden. Würde ich nicht ehrenhalber schweigen müssen, so könnte ich sagen, was davon kommt, aber die Tatsachen reden deutlicher und lauter, als mein Wort. Gott besser's!" Großen Schaden richtet nach seiner Meinung auch der „Schulchan Aruch", das Werk seines Zeitgenossen R. Jos. Karo, an. Da braucht man nur das betreffende Kapitel aufzuschlagen, um mühelos die gewünschte Antwort auf die Frage zu finden, ohne Schwierigkeit und tieferes Eindringen in die Quellen und Grundlagen. „An dem Tisch finden sich Groß und' Klein ein, mau erkennt den edlen von dem gemeinen Manne nicht, alles will von diesem „hohen Tische" seine Geistesnahrung nehmen, ohne daß mau dem Grunde und der Absicht der aufgetischten Bestimmungen nachgeht. Wenn man schon nicht aus der Mischna Entscheidungen ableiten darf, da hierfür der Talmud da ist, der erst die Mischna erklärt und auffassen lehrt, so ist es vollends eine Verkehrtheit, solche Entscheidungen aus dem Schulchan Aruch zu schöpfen. Unser verwerflicher Gebrauch ist also gewiß beklagenswert." Diesen Mißständen gegenüber — wenn alle Meere Tinte wären, könnte man die schädlichen Wirkungen des gegenwärtigen Unterrichtsverfahrens nicht beschreiben — wünscht R. Jehuda b. Bezalel einen geordneten, methodischen Studiengang: Bibel, Mischna, Talmud. Diese alte Forderung war für die Praxis seiner Zeit wieder etwas Neues. Auch müssen Studienvereine gegründet werden. „Es ist demnach keine andere Möglichkeit vorhanden, unsere verkehrten Unterrichtsverhältnisse zu bessern, als indem sich heilige Vereine bilden, die den Studiengang der lAlten verfolgen, nämlich Bibel, Mischna und Talmud, eins nach dem andern, und dabei stetige Widerholung beobachten." Dieser Unterricht entspricht der stufenmäßigen Entwicklung des Menschen. „Zuerst Unterricht in der Bibel, welche Wurzel und Anfang ist. Dann sollte die Mischna kommen, welche gleichsam den unter der Erde sich verzweigenden Wurzeln eines Baumes gleicht. Die volle Entfaltung des letzteren offenbart sich dann sozusagen im Talmud." Die Bibel muß die Grundlage bilden. Der Pentateuch ist der Reihe nach zu lernen und zwar solange, bis er geläufig ist im Munde des Schülers. Dann kann änan zur Mischna übergehen. Ebenso ist beim Talmud der eigentliche Text die Hauptsache und das Wichtigste. Erst viel später kommen die Zusätze, die Tossafot. Solche Anmerkungen zum Talmud sind Dinge, mit denen die Kinder noch nichts zu tuu haben. Seine Forderung der ständigen Wiederholung begründet er mit folgenden Worten: „Wenn ich auf stete Wiederholung dringe, so kann ich mich dafür auf das Studium der Alten, insbesondere der Tossafisten berufen. Ihre außerordentliche Belesenheit im Talmud kann man daran erkennen, daß sie zuweilen in einer Anmerkung Beweise und Fragen aus vielen Traktaten beibringen, die uns nie aufgestoßen wären. Auch bringt die Vernachlässigung der Wiederholung es mit sich, daß uns die praktische Frömmigkeit abgeht, worüber ich besonders klage." Wie es heute ist, wird's auch schon zu den Zeiten des hohen Rabbi gewesen sein, daß die Kinder die Ferien zum Nichtstun oder zum Unfugtrekben benutzten, nicht aber zu ständiger Wiederholung der durchgenommenen Pensen, wie es sein Wunsch gewesen wäre. Er ist daher ein Feind der Ferien. „Mehr als alles schadet in dieser Hinsicht der Umstand, daß das Studium der Lehre kein ständiges ist. Mit der Jahreswende macht man eine Unterbrechung, die'man die „Zeit zwischen den Zeiten" nennt. Da geht man müßig» als ob diese Zeit nicht auch der Thora gebührte, daß man sie Zwischenzeit nennt. . . jetzt führt diese Sitte nur zur Beseitigung der Thora. Denn durch den Müßigang gewöhnt man sich an Spiel und leichtsinniges, verwerfliches Treiben. Die Bessern lassen sich wohl dazu herbei, in diesen Zeitabschnitten Decisoren (Poskim) zu studieren, aber das geschieht auch nur für wenige Tage." Auch profane Wissenschaft will er gepflegt sehen, „Wissenschaften, welche das Wesen und die Ordnung der Welt betreffen, die darf man gewiß erlernen, denn diese Weisheit ist ja die Weisheit aller Menschen. Insbesondere ist es sogar Pflicht. Astronomie und Chronologie zu lernen, weil man dadurch die Größe und Allmacht Gottes kennen lernt." Nichtjüdische Bücher dürfen zu apologettschen Zwecken studiert werden, besonders auch wenn sie die Wahrheit der jüdischen Religion bekräftigen. Mit welchem Eifer er Propaganda machte für die von ihm als richtig erkannte Sache, zeigt folgende Stelle: „Fürwahr, seitdem ich zur Einsicht gekommen bin, habe ich meine Aufmerksamkeit auf die Verkehrtheit des Zeitalters in Behandlung der Thora und des Unterrichts gelenkt, und unwillig darüber mußte ich mir sagen: Das ist nicht der Weg, den unsere heiligen Väter und Vorfahren gegangen sind, mit welchen wir keinen Vergleich aushalten. Deswegen habe ich mich vor einigen Jahren wie ein Löwe ermannt, hier nach meiner Ansicht Ordnung zu schaffen, aber es gelang mir nicht. Denn die Heutigen sagen: wir richten uns nach der Mehrheit. Vor einiger Zeit habe ich mich auch bewogen gefunden, Briefe nach Polen und Rußland zu schreiben, damit erfolgreiche Maßregeln getroffen würden, aber auch diese Bemühungen waren erfolglos. 'Dennoch will ich in meinen Ermahnungen nicht Nachlassen, vielleicht finden sie bei Solchen, die Gott im Herzen tragen. Gehör, und wenn ich auch nur Einen von Tausend retten kann, der dessen wert ist, so kehre ich mich nicht an tausend Widerspenstige. Und wenn ich auch die Sache an vielen Orten besprochen habe, so will ich ihr doch ein besonderes Wort widmen, möge man es beachten!" Der Wunsch R. Jehudas b. Bezalel wurde erfüllt. Wahrhaft in reinem Sinne wirkte sein Schüler R. Lipmann Heller, der Verfasser des Mischnajotkommentar Tossafot Jom. tob. Aber ebenso ist sein Einfluß auf Moses ben Ahron, R. Jesaja halevi Horwitz und dessen Sohn Sabbatai und v. a. m. deutlich zu bemerken. Allerdings die selben Klagen kehrten noch häufig wieder. Deutschland «ud der Ratioualsonds. Zu den Tagen der Buße. Die frühere deutsche Propaganda-Abteilung des I. N.-F. versah ihre statistischen Berichte mit Randbemerkungen, die bei dem kürzlich in der „Jüdischen Rundschau" veröffentlichten Bericht für das 1. Semester 1909 fehlten. Mir scheint es aber von Nutzen zu sein, wenn man es nicht blos dem verehrten Leser überläßt, aus einer Statistik Lehren zu ziehen, sondern ihm diese Arbeit etwas erleichtert. Bei dem m. E. beschämenden Gesamtergebnis der vorliegenden Statistik scheint es mir sogar dringend geboten, das nationale Gewissen, das zionistische Pflichtbewußtsein einzelner Ortsgruppen durch einige vergleichende Angaben und etwas größere Offenheit (in so einer langen Zahlenreihe übersieht man zu leicht etwas) ein wenig wachzurütteln. Man darf nicht alles der Selbstkritik überlassen. Damit soll es manchmal hapern. Bedauerlich ist, daß die Statistik sich nur über ein halbes Jahr erstreckt und die 8 Monate Mai bis Dezember 1908 in keiner Statistik dargestellt sind. Und grade die 6 Monate, über die berichtet wird, geben ein sehr unvollständiges Bild, da in den fehlenden Halbjahr Sammel-Gelegenheiten wie die Hei^l - Jahrzeit, Rosch-haschonoch und Makkabäerfeste enthalten sind. Da das aber alle Ortsgruppen gleichmäßig betrifft, so kann man doch manches mit gutem Gewissen aus den Zahlen herauslesen. Der letzte Bericht vor dieser Statistik umfaßte übrigens auch nur 10 Monate, Juli 1907 bis April 1908 inkl. Vergleichen wir diese beiden Berichte, so finden wir zunächst die recht bedauerliche Tatsache, daß in dem 1. .Semester 1909 eine ganze Anzahl Orte ohne irgend eine Beisteuer sind, die früher z. T. ganz HÄsche Beträge ablieferten. Bon Orten, die früher mehr als 10.— JL brachten, vermissen wir ganz: Antonienhütte 45, Bonn 12, Fraustadt 24, Königstein i. T. 47, Lipine 33, Neisse 20, Rawitsch 11, Stolp 76, Trachenberg 48, Bremerhaven 14, Filehne 72, Hochfelden 26, Konstanz 42 Memmingen 125, Oberingelheim 31, Scharley 27. Stralkowo 39, Bernburg 77, Floß 21, Janowitz 20 Kruschwitz 19, Namslau 49, Pr. Stargard 22, Schwientochlowitz 30, Tilsit 49. Die Zahlen bei den Ortsnamen geben die 1907/08 abgelieferten Spenden an. Rawitsch hatte es 1906/0? sogar auf 86.— M gebracht. Eine weitere Liste soll uns die Orte vorführen, deren Erträge gegen die vorhergehende Berichtsperiode selbst bei Berücksichtigung der Zeitdisserenz weit zurückbleiben. Die erste Zahl bei diesen Orten giebt die Ziffer für 1909/1. an, die zweite die für 1907/8. Aachen 0,70, 144; Tmisburg 65,115; Frankfurt (Oder) 3,50, 76; Glogau 4, 25; Heddernheim 8, 60; Kiel 33, 446; Metz 21, 71; Ratibar 90, 281; Stettin 43, 107; Schwelm 0,90 19; Zaborze 6, 84; Chemnitz 54, 344; Emden 67, 135; Freiburg 97, 598; Greifswald 7 64;