Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 35 (10.9.1909)
- Date
- 1909-09-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Die nächstwüchenlliche Nummer erscheint bereits Mittwoch; Inserate müssen bis Dienstag Mittag in unserm Besitz sein._, Unsere götzendienerischen Vorfahren nnd wir. (Schluß aus dem Hauptblatt). Tiefer uns hier mitgetciltc Wortwechsel zwischen Jcremia und seinen ägyptischen Zeitgenossen gicbt uns aber auch genauen Bescheid über die rcligionsgcschichtlich allenvichtigste Frage, ob nämlich diese Juden die S o n n e n g ö t t i n wirklich an Stelle des Gottes Israels sich gedacht haben. Er belehrt uns nämlich, daß dies keinesfalls geschehen ist; denn weder in den drohenden Worten Jeremias, noch in ihren kecken Antworten ist auch nur die Spur eines solchen Göttcrtauschcs zu finden. Sic beharren bei ihrem Sonncnkultus, nicht weil sie den göttlichen Mahnungen durch Jcremia znwiderhandelu wollen, sondern sie trauen dem Propheten nicht und glauben ihm nicht, daß er in Gottes Name spreche — gleich 43,2 —; umgekehrt war für sie der vermeintliche Erfolg des Sonncnkultns ein Beweis, daß . Gott dieser Dienst einer andern untergeordneten Macht keinesfalls unangenehm sei. Oder hätte Jcremia, der doch die religiösen Anschauungen seiner Zeitgenossen besser als die heutigen Bibelforscher gekannt haben muß, das allmähliche Verschwinden des Gottesglanbens als die schärfste Drohung hervorhcben können, wenn er nicht glaubte, damit — als mit dem spitzesten Pfeil.— ihr .Herz durchbohren zu können? Ergiebt sich nicht aus dieser Schlnßdrohung Jeremias ganz mit Evidenz, daß der Glaube an den Gott Israels die Grundlage der religiösen Anschauung jener Israeliten war? Wenn wir dieses Bild, welches uns Jcremia von seinen ägyptischen Zeitgenossen zeichnet, mit dem, was sie uns selbst in ihren Inschriften unabsichtlich über sich selbst anssagcn, vergleichen, so sehen wir, wie hier alles aufs Haar übereinstimmt. Die Königin des Himmels, die wir im jcremianischcn Disput kennen gelernt haben, tritt uns in diesen Inschriften auch leibhaftig entgegen, sogar ihren Eigennamen erfahren wir dort, und >venn wir uns bei Jeremia wunderten, daß der angedrohtc künftige Abfall vom Gotte Israels jenen Sonncnanbctern großen Schrecken eingejagt hat, so sehen wir ganz dementsprechend in ihren Inschriften, wie dieselben Juden, in deren üftitte die Himmelskönigin sich einer Beliebtheit erfreut, ihrem alten Gotte Israels Tempel bauen,, ihm ehrfurchtsvoll opfern und angesichts der Zerstörmrg seines Tempels Jahre hindurch trauern und weinen, kein Fleisch und keinen Wein genießen und keine 'Anstrengung und Opfer scheuen, die Genehmigung zuni Aufbau seines Tempels wieder zu erlangen. Mußten wir bei Jeremia darüber staunen, daß jene Verehrer der Himmelskönigin beim Gotte Israels schwuren, so müssen wir in ihren Inschriften die heilige Scheu bewundern, mit der sie sich des Gottcsnamens bedienten, wie sie den vierbuchstabigen Gottesnamen noch nicht einmal ausschrieben, um wieviel weniger aussprachen nsw. Was ersehen wir nun aus alledem? Wir sehen jetzt ein, daß wir betreffs der Beurteilung und Verurteilung unserer biblischen Vorfahren ganz und gar umlernen müssen, wir ersehen hieraus, daß wir unfern Vorfahren großes Unrecht zugefügt haben, wenn wir, von unserem Kulturdünkel geblendet, über das Heidentum in unserer Mitte uns leicht hinwegtäuschten, die Fehler jener Alten dagegen möglichst grell ansmalten, weil wir in unserm Zivilisations-Wahn jene über die Schultern ansehen zu dürfen glaubten. Heidnisch ist zweifellos alles, was dem geläuterten Gottesglauben nicht entspricht, — aber jede Nachahmung unjüdischer Sitten bei unfern Altvordern als krasses Heidentum bezeichnen, bei uns dagegen als Mode ansehen, dazu gehört eine Einbildung, die wir, jetzt reuevoll vermeiden sollen. Wenn unsere biblischen Vorfahren, deren durchgeistigte Religion ihnen den Intellekt und das Gefühl, nicht aber die Sinne befriedigte, an den ausgelassenen Kultfesten des babylonischen Tanilis, des phönizischen Adonis oder des griechischen Dionysos sich beteiligten, dann nennen wir cs heidnischer Abfall von Gott, — wenn aber wir Modernen ganz demselben kcnschheitswidrigcn Adonisseste unter dem christianisierten Namen „Karneval" fröhnen, dann fühlen wir uns noch nicht einmal in unserem Orthodoxie-Bewußtsein irgendwie geschmälert. Die Beteiligung unserer Alten an den Feierlichkeiten der Sommer- und Winter-Solistizien nennen wir Äcstirnkultus, — unsere Sonnenwendfeicr und Somniertage sind dagegen harmlose Festlichkeiten. Aber, die Alten haben doch geopfert und geräuchert! Ist aber das Abbrenncn von Johannisfeuer und das Ansstcllen von Christbänmcn kein Opfer? Ist cs ein Unterschied, ob eine Idee durch dieses oder jenes Zeremoniell symbolisiert wird? Wenn die altügyptischen Jüdinnen in ihrer Verzweiflung sich von den glücklichen Aegypterinnen einrcd'en ließen, daß sie durch Vermittlung der Sonncugöltin Segen empfangen können, dann meint die moderne Bibelsorschung, der Pentateuch könnte damals noch gar nicht existiert haben, denn wie sollen jene Israeliten, wenn sie im Besitze des biblischen Gesetzes gewesen wären, sich über jene Vorschriften so ohnewcitercs hinweggesetzt haben? Wenn aber die osteuropäische Jüdin mit ihrcnr kranken Kinde, >vcnn der Besuch beim Wunderrabbi erfolglos geblieben ist, ganz skrupellos zum Zauberer geht und die Berliner Salonjüdin sogar per Auto die Wahrsagerin anssucht, — haben da die heutigen Juden auch den Gott Israels gegen eine andere übernatürliche Kraft cingetauscht? Oder sind auch wir noch nicht im Besitze des pentateuchischen Gesetzes? Es ist wirklich nicht meine Absicht, uns zu Heiden zu stempeln, zumal wir tatsächlich von der Harmlosigkeit unserer Unsitten überzeugt sind. Allein nur sollen aber auch über unsere Alten nicht gleich den Stab brechen und nicht in jeder Nachahmung unjüdischer Sitten ein krasses Heidentum erblicken wollen. Wenn das heutige Berlin noch 8000 Wahrsagerinnen ernähren kann und die meisten Zauberinnen sogar in Berlin W. die größte Frequenz finden, dann dürfen ivir bei den biblischen Israeliten nicht in jeder Abweichung vom geläutertsten Gottesbegriff einen Paganismus finden. Die unausgesetzten Drohungen und Geißelungen der alten Propheten sind allerdings geeignet, unser Urteil über die Alten zu verschärfen. In Wirklichkeit aber zeugt dies nur von der unentivegten Strenge, mit der unsere Propheten gegen jegliche noch so oberflächliche Trübung des Gottesbegrifses kämpften. Daß unsere heutigen Wächter der Religion ans die Läuterung der religiösen Weltanschauung weniger bedacht sind, gereicht ihnen zum 'Vorwurf, nicht aber uns zum Ruhme. Personalien. Berlin. Max Liebermann, der sich gegenwärtig in Noordwyk van Zee in Holland pufhält, feiert am 14. September seine silberne Hochzeit.— Philipp Stein, Chefredakteur des belletristischen Bazars und Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Theatergeschichte, ist verschieden. Er wurde 1853 in Königsberg geboren. Er hat Monographien über „Ibsen in Deutschland", „Matkowsky", „Goethe als Bühnenleiter", eine „Äluswahl aus Goethes Briefwechsel" nnd „Bismarcks Reden" verfaßt. Seine älteste Tochter, die gleichfalls schriftstellert, ist mit einem Sohne von Hironhmus Lorm verheiratet. —. Dr. Abraham Römer, Herausgeber der Korrespondenz für Kunst und Wissenschaft und bekannt durch seine literarischen Arbeiten über Fritz Reuter und John Brinckmann, ist. im 51. Lebensjahre verschieden. Er wurde in Schlawe in Pommern geboren. Berlin. An die Leitung der ,Allg. Ztg. des Judentums" — an Stelle des verstorbenen Dr. Karpeles — tritt mit dem 1. Oktober der Geh. Regierungsrat Professor Dr. Ludwig Geiger. Diese Wahl kann im Interesse friedlicher Arbeit nur bedauert werden, denn Ludwig Geiger hat die Erbschaft seines Vaters, des Rabbiners Dr. Abraham Geiger übernommen und ist einer der eifrigsten Verfechter der Reform- und Assimilationsbestrebungen. Karpeles hatte noch ein gutes Stück traditionelles Judentum in sich bewahrt, Geiger aber hat nie Verständnis für die jüdischen Traditionen gezeigt. Bekannt ist auch der geradzn fanatische Haß Geigers gegen die Bestrebungen der Zionisten. Posen. Sanitätsrat Prof. Dr. I a f f e ist an den Folgen des Unglücksfalls, über den wir in der vorigen Nummer berichteten, verschieden. Er hat ein Alter von 68 Jahren erreicht und war als Mensch wie als Arzt in den weitesten Kreisen überaus geschätzt. Seine pharmakologischen Studien sichern ihm einen ehrenvollen Nanien in der Wissenschaft. (L.) Pakosch. Unter großer Beteiligung wurde der Kaufmann Samnelsohn zur letzten Ruhe begleitet. An dem Trauerzuge beteiligte sich der Landwehrverein und die Freiwillige Feuerwehr, an deren Gründung der Verstorbene regen Anteil genonlmen hat. Leit 23 Jahren gehörte Herr Samuelsohn den Magistratsmitgliedern an und vertrat den Bürgermeister während dessen Abwesenheit. Auch tvar er Vorstand der hiesigen Synagogengemeinde, zu deren Entwicklung er viel beigetragen hat. Nenstettin. Im 66. Lebensjahre verschied der Vorsteher unserer Gemeinde Herr Salomou S a l i n g c r. Wien. Im Alter von 72 Jahren verschied der Großindustrielle I. P h. G l e s i n g e r, der hoch angesehene und verdienstvolle Präsident der Israelitischen Knltusgemeinde Teschen. Dr. Alfred Stern, der Präsident der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde, feierte seinen 78. Geburtstag. Es scheint eine Spezialität jüdischer Großgemeinden — außer Wien Berlin mit seinem über 80 Jahre alten Präsidenten Jacobi und eine ganze Reihe anderer Großgemeinden — zu sein, Greise an ihrer Spitze stehen zu haben, die mit ihrem Fühlen und Denken einer vergangenen Zeit angehören. Paris. Professor Haffkine, der bekannte Forscher auf dem Gebiete der Cholera und der Bubonenpest, erhielt einen Preis von 4000 Francs von der Französischen Akademie der Wissenschaft. London. Jabez Wolffe, der bekannte Glasgower Schwimmer, durchschwamm den größten Teil desKanals. Er war über acht Stunden im Wasser. — Im 98. Lebensjahre ist Edward Salomo n, der in seiner Jugend im dänischen Heere als Offizier diente und der an dem jüdischen Leben Londons tätigen AMeil genommen hat — so war er mehrere Jahre Schatzmeister des ,^8oard of Deputies" —, gestorben. Konstantinopel. Der Sultan hat dem jungen jüdischen Komponisten L a m aus Nikolajess (Rußland) die goldene Medaille Bos-Ar verliehen.' Herr Lam hat durch den Chachambaschi dem Sultan eine ihm gewidmete Komposition zugestellt. An die Hohe Pforte sind mehrfach derartige Widmungen gelangt; aber bisher wurde nur der Hofsolist Selueli durch eine goldene Medaille ausgezeichnet. Lam hat seine Musikstudien in Leipzig absolviert. Außer zahlreichen Kompositionen hat er auch bedeutende musik - theoretische Werke verfaßt und ist auch ein hervorragender Klaviervirtnose. Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Gratulationsablösung. Wie jedes Jahr gelegentlich des Jahreswechsel nimmt die Zion. Vereinigung Spenden*) für den Nationalfonds zur Ablösung der (Gratulationskarten entgegen und weist die Namen der Spender in der Rauichhaschonoh - Nummer des Franks. Israel. Familienolattes aus. Wer sich Arbeit und den Aerger wegen vergessener Bekannten ersparen will, der mache von dieser Einrichtung Gebrauch. Er hat damit gleichzeitig noch die frohe Genugtuung, ein Scherflein für die jüdische Ansiedlnng in Palästina beigetragen zu haben. Frankfurt a. M. Die «Franks. Zion. Der» einigung" versammelte letzten Donnerstag nach der Sommerpause ihre Mitglieder wieder im Börsenrestaurant. Als Redner des Abends hatte sie den Schriftsteller CH. Katz aus Wilna gewonnen und damit ihren Mitgliedern einen sehr interessanten Abend geboten. Typisch jüdisch in Erscheinung und Wort, wirkt Herr Katz. Sprühender Witz verbinden sich bei ihm mit unverblümter Wahr- *) Die Beträge wolle man an die Geschäftsstelle des Franks. Israel. Familienblattes gelangen lassen. 4780