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Neue jüdische Presse · 1909-08-20 · Heft 32 (20.8.1909) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 32 (20.8.1909)
Date
1909-08-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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" " zu Ik. Z2 des Imnfifitrter Iftaetififdien Iftmitien6tattes. Ein Beitrag zur Lage der Juden in Oesterreich. I Von Dr. M. S ch e r l a g. Eine alte Wahrheit: das Leben ist ein Kampf. Moderner nennt inan cs den Kampf ums Dasein. Der Kampf bleibt derselbe, ivenn er nicht gar heftiger, erbitterter wird und immer weitere Kreise zieht. Es kämpft der Mensch gegen die ganze Statur und jegliche Kreatur, vor allem gegen die lieben Nachbarn, Nächsten genannt, einzeln oder in Horden, in organisierten oder losen Verbänden. Wo mau Hinsicht, tobt der Massenkamps, hier steht' Rasse gegen Rasse, dort Klasse gegen Klasse oder Partei gegen Partei, jäh und zornsprühcnd. Ganze Nationen, die sich als Kulturträger ansgebeu, wüten gegen einander, und dunkle Mächte schüren den Hast und finden immer Narren, die ihnen aus der Glut die Kastanien holen. Besonders ist dies in Oesterreich der Fall. Ein unerquickliches Schauspiel. Ja, wenn man nur Zuschauer sein könnte! Allein man wird in den Kampf hineingerisscn, zumal wenn man Jude ist. Da muh man nun brav den Prügelknaben abgeben. So werden hier buchstäblich aus dem Buckel des Juden so manche Kämpfe brüderlich ausgetragen, des Juden vor allein, der nicht genug Takt besitzt, um sich so viel als möglich vom Getöse fernzuhalten. Es gibt aber leider allzuviele Exemplare unter den Juden, die sich mit Gewalt anders nennen und geben ivollen, was auf dem heißen Boden Oesterreichs sehr gefährlich ist. In Böhmen und Galizien haben die Deutschen und Polen mosaischer Konfession es geradezu verschuldet, daß ihr Volk im Kampfe zwischen Deutschen und Tschechen, zwischen Polen und Rntheneu oft den Sündenbock abgeben muß. Dennoch bleiben sie blind in ihrem Assimilationseifer, und mit Gewalt muß man ihnen die Augen össnen, was die Gegner gründlich besorgen. Dies erlebt man hier täglich, stündlich. Die Luft ist gctvitterschivül. Und was in der Luft hängt, spiegelt sich bekanntlich in der Literatur ab. Moderne Autoren greifen mit beiden Händen in das volle, zuckende Leben hinein und holen Bilder hervor, so aktuell und pulsierend frisch wie die erlebte Gegentvart. Dies gelang auch dem bekannten Erzähler Emil Ertl, der in seinem bei L. Staackmann, Leipzig, erschienenen, weitausgesponnenen und doch ziemlich spannenden Roman „Freiheit, die ich meine" ein anschauliches Bild der Wiener Revolutionszeit 1848 gibt. Mit einer erstaunlichen Objektivität schildert der Dichter das vormärzliche Wien, die Stimmungen und Strönliingen fast aller Bevölkernngsklafsen, die Anzeichen der nahenden Umwälzungen, den Ansbruch der Straßennnruhen in den Märztagen, die politischen Ereignisse und Schwankungen, die Barrikadenkämpfe im Oktober und das Niederwerfen des Aufruhrs. Ertls Objektivität fließt aber aus einem tiefmenschlichen, poetisch geläuterten und ein wenig ironisch gefärbten Subjektivismus, daher der intime Reiz der Schilderungen, wozu sich eine dnrchtvärmte Innigkeit der Kleinmalerei und eine schlichte Natürlichkeit der gezeichneten Personen gesellt. Erschütternd wirkt es, wie die begeisterte, von Studenten und Bürgern getragene Volksbewegung, die freilich ab und zu durch undisziplinierte, von unteir gufsteigendc Elemente verpöbelt zu werden droht, iin Kanonendonner erstickt wird. Und tragisch ist das Ende der Idealisten: sie werden zwischen den plump kämpfenden politischen Parteien zerrieben. Daß die Juden an den damaligen Kämpfen bedeutenden Anteil nahmen, betont der Dichter einigemal. „Von den Juden tvird die Erlösung kommen," sagt der buntschillernde Journalist Mießriegel in den Tagen der Gärung, „das ist schon einmal das Volk der Erlöser." Und sie koiuult. Aber nicht von den reichen Juden, — als deren thpische Vertreter Anselm Rothschild nur perspektivisch gestreift, Mosch-Eskeles dagegen plastisch, aber schablonenhaft vorgeführt wird, — sondern vom Proletariat der Intelligenz. Da stecken die Maulivürsc, die die große Arbeit leisten... Während Mosch-Eskeles der Revolution als Zuschauer Interesse entgegenbringt, wühlen seine armen intelligenten Brüder, — die durch Leb Pinkas, Heinrich Spitzer und Adolf Fischhof repräsentiert werden,^-- im Volke unermüdlich, unaufhaltsam. Sehen wir uns die einzelnen Judengestalten näher an! Der Großhändler Mosch-Eskeles, ein feiner, vornehmer, sehr sympathischer Mkömmling der stolzen spanischen Juden, mit einem empfindlichen Gewissen, wohlhabend, opfert insgeheiin sein halbes Einkommen wohltätigeil Zweckcll und spielt als Freund der Jugend bei allen christlichen Familien, wo er gerne verkehrt und gesehen wird, die Rolle des Onkels. Er liebt ein fein erzogenes Chriftenmädchen und wird vielleicht wiedergeliebt, unternimmt jedoch nichts, um eine Verbindung ntü ihr einzugehen, da er sagt: „Ein Jude bleibt Jude. Und wenn er nicht gerade eine Jüdin findet" . . . So bleibt er nur ihr Freund, — als Hagestolz. — Die große Zeit findet ihn aber klein. Noch Keiner, ja erbärmlich, erscheint uns ein anderer Typus: Saphir, von dem jemand im Roman sagt: „Der alte Jud macht nach dem 13. März dieselben faden Witze wie vor dem 13. In der Hinicht ist die Revolntioil wirkungslos geblieben." Anders verhalten sich die Leb Pinkas, Heinrich Spitzer und Adolf Fischhof. Bon Leb Pinkas sagt Mießriegel: „Ein Manschet, wie er im Buch stellt." Er, dessen Großvater ein Hausierer war, den die Leute auf dem Tchotten- 'etd mit den Füßen treten, studiert und fristet als Advokatnrschreibcr ein elendes Dasein, weil ihm andere Berufe verschlossen sind. Er schürt unter den trostlosen Arbeitern, ein freiwilliger, glühender Agitator. Hat er doch von einer Umwälzung nichts zu fürchten und alles zu erhoffen. Dieser junge Jude mit Anzeichen von Kummer und Leidenschaft in den unsteten Auge» redet von der Schmach, die man den Inden ans Schritt und Tritt znfügt, und fordert Glaubensfreiheit mit dem Hinweis darauf, daß die Juden zur europäischen Vötkerfamilie gehören. Und die Zuhörer stimmten ihm zu, wenn er mit Emphase ausrust: „Das ist dunkelstes Mittelalter, — eine Schande für Oesterreich." — — Heute fände ein Leb Pinkas nicht einmal diese ideale Zustimmung. Es hat sich eben manches geändert — und doch nicht geändert. — Doch kehren wir zu jener Zeit zurück, wo wenigstens noch tausend Hosfnnugen keimten, wo wahre demokratische Gesinnung die stürmischen Herzen erfüllte. (Schluß folgt). Centralvereiu Israel. Gemeindemitglieder, Frankfurt a. M. Der Centralverein israelitischer Gemeiudemitglieder hat in einer seiner letzten Mitgliederversammlungen sich auf folgendes P r o g r a in m , das die Grundlage für die! fernere Tätigkeit des Centralvereins bieten soll, geeinigt: Der Centralvereiu israelitischer Elemeindemitglieder setzt sich zum Ziel, alle diejenigen Gemeiudcmitglieder, denen die Erhaltung des Judentums im überlieferten Sinne am Herzen liegt, zu gemeinsamer Arbeit an den Aufgaben der Gemeinde zusammenzufassen. Er wird dahin zu wirken suchen: 1. Daß bei einer Neuordnung der ltzemeindeversassung den Gemeindcmitgliederu ein größerer Einfluß auf die Bcnvaltnng gewährt wird als bisher, 2. daß die rituellen Einrichtungen so beschaffen sind, daß alle Mitglieder sie ohne Bedenken benutzen können, 3. daß die Gemeinde in hohem Maße jüdischsoziale und jüdisch-wissenschaftliche Einrichtungen pflegt und fördert, 4. daß die Gemeinde den Sabbat als einzigen offiziellen Wochcnfeicrtag anerkennt und daß das Hebräische in der Gebetssprache erhalten wird. In Anlehnung an diesen 8 1 des Statuts stellt der Ecntrnlverein israelitischer Gemeindemitglieder folgendes Programm ans: 1. Wahl des Ausschusses der Gemeinde auf Grund des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts. 2. Wahl des Vorstandes der Gemeinde durch den Ausschuß. 3. Ertvcitcrnng des Ausschusses und Erhöhung seiner Konipetenz. 4. Vollständige Oeffeutlichkcit bei den Ausschußfitzuiigcn, sotveit nicht Fragen in Betracht kommen, deren öffentliche Verhandlung die Gemeindcinteressen verletzen würde. 5. Einführung bezw. Erweiterung des Jngendgottesdienstes. 6. Verpflichtung der Gemeinde, dafür zu sorgen, daß den Kindern der Gcmeindemitgliedcr der Besuch unentgeltlichen Unterrichts in der Religionslehre und im Hebräischen ermöglicht wird, 7. stärkere Subventionierung der Wvhlfahrtscinrichtungen und Mitwirkung der Gemeinde bei deren Verwaltung. 8. Förderung der jüdisch - sozialen Einrichtungen und möglichste Vereinigung derselben in einem VcreinShause. Personalien. Frankfurt a. M. Louis Feist, Seniorchef der Firma Beer, Sondheimer & Co., erhielt den Charakter als K o in m e r z i e n r a t. Herr Feist ist eine der führenden Persönlichkeiten der jüdischen Orthodoxie Deutschlands und genießt infolge seiner vornehmen Gesinnung und seines echt jüdischen Herzens, das in unermüdlicher Betätigung eines großzügigen Wohltätigkeitssinnes seinen Ausdruck findet, ein großes _ Ansehen. Berlin. Oberlehrer Dr. Friedmann und Dr. E n g l ä n d c r erhielten den Charakter als P r o f e s 's o r. Mainz. Nach langem Leiden verschied Kommcrzienrat Carl Weis m a n n, Inhaber des Ritterkreuzes zum Verdienstorden Philipps des Großmütigen mit der Krone. Pirmasens. Bei dem großen Preisschießen des Schützenvcrcins erhielt Herr Moritz Kahn die Ai e i st e r s ch a f t s m c d a i l l e n e b st k u u st - vollem D i p l v m. Hohensalza. Brandmeister Sallh Kayser, seit 20 Jahren an der Spitze der hiesigen freiwilligen Feuerwehr, erhielt das vom Kaiser gestiftete Erinnerungszeichen für Verdienste um das Feuerlöschwesen. (Ich Schroda. Magistratsmitglied Hermann Barn ch vertritt den Bürgermeister lvährend dessen Urlaubs. Paris. Advokat Maurice Leven, der jüngste Sohn des Präsidenten der Alliance israclite und der Jca, ist zum K a b i n e t ch e f im Ministerinm für ösfsentliche Arbeiten. Advokat Vernarb L a r o q n e in gleicher Eigenschaft in das Juftizministerinm berufen worden. Paris. Die Akademie der Wissenschaften hat William M. H a f f k i n e für seine Arbeiten über Impfung gegen die Cholera und die bubonische Pest einen Preis von 4000 Fr. zuerkännt. — Die goldene Medaille für .Wohltätigkeit erhielten: K i f a L e v y , Präsident der Berite Jsraelite, und Ephraim Justin Weil. Ehrenmitglied und Arzt der Socicte la Matuelle des cnfants de ,l'Aiu. Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Bei der Nationalfondskvmmission sJoseph L. Oppenheimer, Seilerstraße 37,1., Postscheckkonto 3020) gingen ein aus Büchsen: L. Guggenheimer, Königslvartcrstr. 8 3,— Jk Pension Sandernell, Böruestr. l,— „ N. LiebcS, Ganßstr. 3 1,55 „ G. R. 2.- „ R. Rosenheimcr, Feststr. 6,54 ,. L. Oppenheimer, Bcrgweg 11 2,68 „ Joseph Roscnthal, Eiserne Hand 22 10,— „ Js. Goldschmidt, Sandweg 16 0,92 ,. St. St. Str. 635 ° 1,10 „ Nathan Soudheimer, Eschenheimer Anlage 1 25,26 „ I. van Gelder, Sandlveg 74 1,01 „ 55,06 Jk Frankfurt a. M. Der Share-Club übersendet und den nachstchendeu Slufrns zur Veröffentlichung: „An unsere Gesinnungsgenossen! Mit den Beschlüssen des VUI. Kongreßes ist der Zionismus in das Stadium der Praktischen P a l ä st i n a - A r b e i t getreten, und mehr als je ist man auf der ganzen Linie der Zionistischen Exkutive bestrebt, positive der wirtschaftlichen Erschließn n g des Landes dienende Institutionen zu schaffen. Es vergeht kaum ein Tag, ohne daß ebenso nottvendige wie segenverheißende Projekte an das Palästina-Ressort gelangen, die jedoch aus Mangel an Atittcln nicht ausgeführt werden können. Nach den Plänen unseres großen Führers war die I ü d i s ch e K o l o n i a l b a n k dazu bestimmt, die Durchführung der grundlegenden Kolonisationswerke wie Eisenbahnen, Bewässerungs - Anlagen njw. finanziell zu garantieren. Da die so überraschend eingctretene Umwandlung der Türkei in einen Rcchtstaat unsere Organisationen bereits heute in den Stand setzt, diese Arbeiten.vorzunehmen, ist es die unaufschiebbare Pflicht eines jeden Zionisten, eines jeden Juden, der für sein Volk wieder normale Verhältnisse wünscht, unsere Kolonialbank zu fördern. Wie aus dem nachstehenden Statuten-Sluszug zu ersehen ist, widmet sich der im Mai gegründete Share-Club dem Vertrieb der Slktien der A n g l o P a l e st i n e Co., und anderer zionistischen Unternehmungen. Wir laden Sie hiermit höflichst ein, unserem Club beizutreten. Beitrittserklärungen sind an Herrn Joseph L. Oppenheimer, Seilcrstr. 37, I. zu richten. Mit Zionsgruß hochachtungsvoll! Share-Club. S t a t u t e n - A u S z u g. 8 1. Der Share-Club befaßt sich mit dem Kauf und Vertrieb von Slktien der Slnglo Palestine Co. und anderer zionistischer Institute. Der Vertrieb geschieht durch Vermittlung von Auf- 4785

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