Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 30 (6.8.1909)
- Date
- 1909-08-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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fltt-ilc. M des FrMfurter IsmeliMm fainitieiräMtes. Brief aus Norderney. Das Wetter und Tischo-be-Aw. — Das religiös» jüdische Leben in Norderney. — Gedenkgottesdienst auf Professor B. Badt - Breslau s. A. — Die Loge Benei Brith. Sehr geehrter Herr Redakteur! Ihr Brief, »vorm Sie mich auffordern, Ihnen einen — selbstverständlich nur kurzen — Badebrief aus Norderney zu senden, traf mich am Tischo-be-Aw, also in einer Stimmung, die nichts weniger als stimmungsvoll sein sollte. Dazu motivieren Sie Ihre Aufforderung auch noch mit dem selbstverständlichen Regenwctter, das den: allgemeinen Sommerprogramm entsprechend, auch auf unserer Insel dominieren und den Entschluß zu schriftlichen „Ergüssen" erleichtern müßte. Unglücklichcrvdcr richtiger gesagt crsreulicherweise stand der Fasttag jedoch im Zeichen des heuer so seltenen Sonnenscheines. Der Himmel zeigte sein reinstes Blau und schien alle die Hoffnungen bestätigen zu wollen, welche das am Morgen oetnommene Prophetenwort von Jahr zu Jahr gerade an diesem „nationalen" Trauertag als das zu erstrebende und zu erreichende Ziel unseres Volkes und der gesamten Menschheit mit den innigsten Worten vor unserem geistigen Auge erstehen läßt. Ach, die Entwicklung vollzieht sich nur in Kurven, denn heute, am Tage nach Tischo-be- Aw zeigt der Himmel jene berühmte, in diesem Somnier nicht gerade seltene Färbung des Grau in Grau, unaufhörlich ergießt sich ein sanfter Regen, als wollte der Himmel alle jene Tränen herabsenden, die gestern von so vielen nicht geweint wurden. Vielleicht wird das Verhältnis zwischen inniger Trauer am neunten Aw und dem daraus resultierenden Verhalten des Hinnnels in künftigen Jahren ein besseres, denn Optimismus heißt ja die Fahne, auf die uns Juden der große Heermeister von Geburt an verpflichtet hat. Alles in Allein genommen, können wir hier auf Norderney mit den jüdischen Verhältnissen wohl zufrieden sein, denn unter den zahlreichen Glaubensgenossen,^welche in der Badesaison unsere Insel bevölkern,' befindet sich doch eine erkleckliche Anzahl solcher,- die nicht nur als Juden geboren, sondern auch als solche zu leben bestrebt sind. Der zweimal täglich stattfindende Gottesdienst erfreut sich — von den Owelim ganz abgesehen — eines guten Zuspruchs, und am Freitag Abend bezw. Sabbat-Vormittag ist die Synagoge viel zu klein für die Zahl der Besucher, die dicht gedrängt, selbst den Vorhof füllen. Entspräche die Opferwilligkeit der jüdischen Kurgäste ihrer Zahl, so müßte schon längst ein größeres Gotteshaus erstanden^ sein, aber mit der Opferwilligkeit hapert es eben, und vor allem fehlt es an der starken Hand, welche durch zielbewußtcs und planmäßiges Vorgehen Erfolge erzielen könnte. Ist doch das aus mehr oder weniger regelmäßigen Besuchern zusammengesetzte Kuratorium für die Interessen der Synagoge gegenwärtig nur durch einen Herrn vertreten. Wenn aber erst die Saison verrauscht und Jeder - wieder in seine Berufsjphäre zurückgekehrt ist, dann treten an jeden Einzelnen wieder so viele andere Anforderungen heran, daß mit der Erinnerung an Norderney meist auch die Energie zu genreinsamem Vorgehen sich verflüchtigt. Der vergangene Schabbos — Chasaun —, welcher alljährlich dem ehrenden Gedächtnis aller der Edlen geweiht ist, welche sich um die Gründung und Erhaltung der hiesigen Synagoge verdient gemacht haben, gab dieses Mal dem Kuratoriuni Gelegenheit, einer Ehrenpflicht gegen sein im April leider verstorbenes Mitglied, Professor B. Badt, Breslau, s. A., zu erfüllen, indem auf die Aufforderung des Kuratoriums und im Einverständnis mit dem abwesenden Landrabbinec Dr. Loeb, Emden, der zur Kur hier weilende Herr Rabbiner Dr. Freund, Hannover, sich in liebenswürdiger Weise bereit erklärte, dem Ver- -storbenen eine Gedenkrede zu halten. Mit großem Geschick entledigte sich der Redner, der übernommenen Aufgabe, indemer in kurzen, treffenden und ergreifenden Worten auf die Verdienste des Heimgegangenen um die Norderneyer Synagogcnstiftung hinwies und daran die Aufforderung knüpfte, in dem Sinne des Verklärten für die jüdischen Interessen auf Norderney weiter zu wirken. Zum Schluß noch etwas Satyrisches. Die Loge Benei Brith (il. O. B. B.) veranstaltet regelmäßige Zusammenkünfte im jüdischen Hotel Falk. Heute Abend findet ein „Fischessen" der Loge statt, und zwar in einem nichtjüdis ch e n Etablissement (Kurhaus) unter ausschaltung der beiden hiesigen großen jüdischen Restaurants. Wir wollen von der religiösen Seite hierbei ganz absehen und möchten uns nur' die Frage gestatten, ob das Vorgehen der Loge als taktvoll zu bezeichnen ist. Vor zwei Jahren arrangierte die Benei Brith-Loge hier ein Gartenfest, bei welcheui der Festredner, ein Berliner Rechtsanwalt, den jüngeren Glaubensgenossen Mangel an Takt vorwarf und ihnen als Lehranstalt die Loge empfahl! Difficile est satyram non scribere! Jüdische Universitäten. Bon Dr. incd. Rainer, Wiesbaden. So lobenswert auch die Initiative zur Gründung eines mikrobiologischen Instituts anläßlich des 60. Geburtstags Max Nordaus war, so hat sie doch dadurch nur eine spezielle Eigenschaft Nordaus als Arzt verherrlichen wollen. Allein seiner Bedeutung als P o l y h y stör, als universeller Sozialethiker und vielseitiger Kulturrichter, als scharfer Kritiker und glänzender Schriststeller könnte nur die Idee zur Errichtung einer Universitas litterarum judaica gerecht werden! Der Gedanke ist ja nicht neu und vielfach erörtert worden, aber zu seiner Umsetzung in die Praxis ist bis jetzt noch nichts geschehen. Und dennoch ist die jüdische Universität ein dringendes Bedürfnis, eine schreiende Notwendigkeit. Abgesehen davon, daß die jüdischen Wissenschasten, welche ein großes Feld der Forschung dacstellen, daselbst eine würdige Stätte fänden, könnten so viele hervorragende jüdische Gelehrte, welche bis jetzt eine Aschenbrödel rolle auf den Universitäten spielen und höchstens zur Staffage der Vorlesungsverzeichnisse dienen, auf einer jüdischen Universität erst recht zur Geltung kommen und ihre Tätigkeit nach mancher Richtung hin segensreich entfalten — und dem Indentume zur Ehre gereichen! Und noch eins! So verdammenswert auch die Praktiken derjenigen sind, welche als U c b e r - läufer sich eine glänzende wissenschaftliche Position zu sichern suchen, so muß man doch zu ihrer Entschuldigung — verurteile nicht deinen Nächste», ehe du dich in seine Lage versetzt hast, sagen unsere Weisen — annehmen, daß ein unüberwindlicher Trieb zur Forschung, zur vollwertigen Betätigung sie auf Irrwege geleitet und zu Opfern ihrer Leidenschaft gemacht. „En Odom euer averohe, eloh iinkcn nichnos bau ruach stutz!" Wie mancher aber hätte dem I u d e n t u m e erhalten werden können, wenn ihm eine jüdische Zufluchtsstätte der Wissenschaft offen stünde! Also ein wahres Rettungswerk. Könnten unsere Maecenate ein be sseres Feld zurBetatigung ihrerOpferwilligkeit finden? Würde nicht dann manches Legat nicht wie bisher „ohne Unterschied der Konfession", sondern zur Förderung hoher jüdischer Ziele, zur wissenschaftlichen Forschung besser angelegt sein? Zum Schluß noch ein Wort über den Charakter einer jüdischen Universität. Es muß vornherein vorweg genommen werden daß es sich nicht um jüdisch gefärbte Universitäten handelt, wie etwa die Katholischen, an welchen außer der Theologie auch die Philosophie und Naturwissenschaft dem Dogma gemäß zugeschnitten werden; sondern ich verstehe Hapuyter solche Universitäten, welche, vom .jüdischen, Gelbeunterhalten. speziell den jüdischen Wissenschaften einen breiteren Raum gönnen als 'den staatlichen — dabei die anderen Wissenschaften frei walten lassen. So beschaffen, würden sie sowohl den Juden, als auch der übrigen Menschheit zum Ruhme und zum Segen gereichen. Es sind natürlich große Schwierigkeiten zu überwinden, die sich einer solchen Gründung in den Weg stellen werden; allein der Mühe Preis ist des Schweißes der Edelsten wert. ,Lol hascholaus Kvschaus!" Aber frisch gewagt, ist halb gewonnen. Daher sei allen Interessenten zugerufen: „Chasak weematz!" Wissenschaft des Judentums in Rußland. i. Das Vaterland der modernen „Wissenschast des Judentums" ist — Deutschland. In Rußland, dem Sitze des größten Teils der europäischen Juden, dem Zentrum des Thorastudiums, hat es bis vor kurzem eine jüdische Wissenschaft im strengen Sinne des Wortes nicht gegeben. Rußland hatte und hat viele große Talmudgelehrte, — und nicht nur bei den Rabbinern allein, auch in den weitesten Bolkskreisen hat sich das „Lernen" seit Jahrhunderten eingebürgert und tiefe Wurzel gefaßt. Es fehlte aber an kritisch-geschulten, mit der modernen wissenschaftlichen Methodik vertrauten Gelehrten. Es fehlten überhaupt alle wissenschaftliche Hilfsmittel: allgemeine Bildung, Kenntnis der orientalischen Sprachen und Literaturen, der Geschichte des Orients, der vergleichenden Sprachwissenschaft, der Kultur- und Religionsgeschichte. Das Rohmaterial -der Wissenschaft des Judentums — wenn man sich so ausdrücken darf —: nämlich die Kenntnisse auf allen Gebieten des jüdischen Wissens, war im Ueberfluß vorhanden, es fehlten aber die nötigen technischen Kenntnisse, den Rohstoff würdig zu bearbeiten. So sehen wir die meisten rabbinischen Größen nur auf dem Gebiete der Responsen und der Pilpulistik tätig. Nur wenige — R. Man asse aus Jlia, ein Jünger des berühmten Gaon von Wilna, R. Raphtali Maß» kil-Eisson, R. Malbim, der, paralell zu bedeutenden scharfsinnigen rabbinischen Werken, einen großartigen Kommentar zur ganzen heiligen Schaft herausgegeben hat, R. Straschnn u. a. —.Jinb als die „ersten Schwalben" den jüd. Wissenschaft in Rußland zu verzeichnen. Erst mit Verbreitung der allgemeinen Bildung beginnt in Rußland die eigentliche Wissenschaft des Judentums. Männer wie S. Dachs» Jacob Reismann, Pinsker, Fünn, H arkavh , G ottlob er, A. Epstein haben dieselbe durch ihre bedeutenden Werke im Osten begründet und auch im' Westen Anerkennung gefunden. Eine Generation jüngerer Gelehrten, die reiches jüdisches Wissen im Original mit der westlichen „Wissenschaft" syntetisch vereinigen, baute das Werk weiter aus. Um nur einige zu nennen: Dr. Mandelkern, Robinow i t s ch, Kahane. Katzenelsohn, Poznansky, Rotner, Horodezky, Dübnow, Klausner, Mar ko n, S arsows.ky m a., von denen die jüdische Wissenschast nöch viel erwarten darf. Die russisch-jüdischen Gelehrten zeichnen sich durch eine Eigenschaft aus. Sie schreiben hebräisch (oder: auch hebräisch,'. Sie schreiben hebräisch, erstens, weil sie das Hebräische beherrschen, was bei den jüngeren Gelehrten des Westens immer mehr zur „Seltenheit" wird; und zweitens, weil sie ein hebräisch lesendes Publikum vor sich haben, das ihre Werke mit Interesse liest, während im Westen die jüdisch-wissenschaftlichen Werke und Zeitschriften, von verschiedenen Stiftungen snbventioniert, höchstens von jungen Rabbinatskandidaten gelesen werden und in den jüdischen Bibliotheken ungelesen stehen. Das zweite Merkmal der Gelehrten des Ostens ist — ein Lebenshauch, ohne den Archivgernch, der an den westlichen Arbeiten haftet. Das jüdische Leben, das im Osten noch nicht versiegt ist und das in letzter Zeit durch die nationale Bewegung eine neue Entwicklung durchmacht, drückt auch der jüdischen Wissenschaft seinen Stempel auf und verleiht ihr ein frischeres Aussehen. Man schafft dort nicht nur vom Archiv fürs Archiv, wie es in den Ländern ohne eigentliches jüdisches Leben der Fall ist und fein mutz, sondern auch vom Leben fürs Leben. Schon seit einem Jahrzehnt gibt Herr Hanodezky ein hebräisches Sammelbuch .Zagoren" 7785