Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 29 (30.7.1909)
- Date
- 1909-07-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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M ilt.29 des fonifcfurtet Iftaetififdieii IftmUtenfifattes. Max Norda«. Bon Dr. I. N acht- Focsaui. Wir feiern den 60. Geburtstag Nordaus. Wir freuen uns auf. den Tag, wo wir einem unserer anserlcseilsten Geister die Glückwünsche des jüdische» Volkes darbringen können. Meister Nordau meint zwar bescheiden, wenn jemand zwanzig Jahre alt wird, hat wohl die Freude einen Sinn, nicht aber bei 60 Jahren. Das mag wohl traurig wahr sein, doch trifft es bei unserin Jubilar nicht zu. Trotz der 60 Jahre atmet sein ganzes Wesen Jugend und Temperament. Was er schreibt, ist von berauschender Jugendfrische durchtränkt; was er spricht, ist von einem glühenden Temperament getragen. Bertha von Suttner nennt Nordau „Den scharfen Logiker". Wer ihn liest oder sprechen hört, wird diesem Urteil nur beistimmen; aber bei alledem wird man doch auch bei Nordau in erster Linie an die Worte Zolas denken müssen: Qu’est ce qu’une ccuvre poetique? une partie de la vie vue par le coin du temperament.“ Nordau sieht auf das Leben mit seinem starken Temperament. Dank dieses seines Temperamentes und seiner unverwüstlichen Jugendsrische konnte Norbau seinem Volke wieder gewonnen werden. Er hatte bereits ein Lebensalter erreicht, wo andere für Neues nicht mehr empfänglich sind, als er an sich eine Uniwertung der Werte vollzog. Der Verfasser der konventionellen Lügen und Paradoxen, der harte Worte gegen die Bibel und Nationalität hat, bedauert in seinem Artikel für die „Haszkasah", daß er nicht im Stande ist, in der Sprache der Propheten zu schreiben, in der Sprache unserer Väter, und tritt tu seinen späteren Artikeln (so in seinem Anssatze: Aufgaben des Zionisinus jm „Luach Hachijasaf") für die Wiederbelebung des jüdischen Geistes und die Nationalisierung der jüdischen Erziehung mit aller Macht seines starken Geistes und heißen Temperamentes ein. Nordau ward jung zu einer Zeit, wo andere bereits zu altern beginnen. ' Er lernte um mit der Schnelligkeit des Genies. Bald steckte er drin im Judentum. Man muß nur seinen ersten Artikel gegen Güdemann (vergl. Welt, 1. Jahrgang. „Ein Tempelstreit" von M. Nordau), seine späteren gegen Reinach (Verfasser der Geschichte Israels) lesen, um zu bewundern, wie rasch Nordau es verstanden hat, sich in die jüdische Denkungsart hineinzulebcn. Allerdings von jüdischer Art zeugt schon sein früheres schriftstellerisches Talent, noch bevor er zu uns zurückkehrte. Nordau der Kritiker, Demokrat, Popularisator philosophischer und schöngeistiger Werke ist Geist vom jüdischen Geiste. „Der Rassengeist" (Herzl's Wort auf Brocnier) war auch in ihm wie bei manchen Schriftstellern jüdischer Abkunft unverwüstlich. Doch trat er erst, in volle Erscheinung in Nordau dem Zionisten. Und mit einer Schnelligkeit, die, wie ich vorhin sagte, dein Genie eigen ist. Als ich Nordau vor einigen Monaten in Paris fragte, tote denn der plötzliche Uebergang Zangwills zum Territorialismus erklärlich sei, meinte er: bei hervorragenden Geistern ist ein, solcher Uniwandlungsprozeß wohl möglich. Nordau hat ihn ebenfalls an sich erfahren. Natürlich in günstigem Sinne. Er ist Zionist geworden, trotzdem er dadurch mit vielem aus seiner großen schriftstellerische» Vergangenheit brechen mußte. Er fühlte in sich die Kraft, ein anderer zu werden. Dazu gehört was. Paul Heyse sagt: „Wer heute klüger ist als gestern und es mit offenein Mute bekennt, den werden die Biedermänner lästern und schelten ihn inkonsequent." Nordau hatte den Mut, klüger zu werden. Allerdings stellten sich die Schimpfer bald ein. (Sieh Ost und West „Die Juden von gestern".) Doch das. ist fiir Nordau nichts Neues. Wie lange schiinpft mail schon auf Nordau den Schriftsteller. Das ist sein großes Recht: „Das Genie drückt." Und wie drückte erst das zionistische Genie Nordaus. Mit aller Wucht seiner glänzenden Beredsamkeit, nnt allem Zailber seiner schriftstellerischen Begabung känipfte er gegen die Assimilanten, gegen die Juden, die von aller Vergangenheit entleert, sich dennoch überredeten, daß sie gute Juden seien; „weil sie Heine liebten, sich an Daniel Deronda erbauten und auf den Ruhm von Kugel und Schalst nichts kommen ließen." Er schinipfte auf die Reichen, die ihr Geld für die jüdische Sache nicht hergeben wollen, auf die Rabbinen, die den Verheißungsruf „im nächsten Jahr zu Jerusaleni" aus dem Gebetbuch strichen; er schimpfte auf die Geschichtsschreiber, die uns von einem Judentum ohne Juden erzählen. Und wie er schimpste. Immer über die Sache los. Ohne Bcrscklönerungstünche. „Wir beschönigen niemals die Missetat eines der Unsrigen," sagt er kühn und tapfer. Er schünpste mit jüdischer „Chuzpe" im guten Sinne dieses Wortes, nach Lassallescher Art. Man wird mit vielem, was Nordau als Schriftsteiler und Zionist lehrt, nicht einverstanden sein. Doch wird man dem Meister die ihm gebührende Verehrung anläßlich seines Jubiläums nicht versagen können. Irgendwo sagt Jean Paul etwa solgende Worte: Der Mensch hat keinen Wert, der nicht die Macht hat, sich zu begeistern und in Extase zu geraten, wenn er in die Nähe einer großen Persönlichkeit tritt. Mit Nordaus 60. Geburtstag treten wir vor die geisttge Nähe einer solchen Persönlichkeit. Nun, womit ehren wir ihn? Mit Betrachtungen und Begeisterungen allein? Mit dem Hinausposaunen seines Ruhmes? Gewiß nicht. Damit bringen wir dem Meister nicht die geringste Huldigung dar. „Das hat doch keinen praktischen Nutzen," sagte er mir von einem ähnlichen Fall. Nur . Begeisterung, die eine Tat zur Folge hat, eine stolze Tat, die den zionistischen Institutionen zu statten kommt, an den Namen Nordaus geknüpft, nur eine solche Tat kann unseren Meister ehren und ihm willkommen sein. Dazu trage jeder Zionist bei, wenn er wissen will, wie ernst er es mit seiner Nordau - Begeisterung meint. Nach dem Goetheschcn Rezepte: „Wie kann ich mich selbst kennen lernen? Durch Betrachten wohl niemals, wohl aber durch Handeln. Versuche deine Pflicht ju tun und du weißt gleich, was an dir ist." Personalien. Berlin. Geh.McdizinalratP>of.Dr.Bernhard Fränkel, Direktor der Klinik für Hals- und Nasenkrankheiten, Ehrenvorsitzender der Berliner Laryngologischen Gesellschaft und Ehrenmitglied der Medizinischen Gesellschaft, feierte Mn goldenes D o k t o r j u b i l ä u in. Er wurde 1836 zu Elberfeld als Sohn des Arztes Wolsgang Bernhard Fränkel geboren. Berlin. Dr Gustav Karpeles, Redakteur der „Allgem. Ztg. d. Judent." ist in Nauheim, wo er sich zur Kur aushielt, gestorben. Knrpelcs wurde in Eiwanowitz (Mähr.) geboren, besuchte in Breslau das Rabbinerseminar, wandte sich aber bald dem Studium der Literatur zu. Nach Absolvierung der Universität trat er als Feuilletonredakteur in die Redaktion der Breslauer Zeitung ein, von wo er 1877 nach Berlin in die Redaktion von Westermanns Monatsheften berufen wurde. Redaktioneller Leiter der „Allg. Ztg. d. Judent." war er seit zwei Jahrzehnten. Seine literarhistorischen Arbeiten sind zahlreiche, einen dauernden Namen hat er sich aber als der bedeutendste Heineforscher gemacht. Bon seinen Werken seien genannt: die dreibändige Allgemeine Literaturgeschichte, Literaturbilder „Unter Palmen", Essays „Im Foyer", „Literarisches Wanderbuch" und seine Heine-Bücher. Als Jude stand Karpeles anfangs auf konservativem Boden, entwickelte sich aber immer mehr nach links, sodaß er zuletzt zu den radikalsten Vertretern der Reform - gehörte. Verdient hat er sich als Begründer der jüdischen Literaturvereine und Vorsitzender des Verbandes derselben und als Verfasser der Geschichte der jüdischen Literatur gemacht. Berlin. Jm Alter von 68 Jahren verschied der Uebersetzcr und Bühnenschriststeller Jakob Bettelbeitm. Der Komponist Friedrich G e r n s h ei m feierte seinen 70. Geburtstag. Königsberg. Anläßlich seines goldenen Doktorjubiläunis wurde Geh. Medizinalrat Professor Dr. LudimarHermanu mit dem Kronenorden 2. K l a s s e ausgezeichnet. Thann (Elsaß), 25. Juli. Unter außerordentlich großer Beteiligung der Bevölkerung wurde heute der im Alter von 8-1 Jahren verstorbene Herr A b r a h a m S p i r a, ehemals Mitglied des Stadtrats und Vorstand der israelitischen Gemeinde, zu Grabe getragen. Graudenz. Der Kreisphysikus a. D. Geheimer Sanitätsrat Dr. Wolfs erhielt anläßlich seines 50jährigen Doktorjubiläums den K r o n e n o r d e n Z.Klasse. New - Aork. Dr. M i l t o n J.^ Rosenau- Wasyingtou — »geboren am 1. Januar 1869 in Philadelphia — ist zum ordentl. Professor au der , Harvard-Universität ernannt worden. Aus -er Lehrerwelt. Hamburg. Nachdem von der Stadt ein Platz am am Bornplatz gekauft worden ist, wird nunmehr mit dem Bau des neuen Schulgebäudes für die Talmud-Thora-Schule begonnen werden. Die Talmud-Thora-Schule wurde 1805 auf Betreiben von Menachem Mendel Frankfurter als Armenschule in der Elbestraße 122 begründet, 1857 siedelte sie nach ihrem Neubau Kohlöfen 20 über, und wenige Jahre später wurde sie in eine dreiklassige Elementarschule und sechsklassige Realschule umgewandelt. Tempelburg. Am 5. Sept. feiert Prediger Lion Wolfs sein lOjähriges Amtsjubil ä u m. Wongrowitz. Zum Rabbiner der hiesigen Gemeinde wurde Dr. Friedmann, bisher Rabbiner i n. G.rätz, gewählt. Ä«s -er zionistische« Bewegung. Frankfurt a. M. Bei der Kommission für den Jüd. Nationalsonds (Joseph Oppenheimer, Seilerstraße 37) gingen ein: R. R. durch M. Levigard _ 2,— Jk Teilsammlung^ Hochzeit Oppenheim- Levifon N. N. durch L. Dessau Dr. S. Schwarzschild 1 Oelbaum auf den Namen seines Sohnes Emil (Jizchok beu Schimaun) Derselbe für N. F. Alfred Schwarzschild anl. des Ablebens seines Sohnes Robert _ 25,- Ö,*“ «.- 10,- 20.- ferner aus Büchsen: 3,83 JL - L. Dessau Hamburger 3,30 „ E. Lion 1.20 .. R. N. -.25 .. Messerer -A0 „ Blumenthal 1,80 „ F. Polian —.45 „ I. L. Goitein 3- „ I. Langer -.11 .. M. Speyer 2,09 „ Dr. Fiebermann 3.66 „ Hotel Ullmann 3,52 „ I. Japhet 1,87 „ F. S. 16,13 „ A. Cahn Wwe. 2_ R. N. 1,36 „ Frau Mannheimer -.62 „ Rest. Salomon . -.30 „ I. Horovitz stud. med. 1.70 „ M. Levigard 18,28 ... M. L. Ettlinger 1- ., F. Demuth 1,52 „ Dr. Weinberg 1,75 „ L. Oppenheimer 4,20 142,34 Jfe Bei der Exp. gingen für den Nationalfonds ein: anstatt Telegramm zur Hochzeit Regina Jakob, Stuttgart-Mendel Feinstem, 'Antwerpen von Familie Kroll, Frankfurt am Main und Frl. Regina Kalischka, Warschau je 50 Pfg. 1,— .& Antwerpen. Die sterblichen Ueberreste des im vorigen Jahre verstorbenen Herrn Ahron Becht, Mitglied des zionistischen Aktionskomitees, sind — dem Wunsche desselben entsprechend — nunmehr n a ch Palästina hinübergeführt worden. Odessa. Der bekannte hebräische Dichter CH. R. Bialil hat hier einen eindrucksvollen Bericht über seine Palästina-Reise erstattet. Mit großer Begeisterung sprach er vom neuen Judentypus in Palästina, von dem Ausleben der hebräischen Sprache daselbst, vom Aufblühen der jüdischen Kolonien, von der Annäherung und Vereinigung der verschiedenen Teile der jüdischen Bevölkerung im heiligen Lande. New-Pork. Hier ist ein Verein .Achusath Nachlah" gegründet worden, der die Aufgabe hat, in Palästina Boden zu erwerben und eine größere 'Anzahl amerikanischer Juden daraus a n z u s i e d e l n. Jedes Mitglied hat bei seinem Eintritt 300 Dollar eiuzuzahlen. AuS den Vereine». Köln a. Rh. Der Israel Unterstützungs- Verein verausgabte in seinem letzten Rechnungsjahre 76 000 M k. an Unter st n tz u » g e n usw. bei einer Einnahme von rund 80000 Mk. Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Zum 'Artikel „Die Geringschätzung des Rabbinerstandes". Der Verfasser hat den Keim der Sache nicht getroffen. Die Ursache ist die mangelhafte Ausbildung — es giebt ja G. s. d. Ausnahmen — der jetzigen diäbbinet in ben Quellen der jüdischen Wissenschaft. Das bloße Hineinblicken in die „Gemoroh" genügt nicht. Bewandertheit in den Quellen war früher die Hauptbedingung. Daher gab es auch Leuchten! Die jetzige „Predigt" nach theologisch-christlichem Muster ist nur ein Flitterwerk schöner Phrasen ohne inneren Gehalt. Wie anders waren doch die alt-jüdische „Deraschah", der ,,Chiluk"! Geist und Scharfsinn sprühte darin! Auch im „modernen" Gewände kann die neu zu belebende jüdische „Deraschah" stolz einhergehen, wenn der Rabbiner ein vollwertiges jüdisches Wissen besitzt! Also, was not tut, das ist: intensives Studium der altjüdischen Quellen und echte tiefe Gei A ’i 4780