Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 28 (23.7.1909)
- Date
- 1909-07-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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p 31t. 28 des fanfefnctet Ifmeflfififien dFamidenötattes. Der nennte Aw. Es ist - wohl eine der schwersten Aufgaben im Berufe des Religionslchrers, in der letzten Schulstunde vor den Ferien die Bedeutung des Tischoh b'Aw ausführen zu müssen. Ganz besonders schwer, weil wir die Kinder nicht mit so reinem Freiheitsgefühl verabschieden können. Gerade in unserer Zeit, wo wir, eingedenk der hohen Ansprüche an den Geist der Kinder, unserer Jugend die volle, reine Freude am Ungebundensein in ein paar sorglosen Wochen von Herzen gönnen, gerade da legt unsere jüd. Geschichte ein Veto ein, und dazu ein solch' gebietendes, daß wir alle persönlichen Empfindungen schweigen lassen müssen. — Nein, wir können unsere Kinder nicht so harmlos froh fortlassen, wir müssen sie auf den großen Trauertag aufmerksam machen, der gleich einem tiefen Schatten die kommenden Tage trübt. Die Erklärung des Tages ist ja ein Stück unserer Jahresarbeit, die ein Bekanntmachen mit unserer Geschichte, Festen und Gedenktagen für unsere Kinder ist. Und da sollten wir dieses Mal zaudern, zögern, vielleicht äußerer Rücksichten wegen? Was wäre denn das jüdische Volk ohne Tischoh b'Aw, wenn es "ihn nicht so mit ganzer Seele empfinden würde. Und dieses Empfinden sollen tvir lehren! — Wer gerade zu dieser Stunde kommen die Kinder oftmals mit Voreingenommenheit iin Herzen zu uns, das Haus hat es ihnen beweisen wollen, daß es unmöglich ist, nach 2000 Jahren noch wahre Trauer zu empfinden. Beweise haben sie zu bringen versucht, denen eben nur ein Kinderherz Glauben schenken kann. — Das alles müssen wir bedenken, wenn wir uns zu dieser Stunde rüsten, und gleichzeitig müssen wir uns der Verant- Ivortung bewußt sein, daß wir unter Umständen einen Zwiespalt in's Herz des Kindes legen, der unausbleiblich sein wird, wenn tvir echte Empfindungen für den großen Trauertag wecken »vollen. Alle großen Worte vermeidend, lassen wir die kalten Tatsachen selbst wirken, und mit knappen Worten erzählen wir, wie oft' das Schicksal sich den 9. Aw als Züchtigungstag für's jüd. Volk - ausersehen. Wie immer wieder der Tag selbst, mahnend durch neue Ereignisse,^ ein Vergessen uns unmöglich machte. Und als Wahrheit und Echtheit dieser Trauer um heilige Güter, verlorene Einheit, erlittene Schmach und geschmälerte Rechte lassen wir unsere Jugend einen Blick in unsere Gotteshäuser am Tischoh b'Aw werfen. Dieses „dem Erdboden näher sitzen.", diese düstere Beleuchtung des sonst so strahlenden Hauses. Ohne auch nur die Worte des Textes zu verstehen, wird der weiche, klagende, harmonische Wohlklang, der ja nur ein Anklingen an eine ganze Melodie ist, den Eindruck nicht verfehlen; ein jedes Judenkind wird fühlen, was darin ausgesprochen ist. Wenn wir aber starke Jude,» erziehen wollen, dann dürfen tvir nicht jetzt die Stunde schließen, nicht iu diesem Augenblick die Kinder entlassen, wo alles Weiche, Sensitive, angeregt durch -as Bild der trauernden Judengemeinde, die Kinderherzen umfangen hat. Darum verweilen wir noch eine Weile mit ihnen im Gotteshause und fragen sie selbst: Wozu nützt uns noch dieser Tag, werden wir durch die Trauer eine Aenderung hervorbringen? Und mit jüd. Optimismus werden sie mit einem: „Wir hoffen es" anttoorten. Dann tvollen wir ihnen zeigen, daß wir Juden zur Verwirklichung unserer Hoffnungen diesen nationalen Trauertag brauchen, denn er gibt uns allen einmal im Jahre die sichere Gelegenheit, sich der Pflichten für's eigene Volk bewußt zu werden, die darin bestehen, ein Glied, ein bewegliches Glied im großen Volkskörper zu sein. Und mit begeisterten Worten wollen wir dann der Zukunft unseres Volkes, unfern Kindern, das Beste geben: den Stolz und das Selbstbewußtsein, Mitarbeiten zu können an dem ewigen Volkskörper. Wir haben die Aufgabe der letzten Stunde vor den Ferien zu erfüllen versucht! Wenn Kinder freiwillig das Joch des Tischoh b'Aw auf sich neh-- men, dann ist sie gelungen! H. L. Personalien. Frankfurt a. M. Die Israel. ReligionSgesellschaft hat ein Mitglied verloren, auf das sie stolz war. Julius Hirsch, ein Sohn des unvergeßlichen Begründers der Israelitischen Religionsgesellschaft Rabbiners S. R. Hirsch s. A., hat das Zeitliche gesegnet. Er war ein Jude nach dem Ideal seines großen Vaters, denn er wurzelte im Leben und im Judentum und verband harmonisch weltliches und jüdisches Wissen. Julius Hirsch, hatte sich durch sein liebens. würdiges Wesen und seine strenge Rechtlichkeit an der Börse, wo er als Makler wirkte, bei Juden und Christen einer großen Beliebtheit zu erfreuen. In den Kreisen der Religionsgesellschaft machte er sich besonders verdient durch seine Vorträge im „Mekor- Chajim"-Verein, die er nach der Methode und im Geiste seines Vaters hielt. Wie wir erfahren, sind seine Erklärungen zum Propheten Jesaja gegenwärtig im Druck. Frankfurt a. M. Ein seltenes Beisviel treuer Pflichterfüllung gab die dieser Tage verstorbene Fräulein Fanni Faist, die über 30 Jahre im Hause Benjamin, Fellnerstraße, tätig war und sich durch ihre aufopfernde Treue ein ehrendes Andenken gesichert hat. Frankfurt a. M. Lebhafteste Teilnahme in dm weitesten Kreisen hat der plötzliche Tod des erst 22jährigen Herrn Robert Schwarzschild hervorgerufen. Als Sproß einer altangesehenen, streng orthodoxen Famalie war es sein Streben, die Traditionen seiner Familie hochzuhalten. Pappenheim. Berlin. Dr. Otto Brahm. Direktor des Lessingtheaters, wurde von dem König von Norwegen, zum Ritter des St. Olafordens ernannt. Nürnberg. Geh. Kommerzienrat d. Gerngros erhielt den preußischen Roten Adlerorden 2. Klasse und das Ehrengroßkomthurkreuz des Oldenburger Hausordens Peter Friedrichs. Köln-Deutz. Im Alter von 41 Jahren verschied der Vorsitzende des Repräsentanten-Kollegiums der Syuagogengemeinde Karl Hohn. ch Stratzburg i. Elf. Vergangenen Montag stieß der etwa 20 Jahre alte Kaufmann Myrtill Kahn mit seinem Rade mit einem Fuhrwerke zusammen und geriet unter die Pferde. Hierbei erhielt er mehrere Hustritte und schwere Verwundungen, so daß seine Ueberbringung in die chirurgische Klinik erforderlich war. (L) Kotten. 20. Juli. Dem Kreisarzt a. D. Geheimen Medizinalrat Dr. Nathan Lißner Hierselbst ist der Kronenorden 3. Klasse verliehen worden. — In den Neu- und Ergänzungswahlen für die Repräsentanten-Versammlung der hiesigen jüdischen Gemeinde sind zu Repräsentanten Kaufmann Czaruiejewer, Rendant Steinhirt, Kaufmann Bick, Hotelbesitzer Grün, Kaufmann Albert Goldschmidt und Kaufmann Eduard Goldschmidt und zu Repräsentanten- Stellvertretern Buchdruckereibesitzer Meyer und Kaufmann Spira gewählt worden. Grotz-Zimmern. Im 55. Lebensjahr verschied Herr Gustav Ranis, der Vorsteher unserer Gemeinde. Memel. Landgerichtsrat Moritz Wechselmann erhielt den Roten Adlerorden 4. Klasse. Wien. Guido Adler, ordentl. Proseffor für Theorie und Geschichte der Atusik an der hiesigen Universität, wurde mit dem Orden der Eisernen Krone dritter Klasse ausgezeichnet. — In Dukla verschied der Kultuspräsident und Vizebürgermeister C h. M. Herzig, einer der angesehensten Repräsentanten der jüd. Orthodoxie Galiziens. — In Leinberg ist das Denkmal des polnischen Freiheitshelden Berek Jesselowicz, eines Jude», eingeweiht worden. Budapest. Jn Szerenes verschied im 62.Lebensjahre der Großhändler Mojes SamuelStern, Mitglied der orthod. Landesrepräsentanz. New-Aork. Kontreadmiral Marix befindet sich im Aufträge der Regierung in Europa, um das Leuchtturmwesen in Frankreich, Deutschland, Holland und England zu studieren. — Der Jargon-Schriftsteller und Dichter Charles Miller ist ini Alter von 40 Jahren gestorben. Miller wurde in Petersburg geboren, nahm an der russischen Revolution teil und tvar dadurch gezwungen, nach hier zu gehen. Ans -er zionistischen Bewegung. Köln a. Rh. Für die Zwecke des Ratio nalsonds sind im ersten Halbjahre 1909 in der ,Melt" 165 758 Mk. ausgewiesen worden. Während sich die Spenden in den meisten Staaten erheblich vermehrt haben, (Rußland 19400 Mk Vereinigte Staaten 10 400 Mk., Oesterreich 9300 Mark), haben sie in Deutschland um 2200 Mk. abgenommen. — Für das zum Andenken an den 60. Geburtstag MaxNordaus nach dem Vorschläge des Engeren Aktionskomitees in Palästina zu errichtende Mikro- Biologische Institut sind allein aus Oesterreich schon mehr wie 10000 Kr. eingelaufen. Jerusalem, ll. Juli. Die Jahrzeit Theodor Herzls s. A. fiel dieses Jahr auf Freitag. Da an diesem Tage kein Trauergottesdienst abgehalten wird, so veranstaltete die hiesige misrachistische Ortsgruppe eine Gedenkfeier tagsvorher. Festreden hielten Dr. G r ü n h u t und Herr I.!H o r owitz. Letzterer sprach hebräisch. Das „El mole rochmim" - Gebet verrichtete Herr Bentauwin, dessen klangvolle Stimme einen tiefen Eindruck auf die Zuhörer machte. Die Feier nahm einen /wirkungsvollen Verlauf. — Um dieselbe Zeit fand >auch in den Räumlichkeiten derAwrabanellbibliothek eine Feier statt, die aber mit 'einer scharfen Polemik endete. Der Festredner hatte sich nämlich über Uganda und Mesopotamien verbreitet, was eine allgemeine Bewegung hervorrief und von dem ihm folgender Redner getadelt wurde. — Vergangene Woche hatte Schreiber dieser Zeilen Gelegenheit, die „Tachkemoni-Schule zu Jaffa zu besuchen. Das Institut war ihm durchaus nicht fremd. Wie ganz anders fand er es aber jetzt. Kaum zwei Monate, bevor die > Anstalt in europäische Hände übergegangen ist, — und schon haben wir eine völlig europäische Schule vor uns. Welche Disziplin herrschte da, mit welcher Gewissenhaftigkeit wird da gelehrt, und wie beschlagen sind die Schüler in den Fächern! ^Gegenwärtig zählt die Schule 120 Schüler, die aber leider in engen Räumen untergebracht sind. Wird die fromme Welt beherzigen, was Jaffa nottut, dann geht der Tachkemoni einer glänzenden Zukunft entgegen. Lehrer- und Schülermaterial ist das beste, das man sich denken kann. Zum Staunen, wie rasch die zwei deutsche Herren sich in das Hebräische hineingelebt haben. Auf den Schulmann wird der Tachkemoni in jeder Beziehung einen nachhaltigen Eindruck machen. H. Aus der Lehrerwett. A«s Bade». Vom 28. Juni bis 10. Juli fand auf der Landwirtschaftsschule „Augustenberg" bei Grötzingen ein Obstbaum-Gartenbaukurs statt, an welchem sich Schüler aller Stände und Konfessionen — darunter 11 jüd. Lehrer und ein jüd. Kaufmann — beteiligten. Gewiß ein Beweis, daß tvir Juden für Bodenkultur Interesse haben. Zwecks Ehrung der Leiter des Kurses veranstalteten die Kursgenossen im Kaiserhofe in Grötzingen eine gesellige Zusammenkunft, die in höchst animierter Weise verlief. Herr Lehrer Wertheimer -Hardheim, als Senior des Kurses, ergriff zuerst das Wort, feierte unseren Landesfürsten als Förderer und Mehrer alles Wahren, Guten und Schönen und toleranten Fürsten, der erst jüngst gelegentlich eines Besuches in Heidelberg Herrn Bezirksrabbiner Dr. Pincus gegenüber hervorhob, daß ihm alle Untertanen gleich nahe stünden, und brachte ein Hoch auf den edlen Fürsten aus. Fortfahrend ging dann Redner zu dem Leitsätze der Mischnah über: „Wer mehr Theorie als Praxis besitzt, ist mit einem Baume zu vergleichen, welcher mehr Ztveige als Wurzel re.", zog eine Parallele zwischen Wissen und Können, verglich den Menschen inr Bilde eines Baumes bezüglich Pflege, Wartung und heiliger Schonung und zeichnete Analogien zwischen dem wissenschaftlichen Standpunkte auf dem Gebiete der Baumzucht und Bodenkultur von heute und dem talmudiichen. Mit einem Dank an die Leiter des Kurses schloß die sinnreiche, von Humor gewürzte Reoe. Zahlreiche Volks- und patriotische Lieder unter Musikbegleitung der Herren Lehrer Rosenfelder- Buchen und Mannheimer - Bodersweier erhöhten die Feststimmung. Mit einem Kaiserhoch und Dankesworten des Herrn Lehrers Thiem für die Ovation nahm die schöne Feier ihr Ende.*) Aschaffenburg. Wie bekannt, hatte die Kultusverwaltung für den unheilbar kranken Rabbiner Dr. Wachenhäuser einen Verweser gewählt, die Regierung verlangt jedoch die Neuwahl eines Rabbiners durch die Gcsamtgemeinde. *) Im Namen und Interesse der guten Sache sei hiermit öffentlich dankend der B. Dulasst if tun g gedacht, welche in nobler Weise den isr. Teilnehmern Gelegenheit bol zur kostenfreien Teilnahme des gedachten Kurses und dadurch die ideellen Bestrebungen der ,Kommission zur Förderung der Bodenkultur unter den Israeliten des Großherzogtums Baden" förderte." W. 7780