Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 26 (9.7.1909)
- Date
- 1909-07-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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imlage zu fit. 26 des Frankfurter IsraekWen Famlienklaltes. Herzls Philosophische Erzählung-«. Don Dr. Marek Scherlag. In diesen sommerlich sonnigen Tagen geschieht es zuweilen, daß ein dunkler Schleier über den Himmclsglanz schattet, wie von einem nnmcrklichen Windhauch hergeweht. Da ist's, als drückte etwas die Bäume und Büsche nieder. Und weiße und rosige Blüten gleiten lautlos herab. Sie fallen in den sanfteil! Sommertraum wie in ein Grab. Unendliche Wehmut beschleicht dann die Seele. Solche Tagen sahen Theodor Herz! mit dem unerbittlichen Tode ringen, still und demütig. Tage der Trauer sind es und des tiefen Gedenkens. Still und demütig versenken wir uns jetzt in das Mysterium-Herzl. Wie war er, fragen wir uns, und wie hatte er gewünscht, daß wir werden sollten? Noch ist leider seine Biographie nicht geschrieben worden. Darum scheint es nicht über flüssig, daß wir vorderhand einzelne Züge zu seinem Bilde zusammentragen. So will ich versuchen, über sein Wesen in seinen Philosophischen Erzählungen einigen Aufschluß zu finden. Dieses Buch ist noch im Jahre 1900 im Berliner Verlag der Gebrüder Paetcl erschienen unv enthält 17 kurze Erzählungen. Nicht alle sind zwar künstlerisch abgerundet und bedeutend, aber bei einer Persönlichkeit wie Theodor Herzl fragt man wohl weniger nach dem formalen Werte eines Werkes. Nicht was er gab, sondern wie er sich gab, interessiert uns. Herzl hatte iminer etwas zu sagen, auch wenn er bloß eine Anekdote, einen Scherz oder eine Groteske zum Besten gab. Daher sind die meisten dieser Geschichten gehaltvoll und gcistjrcich. Und sie sind, mit wenigen Ausnahmen, mehr als Feuilletons. Ja, einige muten »ms wie kunstvolle köstliche Novellen an, um nur „Solon in Lydien" und „Sarah Holzmann" zu erwähnen. Aus allen blicken uns seine großen, ernsten, tiefen, rätselvoll bannende», unvergeßlichen dingen an. Auch wenn er scherzte, waren sie groß, tiej und ernst — wie seine Seele. Diese konnte an der Schale der Dinge und der Menschen, an dem rein äußerlichen Glanz und Gut nicht Genüge finden. Tiefer mußten sie dringen bis auf den Grund der Menschen. So fand Herzl den Weg zu den Andern, zu den Brüdern, zu seinem Volke. Eine innere Notwendigkeit trieb ihn dazu. Weil ihn der Egoismus nicht befriedigte, wurde er Altruist im höheren Sinne des Wortes. Sein Altruismus war nicht etwa Ausfluß der Schwäche, sondern der Stärke Verfügte doch Herzl über eine» so unermeßlichen Schatz an Schönheit, Energie, Stolz und Hoffnung, daß er seinen Ucberfluß mit den Andern teilen mußte. Und so kam es, daß er dann nur für seine Brüder lebte. . . Einen ähnlichen Altruisten zeichnete er in seiner Geschichte: „Die Güter des Lebens." Hier kommen vier Schnlkollegen nach 20 Jahren zusammen und erzählen einander von de» Entbehrungen des Reichtums, den Demütigungen der Ehre und von der Unfruchtbarkeit der Familie Nur Wilhelm hat mehr als die andere» erreicht. „In England und Frankreich lernte ich neuartige Wohlfahrtsbestrebungen kennen, hier seht Ihr deren bescheidene Nachbildung. Ich lebe mit armen und unwissenden Leuten, die vom Elend hereingeführt werden. Sie gehen wieder, nachdem sie ein wenig aufgerichtet und gestärkt worden sind. Ein Lehrkörper von gutgeartcten Jünglingen hat sich rasch um mich versammelt. Wir tragen nützliche Bildung unter die Armen hinaus . . . Ich lehre meine Leutchen, wie groß wie weit, wie schön die Welt unseres lieben Herrgotts ist, und daß sie nicht gleich die Flinte ins Korn werfen müßten, wenn es an einem Ort schlecht geht. Ich lehre sie hoffen ... So hat auch mein Leben Güter in dem, was mich ausfüllt. Es ist der Gedanke an die Zukunft. Wahrlich es ist Frühling darin. Auch der Gedanke an meinen eigenen Borübergang wird dadurch alles Schmerzlichen entledigt. Und schon bin ich ein Bürger dieser Zukunft, weil ich für sie wirke." In diesen Worten liegt mehr als ein . Bekenntnis. Es ist philosophische Tiefe in ihnen. Sie gehen über Schopenhauer hinaus, indem sie den drei von dem großen Pessimisten formulierten Grundbestimmungen für die Güter des Lebens: „was Einer ist, was Einer hat und was Einer vorstellt", eine vierte hinzufügen: „was Einen ausfüllt". Theodor Herzl's Seele hat die Arbeit für die Zukunft seines Volkes ausgefüllt. Doch möglich ist, daß er sich in Momenten der Verbitterung auch sagte: „Das Zukünftige ist das Einzige, wovon man nicht enttäuscht wird, weil man es nie. erreicht". Er für seine Person hat die Erfüllung seiner Träume und Bemühungen nicht erreicht. Doch im Streben allein fand er schon Seligkeit., Deshalb ist er so vielen Juden das 'hehre Vorbild, das edle Beispiel der Opserwilligkeit. „Wer die Zukunft vorbereitet, muß über die Gegenwart hinwegblicken", sagt er in der Erzählung ,Das lenkbare Luftschiff", worin er die stirbt; aber ich müßte stärker weinen, wenn er am Leben bliebe." Nur ein Pfadfinder wie Herzl konnte die tiefe Tragik des Träumers und Volksbeglückers erfassen. Eine Tragödie gibt er auch in der ^poetischen, seinen Novelle: „Sarah Holzmann". Rührend ist die Gestalt des zarten, einsamen, und still duldenden großartige Lösung des Flugproblems schon 1896 dichterisch vorausahnt. Man könnte in diesen Worten teilweise eine Erklärung dafür finden, waruni Herzl die Gegenwartsarbeit im Zionismus außeracht ließ. Er hatte in sich vielleicht etwas von Josef Müllers- Charakter. Dieser Erfinder des lenkbare» Luftschiffs ist eine der bcstgclungenen Gestalten dieses Buches. Ein Mensch, der über das Mittelmaß hinausragt und darum den Eindruck eines Sonderlings hervorruft, sogar ins Irrenhaus gesteckt wird und endlich entlassen, seine Einbildungskrakt herunterschraubt. Aus dem Erfinder des Luftschiffs, aus dem Märtyrer des Fortschritts wird er ein geachteter reicher Erfinder von neuen -Korkziehern. Hoscntreckern, Lokomotiven, kurz von Einrichtungen des praktischen Lebens. Nur im Geheinren verwirklicht er seinen Plan und erbaut ein lenkbares Luftschifs — aber nicht mehr für die Menschen, die ihn gequält haben, ondcrn für sich allein. „Die Menschen sind nicht wert, zu fliegen". Daß Herzl trotz aller Qualen, die er wie eder Neuerer zu erdulden hatte, nicht wie Joses Müller dachte, beweist die Pointe dieser Geschichte: „Zur Größe fehlt diesem Helden nur eines, das Verzeihen". Darin offenbart sich Herzls ganzer Edelsinn, und seine sieghafte Lebensbejahung. Die Verzweiflung war für ihn nicht eine Quelle der Resignation, der Unlust und Schwäche, sondern „ein kostbarer Stoff, aus dem sich die herrlichsten Dinge erzeugen lassen: Mut, Selbstverleugnung, Standhaftigkeit, Aufopferung . . ." Man lese „das Wirtshails zum Anilin", und man wird sich davon überzeugen. In dieser seltsamen letzten Geschichte sehen wir einen Menschen, der sein Leben wegschleudern wollte, aber beim Anblick der aus einer Fabrik strönlenden Arbeiter und im Gespräch mit einem von ihnen ich eines andern besinnt. Sein Leben kommt ihni plötzlich wie ein Fabrikationsrest vor, aus dem sich noch Gutes machen läßt. Und wie er erschüttert weitersinnt, bricht seine frühere feige und düstere Weltanschauung zusammen und etwas Neues steigt heraus . . . Statt sich in den Fluß zu stürzen, baut er am Ufer sein Haus und nennt cs: „zum Anilin". " Seine Bekannten halten ihn freilich für eine» Narren, da er in sein Leben einen Sinn zu legen beginnt. Doch er fetzt sich darüber hinweg und wirkt hinaus in ferne Kreise durch seine Taten, „indem er Menschen fischt, bevor sie in das gefallen sind." „So ringt er dem Flusse manchen Kadaver ab und.inacht daraus etwas Tüchtiges. Mancher gedeiht ihm zu einer wahren Pracht. I» ihrer tiefsten Verzweiflung nimmt er die Menschen und knetet sie unr. Für jeden findet er eine Verwendung, eine große Aufgabe, ein hohes Ziel... so trägt seine Verzweiflung Früchte." Wie viele Judenseelen hat Herzl selbst vor dem Untergang gerettet, dadurch, daß er ihnen ein Ideal schuf. Ueberhanpt saß ihm das Problem der Menschheitsbeglückung so tief im Blut, daß er sich nicht init dem bloßen Grübeln darüber begnügt. Das Menschenglück sah er aber nicht in dem sorglosen Wohlleben, sondern einzig in der mühevollen Arbeit. Diesen Grundgedanken entwickelt er in der tiefsinnigen Geschichte „S,vlon in Lydien". Der weise Gesetzgeber mißt den Vorteil einer Sache an Aeonen, und nicht wie die Anderen an Stunden. Wochen und an Jahren. Darum erkennt er die Gefahr, die sich in der wunderbaren Erfindung des sympathischen Jünglings Enkosmos birgt. Eukosmos hat nämlich ein geheimnisvolles Mittel gefunden, ohne Feldsrüchte, auf die billigste Weise Mehl zu erzeugen, soviel als ihm beliebt. Für sein Geheimnis verlangt er die Tochter des Kroisos zur Frau. Der König der 'Lydier wendet sich nun an seinen Gast Solon um Rat, und der lautet: „Du sollst ihn töten" . . . Psychologisch interessant ist die Begründung: „Sorglos will er die Menschen machen, dieser Verruchte. Das Beste, was sie haben, den Hunger will er - ihnen rauben. Sollen die rohen Zeiten der Pelasger wiederkehren, soll mit dem Ackerbau die Seßhaftigkeit, der bürgerliche Sinn, die Gesittung abermals entschwinden? . . . Ein König muß töten können. . . Auch die Guten muß er vertilgen, wenn es die Wohlfahrt des Volkes heischt . . . Ich werbe nm ihn weinen, wenn er Judenmädchens mit der großen, schonenden Liebe zu ihrem armen alten Vater. Nicht minder tragisch wirkt die schlichte, aus dem Leben gegriffene Skizze: -Der Sohn". In diesen beiden Geschichten gewinnt die den Juden eignende zarte Kindesliebe und aufopfernde Elternliebe ergreifenden, künstlerischen Ausdruck. Zumal der Gedanke an die Kinder, an die Fortetzung des Daseins in ihnen,' rankte sich wie ein blühendes Gewinde fast um alles, was Herzl schuf, und verha lf ihm so, den Zweifel und Pessimismus zu überwinden. Ich erinnere nur an seine einzigartigen Feuilletons aus der Kinderstube. Ihm waren die Kinder mehr als Spielkameraden und Freunde. Sie heilten ihn von allerlei spöttischen und leichtfertigen Anschauungen, die er vor ihnen gehabt. Mit ihren unverdorbenen Augen gewöhnte er sich, die köstlich verjüngte Welt anzuschauen und wurde selbst wie neugeboren. Aus dem tändelnden Weltmann, aus dem glatten Luftspieldichter, aus dem witzigen Plauderer und Assimilanten wurde der ernste Denker, der edle Träumer und der energische Tatmensch, wurde Herzl, der Jude. „Die Kinder sind unsere größten Lehrmeister. Mein Sohn lehrte mich eine sinnvolle Lijebjc zum Leben. Denn mein Lebe» war er, meine unbegrenzbare Fortsetzung, die Bürgschaft, daß ich immer unter der Sonne wandeln würde, als mein Sohn, mein Enkel, inimer jung, immer schön und stark, in zunehmender Veredlung. . Und so lebt Herzl in allen fort, die ihm folgten und folgen, und wird auch im jüdischen Volke fortleben immer Hing, immer schön und stark, jn zunehmender Veredlung. Aus de« Vereine«. Frankfurt a. M. Der .Verein zur Versicherung gegen Stellenlosigkeit (Schomre Schabbos)", vor elf Jahren errichtet, ist bestimmt, den den Sabbat haltenden jüdischen Handlungsgehilfen eine Stütze im Falle der Stellenlosigkeit zu sein. Gegen einen äußerst mäßigen Jahresbeitrag — in bqr untersten Klasse nur 6 Mk. — gewährt er seinen Mitgliedern bei Stellenlosigkeit eine Entschädigung, die sic vor der bitteren Wahl bewahrt, Hunger zu leiden oder aber eine Stelle anzunehmen, in der sie den Sabbat nicht halten können. Damals, im Jahre 1898, war das Gebiet der Versicherung gegen Arbeitslosigkeit noch ein völlig unbebautes, und auch die großen akonfessionellen kaufmännischen Verbände beschäftigten sich wohl mit dieser Frage, wagten sich aber nicht an ihre praktische Lösung. Der „Verein zur Versicherung gegen Stellenlosigkeit" hat die Genugtuung, daß seine Einrichtungen ans diesem Gebiete sich während der ganzen Zeit auf das trefflichste bewährt haben, sodaß Aenderungen sich nicht erforderlich zeigten. Heute erlebt der Verein die noch weit größere Genugtuung, daß das Kaiserliche Aufsichtsamt für Privatversichernng ihm nach eingehender Prüfung der Bereinsstatuten und der Geschäftsführung die Genehmigung zum Geschäftsbetriebe für das gesamte deutsche Reich durch Senatsbeschlnß vom 16. Juni a. c. erteilt hat, womit dem Verein auch die Rechte einer juristischen Person erteilt sind. Der Verein hat diese Gelegenheit benutzt, um bei der hierbei vorgenommenen Statutenänderung auch gleichzeitig eine Aenderung seines Namens zu bewirken, die künftig ein Moment zum Ausdruck bringen soll, das bei der Gründung des Vereins nicht vorhergesehen werden konnte. Es betrifft dies die Stellenvermittlung des Vereins, die von Jahr zu Jahr mit wachsendem Erfolge tätig war. Der Name des Vereins wird daher künftig: „I sraeliti sch er Stelle n-Vermittlungs - undBersicherungsverein (Schomre Schabbos) lauten. Wie bekannt sein dürfte, erfolgt der Betrieb dieser Stellenvermittlung seitens des Vereines in Verbindung mit den Schomre Schabbos-Bereinen in Berlin und Breslau unter der Firma: „Israelitische Stellenvermittlungs- Zentrale, Frankfurt a. M." Es ist nun neuerdings gelungen, auch den bisher mehr abseits stehenden gleichartigen Hamburger Verein zu einem engen Anschluß an die Stellenvermittlungs-Zentrale zu bewegen. Damit ist das lange angestrebte Ziel: sämtliche kaufmännische Vakanzen und Bewerbungen der Sabbat haltenden Kreise an einem fernen Orte zusammenlaufen zu lassen, endlich erreicht. Für Prinzipale