Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 26 (9.7.1909)
- Date
- 1909-07-09
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2692614-2692640--04801-2699649- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Piła 1× ep/1048100
OCR text
Seite 4. . FrittckhÄker UraMWeS FamAiMM. Nr. 26. besitzet Robert Mannheimer den Charakter als Kommerzienrat. — Drei jüdische Damen, die Tochter des Schriftstellers Albert Katz, des verstorbenen Kantors Schönberger und des Herrn Adolf Prager, haben das medizinische Staatsexamen bestanden. München. Schiffsarzt Dr. Mühlfelder wurde vom Prinzregenten zum Militär-Assistenzarzt befördert, was der Ernennung zum Reserveoffizier gleichkommt. Karlsruhe. Dem Prwatdozenten für technische Elektrochemie an der hiesigen Technischen Hochschule, Dr. Paul Askenazy, ist der Titel außerordentlicher Professor verliehen worden Freiburg i. Br. Frau Jeanette Mayer, die seit etwa drei Jahrzehnten dem Vorstände des Israelitischen Frauenvereins angehört, erhielt die Friedrich-Luisenmedaille. (I-.) Posen. In Schneidemühl starb im Alter von 54 Jahren an den Folgen einer Blutvergiftung Fräulein Rosalie Jeremias und in M o s ch i n im 86. Lebensjahre die Witwe R. Manasse, beides Frauen, die sich in ihrem Orte bei allen Kreisen der größten Achtung erfreuten. Stadtoldendorf. Anläßlich der Anwesenheit des Regenten wurde Stadtrat Levy mit dem Titel Kommerzienrat und Kaufmann Moses Heinberg, der bereits das Eiserne Kreuz besitzt, mit der Verdienstmedaille 2. Klasse ausgezeichnet. Lemberg (Galizien). In Slohj starb hochbetagt Landtagsabgeordncter FilipFruchtmann, einer der ältesten israelitisch-polnischen. Wortführer Galiziens. — Bei der Reichratscrsatzwahl in Bobrka- Rohathn erhielt der Zionist Dr. GersonZiPper 1416 Stimmen und erlag dem polnischen Kandidaten Biesadecki, der 4105 Stimmen erhielt. Lodz (Rußland). Direktor Hertz spendete 200 000 Rbl. für ein Mädchen-Untergymnasium (ohne Unterschied der Konfession). Diese Spende des Herrn Hertz erinnert lebhaft an eine Unterredung seines verstorbenen Schwiegervaters Poznanski mit Baron Hirsch. Poznanski, der — wie die meisten jüd. 'Großindustriellen in Russisch-Polen — die Geflogenheit hatte, keinen jüdischen Arbeiter zu beschäftigen, renommierte! diesem gegenüber mit dem von ihm erbauten jüd. Spital, darauf erwiderte Baron Hirsch: „SBaueit Sie lieber Fabriken für Juden und Spitäler für Christen." London. Anläßlich seines Geburtstages emannte der König den Chief-Rabbi Dr. Adler zum Kommandeur des Viktoria-Ordens — eine außergewöhnliche hohe Auszeichnung — und verlieh dem Dichter Sir Arthur Pinero die Ritterwürde. — Elkan N. Adler, der jüngste Bruder des Chief-Rabbi, wurde zum Präsidenten des Verbandes der jüd. Literaturvereine gewählt. Konstaatinopel. Auf Einladung der Parlamente von London und Paris hat sich vorige Woche eine Deputation .hiesiger Abgeordneter auf die Reise nach Europa begeben. Dieser Deputation werden auch die jüdischen Abgeordneten Nessim Mazliah Esfendi und Sasson Effendi angehören. Aus -er Lehrerwett. Frankfurt a. M. Der Jahresbericht der Israelit. Volksschule ist soeben erschienen. Die Anstalt wurde am 1. Februar von 369 Schülern (191 Knaben und 174 Mädchen) besucht. Die Ausgaben betrugen 38,430 JL (30,414 JL Gehälter, 8016 JL Auslagen), die Einnahmen dagegen nur 33,344 JL (8620 JL Jahresbeiträge, 7266 JL Schulgelder, 3030 JL Geschenke, 3695 JL Zinsen, 10,733 Mark Erträgnis der Stiftungen), sodaß die Rechnung mit einem Defizit von 5086 JL abschließt. In die Verwaltung trat für den gemäß den Statuten ausscheidenden Herrn Michael Rapp Herr Jacob Strauß ein, in das Lehrerkollegium für den in den städtischen Schuldienst übergetretenen Herrn H. Einstätter Herr Moses Steinberger. Berlin. Der Deutscki-Jsraelit. Gemeindebund hat weitere drei Vertreter des Lehrerverbandes — und zwar: Dr. Br ann-Breslau, Herbst-Lissa und Peritz-Königsberg — zu Delegierten ernannt. Dürkheim. Lehrer M. Meyer beging am I. Juli sein 25jähriges Amtsjubiläum. Budapest. In Ungarn gab es Ende 1907 156 nichtorthodoxe und 244 orthodoxe Rabbiner und 406 nichtorthodoxe und 940 orthodoxe Rabbinatsverweser und Religionslehrer. Aus -er zionistische« Bewegung. Köln a. Rh. Dieser Tage hat Frau Rebekka Jsaakowna-Odessa dem Vorsitzenden des Direktoriums des Jüdischen Nationalfonds Herrn Dr. Bodenheimer eine Spende von 30,000 JL persönlich übergeben. Zwei Drittel der Zinsen sollen jährlich zum Kapital geschlagen werden, und zwar bis zum Ablauf von 500 Jahren; jedoch ist die Generalversammlung des Jüd. Nationalfonds jederzeit berechtigt, über das Kapital frei zu verügen. Zürich. Die Zion. Ortsgruppe beschloß in ihrer letzten Mitgliederversammlung eine Resolution, die die Verwaltung des Nationalfonds ersucht, 100000 Oelbäume sofort anzupslanzen. Jaffa (Palästina). In aller Stille wurde hier vor etwa zwei Monaten die von dem Frankfurter Komitee übemommene Tachkemonischule, die nun den Namen »Hebräische Mittelschule Tachkemoni" Ährt, durch Herrn Direktor Schlesinger eröffnet Zür die hiesige jüdische Bevölkerung, die der gesetzestreuen Richtung angehört, ist dies ein großes Ereignis und von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Wer die hiesigen Verhältnisse kennt, weiß wohl, welch' zroße Sorgen und Schwierigkeiten die Jugenderziehung reu gesetzestreuen Juden verursachen. Die hier beretts bestehenden Schulen kommen für sie nicht in Betracht, weil sie zum großen Teile mit dem Cherem belegt sind. Diese Schulen konnten auch aus dem Gmnde nie zu wahren Erziehungsanstalten des Volkes werden, da die große Masse sich von ihnen semhielt. Aolorm volens muß man zu dem Chedarim die Zulucht nehmen, die lange nicht auf dem alten Niveau tehen. Das auf die Initiative deö Misrachi sich gebildete Schulkomitee hat es zum erstenmal versucht, eine Schule ins Lebm zu rufen, die für die Waffen bestimmt ist. Und so ist denn auch die neugegründete Schule in Jaffa die erste, die unter Zustimmung des Ortsrabbinäs, des Herrn Oberrabbiner Kuk's, gestündet und unter dessen Aussicht gestellt ist. In liefet Schule werden die jüdischen Fächer besonders berücksichtigt. Für den talmudischen Unterricht sind hervorragende talmudische Gelehrte angestellt. Im irofanen Unterrichte hinwiederum, der in hebräischer Sprache erteilt wird, steht sie keiner anderen nach. Hat doch das Frankfurter Schulkomitee besonderes Gewicht darauf gelegt, daß die Leitung der Schule einem in Deutschland geprüften Oberlehrer anvertraut werde, ein Erfolg, den andere Schulen nicht aufzuweisen haben. So dürfte denn zu hoffen sein, daß >ie hebräische Mittelschule Tachkemoni eine neue Aera aus dem Gebiete des Erziehungswesens im heiligen Lande anbahnen wird. 0 Mleton. 0 Die Tochter des Kardinals. Historische Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung). Rabbi Jizchak war im ersten Moment sprachlos vor Entsetzen, wie erstarrt stand er da, dann griff er nach seinem Hut und rannte fort. In jedes Haus trat er ein und forschte nach dem jungen Mädchen, — nirgends erhielt er Auskunft. Endlich trat er in das Haus, in dem Tirzo den größten Teil des Nachmittags verbracht hatte. Hier war der Jammer noch größer, denn der kleine Jossel, der fünfjährige Knabe der Familie, war auch noch nicht heimgekehrt. Händeringend saß die kranke Mutter im Bette, verzweiflungsvoll rannte der Vater im Zimmer hin und her, während die Kinder sich ängstlich aneinander drängten. Da vernahm man plötzlich draußen in der Hausflur das Weinen eines Kindes. „Jossel!" jauchzte die Kranke und schien , aus dem Bette springen zu wollen. Der Arzt hielt sie zurück, der Mann aber riß die Tür auf, — und herein trat die Magd des Nachbarhauses, den vermißten Knaben auf ihrem Arme. ,F)a, schaut's ihn Euch an den verlaufenen Fratz" rief sie lachend. „Auf unserm Hof hinter'm Schuppen hat er sich versteckt und hat gewinselt wie ein junger Hund, und wie ich jetzt Hab >um Holz gehen gewollt, Hab. ich ihn gefunden, — und da .habt Ihr ihn", fügte sie noch immer lachend hinzu, und warf ihn dem Vater an den Hals, der ihn liebkosend an sich drückte I und dann der Mutter auf das Bett legte. Die Eltern waren überglücklich, ihren Liebling wieder zu haben und hatten im Augenblick an alles andere vergessen. Rabbi Jizchak aber streichelte dem Kinde die noch lränenüberfluteten Wangen. „Jossel, mein Kind, weißt Du nicht, wo Tirza ist?" „Tirza!" rief der Kleine, indem er sich hastig aufrichtete und suchend um sich blickte „ist sie nicht wieder gekommen? — Die bösen Männer haben ihr etwas in den Mund gestopft und haben sie angepackt" — Mehr wußte der kleine Held nicht zu berichten; in der Angst, ihm könne dasselbe geschehen, war er davongerannt und hatte sich au: dem Nachbarhof versteckt; doch seiner Beschreibung nach waren die von ihm afö „böse Männer" bezeichneten die Schergen, die Büttel der städtischen Gemeinde. Ein Schrei des Entsetzens entrang sich Rabbi Jizchaks Brust. Was wollten die Schergen von seiner Tochter, von seiner Tirza, die nie im Leben ein lebendes Wesen gekränkt hatte? — Auch die andern sahen einander angstvoll an, die liebliche Tochter des Arztes war allen teuer, und der Umstand, daß sie bei einem Liebeswerk, das re an ihrer Familie vollbracht hatte, von dem Unglück getrossen worden war, schmerzte sie doppelt. „Wohin wollt Ihr, Rabbi Jizchak?" fragte der Mann, als er sah, daß der Arzt sich entfernen wKllte. „Auf's Stadthaus," erwiderte der Rabbi mit heiserer, bebender Stinime. »Ihr geht umsonst," entgegnete der andere, „es ist schon in der neunten Stunde, da ist dorten alles zu. Außerdem war heute Kindtaufe beim Stadthaupt, da saufen sie noch oder sie schnarchen chon." „Es wird schon so sein, wie Ihr sagt," verwehte Rabbi Jizchak händeringend „aber" — „Wenn Ihr meinem Rate folgen wollt, geht Ihr auf's Schloß, der Graf ist Euch gut." Der Rabbi winkte ihm dankend zu und eilte ort. Doch obgleich er im vorhinein überzeugt war, daß er im Augenblick dort nichts erreichen werde, zog es ihn vor allem zum Stadthaus, dort weilte vermutlich seine Tirza, eingeschlossen in irgend einein für Verbrecher bestimmten Loch! — Tirza! — Tirza! —Er hätte ihren Namen hinaus schreien mögen in's Weite, vielleicht hätte ie seine Stimme vernommen und erkannt und wäre dadurch wenigstens einigermaßen getröstet worden. — Aber er fürchtete, dadurch ihre Gegner noch mehr zu erbittern und hielt mit Gewalt eine Lippen geschlossen. Kon' allen Seiten umkreiste er das freiliegende finstere Gebäude, das seinen Liebling barg, — nirgend erblickte er einen Lichtschein, alles war schwarz. Hin und wieder blieb er tehen und drückte das Ohr gegen eine Wand des Instern Hauses, und dann war es ihm wieder- )olt, als vernähme er ein lautes Schluchzen, ein fernes Weinen. — Aber das konnte auch Sinnestäuschung sein. Doch wo er derartige Laute zu vernehmen glaubte, da drückte er seine Hände wie zum Schallrohr gekrümmt gegen die Mauer und sprach mit lauter Stimme in die so geformte Röhre: „Mut, Tirza! Mut, mein teures Und! — Gott verläßt nicht, die auf ihn vertrauen!" Ob sie ihn gehört hatte? Er wußte es nicht, aber er durfte nicht länger verweilen. Eilenden Schrittes rannte er zum Schloßberg und diesen aufwärts und stand sehr bald vor der Pforte des Schlosses. Auf sein Klopfen ward ihm geöffnet. Betroffen blickte der Diener auf den atemlosen Mann, der nicht sofort imstande war, seinem Begehren Ausdruck zu leihen. „Ihr wollt vermutlich zu dem Herrn Grafen. Aber der Herr Graf ist verreist, wird schwerlich in dieser Woche zurückkommen." Rabbi Jizchak fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Das hatte er doch gewußt. — Aber was nun? —> Da er einmal da war, ersuchte er den Gebienten, ihn zu dem Verwalter zu führen. „Verzeiht, Herr Werner, daß ich Euch zu so später Stunde belästige —" „Hat nichts zu sagen, Doktor, Euer Besuch ist mir jeder Zeit willkommen. Aber um's Himmelswillen — was ist Euch?" Er war aufgesprungen, umfaßte den Wankenden und zog ihn in einen Sessel nieder. Totenbleich und mit geschlossenen Augen lehnte der Rabbi zurück. Der Verwalter ergriff rasch die Kanne mit Met, die auf dem Tisch stand, und füllte ein Glas, daß er dem bleichen Manne an die farblosen Lippen hielt. „Trinket, Doktor, das wird Euch gut tun, Ihr scheinet vollständig erschöpft." Rabbi Jizchak entsprach der Aufforderung. Dann schlug er tief aufatmend die Augen auf. „Das hat gut getan — dank Euch, Herr Werner — ich habe seit mittags nichts zu mir genommen und —" „Armer Herr!" sagte der Verwalter mitleidig, „ich habe das Schrecknis bereits vernommen." „Was?" rief Rabbi Jizchak, sich hastig aufrichtend „Ihr wißt bereits, daß man meine Tochter verhaftet hat?" „Die Annemarie hat es vorhin draußen in der Halle erzählt." „Aber warum?.— Großer Gott! —Warum hat man sie verhaftet?" Der Verwalter zögerte einige Augenblicke, die Antwort ward ihm ersichtlich schwer., „So sprechet doch!" drängte der Doktor, „redet! — redet! — Was soll mein Kind getan haben? —" „Es wird mir wahrhaftig nicht leicht. Euch bas zu sagen. — Ich bin fest überzeugt» daß es nicht wahr ist. —" „Wenn's was Böses ist, ist es sicher eine Lüge. Meine Tochter hat noch nie etwas Böses gedacht, geschweige denn getan."