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Neue jüdische Presse · 1909-07-02 · Heft 25 (2.7.1909) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 25 (2.7.1909)
Date
1909-07-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Beilage z» iit. 25 des fttmkfuttet IsraeliMm IftmilMttttes. Sclielach leclio! Oder: Nicht erschlaffen! S ch r i f t e r k l ä r u n g , in der Synagoge Liesenstraße 8, ain genannten Sabbat abgehalte» von Rabbiner Dr. Ludwig A. Roscuthal, Berlin. Was unsere Borzeit uns erzählt, das ist zumeist ein Vorbild dessen, was allezeit in der Menschheit vor sich geht. Zwölf Männer gehen ans dem Lager Israels nach Kanaan, um das Land;u erkunden, worin Israel einst wohnen soll. Sie kehren nach vierzig Tagen wieder, enttäuscht, weil Kanaan nicht idas Märchenland ihrer Einbildungskraft ist, weil cs Städte mit hohen Mauern hat, bewacht von mächtigen Mannen. Sie hofften, im Traume, kampf- und gefahrlos würde Kanaan ihr Eigen werden, und sie weinen und klagen ivie die Kinder, weil das gelobte Land, wie jeder Erdenerfolg, sich nur dem Kämpfer und Sieger als Beute bietet! Das war stets so, das wird stets so bleiben, so lange die llnerfahrenheit die Glücksstunde nicht erkennt und vorübergehen läßt. „Was du von der Minute ausgeschlagen, bringt keine Ewigkeit zurück!" — * Aber was für Worte und Mahnungen höre ich da.erklingen? Täuscht mich mein Ohr? „In dieser Wüste sollen sie sterben, dort sollen sie vergehen!" Wird da nicht dem Geschlechtc Egyptens jede Zukunft abgesprochen? Die Voreiligen, die nun doch nach Kanaan wollen, werden, von Feinden blutig heim geschickt. Und unmittelbar darauf das Schriftwort: „Wenn ihr in das Land Eures Wohnsitzes ziehen werdet," ja, dann noch einmal: „Im Augenblicke, wo ihr das Land betretet" . . . Träume ich? Ist es nach diesem Mißerfolge Zeit, davon zu reden? Scheint dies nicht die ungeeigneste Stunde dazu zu sein? Da ist die Rede von aller Art Opfern, > da wird das Mehl, da der Wein, da das Oel Palästina's erwähnt, da der erste Teig. — Alles Gegenstände, welche jenem Geschlechtc für immer versagt waren. Wozu diese Luftspiegelung für ein Geschlecht der Wüste? Wozu? Hier haben wir das Geheimnis unseres Bestehens in der Geschichte! Selbstverschuldete Enttäuschungen, darauf beruhende herbe Mißerfolge spielen in der Geschichte Israels eine große Rolle. Wenn aber die schlimme Lage klar vor unserem Auge lag, wenn wir wußten, Ivas uns die Zukunft drohte, dann wußten wir auch bereits, welche Anfvrdecnngc» die Zukunft an uns stellt: Wenn Enttäuschungen herbster Art dich nieder' beugen, bann erhebe dich mit allem Selbstgefühl!! Hast du Kanaan verloren, so halte dir den Einzug in jenes Land mit allen Reizen vor! Halte die Hoffnung aufrecht und lasse sie dir durch keine bessere Weisheit rauben! Das leuchtende Zukunftsbild ist für den Bedrückten die h ö ch st e Weisheit, und die nüchterne Klugheit der B e s s e r w i sie n d e n i ft fein Verderben! Seien es Wünsche für sein eigenes Glück, die unerfüllt geblieben sind, seien es Wünsche für die Gesamtheit, für das Bestehen und den Geist Israels, die sich jn's Gegenteil verwandelt haben: Wer „geschlagen und besiegt ist bis Chorma", der rufe sich selbst zu: „Kommen wirst du in's gelobte Land, und Opfer wirst du dort bringen!" * Er hoffe also nicht nur auf seinen Einzug in das Land des Glückes, er hoffe auch darauf, daß er Opfer bringen werde. Ohne Opfer kein Glück! Im starren Festhalten der eigenen Ichsucht, im kurzsichtigen Erwägen der Augenblicksnotwendigleit liegt weder das eigene Glück, noch die Zukunft Aller. Nur wer sich über den Augenblick erhebt, wird an die Notwendigkeit des Opfers glauben. Unsere Zeit spricht nicht gern davon, auch nicht im Gebet. Wir genießen, aber wir opfern nicht gern — höchstens Opfer der Gesinnung. Also vergiß dich selbst und dein enges Heil und denke an das Große, an das Ganze, dann wirst du selbst wachsen und dich über dich erheben, und nur mit dir wächst das Ganze. Ohne dies ist die Klage nin das Verlorene, wie die Versicherung der Treue eine hohle Redensart. Doch sind wir in der Lage, Opfer zu bringen? Haben wir auch nur die Gelegenheit dazu? „Sobald ihr einiretet in das gelobte Land, sobald ihr esset vom Brote des Landes, bringt eine Hebe den: Herrn dar! Den Erstling Eures Teiges sollt Ihr gleich der Hebe der Tenne abheben." Was gibt es Einfacheres als das tägliche Brot? Selbst vom Teige des Armen werde ein Opfer der Gesamtheit gegeben, — damit wartet nicht erst vierzehn Jahre ab, bis das Land erobert und verteilt ist, — nein! sofort beim Eintritt in das Land bringet dies Opfer. Nicht zuviel vorbcreiten — nicht zu lange zögern — nicht mit zu großer Bedächtigkeit die Größe und Kleinheit der Opfer abmessen — wer soviel vorbereitet und zögert, der tut es nicht aus Liebe zur Sache, sondern er will sich dem Opfer entziehen! Jeder Tag, jeder Morgen, jeder Abend sehe an uns die Zeichen der Opferwilligkeit — nur d a n n kann das Judentum gedeihen. Doch auch Sühnopfer sind zu bringen, von der Gemeinde wie von dem Einzelnen. Denn Selbsterkenntnis und Selbstzucht eignet Israel ganz besonders. Was uns Schweres zukommt, führen wir nur auf uns selbst zurück und fabeln wir nicht von unserer Unfehlbarkeit. Reden wir nicht von unserer Liebe zu einander, während wir einander nicht kennen. Reden wir nicht von unserer Liebe zur Tora, während uns die Tora ein vollkommen rätselhaftes Land ist. Reden wir nicht von unserer Liebe znin uralten Judentum, während wir die letzten Zieste desselben zersetzen tvollen. Reden wir nicht von unserer Liebe zum Heiligtum, während das Heiligtum verödet daliegt. ~ Tun wir vielmehr, was stets in Israel gechehen: Bessern wir! Bessern wir uns selbst, wenn wir auf den Mann blicken, der sich gegen die Tora vergangen und vor die Gemeinde gebracht wird! Stehen wir fest und lassen wir das Ziel nicht aus dem Auge! Es wäre leicht zu leben, leicht, Jude zu sein, wenn alle Blütenträume reiften! Der Schwächste wäre ein Held, wenn auf dem Schlachtfeld der Kampf nicht winkte! Klagen wir nicht empfindsam über Entschwundenes, halten wir nicht nur geschwungene Reden über Kommendes, sondern hoffen, opfern, Handel» wir! Tun wir das Rechte, zweifeln und zögern wir nicht! Dann gibt es für Israel kein Chorma, sondern es gilt dann das Wort der guten Kundschafter: „Das Land, das wir durchwandert, um cs zu erkunden, das ist wahrlich ein gutes Land!" Personalien. Berlin. Magistrats-Baurat G. Matzdorff erhielt den K r o n e n o r d e n 3. Klasse, Jnstizrat Dr. Arnold S e l i g s o h u den Roten Adlerorden 4. Klasse. Berlin. Zum Nachfolger Dr. Bmths als Vorsitzenden des Vereins zur Abwehr des A n t i s e m i t i s in u s ist durch einmütigen Beschluß der Mitglieder des engeren Vorstandes Herr Rcichstagsabgeordneter Bcrgrat a. D. Georg G o t h e i n gewählt worden. Breslau. Sanitätsrat Dr. Heinrich Kempner, der Nestor der schlesischen Aerzte, feierte seinen 90. Geburtstag. fL) Posen. Justizrat Dr. Alfons Marcuse, eine durch ihre hervorragenden Charaktereigenschaften hochangesehene Persönlichkeit, ist plötzlich verschiede n. Lengnau (Schweiz!. Im hiesigen jüd. Alter-asyl feierte der ehemalige Friseur Jonas Gideon seinen 100. Geburtstag unter zahlreichen Ehrungen. Nach dem Festessen trug das Geburtstagskind, das nie krank ivar und auch jetzt noch geistig und körperlich beneidenswert rüstig ist, mit kräftiger Stimme das Tischgebet vor. Budapest. Der in Holland wohnende Maler Jsak Perlmutter, der jüngst die Große goldene Medaille der Münchener Internationalen Kunstausstellung erhielt, ist von hier gebürtig und genoß hier seine Ausbildung, konnte aber als Jude hier nicht vorwärts kommen. London. Zum ersten Male hat in England ein Jude den Ministerrang erreicht: Unterstaatssekretär Herbert Samuel, der sich durch seine parlamentarischen Verdienste — namentlich durch die Bill zum moralischen Schutze der Kinder — das Anrecht auf Beförderung erworben hatte, wurde zum Kanzler von Lancaster ernannt und hat damit Sitz im Ministerrate erlangt. Für die Beurteilung der gegenwärtigen Lage der englischen Inden ist diese Ernennung belanglos, denn .selbst in reaktionären Staaten haben zu allen Zeiten ungewöhnlich begabte Juden hohe Stellungen erlangt. Petersburg. Fräulein Dr. Katharina Fleischer bestand an der hiesigen Universität die A d v o k a t e n p r ü f u n g; sie ist die erste Rechtsanwältin Rußlands. Kischinew. Pawulaki Krilschewan. der Hauptveranstalter des grauenhaften Kischinewer Pogroms, ein Bluthund in Menschengestalt, ist plötzlich g e st o r b e n. Paris. Unterpräfekt Brisac-Dünkirchen wurde zum Präfekten des Departements Tarn befördert. — Reginald Kann, militärischer Redakteur des „Temps", wurde zum Chevalier der Ehrenlegion ernannt. Als besondere Rechistitcl für diese Auszeichnung werden im Amtsblatte angeführt: M. Kann verfolgte die Operationen der englischen Armee in Transvaal, hatte als Korrespondent der „Temps" den Feldzug in der Mandschurei mitgenracht und die Operationen des „Corps de Debarquement" in Casablanca verfolgt. Er lieferte über alle diese Operationen interessante Berichte, von denen mehrere sehr wichtige Anregungen von reell technischem Werte enthielten, von welchen die französische Armee dauernden Nutzen gezogen. Chicago. Bankier Lazarus Silvermanrr, Verfasser der bekannten Sherman-Bill, ist — 79 Jahre alt — gestorben. Im Bürgerkriege organisierte und cquipierte er auf eigene Kosten ein Regiment Infanterie. New-Aork. Der ehemalige Senator Joseph Simon ist zum Bürgermei st er von P o r t - l a » d gewählr »vorde». Aus -er zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Bei der Exvedition des Familienblattes gingen für den Nationalfonds ein: Oelbaumspende anläßlich der Brismilohfeier von Rudolf Wolf, gestiftet von den Herren Dr. Z. Strauß^ Max Wolf, Moritz Moser. Saly Moser, sam. Moser, David Goldschmidt, Samson Bach und Gottlieb Münzesheimer und Frau Charlotte Goldschmidt 13,50 ./L Sorin >!. Weinberg gratulieren Herrn Schwab zur Verlobung seines Sohnes l,— „ Köln a. Rh. Soeben ist .Max Nord au Zionistische Schriften, herausgegeben vom Zion. Aktionskomitee, 102 Seiten, Preis 2.— M." beim hiesigen Jüdischen Verlag (Karolingerring 6) erschienen. Das vornehm ausgestattete Buch enthält in vorzüglicher Ausführung Nordaus Bildnis. Der ungewöhnlich niedrige Preis von 2 Jk soll es jedem Zionisten ermöglichen, sich das Buch anläßlich Nordaus 00. Geburtstages anzuschafsen. Nordau sagt von dem Buche in der Vorrede: „Die in dem vorliegenden Bande enthaltenen Aufsätze sind urkundliche Beiträge zur Geschichte der zionistischen Bewegung. Der aus den Quellen schöpfende Geschichtsschreiber wird an ihnen nicht achtlos vorübergehen wollen. Sie bilden die Chronik des Zionisinus, nicht wie er sich äußerlich gestaltete, aber wie er innerlich von seinem überzeugten Parteigänger erlebt wurde. Amsterdam. Hier konstituierte sich eine M i srachi-Gruppc des Niederländ. Zionist e n - B u u d e s. Es haben sich ca. 120 Herren aus allen Teilen Riederlands der Gruppe angeschlossen, und man hofft, die Zahl auf 200 zu bringe». Konstantinopel. Der von der Kommission unter Zugrundelegung des Regierungsentwurfes ausgearbeitete Entwurf für ein V e r c i n s g e s e tz enthält eine Bestiminung, nach der fortan sämtliche Gesellschaften, also auch die k o m m e r - ziellen, das Recht juristischer Personen erhalten. Falls dieser Vorschlag im Plenum Annahme finden sollte, so wäre damit eines der stärksten Hemmnisse, die sich bisher einer wirksamen wirtschaftlichen Tätigkeit im türkischen Reiche entgegenstellten, gefallen. Denn dann wird der Bodenerwerb, dessen Legalisierung bisher den Vereinen und Gesellschaften fast unmöglich war, eine feste gesetzliche Grundlage erhalten. Jaffa. Die Versuche mit der Anlage von Baumwollkulturen sind aussichtverheißend. In der Kolonie Pethach Tikwa hatte man voriges Jahr 20 Acres Land mit egyptischem Samen besät und konnte Ende November — trotz der noch recht primitiven Methoden — 1-1 Tons Baumwolle nach dem Liverpooler Markt senden. Dieses Jahr werden 100 Acres der Baumwollkultur zugeführt. Aus -er Lehrerwett. Berlin. Dem Jahresbericht der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums entnehmen wir: Rabb. Dr. Hochfeld ist in das Lehrerkollegium eingetrctcu; er liest über Methodik des jüd. Religionsunterrichts. Die Frequenz betrug im Wintersemester: 39 ordcntl. Hörer (darunter 8 Ausländer) und 10 Hospitanten (darunter 1 Ausländer). Den Preis der Dr. M. Kirschstein-Stiftung erhielt Dr. Ernst A p p e l - Karlsruhe, über die von der Moses Mendelssohn-Stiftung und der der Lazarus- Stiftung ausgeschriebenen Preisaufgaben gingen keine Arbeiten ein. Der Preis der Moritz Meyer-Stiftung wurde Dr. Hermann L ö b - Bruchsal zuerteilt. Das Vermögen der Anstalt wuchs auf 759 000 Für das Jahr 1909 sind folgende Preisaufgaben gestellt worden: 1. Das Teilgeständnis nach Talmud und rabbinischem Recht, 2. Komposition und Alter des Midrasch Echa rabbati, 3. Die Bezeichnung Minim im Talmud und Midrasch, 4. Der Gedanke der Auserwählung Israels in der talmud. Literatur, 5. Der jüd. Jugendgottesdienst nach Thora und Praxis.

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