Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 22 (11.6.1909)
- Date
- 1909-06-11
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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«rs«uAacru*r." Seite 10. >. ' ■ Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 22. seitens des Kuratoriums Herr Moritz L e v y j r., den Dank des Publikums brachte Herr Rabbiner Dr. Rosenthal zum Ausdruck. Ben-Jair. Das Ende eines Hanswursts! Modelle.) (Fortsetzung). „Es gab damals keinen Zaun in der Stadt," fuhr die Erzählerin fort, „über den Wolf in seinem Liebeskummer nicht gesprungen wäre. Das Zaunspringen schien für ihn ein Symbol der Liebe zu 'sein. Es kam .so weit, daß man ^allgemein für'seinen Verstand fürchtete. Um seiner Geliebten mehr zu imponieren, nahm er sich damals vor zu studieren. Wer nach einem halben Jahr gab er diesen Plan wieder auf. Wie alles, was er unternimmt. Nur eins hat er von jener Zeit übrig behalten," fügte sie mit einem spöttischen Zug um die Lippen hinzu, währeird sie ihre bewegliche Nasenspitze so einzog, daß sie mit dem Nasenrücken einen Winkel von 120 Grad bildete, „seine — gebildet tuende Sprechweise." „Und dabei stammt er doch aus so guter Familie," fiel hier die Partnerin ein. Und mit einem Anflug von Wehmut in ihrem lieben, hausmütterlichen Gesicht sprach sie, halb in Gedanken, leise vor sich hin: „Es ist wirklich schade um'.ihn." «Jo, schon mit Rücksicht auf seine alte Mntter. Er hat ja eine Zeit lang auch vorzügliche Stellungen gehabt. Aber überall hat man ihn nach kurzer Zeit wieder vor die Tür gesetzt. Ich will ja beileibe nicht bestreiten, daß er ein ganz intelligenter Mensch ist- (Augenscheinlich hatte sie vergessen, was sie erst vor ein paar Augenblicken gesagt hatte. Eine Zwiespältigkeit übrigens in der Beurteilung Wolfs, in die die meisten seiner Kritiker" verfielen). Auch seine Gutmütigkeit will ich ihm nicht absprechen. Aber fürs praktische Leben ist er absolut nicht zu gebrauchen. Sie sehen ja, was aus ihm geworden ist: Die Stadtpost." Und nach diesen Worten verabschiedete sick die Besucherin sehr schnell. Ich sah ihr mit einem ziemlich süffisanten Gesichtsausdruck nach. Was wußte die Klatschvettel eigentlich von Wolf? Wenn sie ihn, wie ich, in seiner ganzen oratorischen Größe neulich im Garten gesehen hätte, wenn sie, wie ich, gewußt hätte, wtlcher Umwälzung unser Städtchen in den nächsten Tagen cntgegengiug, sie hätte gewiß anders über Wolf geurteilt. Und dann: Wolf hatte Gedichte gemacht. Verse also, die sich aufeinander reimten. „Bah," sagte ich zu mir, indem ich über das gehörte abfällige Urteil Wolfs verächtlich die Lippen kräuselte, „was verstehen denn Damen von Gedichten? Das können die ja gar nicht beurteilen. Ich begann, um Wolf's Haupt eine Gloriole zu sehn. Die mit großem Pathos angekündigte und von mir mit Bangen erwartete Weinrevolution fand nicht statt. Unsere Stadt behielt ihr altes gewöhnliches Aussehen. Es erfolgten keine Detonationen, - und keine beelzebubfarbig gesprenkelten Buchstaben huschten zur Nachtzeit über die Häuser und gaben den Bewohnern zu irgend welchen Befürchtungen Anlaß. Dagegen nahm der Weinhandel der Braude von Tag zu Tag immer größere Dimensionen an. Zu Wolfs Ehre sei es gesagt: er machte ein paar Tage wirklich den Versuch, sich diesem veränderten Gang der Dinge entgegenzustemmen. Ich weiß nicht, ob er sich mit Bordeaux oder Lyon oder irgend einer andern Handelszentrale in Verbindung gesetzt hat; jedenfalls ließ er sich ein kleines Quantum billigen Weines kommen. Er lief von Haus zu Haus, machte Anerbietungen, gestikulierte, handelte, hielt große Reden, wobei er jedoch immer no.ch Zeit fand, nebenbei seine Geschäfte als Stadtpost zu besorgen. Aber die von ihm hierbei entwickelte Energie schloß über das Ziel hinaus, seine turbulente und übertriebene Geschäftigkeit machte ihn in den Augen der Leute, die sich daran gewöhnt hatten, ihn wenig ernst zu nehmen, nur lächerlich. Aus de.m Extrem der Gemächlichkeit verfiel er jetzt in das Extrem des Uebereisers, und Uebereifer schreckt bekanntlich nur ab. Sein früherer Weinhandel hatte eigentlich nur auf einem Minus beruht. Auf dem Minus anderer jüdischer Bezugsquellen in unserer Stadt. Dem war aber nun abgeholfen, und Wolf war nicht der Mann, der die Stetigkeit, Ausdauer und das kaufmännische Geschick besaß, seiner Konkurrenz die Spitze zu bieten. Als es ihm nicht gelang, seine Ware mit der gewünschten Schnelligkeit abzusetzen, appellierte er schließlich .an das Mitleid der Leute. Doch damit kam er nur, wie es die Regel zu sein pflegt, aus dem Regent in die Traufe. Gewiß warfen ihm hier und da barmherzige Seelen kleinere Aufträge zu, aber dem bischen kaufmännischen Air, das ihm früher noch angehaftet hatte, gab dieser Appell vollends den Todesstoß. Das Unglück machte aus Wolf einen Philosophen: er fügte sich in das Unerläßliche. Wenigstens erweckte es den Anschein, als ob er. sich fügte. Sein Uebereifer hatte zudem nur sehr kurze Zeit gedauert, dann verfiel er wieder in das ihm zur zweiten Natur gewordenen Vertrödeln der Tage. Er gehörte eben zu jenen Leuten, die man überall sieht, überall hört, deren Tun und Lassen aber völlig zwecklos ist. Und so ging denn Wolf, nachdem er eine Weile geschmollt hatte, wieder „aus Besuch," trug Neuigkeiten umher und begann wieder, seine meist schon bekannten Witze, die selten eine Pointe hatten, vor allen, ob sie nun wollten oder nicht, breit zu treten. Wer ihn aber genau beobachtete, konnte bemerken, daß sein Lächeln jetzt noch um ein paar Nüancen blöder geworden war. Der Strahlenkranz, den .ich für ein paar Tage um sein Haupt hatte flattern sehn, war längst in alle Winde verflüchtigt. Ich gewöhnte..mich bald wieder, einen Unterschieb zwischen Wolf und den andern Erwachsenen zu machen. Nur trieben wir Kinder, wenn wir ihn jetzt unseren Unarten zur Zielscheibe setzten, cs üin vieles toller als ehedem. Wolf — Wolf lächelte zu allem. Und dennoch: er war in meinen 'Augen nicht mehr der simple, einfache Hanswurst von früher. Er war komplizierter geworden. Ich fühlte das instinktiv, ohne mir über die Gründe Rechenschaft geben zu'können. (Schluß folgt). In der Schewuansnacht. Von M. I. S a l z b e r g. Mit dem Wend zog das Schewuausfest in das kleine Städtchen N. ein. Zuerst kam es in die Häuser, wo es sich in: Glanze! der entzündeten Kerzen, der hellen Lampen und der weiß schimmernden, gedeckten Tische stiminungsvoll ausprägte, dann, als die Abendschatten die Häuser zu umringen begannen, strahlte es auch hinaus auf die Gasse. Diese war leer und still. Nur ab und zu sah man einen Juden verspätet nach der hell erleuchteten Synagoge eilen, von >vo wehmütige Gesänge in den Abend drangen und sich hoch oben verloren und in der Ferne verklangen. Der Gottesdienst war beendet, und die Gemeinde strömte auf die Gasse hinaus. Unter lautem, fröhlichem Gespräche wandelte die Schar, immer kleiner werdend, je mehr sie sich von der Synagoge entfernte, da bei jedem Hause der eine oder der andere abbröckelte. Die Gasse wurde leer und dunkel, denn bald schloß man die Läden, als wollte man die festliche Stimmung nicht mit der Straße teilen, als wollte man sich ganz von. der Außenwelt absondern, um dadurch die Feststinkmung im Innern der Häuser zu erhöhen. Berl der Schammes (Synagogendiener) blieb noch in der Synagoge zurück., Seine Blicke folgten dem Schabbesgoi Christian, welcher von Lampe zu Lampe ging und sie auslöschte. Jedesmal, wenn Berl eine Flamme erlöschen sah, fühlte er einen Stich in seinem Herzen, denn es erinnerte ihn an etwas Furchtbares, und er versuchte die Augen wegzuwenden, aber er vermochte es nicht. Mit aller Gewalt bemühte er sich, den Gedanken nicht vor seinen Geist treten zu lassen, um den Feiertag nicht zu verstören, obwohl er doch den Schmerz, der in seiner Brust brannte, nicht zu bannen vermochte, den Schmerz über den Tod seines einzigen Sohnes. . Sein sechzehnjähriger Sohn David kam zu Pessach aus der Jeschiwa nach Hause. David, auf den er so stolz war, der begabte, gute Junge! Am letzten Feiertag, als er gerade in die Synagoge gehen wollte, geschah das Schreckliche. Bei der Nachbarin, die eine kleine iSchenke besaß, waren betrunkene Bauernknechte in Streit geraten. Sie zertrümmerten alles, was ihnen in die Hände kam und fielen schließlich auch über die Wirtin her. Die verzweifelten Hülferufe der Wirtin und ihrer Kinder drangen an Davids Ohr. Er eilte zu ihnen und warf sich mutig zwischen die Betrunkenen. Es gelang der Wirtin zu flüchten, und als sie nach einigen Minuten mit Hülfe wiederkehrtc, war das Haus leer; 'nur David lag blutend mit zerschmettertem Schädel am Boden. Berl verließ die dunkle Synagoge > und begann die Gasse zu durchschreiten, langsam und gebeugt. Jeden Augenblick richtete er sich auf und hob sein Haupt empor, als luollte er die Last abschütteln, die seinen Kopf Niederbeugte. Doch als er die Wolkenfetzen erblickte, die dunkel gegen den blassen Schein des Mondes abstachen, senkte sich sein Haupt wieder auf die Brust; denn sie erschienen ihm wie die Gräberreihen des Friedhofs. An seinem Hause, das am äußersten Ende des Städtchens lag, blieb er stehen lund lauschte; doch als er nichts vernahm, trat er ans Fenster und sah hinein. Die armselige Wohnung war festlich aufgeräumt: Sie war hell erleuchtet, der Boden war bestreut mit weißem Sand, und alles blinkte vor Sauberkeit.. Auf dem Tisch'lag eine weiße Decke. Auf einer Seite standen die Messingleuchter mit brennenden Kerzen, auf der andern befanden sich die Berthes unter einer kleinen, weißen Serviette, daneben eine Flasche mit Wein. Berls Augen forschten unruhig. Endlich erblickte er seine Frau. Sie saß in der Ecke am Ofen, den Kopf gesenkt, das Gesicht mit den Händen bedeckt und weinte. Sein Herz preßte sich zusammen, und er fühlte, wie seine Augen heiß wurden. Er trat ein. Sara sprang auf, und indem sie schnell ihre Augen mit dem Zipfel ihres Kopftuches trocknete, das unter ihrem Kinn zusammengeknüpft war, bemühte sie sich ein fröhliches Gesicht zu machen. „Gutjontef Berl!" rief sie ihm entgegen, ohne seine Begrüßung abzuwarten. - „Gutjontef," klang es zitternd aus Berls Munde. „Sara, Du vergißt, daß es heute Schewuaus ist!" „Nein, ich weine nicht. O, was fehlt uns? Wir haben ja unser Kind! Unser David ist 'ja gar nicht weit von uns. Berl, ich war eben bei ihm. Siehst Dü, auch in diesem Jahr hat er für Blumen gesorgt, uni unser Fest zu schmücken. Sieh, dies hat er Dir geschickt, unser David!" „Was soll das, Sara, wir sündigen. Heute am Feiertag. . . ." Seine Stimme stockte. Sara, als ob sie nur darauf gelvartct hätte, fiel ihin um den Hals und schluchzte: „Mein David, mein Kind, mein Kind!" Während sie aßen, sprachen sie kein Wort nliteinander. Als Berl das Tischgebet beendet hatte, wandte er seinen Blick nach dem Bücherbord, das über der Kommode angebracht war. Er wollte sich erheben, aber da sprang Sara auf. „Bleib sitzen! David ist doch nicht da, der Dir Deinen Folianten reichen sollte. Ich will es tun." „Aster Sara, Du mußt nicht so viel an David erinnern. Heute, ist ja Feiertag, Du weißt ja, da ist es Sünde. Die heiligen Bücher sagen, man stört die Ruhe oer Abgeschiedenen, wenn man ani Feiertag von ihnen spricht." „Wirklich? so, so werde ich nicht mehr von ihm sprechen. Denken kann ich doch an ihn? Nicht wahr, das tut ihn: ja nichts?" Berl begann zu lerne», wie es in der Schewnausnacht Sitte ist. Auch Sara holte ein Buch hervor, das im Jüdischdeutsch eine ganze Anzahl von Legenden und Betrachtungen über das Schewuausfest enthielt. So lernten sie beide eine ganze Stunde. Plötzlich sagte Sara: „Hör zu, ich will Dir etwas vorlesen." Berl widersprach nicht, er hob seine Augen auf und horchte,, und Sara las: „In der Schewuausnacht, gegen Morgen, nachdem Gott und seine Engel sich ergötzt haben an den Stimmen, die von seinen Kindern bei ihrer» Lernen gen Himmel steigen, sagt er zu seinen Scharen: — — Wir wollen einen Augenblick den Himmel spalten, um ihnen die Herrlichkeit zu zeigen, die im Paradiese für sie bereitet ist. — — Und während er das spricht, spaltet sich, der Hinunel. Heil dein Sterblichen, dem es vergönnt ist, den ofseuen Himmel zu schaue»! Was er auch in diesem Augenblick erbitten rnag, das wird ihm geivährt." „Berl, und wenn sich nun heute der Hininrel öffnet, und es wäre uns vergönnt, es zu erschauerr. Was sagst Du?" Berl schwieg ein Weilchen und dann sagte er: „Ja, mein liebes Weib, alles tut Gott, aber einen Toten, der schon im Grabe ruht, vor der Zeit erwecken, das tut er nicht. Es könnte dann Neid unter den Toten entstehen, und noch ist die Zeit nicht gekommen, in der alle Toten auferstehen sollen." „Wenn es so ist, Berl, 'dann habe ich keinen Wunsch mehr." Berl begann wieder laut zu lernen, und Sara vertiefte sich in ihre Gedanken. Plötzlich wandte sie ihre Augen vom Buche weg und starrte vor sich hin. Es summte ihr im Kopse, als stände sie in der Synagoge. Die Lichter begannen sich zu bewegen, zu tanzen, in die Höhe zu steigen, bis sic allmählich zur Decke gelangten und da sa>nt den Leuchtern entschwanden. Schnell drehten sich die Wände um sie im Streife, alles floh, alles tanzte und drehte sich mit, . . . und schließlich entschwanden auch sie. — — Eine endlose Wiese breitete sich vor ihr aus, — nein keine Wiese, sondern der Friedhof. Ringsherum wölbte sich der tiefblaue Himmel nahe über der Erde, und seine Ränder waren mit einzelnen Sternen geschmückt, die wie Diamanten funkelten. Der Hinunel begann sich zu heben. Immer höher, immer ferner entrückte er, aber seine Seiten fielen immer mehr zusammen, Wie ein ausgebreitetes Laken, das nur noch in der Mitte festgehalten wird und dessen Enden herabhängen. Es wurde ihr immer beklommener zu Mut, sie wollte rufen, schreien, aber ihre Kehle war fest zusammengeschnürt. Das Blaue über ihrem Haupte verwandelte sich in Feuer. — Nun wird sich der Himmel spalten, o Gott! —