Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 22 (11.6.1909)
- Date
- 1909-06-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Irankfirrter l'inclitifdirs familirublntt i r — » Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streisband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— . I ---- ■■ .* edaKtioil und Geschäftsstelle: Zrankfurt s. ITC., vilbelerstraße 4/6, Ecke Llerchstraße “gcrcfon 10507. AerauSgeber: Sals Geis. I!.— -- — .> Jnsertionspreife: Die viergespaltene Petitzeile.25 Psg. Die Reklamezeile.100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Ueberrinkunft. « --— ». . ■■ ■ i Freitag, den 22. Siwan 5669 (11. Juni 1909). Rr. 22. 7. Jahrgaug. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Der Weg zur Barbarei. — Brief aus der Schweiz. — Die Rabbinerkonferenz zu Wilna. — Die hebräische Konferenz in Manchester. — Aus den Geschehnissen des Tages. — Aus aller Welt. ^—Feuilleton: Die Tochter des Kardinals.— Sprechsa a l. — Wochen - Kalender. — Familiennachrichten. — Barmizwohs. Der Weg zur Barbarei. . Eine politische Betrachtung. ,,Friede, Friede!" schallt es mächtig in alle .Ohren, Herrscher ziehen durch alle Lande, um den Frieden zu verkünden. König Eduard ging zu Kaiser Franz Josef nach Oesterreich und toastete aus den Frieden, dann ging er zu. König Viktor Emanuel nach Italien, wiederum des lieben Friedens wegen. Auf Eduard folgte bald Kaiser Wilhelm, um gleichfalls der Welt seine Friedensliebe kund zu tun, er ging zu König Viktor Enianuel, zu Kaiser Franz Josef und sprach und toastete auf den teuer» Frieden. Also dasselbe Ziel, dieselbe Tour, nur mit einer kleinen Marschänderung: Eduard ging zuerst nach Oesterreich imd nachher nach Italien, und Wilhelni zuerst nach Italien und alsdann nach Oesterreich. Kaiser Wilhelm wollte anscheinend, bevor er von dem Wiener antisemitischen Bürgermeister Lueger seine Huldigung entgegcnnahm, den jüdischen Dichter Heine aus seinem Besitztum Korfu verbannen. Doch die Liste der mächtigen, Herrscher und Friedensapostel war noch nicht erschöpft; der Herrscher aller Reußen, der Pogrom-Zar, blieb noch aus. Die Welt wußte, also nicht, wie sich dieser blutrünstige Satrap zum Frieden stelle. Nun ist es der Wille des stets um das Wohl der Menschheit bedachten Zaren, daß die Welt etwas von seiner großen Friedensliebe zu hören bekomme, und er geruhte deshalb, Kaiser Wilhelin in die finischen Gewässer kommen zu lassen; dort wird er — von Torpedozerstörern und sonstigen Kriegsschiffen umgeben und ini Beisein seines konstitutionellen Premiers — vor dem hohen Gaste von seiner Friedensliebe erzählen. So werden es nicht nur die Lande, sondern auch das Meer zu hören bekommen, und die Fische werden — von der Gefahr einer Angelung befreit — im Gefühl der Ruhe und Sicherheit herumschwimmcn. Und dann? Alsdann geht die Reise des Friedenszaren nach Frankreich, nach Italien, nach England weiter; Fallieres, Viktor Emanuel, Eduard werden sich voni Munde des Friedcnszaren über unverbrüchliche Freundschaft, Friedensliebe usw. erzählen lassen, — und dann, ja und dann? Hann wird die Welt wissen, woran sie ist! König Eduard. hat Kaiser Franz Josef und König Viktor Emanuel, Kaiser Wilhelm hat Viktor Emanuel und Kaiser Franz Josef der unveränderlichen Freundschaft versichert, und Zar Nikolaus wird zuerst vor Kaiser Wilhelm und alsdann vor Falliores, Viktor Emanuel und Eduard seine unabänderliche Freundschaft und Friedensliebe beteuern, — und also, was noch mehr?! Die Welt wird wissen. O nein! Die Wett bleibt so klug wie zuvor. Denn während die Luft von Friedensschalmcien schwirrt, häufen sich die Tatsachen, die eine ganz andere Sprache reden: England rüstet, .Dreadnoughts" ist in diesem freien Lande das Tagesgespräch; Frankreich rüstet, unter dem Vorsitz Fallitzres hat der höhere Marinerat beschlossen, bis zum Jahre 1919 -15 Panzerschiffe zu bauen, drei Milliarden sollen für den Ausbau der Marine ausgeworfen werden; Italien rüstet; "Oesterreich, Rußland und Deutschland rüsten; sogar das kleine Belgien schickt sich an, es den andern militaristischen Staaten nachzumacheu. Was soll man nun von einer Friedensliebe, die Europa zu eincni vollgestopften Pulverfaß, das jeden Augenblick zu platzen droht, macht, halten? Nicht der Freundschaft, dem Frieden, sondern dem Kriege und der Zwietracht zutiebe ziehen die Monarchen umher. König Eduard ging zu den österreichischen und italienischen Herrschern hin, um diese von Deutschland abzubringen und somit den Dreibund zu sprengen; Kaiser 'Nikolaus läd Kaiser Wilhelm in die finischen Gewässer ein, vielleicht mit der geheimen Absicht, den Dreibund zu lockern und den deutschen Kaiser zu bewegen, sich gegenüber dem Ucberfall Rußlands über Persien und der Knebelung des seit einem Jahre um seine Freiheit ringenden persischen Volkes neutral zu verhalten, und anderseits, um den englischen Freund, dem anscheinend das Vorgehen des befreundeten Barbaren gar nicht recht ist, einzuschüchtcrn. In seinem pessimistischen Ausblick in die Zukunft beim Bankett der Reich spreß konfercnz sagte Lord Roseber y u. a., ersehe für Europa keine andere Alternative als das Zurücksinkeu in Barbarei oder eine Katastrophe. — Wir meinen, daß das elftere wahrscheinlicher ist. Der Chauvinismus der Völker, die Partcileidenschaften, die Kliqueninteresscn sind dazu angetan, Europa zur Barbarei zurückzuführen. Daß uns Juden als unter den Völkern Europas zerstreut lebendes Volk diese traurige Perspektive ' für die Zukunft Sorge bereiten muß, braucht nicht erst gesagt zu werden. Für uns Juden ist jede zollbreite Zivilisation von unendlichem Werte; jede Barbarei dagegen setzt sich nicht nur in klaffenden Gegensatz zu den jüdischen Werten, sondern sie gefährdet.auch unsere Existenz. Spötter werden uns zurufen: Zuknnftssorgen! Mein wir meinen, daß das Heranbrechen der Barbarei bereits begonnen hat. Ganz ist sie ja von Europa nie gewichen! Und die offenen Auges sehen wollen, werden eine stetige Steigerung der Barbarei konstatieren können. Und noch mehr: wir spüren schon bereits die Spuren der Barbarei an unserem eigenen Volkskörper. Und siehe, die europäische Barbarei schickt sich bereits an, auch die Zukunft der jüdischen Nation zu bedrohen; die Zukunft der jüdischen Nation liegt in der Türkei, innerhalb der Muselmanen, und wenn der russische Barbar und seine Verbündeten gegen die Türkei wühlen und das benachbarte muselmanische Reich bereits bedro-> hen, so muß dies auch uns Sorgen bereiten. So die Lage. Wo ist aber der Ausgang? —n. Brief ans der Schweiz. Der „Wanderbettel"^ liegt den fortgeschrittenen jüdischen Gemeinden — namentlich seit den in den 80er Jahren begonnenen Verfolgungen in Rußland — derart int „Magen", daß man. in Deutschland gegen die angebliche „Schnorrer"-- Plagc zu ntitunter sehr drastischen Mitteln (Politische Polizei) glaubte greifen zu müssen» was natürlich zu einer heute nicht mehr absehbaren Reihe harter und willkürlicher Maßregeln führte» die den Nameit „Jüdisch" schände». Dieses Beispiel einer durch und durch aiilijüdischen Armenpflege-Reform» wie sie iit gewissen deutsch-jüdischen Gemeinden gehandhabt wird» hat min die Mehrzahl unserer Delegierten zum Schweizer. Jsr. Gemeiiidcbund, dessen Tagung ich in Nr. 18. d. Bl. besprochen habe» angereizt» ein „Reglement des Verbands Schweiz. Israel. Armenpflegen" vorznlegen, das der Delegjertentag als letzten Punkt der Tagesordnung beriet und provisorisch zum Beschluß erhob. Was enthält nun dieses „Reglement"? Vorab: die einen Verband bildenden einzelnen israel. Jlrmeupslegen zwecks Ausübung der Wohltätigkeit gegenüber den Passanten nach einheitlichen Grundsätzen zu regeln und dem W a nd et» bettet z n ft eitern. Das ist der obligaie erste „Pferdefuß." Die Grundsätze, nach welchen bei Ausübung der Hülfstätigkeit verfahren lverden soll, lassen sich in folgenden Sätzen zusammenfassen: 1. Niedergelassene (d. h. die gleichen» mit Ausnahme der rein politische Rechte besitzenden Eingeborenen) Hülssbcdürftige sollen von einer auswärtigen Armenpflege nicht direkt unterstützt werden. 2. Gewohnheitsbettler dürfen nicht in's- Jnnere der Schweiz oder . on Ort zn Ort - befördert werden» sondern sind direkt bis an die Grenze oder über diese hinaus (sic!) abznschieben. Dieser ungeheuerlicher Satz (Mas) ist der Kern des ganzen Reglement, dem gegenüber die sämtlichen übrigen Bestimmungen sekundäre Bedeutung haben. Um den „Gewohnheitsbettler" von den andern „Bettlern" (denn das ist ja jedes unverschuldet arm gewordene Jndividumn, das Unterstützung begeht!) herauszufinden, gehört vor allem ein angeborenes oder anerzogenes Talent für Svionenriecherei. Der Verband müßte daher» wenn er seinen Zweck erreichen Witt» einen qualifizierten Polizeispitzel (es muß das nicht gerade ein Azefs sein) engagieren. Wie der selige Kardinal Richelieu sagte: „Man gebe mir beliebige zwei geschriebene Zellen» dann will ich den Antor an den Galgen bringen" — so könnte der Verband mts jedem ursprünglichen »Bettler", selbst bei gewöhnlichen Jnterpreialionskünsten, einen „Gewohnheitsbettler" konstruieren; denn jeder könnte zufällig» wie. das sich häufig ereignet, von Zeit zn Zeit sein Unterstützungsgesuch wiederholen, dann ist der „Gewohnheitsbettler" fix und fertig! Selbstredend fehlt auch im ,Berband" nicht die nnjüdische „Schwade Liste." Wenn in dieser, die, wie ich annehme, viele Hunderte Namen enthält, nur zehn „Unschuldige" denunziert werden» so hat sie — int Geiste unseres erhabenen Urvaters Wraham — ihre Existenzberechtigung verwirkt. Und daß jene Liste mehr als zehn „Gewohnheitsbettler" ausweist, deren einziges Verbrechen unverschuldetes Elend ist.