Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 21 (4.6.1909)
- Date
- 1909-06-04
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Arankfurker JsraeMWs Familrenblakt. Rr. 21. Freie zu kommen, müssen in ihrem Wintcrncst bleiben, tveil nunmehr auch ihnen die freie Natur h e r ni e t i s ch verschlossen ist. Die Kiewer Au s g ew i e s e n e n sind bereits alle obdachlos. Manch einer hat sich bereits in der Verzweiflung das Leben genommen und seine Familie dem Elend überlassen. Die Schikanen sind aber auch gar zu schlimm. Hier de» Fall eines in RibinSk wohnenden Juden, der von Beruf Handwerker ist und außer dieser Beschäftigung noch eine Sodawassersabrik besitzt. Der Neuangekommene Polizeimeister wies diesen Juden sofort aus mit dem "Behaupten, daß er seinem Handwerkerbcrufe nicht nachgehe. Seine Frau als Hebamme, hat auch das Wohnnngsrecht; aber das alles nicht beachtend, verwies ihnen der Polizeimeistcr die Stadt Ribinsk und gab den beiden Töchtern der Bedauernswerten, die das Gymnasium besuchten, sogar n u r 4 T a g e Frist. Der Dumaabgeordncte Elektoff appellierte an den Polizcinieister. Letzterer antwortete, daß er nicht im Stande sei, zu helfen, riet aber, sich an den Senat zu wenden, und zwar auf telegraphischen! Wege. Doch das Resultat war, daß der Senat die telegraphische Bitte unbeachtet ließ. Elcktoff wandte sich wiederum an den Polizeimeister, aber er erhielt wieder eine abschlägige Antwort. Die Lanze Faniilie mußte auswandern und den Bettelstab ergreifen. — Der gleiche Fall war mit einem Schüler der sechsten Klasse des Jaroslalvcr Gymnasiums. Für ihn verwendete sich der Deputat Kurakin, aber auch rcsultatlos. Auch aus den Dörfern, wo noch Juden wohnen, jagt inan sic jetzt heraus, und alles drängt sich in die paar Städte. Zwar hört man jetzt nichts inchr von den greulichen Niedermetzlungen, „Pogrome" genannt, aber diese Niedcrmetzlungen werden ans eine andere Art betrieben. Jeden Tag hört man von Totschießen einiger Juden auf den Straßen. Erst vorige Woche, auf dein Wege von Jskirost nach Shitoinir, erschoß man 4 Inden, die auf einen Jahrmarkt fuhren, und raubte deren Habe. Die Mörder sind fast immer Bauern. I. I. Braun. Palästina. Jerusalem. Im. 1. Quartal dieses Jahres wurden in der Poliklinik des Vereins „Lemaan Zion" 2479 diverse Kranke und 3141 Augenkranke bchaudelt. Von russischen Emigranten wurden 21 init den nötigen Summen zu ihrer Existenzgründung unterstützt; 7 Waisenkinder, deren Eltern in russischen Pogronicn gefallen waren, wurden init Wäsche versehen, um deren Aufnahme in Waisenhäusern zu ermöglichen. Außerdem wurde 23 Personen durch entsprechende Beiträge Arbeitsmöglichkcit gegeben. Für 3 Lehrlinge wurde Lehrgeld bezahlt. Auch für Krankenunterstützung >var der Verein vielfach in Anspruch genommen, und verabfolgte derselbe an 179 Personen Bruchbänder, Brillen usw.; 72 Personen wurden leihweise mit Krankenutenkilien versehen. Die Apotheke verfertigte in diesem Zeitraum 2459 Rezepte. Dank der durch den „Lemaan Zion" nach hier gesandten größeren Posten Serum (mehrere 100 Flaschen ä 4.— JL) sind es Gott sei Dank nicht allzuviele Todesfälle, die infolge der grassierenden Genickstarre eingetretcn sind. Es war in manchen Fällen wunderbar zu sehen, wie von den Aerzten bereits aufgegebenc Patienten sofort nach Einspritzung des Serums das Bewußtsein wieder erlangten und nach und nach als vollkomnien geheilt entlassen werden konnten. Der „Lemaan Zion" war die einzige Stelle, von welcher das Serum in größeren Quantitäten gratis verabfolgt wurde; von anderer Seite war dasselbe nur gegen Zahlung von Fr. 10, eine für arme Kranke unerschwingliche Summe, erhältlich. Eine genaue Statistik über die Krankheitsfälle ist nicht möglich aufzustellen; soviel ist jedoch sicher, daß von den Hunderten an der Epidemie Erkrankten mindestens 60 o/o durch die Serumbehandlung geheilt wurden. Ende April waren noch etwa 60 Personen von der Krankheit befallen, von denen 37 im Bikur Chaulim-Hospital, 15 im Mischgab - Ledaer - Hospital und zwei im Schaare Zedek-Hospital interniert waren. Die durch den Verein Lemaan Zion begründete Augenklinik, die während der Abwesenheit des Herren Dr. Erlanger aus kurze Zeit geschlossen war, stellte einige 20 'Betten dem Bikur Cholim-Hospital für die von der Genickstarre Befallenen zur Verfügung. Demnächst wird Herr Dr. Erlanger seine schwere Tätigkeit in der Augenklinik wieder aufnehmcn. Wie notwendig diese Einrichtung für bas heilige Land ist, erhellt aus den zahlreichen Konsultationen, die von Herrn Dr. E. nicht inehr allein bewältigt werden konnten, sodaß noch zwei Aerzte zur Assistenz hinzugezogen werden mutzten. Die Besuche zählten im August vorigen Jahres 5700, im September 7200 und im Oktober 6100. Durch die geradezu enorme Tätigkeit des „Lcmaan Zion" auf diesen verschiedenen Gebieten sind seine Mittel vollständig erschöpft, und ein Fortbestehen der Augenklinik und ihre Weiterentwicklung ist nur möglich, wenn der Verein durch die Opferwilligkeit unserer Glaubensgenossen tatkräftig unterstützt wird. Die Tochter des Kardinals. Historische Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung). Vierzehn Tage ioaren verstrichen. In dem sonst so stillen Schlosse der Familie Turnek hatte in der letzten Woche reges Leben geherrscht. Die beiden Söhne der Verblichenen, die Grafen Arnulf und Kurt von Turnek, waren am dritten Tage nach dem Hinscheiden ihrer Mutter eingetrossen und hatten durch reitende Boten alle Verwandten und Freunde zur Beisetzung der Verstorbenen in der Gruft ihrer Ahnen laden lassen. Und von allen Seiten waren die Geladenen herbeigeströmt, denn die Domäne Turnek gehörte zu den reichsten des Landes, und mit den Reichen fühlt ein jeder sich gern verwandt. Die zahlreichen Näumlichkeiten des Schlosses vermochten die Menge der Tranergäste kaum zu fasse», die Feier war großartig gewesen, und der nach der Beisetzung übliche Leichenschmaus hatte alles übertroffen, was die Gäste hätten erwarten können, der reiche Weinkeller des Schlosses war nahezu geleert worden. Jetzt war cs wieder still geworden in dem weiten Gebäude; die aus der Ferne gekommenen Fremden waren abgereist, und die in der Nähe wohnenden Verwandten und Freunde ließen sich nur hin und wieder bei den jungen Leuten ans dem Schlosse sehen. Arnulf und Kurt waren bereits mündig, hatten jedoch beide die Mitte der Zwanziger kaum überschritten. Sic waren gutherzige junge Leute, die ihre Mutter aufrichtig geliebt hatten. Gleich nach ihrer Ankunft hatte ihnen der Verwalter die Schlüssel übergeben, die er unmittelbar nach dem Ableben der Gräfin an sich genommen hatte, denn er war nicht nur ihr Verloalter, sondern auch in allen geschäftlichen Angelegenheiten ihr langjähriger treuer Berater gewesen. Sie hatten, seiner Aufforderung entsprechend, die Schränke und die Lade, worin die Verstorbene ihre Papiere und ihre sonstigen Kostbarkeiten auszubewahren pflegte, durchsucht, ob nicht vielleicht eine schriftliche Bestimmung vorhanden über ihre Bestattung, doch sie hatten nichts derartiges gefunden, auch kein rechtsgiltiges Tcstainent, sondern nur den nicht ganz vollendeten Entwurf zu einem solchen, au dem die Dahingeschiedene an dcni letzten Abend ihres Lebens gearbeitet hatte. Sie hatten das Schriftstück damals nur flüchtig durchgelesen, aber sie hatten einander das Wort / gegeben, daß der wenn auch nicht rechtsgiltig ausgesprochene Wille ihrer Mutter ihnen heilig sein sollte. Und nun, nachdem die Fremden sie verlassen und sie sich zum ersten Mal wieder allein befanden, saßen sic im Boudoir der Verstorbenen und studierten eingehend deren letztwilligc Verfügungen. Sie hatten auch den Verwalter hinzugezogen, der die Absichten der Dahingeschicdenen vermutlich besser kannte als die Söhne. Schloß Turnek war kein Majorat, das Verinögen der Familie war ausschließlich das Eigentum der Gräfin gewesen, denn ihr Gatte hatte sein reiches Erbe vollständig vergeudet. Ihr zweiter Sohn Kurt aber glich seinein verstorbenen Vater auffallend, auch war er etwas leichtfertiger als der mehr ernst angelegte Arnulf, und obgleich ihr auch von ihrem Jüngsten keine Exzesse bekannt geworden waren, so glaubte sie doch wohl zu tun, ihn in gewisser Beziehung von seinen! Bruder abhängig zu machen. Sie hatte daher das Schloß mit allen dazu gehörigeu Liegenschaften ihrem Aeltesteu bestimmt, niit der Verpflichtung, dem Bruder alljährlich eine bestiinmte Summe zu zahlen; das vorhandene, nicht unbeträchtliche Barvermögen sollte jedoch zwischen beiden gleichmäßig geteilt werden. Eine nicht unbeträchtliche Summe hatte sie der Kirche vermacht, jedem ihrer Leute hatte sie den Lohn eines Jahres als Verniächtnis bestimmt und den Wunsch ausgesprochen, daß sie sämtlich im Dienst der Familie bleiben möchten. Nur in Bezug auf ihre Kammerfrau hatte sie das Gegenteil als ihren Wunsch geäußert. Sie hatte es nämlich als wünschenswert bezeichnet, daß Arnulf den Dienst quittieren und unter Leitung des lang bewährten Verwalters das Gut persönlich verwalten möge, dabei hatte sie des schon öfters besprochenen Projektes seiner Verheiratung mit seiner Cousine, der Baronesse Euphemia von Hols erwähnt und bemerkt, sie wünsche nicht, daß Euphemia ihre bisherige Kammerfrau Annemarie in ihren Dienst nehme, dieselbe wäre vielmehr nach ihrem Ableben mit Auszahlung eines Jahrcslohnes sofort zu entlassen. Sinnend blickte Arnulf auf das Schriftstück, das in kräftigen Zügen die Handschrift seiner Mutter zeigte; wiederholt fuhr er sich mit der Hand über die Stirn, als wolle er die auf derselben lagernden Falten aus mechanischen! Wege entfernen. „Unsere Mutter hat es sicherlich gut mit uns beiden gemeint; — aber ich finde, daß die darin ausgesprochenen Wünsche keineswegs bindend für uns sein müssen. — Es ist das Ganze doch nur ein Entwurf, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß die Dahingcschiedene selbst noch manches daran geändert haben würde." „Das mag ja sein," entgegnete Kurt, „aber tatsächlich haben wir ja doch hier ihren letzten Willen — oder sagen wir meinethalben ihren letzten Wunsch. — Und abgesehen davon, daß uns derselbe heilig sein muß, ich wüßte nicht, was wir daran ändern wollten — es ist alles mit überaus großer Ueberlegung ausgesprochen." „Nun ja freilich, ich glaube, unsere Mutter hat in ihrem ganzen Leben nicht ein einziges unüberlegtes Wort gesprochen, geschweige denn geschrieben." „Nun also, was ivillst Du?" „Ich will garnichts, aber ich erscheine durch diese Bestimmungen Dir gegenüber im Vorteil, das drückt mich." „Darüber brauchst Du Dir keine grauen Haare wachsen zu lassen," versetzte Kurt lachend, „wenn Du auch nach oberflächlichem Blick bevorteilt scheinst, so bin ich dadurch doch keineswegs benachteiligt — int Gegenteil —" „Im Gegenteil? — Das verstehe ich nicht." „Das ist doch nicht schwer zu verstehen; ich finde, daß unsere gute Mutter uns merkwürdigerweise durch und durch gekannt hat — und daher ihre in Wirklichkeit weisen Bestimmungen, durch die ich doch in jedem Falle für mein ganzes Leben versorgt sein iverde, während ich ohne diese Bestimmungen, wer weih wie bald, mit meinem Erbteil fertig sein würde." Der Verivalter nickte ihm lächelnd zu. „Ihr habt eine seltene Selbsterkenntnis, Graf Kurt, und wisset die vorsorgende Liebe Euerer Mutter hochherzig anzuerkenncn." „Ja, wenn Ihr auch dieser Ansicht seid, dann muß ich mich freilich drein fügen. Aber saget mir, Werner, was hat denn die Annemarie verbrochen, daß unsere gottselige Frau Mutter ausdrücklich bestimmt, daß sie nicht im Dienst der Familie bleiben soll?" Der Verwalter zuckte die Achseln. „Die Bestimmung hat mich auch überrascht. Aber wahr jst's, die Annemarie ist ein boshaftes Frauenzimmer; doch hätte ich nicht geglaubt, daß sie das die hochselige Gnädige hat merken lassen. — Aber, wie gesagt, der Hochseligen hat inan nichts zu sagen brauchen, die hat so alles gemerkt und alles gewußt. — Und da wisset Ihr doch, seit nahezu anderhalb Jahren hat die Hochselige an den schrecklichen Anfällen gelitten, die Doktoren in Wien, in Roni und überall, wo sie gewesen ist, haben ihr dabei nicht helfen können, nur der hiesige Doktor, wenn der zu einem Anfall gerufen worden ist, keine zehn Minuten hats gedauert, oft nicht einmal fünf Minuten, und es war gut. Da könnt Ihr Euch doch denken, daß die Gnädige große Stücke aus ihn gehalten.hat. Aber die Anneniaric — immer hat sie auf ihn geschimpft, weil er ein Jude ist. — Und gar in der letzte«? Woche, da hat er die Medizin durch seine Tochter hergeschickt und die hochselige Gnädige hat gesagt, das Kind soll zu ihr hereinkommen, und hat eine Freude mit ihm gehabt. — Die Annemarie hat gesagt, es wäre unglaublich und geflucht hat sie und gewettert, die Juden wollten sich hier einnisten, und ich weiß nicht, was noch alles — und immer hat sie gesagt, der Gottseibeiuns müsse dahinter stecken, denn 4o was ginge nicht mit rechten Dingen zu. Aber ain letzten Tag, — da — ich kanns nicht leugnen, da sind mir auch die Haar zu Berg gestanden —" (Fortsetzung folgt.) Kaiser Friedrich Qnelle — Offenbach a. M. - Gegen Gicht and EheumatiBmuB bewährt. Wochen-Kalender. (Zeitangaben nach dem Luaeb.) Samstag, dm 5. Juni (— 16. Siwan): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 45 Min. Sabbat-AuSgang in Frankfurt a. M. 9 Uhr 30 Mn. in Berlin S Uhr 20 Min. Wochenabschnitt: Behaalaus'cho. — Die Weihe der Leviten, die, nachdem diese ihr Haar geschoren und ein Opfer dargebracht hatten, durch Ahron selbst geschah. Die Borbereitungszeit für den Dienst währte fünf Jahre, vom 25. bis zum 30. — Der goldene Leuchter soll sieben Lichter tragen, täglich gespeist von reinstem Olivenöl, ein Bild des reinen Gottesgeistes und Thoralichts, das stets in Israels Mitte strahle. — Wer durch einen Unfall verhindert gewesen, am 14. Nissan das Pesachopfer zu bringen, der darf zum Ersatz ein solches am 14. Jjar bringen. Auch dieses sogen. Pesach- Scheini muß mit ungesäuerten Broten und bitteren Kräutern genossen werden. —. Die Zugsordnung