Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 21 (4.6.1909)
- Date
- 1909-06-04
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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€eth 3 Nr. 21. . Frankfurter Israelitisches Familienblatt. den Prinzipien sich von der innern Politik und von jeder Tat, die das religiöse Empfinden des jüdischen Volkes verletzt, fern 511 halten, als einziges Ziel, die durch, den Umschwung in der Türkei ins Reich der nächsten Möglichkeit gerückte endliche Befreiung zu befördern und durch alle legale Mittel zu beschleunigen. Mit einem Bankett zu 156 Gedecken war der erste Tag zu Ende. Der zweite Tag brachte unter anderen wichtige Anträgen zur Hebung der Presse, Ausbau der -Organisation usw., auch den bemerkenswerten Beschluß, ejnen besoldeten Nationalfonds - Kommissär ins Amt zu nehmen, dem die wichtigsten Agenden dieses Instituts übertragen sein sollen. Es war nach all diesen Vorgängen nur natürlich, daß unserer Landeszentrale Vertrauen votiert und ihr ferneres Verbleiben in der Leitung als selbstverständlich angenommen wurde. Die Begrüßungsdepesche an den König und Herrn David Wolffsohn wurde erwidert, und vom ganzen Land wie auch von der deutschen und österreichischen Landsmannschaft kamen Begrüßungsdepcschen und Wünsche sür gedeihliches Wirken der Tagung zur Verlestmg. Im Bewußtsein, ein Stück jüdische Geschichte nicht nur miterlebt, sondern aizch mitgcmacht zu haben, gingen die Delegierten nach Absingung der Hatikwa auseinander. Budapest, 1. Juni. Z i 0 n i. Versammlung zwecks Gründung eines Verbandes der jüdische» Jugendvcreine Deutschlands (B. d. j. I. D.) Berlin. 30. Mai 1909. Im Namen der „Großloge 11. 0. 8. B ", die die Versammlung ciuberufen hatte, begrüßt Geheimrat M a r e tz k i die Versammlung, indem er die Ziele und Zwecke des neu zu gründenden Verbands auseinandersetzt und der Freude Ausdruck gibt, eine stattliche Zahl von Vereinen aus allen Teilen Deutschlands (etwa 45 Vereine hatten Deligierte entsandt) vertreten zu sehen. Der Sprecher der Großloge weist insbesondere darauf hin, daß — sobald das Büro konstituiert sei — die Grotzloge und die anderen Organisationen, die wie der „Zentral - Verein deutscher Staatsbürger jüd. Glaubens" dem zu gründenden Verband ihre Unterstützung leihen wollen, jede direkte Einwirkung auf die Verfassung und die Tätigkeit des Verbands vermeiden, vielmehr alle gesunde Selbstverwaltung des zu gründenden Verbands befördern werden. — Weitere Begrüßungsansprachen hielten: Professor Philipp so n sür den „Deutsch-Israelit. Gemeindebund", Professor Dr. B l u m c n t h a l für den „Zentral - Verein", Eugen K a tz sür den „Verband der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur" und Dr. S. Moses für den „Bund jüd. Korporationen". Das Büro wurde nach langen Debatten dermaßen zusammengesetzt, daß Dr. Apfel-Cöln, zum ersten Vorsitzenden gewählt, zum zweiten Vorsitzenden Felix Meyer -Frankfurt a. M., und zu Beisitzern Fischer- Hannover, Stern- Halberstadt und Dr. Rosenkranz- Berlin berufen wurden. Der Gang der Verhandlungen selbst wurde durch zahlreiche Geschäftsordnungs-Debatten gestört. Der von einem vorbereitenden Ausschuß vorgelegte Statutencntwurf wurde einer sehr ausführlichen Erörterung und Beratung unterzogen; von zahlreichen Vereinen lagen Abänderungsanträge vor, vollkommene Gegeneutwürfe waren von Frankfurt a. M. (Montefiore-Berein), Hannover, Stettin und Freiburg eingegangen. Insbesondere die Frage, ob nur sogenannte neutrale Vereine oder auch solche bestimmter politischer (etwa zionistische) oder bestimmter religiöser (also etwa tendenziös liberale) Richtung aufzunehmen seien, beschäftigte die Versammlung lange Zeit. Schließlich wurde eine Bestimmung aufgenonimen, wonach der V e r b a n d nur d i e V e reine umfassen soll, die keinebestimmtepo - litis che oder religiöse Richtung haben. Eine erregte Debatte schloß sich an die Entwurfsbestimmung, wonach von Verbandswegen »ichts geschehen dürfte, was gegen das jüdischeReligionsgesetzverst 0 ß e. Nach einem energischen Hinweis der Vertreter des Frankfurter Montefiorevereins, daß die Aufnahme dieser Bestimmung in das Berbandsstatut die Vorbedingung für jegliche Mitarbeit des Frankfurter Vereins im Verband bedeute, wurde schließlich unter besonders lebhafter Bekämpfung seitens des jüdischen Jugcndbunds - Berlin mit allen gegen zwei Stimmen die bezügliche Entwurfsbestimmung zum Beschluß erhoben. An der Debatte, die sich dann über die Organe des zu gründenden Verbands verbreitete, beteiligten sich unter anderm die Delegierten Referendar Regens bürge r - Braunschweig, , Fischer- Hannover, Marx-Essen, Rechtsanwalt 'Herzfeld - Freibürg, Rechtsanwalt H 0 r 0 v i tz - Frankfurt a. M., Spanier - München, Dr. M a r c u s e - Stettin, Rechtsanwalt Löwenberg-Hannover, Pin tus- Nordhausen. Die Verhandlungen wurden von den beiden Vorsitzenden Dr. Apfel und Meyer, die nranche sachlichen und persönlichen Disferenzen ihrer Schärfe zu entkleiden hatten, geschickt geleike.t Nach etwa zehnstündiger Beratung traten dem Verband etwa 35 Vereine — mehrere unter Vorbehalt weiterer Entschließungen der Gesamtvorstände oder Generalversammlungen — bei. Auch der Frankfurter Verein, der größte der vertretenen Vereine, ließ durch den Mund seiner Delegierten nur den bedingten Beitritt erklären. Bei der Wahl des fünfgliedrigen Vorst andes wurden in diesen die Vereine Cöln, Frankfurt a. M., Berlin, Braunschweig, Hannover delegiert; mit beratender Stimme gehören dem Vorstand je ein Vertreter der Großloge und des Zentralvereius, welch beide Organisationen von seiten der Vertreter des Berliner Jugcudbundes im Laufe der Debatten offenbar ungerechtfertigte Angriffe zu erfahren hatten, an. Vor Schluß der Versammlung gab noch Felix Meyer- Frankfurt a. M. im Namen des Montefiore-Vereins einen Protest gegen das Verhalten des Berliner Jugendbundes, der die Delegiertenversammlung zu einem Ausflug eingeladen hatte, dessen Veranstaltungen der Entwurfsbestimmung bezüglich Wahrung des Religionsgesetzes widersprechen, zu Protokoll; diesem Protest schlossen sich etwa 15 andere Vereine an. Joseph Meyer. Aus den Geschehnissen des Tages. „Wie mit allem, so ist es auch mit dem Nationalismus: es gibt, wie einen berechtigten, so auch einen unberechtigten. Es gibt einen Nationalismus, der aus einer Gesinnung hervorgeht, die in demselben Maße, in dem sie sich für edel hält, eine niedrige Gesinnung ist. Das ist der Nationalismus derer, die ihre Nation schlechthin für eine besondere und unvergleichliche Art von Menschen halten, und die nicht merken, daß ihr Stolz auf die Nation, je größer er ist, nichts anderes als ein um so größerer Dünkel ist. .... Der berechtigte Nationalismus besteht in einem selbstverständlichen, nicht outrierten Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, in der selbstverständlichen, wohltemperierten und insbesondere lännlosen Anteilnahme an ihren Geschicken und daher auch in einer gewissen natürlichen Würde, die es vermeidet, der Gemeinschaft etwas zu vergeben . . . Man achtet den nicht, der sich selbst herabsetzt. Es ist da int internationalen Leben nicht anders, als im persönlichen: wer sich Fußtritten darbietet, der bekommt sie auch." So die „Frankfurter Zeitung" in ihrem Zlbendblatte vom 29. Mai. Wir möchten das vorgemerkt wissen für die Zeit, da die „Frankfurter Zeitung" wieder einmal den Juden das Recht verweigert, welches sie andern gewährt. /Denn auch der jüdische Nationalismus baut sich ans nichts anderem als auf dem „selbstverständlichen Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, auf der selbstverständlichen Anteilnahme an ihren Geschicken und auf einer natürlichen Würde, die es vermeidet, der Gemeinschaft etwas zu vergeben," auf. Eine andere Begründung kennen wir nicht für die jüdische Nationalbewegung unserer Tage, Zionismus genannt. Die Zugehörigkeit zum jüdischen Volke und die Anteilnahme an den Geschicken des jüdischen Volkes führen zum Zionismus, denn beide fordern für das um seine Existenz ringende.jüdische Volk diesen Weg als den einzigen, der möglich ist, wenn das jüdische Volk eine Zukunft haben will. Jede andere Begründung als die, daß wir als Volk leben wollen, ist zu verwerfen. Weil viele auf anderen Wegen zum Zionismus gekomnren sind, darunter krankt die Bewegung. Die Höherbewertung des jüdischen Volkes hat leicht tatenlose Phraseologie zur Folge, die Judennot und die in vielen Ländern brennend gewordene Judenfrage als Motiv für den Zionismus lassen ihn als eine Angelegenheit praktischer Politik erfassen, — und so leidet die Arbeit jedes einzelnen an sich selber, das Streben, selber ein ganzer Jude zu sein, jenes selbstverständliche Streben, das das einfache, gesunde Zugehörigkeitsbewußtsein zum jüdischen Volke geben muß. Aus aller Well. Deutsches Reich. Berlin. Der Ausschuß der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, veranstaltete ein Sitzung. In dem vom Vorsitzenden Prof. Dr. M. Philippson erstatteten Geschäftsbericht wurde das stetige Anwachsen der Mitgliederzahl, die seit Dezember (vorigen Jahres abermals um 100, von 1100 auf 1200, gestiegen ist, als ein deutlicher Beweis für die Wertschätzung hervorgehoben, deren sich die Gesellschaft /in immer weiteren Kreisen erfreut. Ferner teilte Dr. Staun» Breslau mit, daß der zweite Band der Gesammelten Schriften von David Kaufmann, deren erster Band seiner Zeit allseitigen Beifall gefunden hat, im Herbste erscheinen würde. Bon Schriften der Gesellschaft werden demnächst der zweite Band der Neuesten Geschichte des jüdischenVolkes von Prof. Dr. M. P h i l i p Pson. und die Systematische Theologie des Judentums auf geschichtlicher Grundlage von Rektor Dr. K. Kohler-Cincinnati die Presse verlassen; von dem ersten Band des Philippsonschen Werkes ist zurzeit eine Uebersetzung in jiddischer und hebräischer Sprache in Vorbereitung. — Hierauf erstatteten die Vorsitzenden der wissenschaftlichen Kommissionen ihre Berichte, wobei Rabbiner Dr. Guttmann-Breslau die Sammlung der agadischon Ba - raitot des palästinensischen Talmud von Berdyscewski-Breslau als erste druckfertige Arbeit des Corpus Tannaiticum vorlegte. . — Der Ausschuß bewilligte sodann eine größere Reihe von Subventionen im Gesamtbeträge von 2000 Jk, was ihm nur dadurch ermöglicht worden ist, daß Generalkonsul Franz Philippson - Brüssel, der der Gesellschaft schon zu wiederholten Malen sein tätiges Interesse bekundet hat, auch in diesem Jahre wieder ihr den Betrag von 4000 Jk zur Verfügung gestellt hat. Die Gesellschaft hat einen ausführlichen Prospekt ihrer sämtlichen Schriften herausgegeben, welche ebenso wie ihre Satzungen/sowohl von ihrem Büro (Berlin N. 24, Artilleriestr. 35 a), als auch von ihrem Verlage (Gustav Fock, lG. m. b. H., Leipzig) kostenlos zu beziehen sind. Berlin. In den letzten sechs Jahren traten in Berlin 910 Personen aus dem Judentum ans, und zwar 624 Männer und 286 Frauen. — Unter den 7543 Personen (5844 männliche und 1979 weibliche), welche 1907 in Preußen Selbstniord verübten, befanden sich 146 jüdische Selbstmörder. Diese Zahl ist gradezu erschreckend, denn während aus je 100 000 Christen 19,3 Selbstnlörder entfielen, kamen auf je 100 000 Juden 35 Selbstmörder. Bad Brückenau. Schewumts fand im festlich geschniückten Saale des „Hotel Kaufmann" die Einweihung einer Sefer-Thora statt, die vom Inhaber des Hotels zum Andenken an seine Mutter gestiftet und der Privatsynagoge des Hotels einverleibt wurde. Oesterreich-Ungar». Wien. Wie .Blochs Oeiterr. Wochenschrift" auS Sarajewo mitgeteilt wird, hat Bankier Josua Salom von maßgebender, autoritativer Stelle der Landesregierung die offizielle Mitteilung erhalten, daß die Juden von Bosnien und der Herzegowina zwei Mandate für den Landtag erhalten, und zwar eine Virilstimme, die des Oberrabbiuers von Sarajewo, und ein Mandat, welches die jüdische Kurie durch Wahl zu vergeben haben wird. Dieses erfreuliche Resultat ist dem Umstand zu verdanken, daß die seit Jahrhunderten angestrebte Einigung der sephardischcn und askenasischcn Juden Bosniens und der Herzegowina infolge der Bemühungen des Jüd. Gemeindebundes in Wien endlich erreicht worden ist. Me-erla«-e. Amsterdam. In Apeldoore wurde eine Israel. Zentral-Jrreuanstalt, die elfte derartige Anstalt, eröffnet. Es sprachen bei der Einweihungsfeierlichkeit Dr. S. v. Os, Minister Heemskerk, der Bürgermeister von Apeldoorn, der Oberrabbiner von Gelderland ufw. Rußland. Petersburg. Endlich einmal eine Ausnahme auf dem Ge biete der Judenbeschränkungen! Ein kaiserlicher Ukas hat nämlich das Verbot des kaukasischen Statthalters, das den Juden das Aufsuchen der kaukasischen Heilquellen untersagt, ausgehoben. Diese Abweichung vom allgemeinen gegen die Juden angewandten System glaubt man hier nicht allein aus materielle Rücksichten — die jüdischen Kurgäste bilden einen ergiebigen Einnahmeposten sür die staatlichen Quellen —, sondern auch auf politische zurückführe» zu müssen. Nach Bekanntwerden des statthalterlichen Verbots hatten die progressiven Fraktionen der Reichsduma eine Gesetzesvorlage unterbreitet, wonach die Mineralquellen allen Kranken ohne Unterschied der Konfession zugänglich sein sollten. So harmlos diese Vorlage auch seiu mochte, so würde sie doch voraussichtlich eine Aufrollung der Jndenfrage in ihrer Totalität zur Folge haben und als Gesetzesantrag auch die ohnehin von Kriseschauern geplagte Regierung zu einer prinzipiellen Stellungnahme hcrausfordern. Um nun dieser Klippe aus dem Wege zu gehen, entschloß man sich im Kabinett nach dem Grundsatz des Fortwurstelns, einmal eine sozusagen liberale Entscheidung zu treffen. Shitomir. Die hiesigen reichen Juden, die mit dem Einzüge des Frühlings ihre sieben Sachen sür das Daszaleben zusammenlegten, um in das