Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 20 (28.5.1909)
- Date
- 1909-05-28
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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€>eftt 16. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. - Nr. 20. erwarb er sich in weiteren Kreisen einen Ruf durch seine Tätigkeit für die Regelung des höheren jüd. Schulwesens, und so kam es, daß er 1867 vom Kultusminister Eötvös als Regierungskommissärnach Kaschau entsendet wurde, wo im Schoße der Kultusgemeinde zwischen den Orthodoxen und Reformern Streitigkeiten ausgebrochen waren. -.Die Separierung der Orthodoxen machte er nicht 'mit; seine Gemeinde blieb eine Status - quo - Gemeinde. '1880 wurde er als Oberrabbiner nach Prag berufen. Hier führte er ein orthodoxes Regime ein und hatte bald eine gerichtliche Klage von 38 Fleischhauern wegen des Verbotes gewisser Fleischsorten gegen sich; seine Autorität siegte aber, und es gelang dem anfangs heftig befehdeten Manne durch seine großen geistigen Gaben, seinen makellosen Charakter, sein reiches Wissen und seine ungewöhnliche rhetorische Befähigung, die Verehrung auch seiner grundsätzlichen Gegner -zu gewinnen. 1889 wurde er als Nachfolger des Oberrabbiners Stern nach hier berufen, und auch hier hat er durch den Adel seiner Persönlichkeit und Lurch seine hinreißende Beredsamkeit in allen Kreisen der Gemeinde unumschränkte Verehrung sich erworben: Unter seiner Führung haben sich die altberühmten Einrichtungen der Hamburger Gemeinde auf ihrer Höhe erhalten und sind weitergediehen. Die Beisetzmig Oberrabbiner Hirschs gestaltete sich zu einer überwältigenden Kundgebung. Es sprachen: Rabb. Dr. Hirsch-Karolinenthal als Sohn, Rabb. Dr. R. A. Nobel, Dr. B. Levy, -Hermann Sumpertz, Rektor Dr. Hoffman«-Berlin, Dr. Bendiner-Prag und die Schwiegersöhne Rabbiner Dr. Jacobson -Gnesen lmb Rabbiner Dr. Ehrentreu- München. Aus -er zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Im Büro des Jüd. Nationalfonds gingen ein: AuS Büchsen! Rote Radler 2.50 M Fam. Rosenheimer 5.25 „ A. Lewisohn 1.25 „ Abba Ettlinger 6.96 „ N. N. 6.— „ geift 0.72 „ E. M. 0.87 „ 23.55 JL Ferner: A. Sulzbacher-Mainz anl. der Marmizwoh seines Sohnes 5.— JL Jaques Marx, Basel einen Oelbaum für Herr« Aron Baer und Frau, Cöln 6.— „ Bei der Expedition gingen für den Nationalfo«ds ein: Dr. Forschmann gratuliert Herrn Dr. Jehuda Marschak, Petach - Tikwah, zur Verlobung mit Frl. Lina Gottlieb, Frankfurt a. M. 1.— JL Familie S. H. Goldman» gratuliert' zur gleichen Veranlassung 1.— JL Berti«. Der Palästina-Kommission der Zion. Bereinigung für Deutschland (Chärlottenburg, Bleibtreustraße 49) ist es gelungen, mit der Leitung des Oesterr. Lloyd ganz bedeutende Ermäßigungen für Reisen von Triest nach Egypten und Palästina zu vereinbaren, und zwar einen Nachlaß von 30°/» für Fahrten in der 3. Klasse der Syrischen Linie und in der 4. Klasse der Eillinie und von 25°/» in der 3. Klasse und in der 2. Klasse der Syrischen Linie. Wie«. Der zion Reichratsabgeord.Dr.Straucker wurde in Anerkennung seiner Verdienste um die Bukowina und die Landeshauptstadt Czernowitz zum Ehrenbürger von Czernowitz ernannt. — DA 1- Wiener Jüd. .^urnverein beschloß, "seinen bisherigen ObmBln Dr. Ludwig Werner in das goldene Buch des Nationalfonds eintragen zu lassen. Dr,' Werner stand während eines Jahrzehnts dem Vereine vor und hat jetzt wegen Arbeitsüberbürdung sein Amt niedergelegt. Das Ende eines Hanswursts! (Novelle.) (Fortsetzung). „Und wovon soll ich denn leben," schrie niich Herr Wolf blaurot an. Dann aber schmetterte er mir als vollgiltiges Argument für die an ihm begangene Niedertracht entgegen: „Sie hat doch ihr Kleidergeschäft, wozu braucht sie also noch Weine? Uebrigens hat may ihr die Agentur gar nicht angeboten. Sie hat sie sich durch Ränke und Kniffe erschlichen. Der Reisende war zuerst bei mir und hat sie mir ««geboten. Wer dann hat ihn die Braude zu sich hereingeluxt und ihre Töchter haben ihm hofiert. „Seien Sie so gut" hier und „Seien Sie so gut" dort. Und so — und so schädigt man und beraubt man mich von allen Seiten." .Eine Weile war es ganz still im Garten. Eine Katze lief den Zaun entlang, um durch einen Spalt im Nachbargarten zu verschwinden. Wolf, der sonst so gemütliche Wolf, schaute in stummer Verzweiflung auf den Boden, was eine große Brummfliege jedoch nicht hinderte, sich ihm auf die Nase zu setzen. „Was aber' das Schlinunfle ist," begann Wolf von neuem, indem er mit einer energischen Handbewegung die Fliege aus ihrer behaglichen Ruhe ausscheuchte, „meine alten Kunden beginnen mir untreu zu werden. Man reißt sich nach den Brandeschen Weinen, als ob sie 'ein Mittel wären. Tote lebendig zu machen. Sogar der Papa, von dem ich es nie erwartet hätte, hat zwölf Flaschen bei ihr bestellt. Zwölf Flaschen Wein," wiederholte Wolf, und auf seinem Antlitz malte sich dabei eine sittliche Entrüstung, als ob sich mein Vater eines schweren moralische» Vergehen? schuldig gemacht hätte. „Ich weiß es aus ganz bestimmter und zuverlässiger Quelle. Du brauchst ihn gar. nicht zu verteidigen," fügte er rasch hinzu, als er merkte, daß ich etwas erwidern wollte. Und der kleine, kugelrunde Mann bedachte gar nicht, wie naiv und kindlich eigentlich sein Egoismus war, bedachte nicht, daß die Brande Witwe war und mehrere Kinder zu ernähren hatte, und daß sie mit vollem Recht bei meinem Vater auch einen Anspruch auf Unterstützung der kleinen Geschäfte, mit denen sie sich durchs Leben schlug, geltend machen durfte. „Wer sic sollen sehen, daß ich nicht mit mir spaßen lasse." Hier stand Wolf auf und stellte sich in Positur, wie es etloa Mirabean getan haben mag, als er seine berühmten Reden in der französischen Nationalversammlung hielt. „Sie sollen sehen, daß ich nicht mit mir spaßen lasse. Ich werde Weine kommen lassen, gegen die die ganze Konkurrenz hier am Platze, die Braude an der Spitze, nicht wird aufkommen können. Ich werde sie mit 90 und 80 und 70 Pfennigen verkaufen. Ich werde mich mit Bordeaux und Lyon in Verbindung setzen. Ich werde noch heute telegraphieren, daß man sofort eine größere' Sendung an mich abgchcn lasse. Ich werde es soweit bringen, daß die Leute geradezu gezwungen sind, von mir zu kaufen. Ich bin gewiß ein gutmütiger Mensch. Wer die Braude soll sehen, wessen sogar ich' fähig bin, wenn man mich aufs äußerste reizt. Sie will mich ruinieren, um so — so—." Bei dem letzten vielsagenden „so" hielt Wolf inne. Anscheinend scheute er sich, den Satz zu Ende zu sprechen. Einige Sekunden blickte er verloren die Kante des Gartentisches an, bis er halblaut vor sich hinmurmelte: „Ja, ich handele eben in der. Notwehr." Und nachdem er so alle auffleigenden Gewissensbisse siegreich niedergekämpft hatte, griff er rasch nach seinem Hut und eilte — wie jemand, der eben einen großen Entschluß gefaßt hat und dessen Körper noch bis zur letzten Fiber davon durchzittert ist — so schnell als seine Körperschwere es gestattete, von hinnen. * * * Die lange Rede Wolfs hatte aus mich einen großen Eindruck gemacht. Wenn man zwölf Jahre ist, ist/man ja, gottlob! noch nicht in der Lage, Pose von natürlicher, wesensreiner Art zu unterscheiden. Bei jedem der vielen, sich wie Sturzbäche einander folgenden „Ich werde" schien mir Wolf um Haupteslänge zu wachsen. Ich hatte ihn bisher einzig und allein von der gutmütigen Seite kennen gelernt, und bei niemand verliert man bekanntlich durch allzu große Nachgiebigkeit so sehr an Respekt als bei Kindern. Daß er sich auch entrüsten, daß er sogar versteckte Drohungen ausstoßen konnte, hätte ich nie von ihm erwartet. Ich begann Wolf mit ganz anderen Augen zu betrachten. Er war nicht mehr für michder Hansnyrr, der Tolpatsch, an. dem man ungestraft seine dümmsten Witze anslassen konnte, sondern eine Respektsperson wie jeder der andern „Großen". In der Nacht, die dieser plötzlich mit mir vorgegangenen Umwandlung folgte, hatte ich einen seltsamen Traum. Ich sah Wolf in einer mit vier Pferden bespannten Equipage durch die Straßen unserer Stadt rasen. Dem Kutscher, einem buckligen, weißhaarigen Männchen, das fortwährend koboldartig vor sich hinkicherte und dabei wie von Sinnen auf die von oben bis nute» mit Schaum bedeckten Tiere einschlug, rief er mit nach vorne weisendem Finger ununterbrochen zu: „Schneller, schneller." Dies sagte er mit eineni ganz eigenartigen, gutturalen Klang in der Stimme. Plötzlich sauste der Wagen mit voller Wucht gegen einen Prellstein und ging in Trümmer.- Aber Trümmer, Kutscher und Pferde verwandelten sich im Nu in einen Regen von Silberflocken, die den völlig heil gebliebenen Wolf irrwischartig umflatterten. Dieser lies schnurstracks durch ein paar Gassen und kam schließlich an einen großen Platz, der ganz mit wirr durcheinander liegenden Fässern gefüllt war. Auf eins dieser Fässer sprang Wolf behende hinauf, griff in die ihn unablässig umspringenden Flocken, aus denen in seiner Hand dickbauchige Weinflaschen wurden, und begann damit ein gegenüberliegendes Haus zu bombardieren. Jeder Wurf schlug Bresche in das Gebäude, um dessen First brandrote Lettern tanzten, die zusammen den Namen „Braude" ergaben. Und je wilder das Bombardement Wolfs wurde, um so gespenstiger wurden die Bewegungen der den First umtanzenden Buchstaben. Daun erfolgte auf ein Mal eine furchtbare Detonation. Der Platz und das Haus und die Buchstaben und Wolf schienen in einen Abgrund zu versinken. Immer tiefer und tiefer und tiefer, bis — — bis ich in Schweiß gebadet erwachte und merkte, daß ich nur geträumt 'hatte. Am Tage darauf war ich Zeuge folgenden Gesprächs: „Man sollte es nicht glauben. Und doch beruht die Geschichte völlig auf Wahrheit." „Er hatte sich also in sie verliebt? — —" „Gewiß. Und so lange sie hier war, ist er ihr unablässig wie ein Schatten gefolgt. Er hat sogar Gedichte auf sie gemacht, die er ihr ins Haus schickte." „Was Sic sagen. Wolf — hat Gedichte gemacht." Ich horchte auf. Also der Manu, von dem ich bereits nachts träumte, und der, wie ich überzeugt war, demnächst der Urheber einer „Revolution in Weinen" in unserm Städtchen sein würde, war auch ein Poet. Die Streiche, die ich mir in früheren Tagen mit..ihm erlaubt hatte, fingen an mich zu bedrücken. Ich stellte mir damals unter Poeten halb irdische, halb göttliche Wesen vor, die auf dem Olymp wohnten, Ivo sie die Augen in ständiger Verzückung zum Himmel gerichtet hatten und von den Musen mit Nektar und Ambrosia ernährt wurden. (Fortsetzung folgt.) Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Wehmütig mußte es einen Jeden berühren, als bei den jüngsten „Nausch-Chaudesch"-Benschen in der Synagoge der aus „religiösen Bedenken ausgetretenen" Gemeinde der Vorbeter den „Jehi rozaun" mit lauter Stimme vortrug nnd in herzergreifender Weise die Worte sang: „Chajim schethi bonn ahawas tauroh." Wehmütig, weil diese dem religiöse» Gefühle des Beamten entsprechende Herzlichkeit in so starkem Widerspruch steht, zu der Handlungsweise der Gemeindeleiter, welche geradezu das „Lernen" unterdrücken. Seit 12 Jahren findet ein täglicher, regelmäßiger „Gemoroh -Schiur" bei dem Gemeinde- Mitglied N. .statt, in welchem ein russischer „Ben tauroh" vorlernt. Zu diesem sagte der Vorstand: „Als guter Freund rate ich Ihnen, nicht weiter mehr zu Herrn N. zu gehen." Zieht man in Betracht, baß, veranlaßt durch Denunziationen von jüdischer Seite, schon wiederholt Ausländer polizeiliche Ausweisungsbefehle erhalten hatten, so war der „Rat des guten Freundes" leicht zu verstehen. N.. ist das einzige Haus in Wiesbaden, in welchem ein regelmäßiger Schiur abgehalten wird. Leider sind hier nur einzelne Deutsche, welche hin' und wieder einen Schiur besuchen, und da sich nach Bekanntwerden dieser freundschaftlichen Mahnung von den vielen hier loohnenden Ausländern nur wenige noch trauen, das Haus des Herrn N. zu betreten, so liegt die Befürchtung nahe, daß der e in z i g e Gemoroh- Schiur Wiesbaden's eingehen muß. Ist nun schon das Mittel verwerflich, die Schwäche der an sich schon geplagten Ausländer sich zu Nutze zu machen, so gibt es für ein solches Vorgehen der Führer einer orthodoxen Gemeinde überhaupt, keinen parlamentarischen Ausdruck.*) Wiesbaden 23. Mai 1909. P l o n i. *) Trotzdem vorstehende Zeilen von sehr vertrauenswerter Seite geschrieben sind, hoffen wir, daß es sich um eine mißverständliche Auffassung handelt, denn anders wäre es ein gradezu unerhörtes Vorkommnis. Die Redaktion. SPRACHEN Uebersetzungen ln alle Sprachen. Nationale Lehrkräfte. Naiserstrasse 31. Mr .Percy Gill’s Institut Bereins-Kalender. Sanistag. Verein M c k o r - C h a j i m, 12 Uhr, im Hörsaal Friedberger Anlage: „Menanras- Hamoaus"-Vortrag (Kantor Steinberger); Uhr, Schützenstraße 2: Mikro-Vortrag (Her,nanu Gvldschmidt). Wir bitte» unsere Leser, ihre» Bedarf uuter Bezugnahme auf «User Blatt bei unsere« Inserenten zu decke«. Fraukfurter Israel. Familieublatt. /