Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1909-05-28 · Heft 20 (28.5.1909) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 20 (28.5.1909)
Date
1909-05-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2692297-2692614-2692634--04729-2699566
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

p, Ht. 20 des Frankfurter IsmMWlm FamÜMklattes. Soziale Hygiene bei de« Juden.! Vvn Dr. Gustav Löffler (Frankfurt). | (Fortsetzung). Einer der Hauptstützpunkte für diejenigen Bibelkritiker, die viele Borschristen für das Alltagsleben des Juden als Produkt sozialhygicnischer Bestrebungen ausfassen, war von jeher das jüdische Speisegesetz. Auch Eisenstadt pflichtet dieser Anschauung bei, wenn er rneint „Mose lag daran, das Fleisch "solcher Tiere zu empfehlen, welche keine Krankheitskeimc, Bakterien oder Parasiten usw. enthalten", oder wenn er schreibt, daß „die Trennung der Fleisch- und Milchspeisen den für die Magcntätigkeit notwendigen Pausen, vielleicht auch der Verhütung einer Kohlchydratzersetzung im Munde" gelte. Gewiß bleibt der die Speisegesetze befolgende Jude vor manchen Gefahren (Trichinose, Vergiftung durch Wildpret, Darmtuberkulose infolge Genusses von Fleisch perlsüchtiger Kühe) bewahrt, und insofern war dies Gesetz allezeit von tvcittragcnder sozialhygienischer Bedeutung für die Judenheit. "Allein der Zweck des Verbotes so marrcher Speisen ist tvohl auch tvieder auf ethischen! Gebiete zu suchen. Der Grundgedanke der Spcisevorschriften dürfte der sein: Der Jude soll sich durch Vermeiden des Genusses von Fleisch wilder und unreiner Tiere in Wald, Feld, Haus und Wasser — und wild und unrein sind alle verbotenen Tiere! — vor eigener Verwilderung und Verrohung betvahren. Diese, mir vor langer Zeit von einem frommen, jüdischen Gesetzeskenner gewordene Deutung der Speisegesetze imponierte mir umsomehr," als es einem Ztveifel wohl nicht unterliegen dürfte, daß unser Triebleben nicht nur vvn Trank oder Trunk, sondern auch von manchen Speisen eine Abhängigkeit zeigt. Im Prinzipe das Gleiche tvic gegen Eisenstadts Auffassung von dem Zwecke der Speisegcsetzc habe ich gegen seine Deutung des Ruhegebotes am Sabbat als einem im Sinne der Berufshygiene gegebenen Gesetzes einzu- Ivenden. Worauf Eisenstadt seine Meinung stützt, „minutiöse Vorschriften der Hände- und Kleiderdesinfektion" seien als Maßnahinen der öffentlichen Gesundheitspflege" zu Mojis Zeiten schon geboten geioesen, weiß ich nicht recht. Daß Eisenstadt diese Maßnahmen als zu Mosis Zeiten geübt auffaßt, sagt er zwar nicht an dieser Stelle; aber ich kann nur annehnren, daß er seinen Schluß aus den Bibelstellen zieht, in denen von den Waschungen der Priester t und von der Räucherung des Lagers durch Aron nach einer Pestepidemie die Rede ist. Bei»» besten Willen jedoch kann ich diese Maßnahmen nicht für wirksame oder beabsichtigte Desinfektion halten. Mußten wir somit im Vorhergehenden Eiscnstadt energisch opponieren bei seinen Versuchen, einen große».Teil des jüdischen Religionsgesetzes nach Ursprung und Zweck auf sozial-hygienische Erwägungen znrückzuführen, — so gehen wir andererseits einig mit ihm, wenn er annimmt, daß diese Gesetze recht wohl eineni Systenr der öffentlichen Gesundheitspflege zur Grundlage dienen könnten. Von dieser Erkenntnis waren zweifelsohne auch, bereitsdie Weisen des Talmud durchdrungen, und es ist sicher, daß sic bei Anslegung der erwähnten religiösen Gesetze auf deren Bedeutung für. die. Gesunderhaltung des Volkes hinwiesen. Darum ist ihnen und in hervorragendem Maße auch Maimonides ein hohes Verdienst um die praktische Durchführung und theoretische Begründung volksgesundheitlicher Maßnahmen zuzumessen. Die auf die Gesundheit bezüglichen Lehren des Talmud und Maimonides sind vor allem geeignet, die Ernährung und das Geschlechtsleben der Juden, wie überhaupt der Menschheit, vernunftgemäß zu gestalten. Was die. sexualhygicnischen (d. h. das Geschlechtsleben regelnden) Vorschriften betrisst,'so imponiert Eisenstadt daran vor allem die Empfehlung der Frühheirat, durch die ihm nicht nur Kinderreichtum und damit cinhergrhend Wahrung der jüdischen Rasse, Vermeidung von Geschlechtskrankheiten und Prostitution gewährleistet erscheinen, sondern auch höheres Alter, länger anhaltende körperliche Frische und selbst Sinn der Zusaminengehörigkeit mit den Glaubcnsbrüdern. Ob die Frühheirat allein in den Zeiten vor der Inden-Emanzipation dies alles zu wirken vermochte, darüber dürste schwer zu diskutieren sein, wenn auch Zweifel in Bezug auf einige Momente am Platze sind. Indes, was wichtiger ist, — mich dünkt, bei Rühmnng der jüdischen Sexualhygiene verdienen besondere Hervorhebung die das Ehclcben betreffenden Bestinimungen. Darauf hier näher ciiizugehen, scheint mir aus „pädagogischen" Rücksichten nicht angebracht; deni Wissenden genügt ja die Andeutung. Die oben 'skizzierten Prinzipien der bei den alten Juden gebotenen und befolgten sozialhygienischen Maßnahmen will nun Eisenstadt, wie schon der Titel seiner Arbeit andcutct, zu neuem Leben erwecken und — bereichert 11m verschiedene moderne und modernste Errungenschaften, >vie Vegetarismus und "Abstinenz von alkoholischen Getränken, Pslege von Sport, obligatorische Muttcrschaftsvcrsicherung — auf die heutige menschliche Gesellschaft übertragen wissen. Wenn ich Eiscnstadt recht verstanden habe, so denkt er bei seinen Reformvorschlägen an die Gesamtheit der Menschen, an die Judenheit speziell nur an den Stellen, wo er ihre Sonderverhältnisse hervorhebt. Eine Erörterung über die Eisenstadt'schen Ideen, soweit sie die Allgemeinheit im Auge haben, scheint mir an dieser Stelle nicht angezcigt, zumal sie zu weit führen würde. Wir »vollen vielmehr noch sehen, inwielveit d'e nach Eisenstadt'schen Plänen ausgebaute altjüdische Sozialhygiene auf die heutige Judenheit anwcndbar ist, >vv das Programm Eisenstadts einer Einschränkung und >vo einer Ertvciterung bedarf. (Schluß folgt). Mordechai Zewi Mane. (Jjar 5Ü19 — Jjar 5669). Die hebräische Literatur, die bei der hervorragenden Intelligenz unseres Volkes die reichste an der Zahl ihrer Priester und somit auch an dem Grade ihrer Produktivität sein sollte, besitzt in der Gegenwart nur ein kleines Häuslein von Arbeitern und Pflegern. Den größeren Teil raubt uns tagtäglich die stärkere Umgebung, die bei unserem unnatürlichen Zustand in der Diaspora immer die obsiegende Macht bleiben muß; der Rest, der im Lager bleiben und an dem teueren Gut der eigenen Nation festhaltcn und Mitwirken möchte, »vird uns durch die rauhe Hand des Todes entrissen. M. I. L e b e n s o h n, M. I. F e i e r b e r g, I. B e r - schadski, Jehude Stcinberg, Meidanik, K a tz e n c l c n b o g e n usiv., »vie frische Frühlingsblumen ivurden sie einer nach dem anderen abgepflückt. — Eine solche zarte Blume, die herrlich aufschoß, prachtvolle Blüte» entfaltete, segensreiche Früchte verhieß, plötzlich aber abgebrochen »vurde, »var auch Mordechai Zewi Mane. Aehnlich dem seiner Fach- und Leidensgenossen' war auch sein Lebensschicksal so einfach, so allbekannt, — und doch so tragisch. Er hatte eben unter denselben sozialen und materiellen Bedingungen wie die übrigen hebräischen Schriftsteller zu leben und zu leiden. Der Sohn eines armen Thorarollenschrcibers »vurde M. Z. Mane in dem kleinen Städtchen Radoschkoivitz (Gouv. Wilna) geboren, genoß eine freudenlose Jugend, eine armselige Erziehung und fand in seinem armen Batcrstädtchen keine» Platz für die Entfaltung seiner geistigen Kräfte. Denn der junge Mane »var außerordentlich begabt; Vie Gefühle seiner schönen Seele offenbarten sich in de» Klängen der Poesie und dem Farbenspiel der Malerei: er »var zugleich poetisch und malerisch veranlagt. Da ging er nach Wilna, diesem sogen. Jerusalem Litauens, dem damaligen Zentr»nn jüdischen Lebens und jüdischer Bildung. Hier hatte der Jüngling gar vieles zu erdulden; einige Jahre lernte er und litt, litt und lernte. Endlich wurde es ihin durch die Unterstützung seitens einiger Freunde der Kunst möglich geinacht, auf die Petersburger Kunstaladcmic zu konunen. In der Konkursprüfung vor der Aufnahme ging er aus der großen Zahl der Examinanden als einer der »reuigen siegreich hervor. In den wenigen Jahren, die er in Petersburg zubrachte, entfaltete sich fein doppeltes Talent, und er wuchs als Maler und Dichter heran. Jedoch die schlechten Jugend- und die Wilnaer Leidenchahre hatten ihre unverwischbaren Spuren in seiner körperlichen Konstitution hinterlassen, — und so starb der junge, unglückliche Dichter als Opfer!der ihn schnell verzehrenden Schwindsucht. M. Z. Mane »var eine überaus zarte, feine, naiv und ästhetisch veredelte Natur. Alle seine Gedichte tragen auf sich den Stempel der Innigkeit, der Unschuld und Seelenharmonie. Mane weiß nichts von weltumstürzenden Problemen zu singen, sein Gemüt wird nicht von Zweifeln und Weltschmerzgesühlen zerrissen; es fehlen ihm der himmelhohe Schwung und die unbändige, im weiten Weltall herumschivirrende Phantasie; seine Gedichte sind vielmehr der Erguß eines gefühlsüberströmten kindlichen Herzens. Sieht er die Herrlichkeiten der Früh« lingSnatur, — dann „singt er, »vie der Vogel singt"; der Schmerz des Lebens und der Jammer der Welt entreißen seiner Brust weiche, zarte Wehklagen; die freridigen Momente des Lebens entlocken seiner Leier Jubeltöne; und die Liebe zum Leben und die Furcht vor dem nahe bevorstehenden, von ihn» vorausgesehenen Tode stinimen seine Seele zu sanften. schmerzlich - traurigen, sehnsuchtsvollen Klängen. Das Zarte, Weiche, Sehnsuchtsvolle kommt bei Mane wie bei keinem anderen zum Ausdruck; das Subjektive des Lyrikers äußert sich bei ihm in verstärktem Maße. Mane ist auch der erste und einzige Dichter, bei dem wir eigenartige Gedichte finden, worin er der heißen Liebe zu seinen Eltern Ausdruck gibt. In diesen Gedichten zeigt er sich in seiner ganzen Naivität, in der ganzen Unschuld seines Herzens; cs ist die Kinderliebe, die Elternanhänglichkeit, die Seelenintimität eines Dichters. Merklvürdig ist es, daß wir bei Mane, der doch in der stnrmbeivegten Zeit der ersten Pogrome und der darauffolgenden Palästinabewegung lebte, keine Produktionen finden, die diesen großen nationalen Ereignissen gewidmet sind. Der gefühlsstarke Poet hatte keine Worte gefunden, um das Leid seiner Nation und deren Hoffnnngeir zu besingen. Das kann sich nur aus der ausgeprägten Subjektivität unseres Dichters erklären; er faßt nur das, was ihn nahe angeht, was ihn irgendtvie unmittelbar berührt, — für höhere, allgemeinere Fragen ist seine kinderhafte Seele nicht disponiert. Erst wo die allgemeine nienschliche oder nationale Frage sich mit seinem persönlichen Wohl und Wehe kreuzt, da zeigt sich der Dichter in seiner ganzen Stärke. Am meisten hat er es in seinem Schwanenlied: „Masfraß Nafsch i" (Mein Ideal) getan, in dem die ganze Glut seiner sehnsüchtigen Seele, seines lechzenden Herzens, seines »nächtigen Strebens nach dem Lande der Bäter, wo er Heilung für seinen kranken Körper und seine kranke Seele zu finden hoffte, zutage tritt. „Ulai gam ath, gain oni — jachdow n o s ch u w o s l I ß ch i j o" — Vielleicht leben wir beide (der Dichter und das heilige Land) wieder auf. Der kranke Dichter strebt nach dem teueren Boden, tvo sichere Heilung für ihn vorhanden ist, der aber auch für sein arines Volk das einzige Heil in sich birgt. Auch die Prosa Dianes trägt den Charakter des Naiven, Zarten, Aesthetischen. In Prosa hat Mane meistens kurze Whandlungen über Kunst und Poesie geschrieben. Seine Anschauung über die diesbezüglichen Frage» ist eine rein idealistische. Die Kunst in allen Aeußerungsforinen ist nur dazu da, um die sittlich - »noralischen Instinkte im Menschen zu ivccken und zu veredeln; der Künstler bezw. Dichter ist für ihn — getreu seiner eigenen Lebensführung — das Sinnbild des Reinen, Edlen und Sittlichen. Hochinteressant ist auch die Briefsammlung Mane's. In seinen Briefen und Brieschen können wir die Entwickelung, das Leiden und Streben des Dichters von Anfang bis zürn Ende verfolgen. Hier schüttet er seine naive Seele, wie sie ist, vor i»ns aus. Sei» Stil und seine Ausdrnckstoeise sind hier wie in seiner Prosa überhaupt, weich, anziehend und farbenreich. Es ist natürlich unmöglich zu sagen, was der etwa siebcnundzwanzig Jahre alt gewordene Dichter für die hebräische Literatur geworden Ware. Ohne Zweifel hätte er in seiner späteren Entwicklung einen Ehrenplatz neben »»nseren großen Dichtern eingenommen. Doch das wenige, das er in seine»» kurzen Dasein geschaffen hat, war originell genug, um ihm ein ewiges Gedächtnis in unserer Nationalliteratur zu sichern. L. S—o. Aus der Lehrerwett. Hamburg. Oberrabbiner Markus Hirsch, dessen Verscheiden wir in der vorigen Nummer »neldetenj wlirde am 20. Schewat 1833 in Tiszabö (Ungarn) als Sohn eines Rabbiners geboren. Der Frühverwaiste besuchte mehrere ungarische Jeschiwaus und ging dann nach Prag, wo er die Universität besuchte »»nd sich bei dem gefeierten Oberrabbiner S. I. Rappaport in seinem jüdischen Wissen fvrtbildete. 1855 trat er seine erste Rabbinerstelle in Karczag an, wurde dann Rabbiner iw seiner Vaterstadt Tiszabö und 1861 Oberrabbiner der altangesehenen, bedeutenden Gemeinde Alt-Ofen. Während der 28 Jahre seiner dortigen Amtierung 48

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.