Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 20 (28.5.1909)
- Date
- 1909-05-28
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. UrNckhirker UrlüeMM AMWeMM. ' Nr. 2V. - Annemarie zuckte die Achseln. „Freilich weiß ich, was die Gnädige von ihm gehalten hat, und unser Herrgott weiß es auch, darum ist doch alles so gekommen. Denn der Doktor ist ein Jud, und die Juden haben den Heiland gekreuzigt." — Inzwischen rannte Rabbi Jizchak in rasendem Lauf den Schloßberg hinunter, seiner .Wohnung zu. Sollte es, konnte es denn wahr sei»? — sein Kind, sein Eins und sein Alles, das er vor wenigen Stunden frisch und blühend verlassen hatte, das sollte er nicht mehr antreffen?.— Unmöglich! — Unmöglich! — Endlich hatte er seine Wohnung erreicht. Er stieß die Tür des ersten Zimmers auf und trat ein: ohne die Anwesenden zu grüßen, blickte er suchend um sich. „Wo?", stammelte er, „wo?" — „Eure Tochter ist drinnen, Rabbi Jizchak, sic liegt drinnen auf dem Ruhebett.". Ein halblautes Aechzcn entrang sich seiner Brust, er schwankte weiter zu der Tür des anstoßenden Zimmers, wagte aber nicht, dieselbe sofort zu öffnen. „Gehet nur hinein, Rabbi Jizchak," sagte einer der Anwesenden, „sie schläft nicht." Da öffnete er mit seinen zitternden Händen leise die Tür und trat leise ein. Tirza hatte ihn sofort bemerkt. „Vater!" jubelte sie, „Vater! — Gottlob, daß Du da bist!" Er stürzte auf sie zu und schloß sic in seine Arme, so fest, so fest wie noch nie im Leben. Mit einer gewissen Äengstlichkeit blickte sie lächelnd zu ihm auf. „Ich freue mich so, daß Du wieder da bist, Vater." Er fuhr zusammen und ließ sie aus seinen Armen. „Großer Gott! — ich habe Dir wehe getan? — Du bist verwundet? —" „Ach, unbedeutend, nicht der Rede wert, nur der Fuß ist verstaucht." * Er atmete sichtlich erleichtert auf. „Wenn's weiter nichts ist, wollen wir Gott danken; den Fuß werden wir schon wieder in Ordnung bringen. Was hast Du denn angestellt?" „Gar nichts habe ich angestellt, ich wollte nur die Medizin in's Schloß hinauftragen, aber es war. glatt, da bin ich ausgeglitten und gefallen. Ach, rück» jetzt fällt mir's erst ein, die arm^ Gräfin hat die Medizin gar nicht bekommen, di<DFlaschc ist zerbrochen. Du mußt ihr eine andere schicken, Väterchen. Bitte, tue es gleich; meinen Fuß kannst Du später ansehen, das eilt nicht." „Das möchte ich doch vor allein tun, denn die Gräfin gebraucht heute keine Medizin; ich war jetzt eben auf dem Schlosse, bevor ich heimgekommen bin. — Doch jetzt laß mich den Fuß sehen." »Iß erst, Väterchen." „Nein, ich will zuvor deir Fuß sehen." Er hatte bei diesen Worten die leichte Decke, die die alte Riwkah ihr auf die Füße gelegt hatte, zurück» geschlagen, die unbedeutende Berührung des gebrochenen Gelenks hatte ihr einen heftigen Schmerz verursacht, leise wimmernd sank sie zurück. Rabbi Jizchak preßte die Lippen aufeinander. „Armes Kind, ich muß Dir Schmerzen verursachen, aber der Schuh hätte längst entfernt werden müssen." „Sie haben es wollen, aber ich habe gefürchtet, sie würden mir zu wehe tun; — Du wirst mir nicht wehe tun." „Ich werde mir wenigstens Mühe geben. Dir so wenig als möglich Schmerzen zu verursachen." Er hatte bei diesen Worten rasch, doch vorsichtig durch wenige Schnitte mit einem scharfen Messer zuerst den Lederschuh entfernt und dann auch den leichten wollenen Strumpf; als er aber des gebrochenen Gelenkes ansichttg ward, da empfand der /baumstarke Mann zum ersten Mal inr Leben eine Art Ohnmachtsanwandlung. Der alte Schmul sah ihn erblassen, sah Schweißtropfen perlen auf seiner bleichen Sttrn. Rasch füllte der Treue einen Becher mtt feurigem Wein und hielt ihy dem Arzt an die farblosen Lippen. v „Trinket, Herr, dann wird'» besser gehen." Rabbi Jizchak entsprach der Aufforderung; dann nickte er dem Diener dankend zu. „Gib auch dem Kind einen Schluck, ich muß ihr wehe tun, leider! leider! — ich kann es nicht ändern." „Fürchte Dich doch nicht, Väterchen," sagte Tirza lächelnd, „ich bin nicht so wehleidig. Er erwiderte nichts, denn er mußte seine ganze Willenskraft aufbieten, um beim Einrichten des Bruches nicht zu zittern. Doch es gelang, und der Verband ward ihm schon leichter. Aber auch Tirza hatte sich wunderbar gehalten, sie hatte wohl bemerkt, daß ihr Vater kaum weniger gelttten hatte als sie, darum war ihr kein Schmerzenslaut entschlüpft, auch nicht das leiseste Wimmern. „Mein tapferes, kleines Mädchen," sagte er, als der Verband endlich fertig war und Tirza mtt halbgeschlossenen Augen vollständig erschöpft dalag. ,-Hast Du starke Schmerzen, Kind?" „Gar keine, Väterchen; nur so ein seltsam dumpfes Gefühl, das ich nicht näher beschreiben kann. — Aber jetzt mußt Du essen, lieber Vater, hier bei mir, willst Du?" „Wenn es Dir angenehm wäre, gewiß. — Schmul, Du könntest der Riwkah sagen, daß sie das Essen hier herein geben möchte." Fortsetzung folgt.) Auferstehung. Eine Schewuos - Skizze von Jacob Diamant. Dein Herz ist so leer. . . Alles — Liebe, Freude und Lebenslust — ist daraus geschwunden . . Das Erhabene, Dir immer so teuer Gewesene, Dein Heiligtum, Dein Glaube, geschändet, gewichen. . . Erst ei» Dämmern, ein Zweifeln, ein Ringen und Kämpfen. — — Dann . . . Nacht; — tote, von tiefem Dunkel uimvobenc Stacht — .... Wohin tragen Dich jetzt Deine Beine? — Du weißt cs selber nicht. . . Einsam, ziel- und gedankenlos irrst Du in dieser späten Stunde in den stillen, schlummernden' Straßen umher . . . . Nur die blasse Mondsichel begleitet Dich. . . . Sie schaut Dich voll Mitleid an ... . Und die kleinen, reinen Himmelsäuglciu versuchen, in die Deine zu schauen.... Slber sie. Deine, blicken düster, finster .... — — — — Die dichten, dunkeln Nebelmasscn an Deinem Horizont bilden eben Gestalten mit fcuersprühenden Auge». — Die Elenden! sie waren es ... . Sie näherten sich Deinem Reiche, Deinem kleinen, geborgenem Neste, dem Beth-Hamidrasch, Dir! . . . Sie schmeichelten, redeten Dir zu. . . . Und sic führten, verführten Dich hinaus, weit hinaus. . . Die Alten, Dein Vater, Deine Mutter baten, flehten, begossen Dich mit ihren heißen Tränen; — und sie siechten — . . und sie starben.- Und Du, — Dü lebtest! — mit ihnen, den Kameraden, — den „Bundesgenossen"!- Dü hörtest sie schwören: „Tot den Reaktionären, und — den Frommen!"-Und Du hörtest sie. verlachen, verhöhnen, verspotten und lästern Dein Heiliges, Deine Tauroh! . . . Deinen Gott! . . Und Dü sähest sie töten — schießen. . . und — geschossen werde». — — — Dann Entsetzen! . . . Verzweifeln! . . . und Flucht. . . . Du flohest. . . fort, fort. . — — Und jetzt :— Oede! . . Zerstörung! — . . . . Finsternis und Tot! . . Ja, und Tot. . . Empfindest Dü sdenn das Leben noch?! . . . Da — plötzlich . . . Strahlen, helle, glitzernde Lichtstrahlen.Sie brechen durch das Dunkel, Dein Dunkel. ... Du schaust aus Deiner tiefen Verzweiflung jäli auf... ein Bethaus! . . . ein kleines Bet- und Lehrhaus. ... In Deinem Innern ei» Aufleuchten! ... Es lichtet Dein nachtumflortes Herz . . . Und es lodert auf zu Flamme, zur großen, verzehrenden Flamme! Und Dü eilst. . . Du näherst Dich. . . . schmiegst Dich — Schutz suchend — an die Wand. Und Du horchst und lauschst. . . Es summt wie ein Singen, wie ein Weinen. . . wie ein Flehen ... so schauerlich weich und so süß. Habend. Es berührt sanft, heilend Dein krankes, wundes Herz. ... Und Dü lugst und spähst. . und Du siehst.-. sie lernen! so friedlich, so friedlich! . . . Auf ihren Gesichtern ein glückseliger, göttlicher Frieden. . . Frieden! .... O, welch ein herrliches Asyl!. Da — cs packt Dich .... gewaltsam . . . . unwiderstehlich. Es hebt Dich empor. . . und trägt Dich auf geheimen, unsichtbaren Schwingen. . . hinein! . . . Du schleichst sachte auf den Zehen. . . nngemerkt. . . hinter den Ofen. .-. . Hier — ein Zusammenbrechen! ein Auflösen . . . und ein Erlösen. . . . Dein Herz schmilzt,' und Du badest in Tränen. . . . Deine Lippen bewegen sich. . . . Du betest so heiß, so inbrünstig! . . . Und Du schluchzt so heftig, so heftig! .... - Dann schläfst Dü ein. . . Und da sichst Du ihn kommen, den bleichen Greis, Deinen verstorbenen Vater. Er umarmt und küßt Dich. . . — „Komm, mein Sohn! Dü sollst sie, die Tauroh, hc^ite von neuem empfangen!" — Und er geleitet Dich durch die Wüste züm grünen, tauslimmernden Berg. ... Da siehst Du das Blitzen! hörst den Donnerkeil. . . und die, laute Stimme: „Onauchi haschem Elauköchoh!" (Ich bin der Ewige, dein Gott!) — Dabei erwachst Du. . . erblickst das hohe, vom grünen Gerank umsponnene Alnicmor. die darauf ausgebreitete Taurohrolle . . . und Du hörst den begonnenen Vers — vollenden. . . Deinen Mund umspielt ein zufriedenes Lächeln. Dn erkanntest cs . . . Schewuos! .\ . . Kunst und Literatur. Schriften der jüdisch-hellenistischen Literatur in deutscher Uebersetzung unter Mitwirkung von mehreren Gelehrten, herausgegcben von Prof. Dr. Leopold Cohn. Erster Band. Die Werke Philos von Alexandrien. Erster Teil. Breslaü 1909. Verlag von M. u. H. Markus. Auf Anregung des Professors Chwolsohn in Petersburg haben sich eine Reihe bedeutender Gelehrten unter der Acgide des uin die Wissenschaft des Judentums sehr verdienten Professors Dr. Leop. Cohn zusammcngetan, die Literaturschätze der jüdisch-hellenistischen Periode aus dem Schutt ihres griechischen Urtextes zu heben und sie in einer deutschen Uebersetzung den wissenschaftlichen, wie den Laien-Jnteressenten zugänglich zu machen. Jetzt liegt der erste Band dieses Unternehmens vor; er enthält die Schriften des jüdischen Religionsphilosophen Philos von Alexandrien, mit dem eigentlich der. Eintritt der Jude» in die europäische Kultur beginnt. Seit der Erscheinung Lotze ist die Religionsphilosophie ivieder zum Range einer ernste» philosophischen Disziplin erhoben worden. Man beschäftigt sich heute in den philosophischen Seminarie» mit Religionsphilosophic wie mit jeder andern philosophischen Disziplin. Dieser Umstand, sowie das Factum, daß ernste Denker seit dem inncrn Zusamnienbruche des Materialismus den Ruf zurück auj Kant und Plato erschallen ließen, macht cs erklärlich, daß man sich heute wieder des Platonikus und des jüdischen Religionsphilosophen Philon, von. dem seine Zeitgenossen sagten: „Man weiß nicht, ob Philo platonisiert oder ob Plato philonisierte" erinnert. Zudem >vird noch Philo als der erste Bibelkritiker geschätzt, und heute. . . wird so viel an der Bibel herumkritikastiext. Freilich gehörte Philo nicht zu jener Sorte von Bibelkritikern,-— aber in jedem Falle paßte er in die heutigen Zeitströmungen. Nachdem Rabbiner Dr. Jakob Horowitz in einem wisse.rschaftlich sehr gründlichen und geistvollen Buche „Philon und Platon", das Verhältnis des jüdischen Philosophen zum griechischen Meister dargelegt und damit eigentlich auf die eigentliche Bedeutung Philos hingewicsen, wird heute die deutsche Ausgabe der Werke Philos, für die wir Prof. Dr. Leop. Cohn Dank schuldig sind, mit doppeltem Interesse aufgenommen werden. Das Buch ist gut ausgestattet, die Uebersetzung klar und korrekt, und der Druck ebenfalls klar. Interessenten, Biblophilen sei hiermit diese deutsche Ausgabe der Werke Philos aufs wärmste empfohlen. Maxime Le Maitre - London. Sitten und Gebräuche einer Judengasse. (Minhag Asch-Eisenstadt.) Geschildert von Dr. Alfred Fürst. Preis broschiert 1 Kr. Hildesheimer und Kutna, Zwei Rabbinen Eisenstadts. Von Dr. Josef Nobel. Szekesfehärvär (Stuhlweißenburg). Verlag der Eduard Singerschen Verlagsbuchhandlung. Bräuche alter Gemeinden in übersichtlicher Form kennen zu lernen, ist für uns westliche Juden sehr schwer. Denn die wenigen alten Gemeinden, die, der Ungunst der Zeiten trotzend, das Hereindringen des alles nivellierenden „modernen Zeitgeistes" zu verhüten wußten, liegen weit ab. Staunend hören wir erzählen von Zeiten, wo man noch schulklopfte, wo die Gasse noch Zeuge festlicher Aufzüge war. Zu den Gemeinden, die bis heute sich Sitte und Brauch der Väter zu wahren wußten, in denen das Leben sich noch eben so patriarchalisch abspielt, wie vor 100 Jahren, gehört das altberühmte Eisenstadt, das Haupt der Siebengemeinden, der Schema kehillaus. Zur Feier des 200jährigen Gedenktages der Neubegründung der Eisenstädter Gemeinde erschienen mehrere Schriften, die sich mit ihrer Geschichte befassen. Dazu gehört die schöne Würdigung der beiden letzten Eisenstädter Rabbiner, zweier Großer in Israel, Hildesheimer und Kutna, dazu gehört auch Dr. Fürst's „Sitten und Bräuche". In erschöpfender Weise schildert Dr. Fürst, wie die ausgezeichneten Tage des jüdischen Kalenders in Eisenstadt begangen werden, wie die Familienseshe und Trauertage sich in der dorttgen Judengasse abspielen; er gibt uns eine klare Uebersicht über das hochentwickelte Vereinsleben Eisenstadts. S. H. L., Prag. Kaiser Friedrich Quelle —— Offenbach a. M. ——■ — Gegen Gicht und BhemnatlBnms bewährt. Wohack llaioteKÄT“.”:;;. Inhaber: TW ftllftlZ. Perlen, Juwelen, Goldwaren. : Auf Wunsch Auswahlsendungen. ~ — m. 1.25