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Neue jüdische Presse · 1909-05-28 · Heft 20 (28.5.1909) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 20 (28.5.1909)
Date
1909-05-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Veite 2. T ' •fe-. i": I sie zu lesen. — An jedem Winkel die monströsen Annoncen in hebräischen Lettern, „Juden kaust". „Juden' 6 Shilling ein Paar Schuhe." — „Juden, for |d fix Pence ein Mittagessen, frische, warme Suppe, Juden, es ist kalt, eßt warme Supp'." „Juden, geht in das jüdische Theater, heint wird gespielt die Almono, Juden! ins Theater." „Juden, morgen ein großes zionistisches .Meeting in die Albert-Hall— Juden, wir müssen bekommen a Land, giebt Gell» for dem Nationalfond." — „Juden, billige Schiffskarten nach Amerika!" „Juden käust!" Dieses ungefähr der Inhalt der jüdischen Annoncen an den Straßenecken und Häuserfassaden von Whitechapel. Und im Herzen von Whitechapel, „in die Laue", stehen an 500 Wagen und Markttischc, und vor diesen Wagen und Tischen stehen Juden, alle und junge, und i schreien, halb heiser: „Juden läuft!" „Six Pence a Pfund Fleisch." „Juden, käust frische Butter!" „Juden, frisches Brot, Juden käust!" Und in der Gasse sitzen alle Frauen vor Riesenkörben und rufen fleißig: „6 Orangen for a Penny, 3 Zitronen for a Penny, käust, Inden, kauft!" — Parallel der Gasse haben Metzger, Milchhändlcr, Krämer, Buchhändler, Manufakturisten, Handwerker und Restaurateure ihre Zelle aufgeschlagen; jeder steht vor der Schwelle seines Zeltes, seines „Ladens", und ruft fleißig „Juden, läuft!" Und diese Rufe von den Kvrbfrauen, von den kräftigen Metzgern und schwindsüchtigen Schneidern und kreischenden Käsehändlern gießen sich zu einer Symphonie (ich danke) zusammen, zu einer Symphonie, die taub macht und die zur Flucht veranlaßt. „Juden, läuft!" Whitechapel. (Fortsetzung folgt.) Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Bon der Jugendfchriften-Kommission der Großloge für Deutschland VEI U. O. B. B. (Vorsitzender Herr Dozent Dr. I. Elbogen-Berlin) geht uns nachstehende Zuschrift zu: Infolge unseres zweiten Preisausschreibens vom März 1908' sind zwölf Arbeiten eingegangen. Das Preisrichter-Kollegium bildeten drei Mitglieder der Jugendschristen-Kommission: die Herren Richard Kaufmann-Stuttgart, Dc. Moses- Mannheim und Dr. Spanier-Magdeburg, sowie die Herren Lehrer Bacharach-Altona und Meyer-Lünen, die der verband der jüdischen .Lehrervereine im Deutschen Reich" ernannt hat. — Auf Grund der abgegebenen Urteile hat die Jugendschriften-Kommission 'in ihrer Sitzung vom 19. Mai l. I. beschlossen: 1. den II. Preis im Betrage von 500 Mark dem Verfasser des Kulturbilder „die schwarze Chaje" mit dem Motto: „Fürs Judentum" zu gewähren. 2. UI. Preis im Betrage von 300 JL dem Lebensbilde ,^Ludwig August Frankl" mtt dem Motto: „Durch Wort und Tat" zuzuerkennen. Verfasser war Herr Oberlehrer Dr. Eugen Wolbe- Berlin. Der I. Preis konnte keiner der Arbeiten zugesprochen werden. Die Autoren der nicht preisgekrönten Arbeiten werden ersucht, ihre Adresse dem Büreau der Großloge für Deutschland VIll U. O7 B. B. Wilhelmstraße 118, Ul. anzugeben, damit ihnen die Arbeiten zurückgesandt werden können. Berlin. In der Generalversammlung des hiesigen Lokalkomitees der Alliance Jsraelite Universelle erstattete Geh. Kommerzienrat Goldberger den Bericht, dem wir bezüglich des Umfanges des „Alliance"-Werkes folgendes entnehmen: Die Alliance besaß keine 1000 Mark, als sie 1862 ihre erste Schme in Marokko schuf. 1875 betrug die Zahl ihrer Schulen 24. In diesem Jahre schenkte ihr Baron Hirsch eine Million Francs zur Errichtung neuer Schulen in der.Türkei. Dank einem Legat der Frau Baronin Hirsch in Höhe von fast 16 Millionen Frcs. konnte die Alliance bis zum Jahre 1908 die Zahl ihrer Schulen auf 142 mtt 41 000 Schüler bringen. Im Jahre 1908 hat die gesainte Ausgabe für das Schulwerk kallein 2300000 Frcs. überstiegen, wozu die Gemeinden 900000 Frcs. beisteuerten, die Alliance 1400000 Francs hergab. Der stattliche Beitrag der meist armen Gemeinden zeigt besser als Worte, daß die Schulen den Wünschen der Bevölkerung entsprechen. — Neben den Schulen hat die Alliance 33 Lehrlingsanstalten für 1400 Knaben und Mädchen, außerdem zwei Ackerbauschulen bei Jaffa in Palästina und in Djederda bei Tunis, aus welchen beiden Anstalten 336 jüdische Landwirte hervorge¬ Frarüfikrter WrvÄitWes FamüienAatt. gangen sind. In zwanzig Vereinen ehemaliger Alliance-Zöglinge sorgen die früheren Schützlinge der Alliance für ihr ferneres Fortkommen. — Der Wert der Schulgrundstücke und Ländereien der Alliance in Bulgarien, Marokko, Tunis, Tripolis, Aegypten, Persien, in der europäischen und asiatischen Türkei beziffert sich auf 3Vs Mill. IFxcs. — Unter der Obsorge der Allianc stehen Wohlfahrts¬ und Wohltättgkeits-Stiftnngen, die reich genannt werden könnten, wenn der Bedarf nicht noch viel, viel größer wäre als die verfügbaren Mittel. Die Kosten des Erziehungswerks in Algier, in Oran und in Constantine werden von einige» Pariser Freunden bestritten. Die All.ance hat dafür aus eigenen Mitteln keine Aufwendungen zu machen, sie hat nur die Leitung. Ebenso untersteht der Leitung der Alliance das vonlder Familie Rothschild gestiftete Krankenhaus in Jerusalem, sowie das von der Baronin Edmond de Rothschild errichtete jüdische Krankenhaus in Safed. Der Alliance liegt ferner ob, im Auftrag der Familie Rothschild deren nach außerhalb, namentlich für Palästina Lesttmmte Almosen und Unterstützungen zu überwachen. Die Alliance unterhält weiter auf Kosten von Sir Edward Stern in London eine Klinik init Apotheke in Damaskus. Nach der von der französischen Gesetzgebung vorgeschricbenen Trennung von Staat und Kirche hat die Alliance auch jüdische Schulen in Paris übernehmen müssen, die fast ausschließlich von 'russischen und rumänischen Kindern besucht werden. Außerdcni ist die Alliance Inhaberin eines etwa 50000 Francs jährliche Erträgnisse bringenden Fonds, den ihr Herr Goldschmidt übereignet hat und der zu Stipendien für russische und rumänische Studierende dient. — Die Liste der mit der Alliance verbundenen Wohltätigkeitswerke ist mit dieser Aufzähluung noch keineswegs beendet. Erwähnt sei nur noch, daß die Alliance eine der reichsten und schönsten jüdischen Bibliotheken der Welt besitzt, die in einem eigenen Gebäude in Auteuil bei Paris untergebracht ist. Die Benutzung der Bibliothek ist nicht bloß an Ort und Steife gestattet, sondern kann auch durch Entleihung auf dem Korrespondenzwege 'stattfinden. — Abgesehen von .allen diesen Einzeletats sieht das allgemeine Budget der Alliance für das Jahr 1909 eine Gesamtausgabe von nahe an 2Vs Millionen Frcs. voraus. Berlin. Der .Verband der deutschen Juden" wird am 17. Oktober in Breslau seine dritte Hauptversammlung abhalten. Referate hierzu haben übernommen: Rabbiner Dr. Gutmann-Breslau, Justizrat Breslauer- Berlin und Justizrat Wolsf-Lissa. Berlin. Im ersten Quartal dieses Jahres erhielten folgende Stiftungen jüdischer Stifter die kaiserliche Genehmigung: „Fanny Liepmann Stiftung" mit 200000 Mark zur Unterstützung bedürftiger, besonders handarbeitender weiblicher Personen; Zuwendung der Witwe Berta Sobernheim geb. Joseph von 50000 JL an das städtische Kinderasyl „Schmidt- Gallisch-Stiftung, von 30 000 JL an das Kinderheim in Wilmersdorf; Zuwendung der verstorbenen Witwe Fanny Dorothea Cohn geb. Misch an die jüdische Gemeinde im Bettag von 65 000 JL zum Besten skrofulöser Kinder und für ein Stipendium, Zuwendung des Kaufmannes Jaques Sa - lomon an die jüd. Gemeinde von 12 000 JL für Unterstützungszwecke; Zuwendung des Landgerichtsrat a. D. Viktor Lion von 68 800 JL an die jüd. Gemeinde zu Gunsten der Gebrüder Lion'schen Sttjtung für schulentlassene Waisen; Zuwendung des Kaufmanns Max Mecklenburg an die hiesige jüdische Gemeinde im Betrage von 12 000 JL zur Errichtung einer Zimmerstiftung für die Altersversorgungsanstalt; Zuwendung der Witwe des Geheimen Kommerzienrats Becker geb. Isen- Heim für die jüdische Gemeinde im Bettage von 10000 Mark zu einer Stipendiensttstung für unbemittelte jüd. weibliche Personen; Zuwendungen der Witwe Marie Schultz geb. Piele im Bettage von je 10000 JL, zusammen 40000 JL, für das Elisabeth - Kinder - Hospital in Berlin, das Zenttaldiakonissenhaus in Bethanien, das Sankt Hedwig- Krankenhaus und das Krankenhaus der jüdischen Gemeinde; Schenkung des Korsettfabrikanten William Nenmann im Betrage von 20000 JL an das Emil Frommel-Heim und Schenkung des Kunstmalers Eduard Cohen in Frankfurt a. M. im Bettage von 10000 JL an die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums. München. Der kürzlich auf dem alten israelit. Friedhofe aufgestellte Grabstein des vor einem Jahre verstorbenen Arabicnreisenden und Sabäisten Dr. Eduard. Glaser ttägt eine eigenartige Inschrift. Die Inschrift ist nämlich — nach Professor F. Hammels Entwurf — in der Sprache und in den Schriftzeichen der alten Sabäer (des Volles des berühmten arabischen Landes Saba) nach dem Muster altsabäischer, größtenteils von Glaser selbst kopierter. Grabdenkmäler abgefaßt und lautet in wörtlicher Übersetzung: „Seele und Grab des Hussein ben Abdallah, des Forschungsreisenden aus Prag.. Es möge ihm 3£t 20 schenken der Herr des Himinels Wohlgefallen seines Herzens und Glück seiner Rechten." (Zum Verständnis sei bemerkt, daß Hussein ben Abdallah der Name war, unter dem Glaser, als mohammedanischer Priester verkleidet, seine gefährlichsten arabischen Expeditionen unternahm.) Der zu früh verschiedene Forscher hatte wohl nicht daran gedacht, daß die von ihm kopierten Grabinschriften dereinst als Mister für seine eigene dienen würden, so wenig wie die Priester und Gelehrten der alten Sabäer daran denken niochten, daß ihre Inschriften nach Jahrtausenden.im fernen, ihnen unbekannten Norden Nachahmung finden könnten. Stuttgart, 23 Mai. In den Connstatter Kuranlagen wurde heute das von Professor Hermann Bolz-Karlsruhe geschaffene Berthold Auerbach-Denkmal eingeweiht. Die' beiden, Söhne Auerbachs, Justizrat Auerbach-Berlin und Bankdirektor Auerbach-Breslau, waren anwesend. Der Auerbach-Biograph Dr. Anton Bettelhcim-Wien hielt die Weiherede, und Geheimrat Prof. Güntter, der Vorsitzende des Denkmals-Ausschusses, übergab das Denkmal in die Hände des Vertteters der Cannstatter Kurverwaltung Hofrat Dr. Mattes. Hardheim <Vaden). Als Ausdruck konfessioneller Einigkeit und besonderer Dankbarkeit für den toleranten Obcrhirten Herrn Erzbischof Thomas Nörber in Freiburg, früher Pfarrer dahier, widmete die hiesige jüd. Gemeinde deniselben anläßlich jüngster Firmung einen sinnreichen Willkommengruß in hebräischen und deutschen Lettern, verfaßt von unserem Lehrer Wertheimer. Für diese Ehrung drückten sowohl der ehrwürdige Kirchensürst, als auch der Ortspfarrer an öffentlicher Stelle in ehrenden Worten ihren Dank ans. Oesterreich-Uugaru. Wien. Der Kustos der hiesigen Universitätsbibliothek Dr. S. Frankfurter ist zur außerordentlichen Verwendung ins Unterrichtsministerium berufen worden; erwirb. dem Unterrichtsminister über jüdische Knltusangelegenheiten zu referieren haben. Mit dieser Berufung ist eine bemerkenswerte Neueinrichtung geschaffen worden. — Der Jude Dr. Heinrich Fries, Schwieger, sohn des verstorbenen Abgeordneten Arnold von Rappaport, hat unserem antisemitischen Bürgermeister 10000 Kr. zur Verteilung an Arme ohne Unterschied der Konfession — das heißt selbstverständlich bei uns in Wien: mit Ausschluß dev Juden — übergeben. Brünn. Die Operette »Ein Herbstmanöver", die am hiesigen Stadttheater zur Aufführung gelangt, erregt infolge ihrer antisemitischen Tendenz in allen anständig denkenden Kreisen Entrüstung. Der jüdische Reservekadett Wallerstein führt sich an der Spitze einer Kompagnie auf der Bühne ein — mit krummen Beinen, langer Nase, gezücktem Säbel, den er trotz eifrigster Bemühungen nicht in die Scheide zu bringen vermag, und er zeigt sich in seiner Hilflosigkeit außerstande, sich dem Gespötte seiner Kompagnie zu entziehen. Bei der Aufführung kain es zu lebhaften Pfuirufen. Budapest. Die unter starkem Polizeiaufgebot vorgenommene Verbringung einer Truppe russischer Inden in den Arrest er - regte hier peinliches Aufsehen. Mit dem aus Odessa lo»,inenden Personenzug waren nämlich 45 jüdische Familien angekoinmen und da diese nicht nachzuweisen verniachten, daß sie über die nötigen Reisemittel verfügen, wurden sie auswaggoniert und in den Arrest gebracht. Die Polizei gestattete den Auswanderer», an den Vorstand der Budapester israelitischen Genieinde eine Deputation zu entsenden, um eventuell von dort Hilfe zu holen. Da jedoch die jüdische Geineinde für solche Zwecke keine Fonds hat, blieb die Hilfe von dieser Seite aus. Einige Mitglieder der Börse veranstalteten eine Kollekte und intervenierten bei der Polizei, die beschlossene Abschiebung der Auswanderer an die russische Grenze auf einige Tage zu verschieben, da man hofft, mittlerweile die nöttge, allerdings nicht geringe Summe aufbringen zu können. Personalien. Berlin. Geh. Regierungsrat Prof. Dr. Adolf Pinn er, der verdienstvolle Chemiker, ist im 67. Lebensjahre gestorben. Pinner war am 31. August 1842 zu Wronke geboren. 1867 erwarb er an der hiesigen Universität den Doktorgrad. Vier Jahre später trat er in den Lehrkörper der Universität ein, dem er ununterbrochen und seit 1878 als außerordentlicher Professor angchörte. Daneben wirkte er seit 1374 als Lehrer an der Tierärztlichen Hochschule. 25 Jahre war er Mitglied der technischen Deputatton im

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