Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 20 (28.5.1909)
- Date
- 1909-05-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ivankfrtrker fmnilirnlilutt. 1 Redaktion und Geschäftsstelle: Frankfurt 2. M.. vilbelerstraße 4/6. Ecke Lleichstraße Telefon 10507. S-30S' Herausgeber: Aalg Gels. 7. Jahrgang. Freitag, de» 8. 8L>vun 5669 (28. Mai 1999). Rr. 29. j ————————— Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— t ---- - - > — , -1 Insertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Psg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. Inhalt des Hauptvlattes. Artikel: Jenseits des Kanals. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus den Vereinen. ^-Feuilleton: Die Tochter des Kardinals. — Auferstehung. — Kunst und Literatur. — Wo ch en-Kalen d er. —Familiennachrichten. — Briefkasten. — Barmizwohs. Jenseits des Kanals. Aus meinem Notizbuch. Von Maxime Le Maitre-London. I.. „Jenseits des Kanals". Kontinentale und „insulare" Juden. Die Judcntiimer. Die sittlich Entrüsteten . . . Symthome der Degeneration. Whitechapel. Leben auf der Bude. Die Kultur zieht vom Osten nach dem Westen. Führende Persönlichkeiten. Der Präsident der Londoner jüdischen Gemeinde. Karl Stettauer und Lucien Wolf. „Andere Städtchen, andere Mädchen"- nein, auch andere Juden. „Jenseits des Kanals" : sind andere . Lebensbedingungen, mehr Nebel und weniger Sonne, andere Menschen und — was selbstverständlich ist — auch andere Juden. Das . Anderssein der Juden von „Jenseits des Kanals" dokumentiert sich nicht nur durch ihre Schnurrbartlosigkeit (ein polnischer Jude sagte mir jüngst: „Die deutschen Juden haben zwar keinen Bart, aber doch mindestens einen Schnurrbart, die hiesigen Juden — gar nix" . . .), ■ sondern auch durch ihre Neutralität im Kriege der Geister .... (Zu Deutsch: Jndisserentismus.) In Deutschland z. B. dürste jeder Jude wissen, daß Spinoza, der ein Brillenschleiser war, -gelebt hat, daß Hermann Cohen noch lebt (ad multos annos), mit einem Worte, jeder will mindestens zu den oberen Zehntausend des Geistes und der Bildung gehören. Der liberale Großvater, ein 48er Veteran, liest noch jeden Sonntag seinen Schiller-; der Sohn, ein moderner Israelit, besitzt Grätzens jüdische Geschichte; der Enkel, ein Sekundaner, liest jeden Tag Heine, und das Fräulein Enkelin interessiert sich sogar für Lilienkron.- Anders in England. Die Engländer sind über jeden Verdacht erhaben, ein Volk von Denkern und Dichtern zu sein; selbst ihre Philosophen dachten englisch, d. h. praktisch, nüchtern; sie waren Wirklichkeitsphilosophen. Die Engländer sind ein Volk des praktischen Diesseits — — Geschäft, der Laden, das Büro usw. Und die Juden in diesem Lande haben zwar noch keinen Cromwell und keinen Chamberlain hervorgebracht (Disraeli war ein spanischer Jude), aber sie sind ganz wie ihr Wirtsvolk, praktisch, nur praktisch, tüchtig im Handel, Wirklichkeitsmenschen bis auf den Rest. bis auf die Seele und das Gemüt.... Was nicht innerhalb der geschäftlichen Praxis liegt, was über die Wirklichkeit des Ladens, des Büros, der „Office" hinausgeht, ist nicht ihre Sache. Darin offenbart sich der elementare Unterschied zwischen kontinentalen und englischen Juden. Die kontinentalen Juden haben auch noch geistige Interessen, — die englischen Juden dagegen arbeiten am Tage im Laden, im Büro, im Magazin, und abends — — spielen sie Karten, aber fast ausnahmslos. Und Kartenspiel ist noch die praktischste Art, die Zeit totzuschlagen. In Deutschland will jeder Jude zu der Elite des Geistes und der Bildung gehören, der Oberlehrer, der Arzt, der Rechtsanwalt ist der Stolz der Familie; — — in England, d. h. unter den englischen Juden, fehlt dieses Streben. Der englische Jude betrachtet alles, selbst die moralische Weltordnung, unter dem Gesichtswinkel des Geldes. In Deutschland weiß jeder, Jude, daß ein Maimonides gelebt hat, daß Mendelssohn schon tot ist; — der englische Jude wäre erstaunt, zu hören, daß, Mendelssohn schon tot ist, — denn niemand hat ihm seine Geburt avisiert. . . Aber selbst wenn er von Mendelssohns Existenz Kenntnis hätte, er würde vor dem Begründer des „teutschen Mosaismus" keinen großen Respekt haben, denn Mendelssohn war ein „Manager", später allerdings Mitinhaber des Geschäfts, aber er war keinesfalls ein reicher Mann. Und in England lautet das erste Gebot: „Du sollst kein Dalles sein, wenn Du geachtet werden willst." Und die moralische Maxime der englischen Juden lautet: „Der Respekt vor Dir nimmt zu proportioncll mit Deinem Vermögen."- Bei dieser hochentwickelten Geldmoral der englischen Juden darf es nicht wunder nehmen, daß sie für Juden wie Hermann Cohen oder Bialik oder Theodor Hcrzl wenig Interesse an den Tag legen, — sie im Gegenteil als überflüssige Menschen betrachten; „denn wer kein „dnsiness" hat, gehört in das Tierreich". Das sind die moralischen, politischen und religionsphilosophischen Voraussetzungen für die in jüngster Zeit, an den Tag getretenen Judentümer. „Das russische Judentum" ist ein Reich für sich, und das Polnische, das deutsche und das englische Judentum sind souveräne Judentümer; denn das eine Judentum hat nicht soviel Geld wie das andere Judeirtum .... Und jetzt bedenke man die Frechheit der zionistischen Studenten, die gar aus allen Judentümern ein Judentum machen wollen! Dasriecht nach Kommunismus, nach Revolution, wogegen man öffentlich protestiert und eine tiefe sittliche Entrüstung zum Ausdruck gebracht hat. Man darf mit Recht , behaupten, daß die Hausiererei, in Millionen potenziert, ein Zeichen der Degeneration ist. Wenn nicht mit Zuwachs an Geld und Vermögenein Zuwachs an Geist und Geistesinteressen erfolgt, dann sind nur zwei Erklärungen für diese anormale 'Erscheinung möglich: entweder die betreffenden Individuen waren von vornherein in „oontinnnm Perpetuum" zum Hausierertum verdammt, oder sie waren anfänglich entwicklungsfähige Wesen und sind nur infolge der Umstände und Verhältnisse verkounnen. Ich habe Grund genug, mich fiir die zweite Erllärung zu entscheiden: wo die ganze Kultur einer Menschengruppe im Herzen Europas sich nur auf Geld, Kartenspiel und wieder Geld beschränkt, da arbeitet die Entartung mit Volldampf .... Allein das gilt nur von dem kulturgesegnete» Westen und Norden Londons, von den englischen „Westjuden", mit anderen Worten von denjenigen, deren Großväter nicht polnisch-jüdische Handwerker, sondern jüdische Hausierer aus dem Elsaß waren. Anders die -Ostjuden, die Bürger von Whitechapel. Die Juden dieses Viertels reden noch ihre urwüchsige „Muttersprache", arbeiten schwer und verdienen wenig, und nach den Mühen des Tages — da sie doch keine „mosaische Engländer" und keine „Kulturmenschen' sind, — setzen sie sich nicht an den Kartentisch, um „Bridge" zu spielen, sondern sie gehen in das Bethaus, in die Versammlung, in die Lesehalle und, — „ungebildet" und östlich wie sie sind, — lernen und hören und lesen sie — — und wollen immer mehr wissen — und verlangen nach Wissen.' wie ihre „englisch-westlichen" Rassen- und Stammesgenossen nach dem Gelde verlangen. , Whitechapel. — Wohl gibt es in Berlin ein Tiergarten-Viertel, in Wien einen Ring, und in Frankfurt eine Westend- und ein- Liebigstraße, wo millionenschwere und „überzeugungsleichte Glaubensgenossen" mosaischen Glaubens und — arischer oder germanischer Rasse ihr neues Ghetto, aus Palästen und Villen bestehend, errichtet haben; wohl gibt es in den europäischen Hauptstädten herrliche neue Straßen mit wunderbaren Bauten und Häusern, in welchen auch Nichtjuden am Weihnachtsabend ihren Weihnachtsbaum anstecken und das ganze Jahr hindurch für Freimaurerei, Freisinn oder Mystizismus und Katholizismus schwärmen — wohl — wohl — ich weiß es, und alle wissen es. Aber jene Whitechapel des Geldes, de? freisinnigen Mosaismus- und der — Heuchelei sind nichts gegen das echte, wahre, unverfälschte Whitechapel . . . Im echten Whitechapel wird Chanuka-Licht nur von Juden angezündet,' und kein Christ wird es wagen, wie im Tiergarten in Berlin oder in der Lstraße in Frankfurt auch .... Sie verstehen. Im Londoner Whitechapel wohnen viele Juden, etwa hunderttausend, und jeder dieser hunderttausend hat zwei Hände, und alle Hände aller hunderttausend Juden arbeiten schwer und viel. Und ihre Wohnungen gleichen Löchern, sie sind kalt und feucht und dunkel — ohne Luft und ohne Licht. — Und die Kinder bleiben allein in diesen Löchern, denn „Tati" und „Mami" sind in dusiuess. — Aber sobald Tati und Mai.ci heimkommen, wird es hell und warm, und der Vater lehrt den Sohn „Jwri" — denn meint er, im fremden Land sollen sie mindestens durch die Kenntnis der schwarzen, viereckigen Buchstaben erfahren, daß sie Juden sind. — — — Die schwarzen, viereckigen Buchstaben — An allen Häuserfassaden von Whitechapel sind