Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 18 (14.5.1909)
- Date
- 1909-05-14
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 welches mit allem ausgestattet ist, was Hygiene und moderner Betrieb verlangt. Auch der Kassa- und Revisionsbericht (Kassier Herr Katzen st ein und Revisor Herr G u t m a n n) fand seitens des aufmerksam zuhörende» Publikums ungeteilte Anerkennung. Zuni Schlüsse wurden Herr und Frau Dr. H e r s ch, Herr A. Winterberg - Wien und Frau EmmaZinner einstimmig zu Ehren Mitgliedern ernannt und hierdurch für die großen Verdienste, die emsige Arbeit und Unermüdlichkeit der genannten Herren Und DanieN der Dank äußerlich kundgetan. Es ist zu wünschen, daß das großartige Genesungsheim dieses Vereines „Asyl für mittellose kranke Israeliten in Meran" von allen Glaubensgenossen gefördert werde und jeder einzelne durch einen Beitrag dem Institute über den ersten und schwersten Anfang hinaus helfe. Breslau. Der Verein „Peah", der überflüssige Gegenstände sammelt, von de» Sabbat beobachtenden Handwerkern renovieren läßt und zu mäßigsten! Preise au Bedürftige abgibt, fertigte jm Jahre 1908, seinem ersten Betriebsjahre, 9550 kaufende Parteien ab und vereinnahmte dadurch 8967 Jt Für die Zukunft hat der Verein eine Arbeitswerkstätte mit erweiterter Arbeitsgelegenheit in Aussicht genommen. Posen. Jsr. Waisen-Knaben-Anstalt. Die Generalvcrsaminlnng wählte Rabbiner Dr. Bloch, Landgerichtsrat Dr. H o l z m a n n, Bankdirektor S a l o S m v s z e w s k i, Justizrat Joseph Mann h e i in e r und Kaufmann H e r m a u n W o l l h e i m zu Vorstandsmitgliedern. Nach dem Berichte beherbergte die Anstalt 1908 25 Zöglinge, 1 Lehrlinge hatten im Lehrlingsheim Unterkunft und 3 waren in auswärtigen Häusern nntergebracht. Solbad Ehmen. Im hiesigen Jüd. Ktnder» g e n e f u n g s h e i m wurden nach dem letzten Jahresbericht, der mit dem 1. April 1909 abschließt, 320 Kinder gepflegt. Die Kinder sollen nach überstandener Krankheit durch kräftige Ernährung und Solbäder widerstandsfähig gemacht werden. Aber auch für geistige und körperliche Pflege ist gesorgt; im Sommer wird im Garten gespielt und geturnt und im Winter in den großen Spielsälen des Hauses. Das Kindergenesungsheim bleibt das ganze Jahr hindurch, auch im Winter, geöffnet. Die Annahme der Kinder geschieht kostenfrei; cs ist nur Urlaub von der Schule und ein Zeugnis vom Schularzt erforderlich. Durch Entgegenkommen der Behörden ist den Kindern halbfreie Eisenbahnfahrt gewährt; ebenso ist die Benutzung der Solbäder vom Königl. Salzaint bedeutend ermäßigt. 0 leuüfcfon. 0 Die Tochter des Kardinals. Historische Erzählung von Friedrich Rott. Fortsetzung). Ein schwerer Seufzer entrang sich ihrer Brust. „Ob Ihr in allem recht habt, weiß ich nicht; aber in der Hauptsache ist es, wie Ihr-sagt, und darum wiederhole ich: für das Glück meines Kindes ist. mir nichts zu teuer, dafür opfere ich auch das ewige Heil meiner Seele." „Und ich wiederhole Euch, dafür opfert Ihr mit nichten das Heil Eurer Seele. Denn wenn auch der heilige Vater Euren Fehltritt nicht verzeihen kann, weil er ihn nicht kennt. Euer himmlischer Vater kennt Eure Schuld, aber er kennt auch Eure ernste Reue und er loeiß, daß Ihr von jeher bestrebt wäret, Eure schwere Schuld durch Wohltnn zu. sühnen — und darum könnt Ihr getrost auf die Verzeihung des Allbarmherzige» hoffen, in dessen Hand Euer Seelenheil gesichert ist." Die Gräfin atmete tief auf, wie von schwerem Druck befreit. „Atir ist, als könnte ich Euch glauben." „Ihr könnt mir glauben und darunr gestattet, daß ich Euch auf noch etwas aufmerksam mache.' — Euren Fehltritt habt Ihr vermutlich längst gebeichtet —" „Gewiß — gleich damals — er hatte bereits die Weihen —" Spöttisch zuckte es um die Mundwinkel des Arztes, aber sein Ton war achtungsvoll wie zuvor. „Nur den Aufenthaltsort des Kindes habt Ihr ihm verschwiegen — und werdet ihm denselben auch nicht bekannt geben —" „Unter keiner Bedingung, dess' könnt Ihr sicher sein." „Aber — ich vermute, Ihr beichtet von Zeit zu Zeit — doch nie — nie dürft Ihr es erwähnen, daß Ihr das Kind einem Juden übergeben habt! — Kein Geistlicher würde Euch dafür Absolution erteilen und Euer Kind wäre in, größter Gefahr." — „Das habe ich längst eingesehen und nie ist das Geheimnis über meine Lippen gekommen, so werde ich es auch fernerhin bewahren." , Rabbi Jizchak atmete erleichtert auf und schien aufstehen zu wollen. „So will ich nicht weiter belästigen." „Aber so verweilet doch, nicht um von Euch etwas zu hören, habe ich Euch zu mir bitten lassen, sondern um- Euch etwas mitzuteilen.". Frankfurter Israelitisches Familienblaü. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn. „Verzeihet, Frau Gräfin, ich vergaß —" „Ich werde mein Kind Eurer Obhut nie entziehen, namentlich, da sie selbst mir wiederholt erklärt hat, daß sie Euch nie verlassen werde, daß sie auch nie heiraten werde, da sie nie einen Menschen so lieb haben könne, wie ihren Vater." Ein leises, doch glückliches Lächeln umspielte die Lippen des Arztes; die Gräfin gewahrte es und lächelte gleichfalls. „Wie lange gedenkt Ihr denn die Vaterschaft noch fortzusetzen?" Er blickte sie fragend an. „Ich verstehe Euch nicht, Frau Gräsin." „Ihr versteht mich nicht? — Wisset Ihr vielleicht nicht, daß die Kleine Euch zwar für ihren Vater' hält, jedoch eine weit heißere Liebe für Euch empfindet, als eine tvchterliche." Eine helle Röte überzog des Rabbi Jizchaks ausdrucksvolles Gesicht. „Derartiges habe ich nie bemerkt, — und — ich glaub's auch nicht." „Ob - Ihr es glaubt oder nicht, — es ist eine Tatsache, die durch Euer Nichtdaranglauben nicht aus der Welt geschafft wird. — Wer wäre Euch das denn gar so unwillkommen?" Er zog die Stirn in Falten. „Ich möchte doch sehr bitten, Frau Gräfin, nicht von mir, sondern von meiner Tochter zu reden." „Von Eurer Tochter — wie Ihr das betont! — Doch: revenons a nos moutons. — Also ich wiederhole, ich werde mein Kind Eurer Obhut nie entziehen, und wenn Ihr über kurz oder lang doch zu der Erkenntnis kommen werdet, daß das Muttcrange recht, gesehen, daß ineiu Kind Euch liebt, wie das Weib den Gatten liebt und daß auch Euer Empfinde» für Euer liebreizendes Pflegekind ein weit lebhafteres ist als dasjenige, das Ihr für Eure wirkliche Tochter empfinde» würdet, so — ich wollte sagen, meinen Segen habt Ihr — aber ich weiß, auf den Segeu einer Sünderin, wie ich» leget Ihr keinen Wert." „Frau Gräfin —" „Widersprechet nicht, ich kenne Euch, und ich gebe Euch recht. — Aber Ihr seid Jude, habt auch mein Kind als Jüdin erzogen —" „Dazu war ich berechtigt." „Das gebe ich zu, und es liegt mir fern. Euch einen Vorwurf machen zu wollen, denn ich weiß nicht, ob nichtisraelitische Eltern meinem Kinde so viel Liebe erwiesen hätten; — aber Euer Volk, Euer unglückliches Volk, wie viele Verfolgungen hat es überstanden! wie viel Drangsal! wie viele Not und Elend." „Und ist trotz allem nicht untergegangen," fügte der Rabbi hinzu, sich stolz in die Brust werfend. „Als Volk sind die Juden freilich nicht untergcgangen; ja, es ist vielleicht wahr, daß das jüdische Volk nie untergehen wird. Aber die Juden; — wie oft sind Hunderte und Tausende von ihnen hingeschlachtet worden; — und ich verinute, die Gemordeten waren nicht die Schlechtesten." „Freilich nicht," sagte der Rabbi schwer auf. atmend. „Und Ihr habt das Kind erzogen, daß es nicht um die Welt etwas tun würde, was Ihr ihr als verboten bezeichnet habt. Heute sagte sie, sie würde eher verhungern, als ein Schinkenbrödchen essen. Nun, ich bitte Euch, wie leicht könnte sie bei dieser schroffen Anschauungsweise in Konflikt geraten mit der nichtjüdijchen Welt." „Das wüßte ich nun grade nicht —" „Wissen kann man überhaupt nichts, denn Iver kann in die Zukunft sehen? wer kann wissen, >vas sie in ihrem Schoße birgt? — Darum, und um mein Kind möglichst für alle Fälle geschützt zu wissen, habe ich heute ausführlich ausgeschrieben, daß ich ein Kind habe, dessen Vater der Kardinal Nin Rom ist, daß ich Euch dasselbe übergeben habe und mich mit allem einverstanden erkläre, was Ihr mit dem Kinde oder für dasselbe getan habt oder tun werdet. Ich lege auch einen Brief des Kardinals bei. in dcnr derselbe seine Bitte wiederholt, ich möchte das junge Mädchen in sicherer Begleitung zu ihm nach Rom senden, erwolle dasselbe als seine Nichte, als seines Bruders Tochter anerkennen. — So lange ich lebe, werdet Ihr nicht in die Lage kommen, von diesen Schriftstücken Gebrauch zu machen, denn, sollte während meines Lebens eine Judenverfolgung ausbrechen, so würde ich mein Kind zn schützen wissen. Sollte jedoch nach meinem Ableben derartiges sich ereignen, so wäre mein Kind, wie ich glaube, vurch diese Schriftstücke geschützt. — Meint Ihr nicht?" „Gestattet, daß ich Einblick in die Schriften nehme." Sie reichte ihm die Blätter. Er las dieselben aufmerksam, durch, fand in dein, was sie geschrieben, einiges zn ändern, einiges, hinznzusügen, was sie bereitwillig tat, dann drückte sie das Wappen ihres Hauses in Wachs und befestigte dasselbe an ihrer Erklärung. „Ich hasse, das wird genügen, mein Kind in jedcni Falle zn schützen. Der Tochter des Kardinals 2). wird man nicht wagen zu nahe zu treten. — Und nun möchte ich noch wissen, wie Ihr das Vermögen meines Kindes sichergestellt haben möchtet." * Seite 5. „Das Vermögen Eures Kindes interessiert mich sehr wenig; ich wüßte nicht, was ich diesbezüglich wünschen könnte." „Ach, stellt Euch doch nicht so, Ihr werdet sie ja doch zn Eurer Gattin machen." „Augenblicklich nicht — später vielleicht — oder, ich will Euch recht geben — später, d. h. in einigen Jahren höchst wahrscheinlich —, aber eben deshalb: meine Gattin bedarf keines Vermögens — außer dessen, das ich ihr gebe." „Ihr seid ein stolzer Mann, aber auch das gefällt mir, ich weiß mein Kind bei Euch geborgen nach jeder Richtung hin. Trotzdem, Ihr dürft cs mir nicht verweigern, Ihr müßt ein entsprechendes Vermögen für sie in Empfang nehnien, denn Ihr könnt doch nicht wissen, ob es ihr nicht einmal fehlen würde. Wenn Ihr es jedoch augenblicklich nicht nehmen wollt, so könnte ich es ihr testamentarisch vermachen; — oder besser vielleicht auch — wie Ihr das wünscht —" „Nein, bitte nein! In Eurem Testament dürfet Ihr weder mir noch ihr eine irgend nennenswerte Summe bestimnien. Man könnte sonst mich der Erbschleicherei beschuldigen, und das, vor dein Ihr sie schützen wollt, könnte Euer übel angebrachtes Vermächtnis herbeiführen." „Das wolle Gott nicht!" sagte die Gräfin erbleichend, „aber dann — dann — es bleibt mir nichts anderes übrig — dann kann ich Euch nichts anderes für sie geben, als das, was ich im Lause der Jahre für sie zurückgelegt habe —" „Seid unbesorgt. Frau Gräfin. So lange ich lebe, wird meine Tochter nie Mangel leiden —“ „Davon bin ich überzeugt, aber Ihr seid auch nur ein Mensch." Er zuckte die Achseln. „Wir stehen alle in Gottes Hand. — klebrigen»: Ihr könnt unbesorgt sein, auch die Edelsteine, die dem Kinde als Mitgift mitgegeben waren, sind unberührt vorhanden. Ich bin kein Kenner, aber ich glaube, sie stellen ein Vermögen dar." „Das mag wohl sein, wenigstens was man so nennt. Und hier in diesem Kästchen findet Ihr ungefähr noch einmal so viel. Nehmt es an Euch und verwahrt es wohl." „Verzeihung, Frau Gräfin! bevor ich es nehme, inuß ich bitten, mir zu sagen, ob diese wertvollen Steine nicht dereinst in Eurer Hinterlassenschaft vermißt werden könnten." „Seid unbesorgt, keines Menschen 'Auge hat diese Steine je in meinen! Besitz gesehen, daruni können sie nie verinißt werden. Und überdies, sehet her, jedem einzelnen Juwel habe ich eine Schenkungsurkunde an Euch beigelegt, in der einen heißt es: 'Als Dank für treue Dienste; in der andern: Meinen! lieben Doktor für gelungene Heilung; in der dritten: Dem treuen Arzte von seiner genesenen Patientin usw. «sw. Ihr sehet, ich habe allem vorgebeugt." Dann — nach einer Pause — sagte sie, den Ton ändernd: „Ich erwarte morgen Mittag Gäste, es könnte auch sein, daß dieselben etwas früher kommen, da wäre es mir lieb, wenn auch die Kleine morgen etwas früher kommen würde." „Wäre es da nicht richtiger, für den morgigen Tag ihren Besuch ausfallen zu lassen?" „Ach nein, das wäre ein wirklicher Verlust für mich! Ihr könnt Euch nicht denken, wie sehr mich der 'Anblick ihres lieblichen Gesichtchens kräftigt. Ihr silberhelles Lachen dringt mir ins Herz hinein und macht mich frisch." „Wenn Ihr es wünscht, werde ich sie veranlassen, sich morgen um eine Stunde früher auf den Weg zu machen. Aber, Frau Gräfin, werdet nicht ungeduldig, wenn cs dennoch etwas später werden sollte. Sie wird Euch gesagt haben, daß sie mir zuweilen behilflich beim Brauen der Mixturen ist —" „Gewiß, das hat sie mir erzählt," versetzte die Gräfin lächelnd, „ich glaube sogar, sie hält sich nahezu unentbehrlich." „Vielleicht hat sie recht, vielleicht ist sie's. — Und — es könnte ja sei», daß morgen rasch ein Medikament fertig zu machen wäre, — in diesem Falle würde sie etwas später kommen. Darüber dürftet Ihr Euch nicht beunruhigen." „Seid ohne Sorgen, ich fühle mich jetzt so wohl, so frisch, daß mir sogar ein wenig Unruhe nicht schaden würde." „Ich kann Euch nur empfehlen, jegliche Aufregung zu vermeiden. — Und nun Frau Gräsiu, wünsche ich Euch eine geruhsame Nacht."" Sie erwiderte freundlich den Wunsch und winkte grüßend mit der Hand. Dann schellte sie der Kammerfrau und begab sich mit erleichtertem Herzen zur Ruhe. Annemarie schüttelte staunend den Kopf. Was war mit ihrer Herrin vorgegangen in den letzten drei Tagen? So oft der Judendoktor da gewesen war, oder dessen gleisnerisch schöne Tochter, erschien die Schloßherrin wie verjüngt. — Ob das mit rechten Dingen zuging? — (Fortsetzung folgt.)