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Neue jüdische Presse · 1909-05-14 · Heft 18 (14.5.1909) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 18 (14.5.1909)
Date
1909-05-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
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p ilt. 18 des Frankfurter IsmeMslkm femiMfattcs. Die Memoiren I -er Glücke! von Hameln. I sSchluß statt Fortsetzung). Um wieder anzufangen, wo ich aufgehört habe, daß ich meine Dichter Zipora Hab' ungezogen, da hat sich also das Kind sehr gekrümmt, wie ich el angerührt habe. Also sag' ich: „Zipora lieb, was fehlt Dir?" Sagt das Kind: „Mame lieb, unter meinem Arm tut es mir sehr Weh." So seh' ich zu, was dem Kind fehlt und es hat ein Schwären (Geschwür) unter dem Arm. Ich Hab' meine Dienerin bei mir gehabt. Mein Mann — das Andenken des Gerechten zuni Segen — hat einen kleinen Schwären an sich gehabt, da hat ihm ein Balbierer aus Hannover ein Pflästerchen aufgelegt. So sag' ich zu der Magd: „Geh zu Chajim. Er ist oben in der Schul, und frag ihn, bei welchem Balbierer er gewesen ist und wo er wohnt, und geh mit dem Kind hin und laß ihm ein Pflaster auflegen." Ich Hab an nichts Böses gedacht. Die Magd geht in's Bethaus und fragt nieincn Mann — das Andenken des Gerechten zum Segen — wo der Balbierer wohnt. Er — er ruhe in Frieden, — sagt, wo er wohnt. Man muß durch die Weiberschul durchgehn, wenn man in die Männerschul gehen will. Wie die Magd herausgehen will, sitzen meine Schwägerinnen Jente, Sulke, u. Esther — sie ruhe in Frieden — auch im Bethaus und fragen die Magd: „Was hast Du in der Männerschul getan?" Sagt die Magd ganz einfach und hat auch an nichts Böses gedacht: „Unser Kind hat ein Schwären unterm Arm. "Da Hab ich meinen Herrn gefragt, bei was für einem Balbierer er seinen Schwären hat heilen, lassen. Ich will mit dem Kind auch hingehn." Die Weiber erschrecken sich sehr mächtig, weil sie ohnedies sehr schreckhaft sind in solchen Dingen, und weil wir von Hamburg kommen und aus solcher Unruhe, da haben sie die Köpfe sehr zusammengesteckt und davon geredet. Also ist in dem Bcthaus auch eine Güstin (Gäschtin, Bettlerin), eine alte Poläkin gewesen, die hört die Geschichte auch, und sieht, daß meine Schwägerinnen so sehr erschrecken. Also sagt sie . zu den Weibern: „Erschreckt Euch uicht, es wird nichts sein. Ich bin wohl zwanzig Jahre mit solchen Sachen umgegangen, wenn Ihr es haben wollt, so will ich hinaufgehn und will das Maidle besehen, und Euch "bald sagen, ob es, Gott behüte, gefährlich ist. Und werde auch sagen, was Ihr tun sollt." Die sagen: „Ja, aus Erbarmen geh' herüber und sieh wohl zu, damit wir nicht, Gott behüte, in Gefahr sind." Ich Hab' von der Geschichte also nichts gewußt. Die alte Poläkin kommt herüber und sagt: „Wo ist das kleine Maidel?" Ich sag': „Warum?" „Ei," sagt sie, „ich bin eine Aerztin, ich will dem Maidel was zu brauchen geben, es soll bald besser werden." Ich denk an nichts Böses, führ' das Kind zu ihr, sie besieht das Kind und läuft von dem Kind weg und läuft wieder hinauf zu den Weibern und macht einen Lärm und sagt zu den Weibern: „Flieht alle hinweg, wer nur fliehen und laufen kann, denn Ihr habt leider die rechte Pest im Hause. Das Maidle hat leider, Gott behüte, die rechte Pest in sich." Nun kann man sich wohl denken, was das für eine Bestürzung gewesen ist, und was für Klagen mang die Weiber und besonders bei solchen so gar Aengstlichen. Männer und Frauen, alle sind aus der Schul gelaufen und leider aus dem besten Gebet heraus gelaufen am heiligen Feiertag. — Bald haben sie die Magd mit dem Kind genommen und vor die Türe gestoßen. Keiner , wollte sie ins Haus nehmen oder gehen lassen. Man kann wohl begreifen, wie uns zumute gewesen ist. Ich Hab' als gehallt und geschrieen und um Gotteswillen gebeten und - gesagt: „Meine Herren, seht gut an, was Ihr tut. — Meinem Kinde fehlt nichts. — Ihr seht ja, daß mein Kind, Gott sei Dank, frisch und gesund ist. — Das Kind hat nebbich einen fließendigen Kopf gehabt. Bevor ich von Hamburg abreiste, Hab ich es geschmiert, da hat sich der ° Fluß vorn Kopf zu einem Geschwür gezogen. Wenn, Gott behüte, einer so was an sich hat, hat er zehnerlei Anzeichen an sich. Seht, mein Kind läuft doch auf der Gass' herum und ißt einen Stullen aus der Hand." Mer das hat alles nichts helfen wollen. — Sie haben gesagt, wenn es leider ans Licht kommen sollte, daß es sollte Seine Hoheit der Dukes (Herzog) gewahr werden, daß man in seiner Residenzstadt solche Dinge, Gott behüte, sollte geschehen lassen, was ftir ein Elend sollte das geben. — Und die Alte hat mir ins Gesicht gesagt, sie wolle ihren Hals drum geben, daß das Kind etwas Böses an sich hat. Was haben wir tun sollen? Ich habe gebeten: „Um der Barmherzigkeit willen, laßt mich bei dem Kind bleiben: Wo mein Kind bleibt, will ich auch bleiben. Laßt mich nur hinaus zu ihm." Das haben sic auch nicht leiden wollen. — Kurz, bald hat sich mein Schwager, Reb Abraham Segall, mein Schwager Reb Leffmann und incin Schwager Reb Löb mit ihre» Frauen zusammen in's Konzil gesetzt, was zu tun ist, wo man die Magd mit dem Mud hintut, und daß alles im Geheimen bleibt vor der allerhöchsten der hohen Behörde. Denn es stände uns, Gott behüte, große Gefahr dadurch bevor, wenn, Gott behüte, der Herzog etwas gewahr werden sollte. Also ist es dabei geblieben, man sollte dem Kind und der Magd alte zerrissene Kleider antun und sie sollten auf ein Dorf gehen, das keine zweitausend Ellen von Hannover weit ist. — Das selbige Dorf hat Peinholz geheißen. Sie sollen in ein Bauernhmrs gehn und sollen sagen, daß die Juden von Hannover sie am Feiertag nicht in Hannover einlajsen wollten, weil sic schon so viele arme Leute hätten, deshalb hätten sie sie nicht eingelassen. Deshalb wollten sie die Feiertage im Dorf halten, bei ihnen bleiben und ihnen für ihre Mühe bezahlen. Auch wissen wir gewiß, daß sie uns werden von Hannover Essen und Trinken schicken, denn sie werden uns über die Feiertage nicht ohne gegessen in Hunger leiden lassen. In Hannover ist ein alter Mann, ein Polak, gewesen, ein Bettler, den haben sie gedungen, und auch die betreffende a lte Poläkin; diese beiden sollten einige Tage bei ihnen bleiben, bis man sieht, wie es abläuft. Die beiden haben aber nicht von der Stelle gehen wollen, wenn man ihnen nicht dreißig Reichstaler Geld gibt dafür, daß sie sich in Gefahr begeben. Also hat sich mein Schwager Reb Abraham und inein Schwager Reb Leffmann und mein Schwager Reb Löb in Konzilium gesetzt, und der Lehrer von Hannover, welcher a uch ein großer Schriftgelehrter gewesen, die haben beraten, ob man den Feiertag damit verletzen darf, daß man Geld gibt. Also haben sie zusammen zugestimmt, man soll ihnen das Geld geben, denn sie haben gesagt, es ist eine Gefahr da, fast eine Lebensgefahr. Also haben wir unser lieb Kind müssen am heiligen Feiertag von uns schicken und uns überreden und einreden lassen müssen, als ob das Kind, Gott behüte, etwas an sich hätte. Ich will derentwegen jeden frommen Vater und Mutter judizieren lassen, wie uns zumute gewesen ist. Mein Mann — das Andenken des Gerechten zum Segen — hat sich in einen Winkel gestellt und geweint und gefleht und ich in einen andern Winkel. Sicher ist es nur das Verdienst von meinem frommen Mann — er ruhe in Frieden — gewesen, daß Gott — er sei gelobt — uns erhört hat. Wie geschrieben steht „und er wurde erhört". — Ich halte nicht dafür, daß es unserem Stammvater Abraham bei der Opferung weher gewesen ist, als es uns diesmal war. Denn unser Stammvater Abraham hat eS getan „auf Befehl Gottes und aus Liebe zu ihm", also hat er seinen Kummer in Freudigkeit verbracht. Aber uns ist der Kummer von Fremden zugekommen, was uns gar sehr zu Herzen gegangen ist. — Nun, was soll man tun? — Man muß sich in allem gedulden. „So wie man sich für das Gute bedankt, so muß man auch siir das Böse danken." Ich Hab meiner Magd die Kleider umgewendet angetan und dem Kind sein Gezeug in ein Bündelchen gebunden und der Magd ein Bündel gleich einer Bettlerin aufgebunden. Dem Kinde nebbich auch alte zerrissene Hudelcher angezogen, und so ist meine gute Magd und mein liebes Kind und der alte Mann und die Frau nach den: Dorf hinwegmarschiert. Man kann sich wohl denken, welchen Priester-Segen wir dem lieben Kind nachgesagt haben, und mit wieviel hundert Tränen wir es von uns geschickt haben. Das Kind aber ist lustig und fröhlich gewesen, wie ein Kind, das nebbich von nichts weiß. Aber wir alle, so viel unser in Hannover gewesen sind, wir haben geweint und gefleht und leider den heiligen Feiertag in eitel Kümmernis zugebracht. Nun, sie sind nach dem Dorf gegangen und sind auch wohl in ihrer Herberge in eines Bauers Haus angenommen worden, denn sie haben Geld bei sich gehabt. Denn so lange man das hat, macht es sich derselbe zu Nutzen. — Der Bauer hat sie gefragt, es ist ja euer Feiertag, warum sie nicht bei Juden wären. Haben sie zur Antwort gegeben, daß schon viel arme Leute in Hannover wären, also hat man verboten sie einzulassen. Aber sie meinen doch, daß die Juden von Hannover ihnen über die Feiertage Essen herausschicken werden. Nun sind wir zwar zusammen wieder in's Bethaus gegangen, aber man hatte schon zu Ende gebetet gehabt. Damals ist in Hannover Reb Juda Berliner gewesen. Er ist noch ledig gewesen und hatte schon mit uns gehandelt gehabt. Auch ist noch einer dort gewesen mit Namen Reb Michael. Das ist ein Junger aus Polen gewesen, der hat mit den Kindern gelernt. — Danach hat er eine Frau aus Hildesheim genommen und wohnt jetzt in Hildesheim in Ehren und Reichtum, und ist Parneß in Hildesheim. — Derselbige Reb Michael ist auch so ein halber Diener gewesen. Wie die Sitte in Deutschland ist, daß sie so junge Leute bei sich haben zum Lernen mit den Kindern. Wie man nun aus der Schul gewesen ist, hat Reb Löb uns rufen lassen zur Mahlzett, denn wie schon erwähnt, hat er uns am Tage vor deni Feiertag eingeladen. — Aber man kann sich wohl denken, wie uns zumute gewesen ist. Mein Mann — das Andenken des Gerechten zum Segen — hat gesagt, bevor wir was essen, muß ich meinem Kind und den andern etwas zu essen bringen, denn es ist Feiertag. — So sagen sie: „Selbstverständlich. Du hast Recht. Wir wollen keiner etwas essen, bis die draußen etwas haben." Denn es ist gar nah von Hannover gewesen, so wie Altona von Hamburg. Also hat man Essen zusammengebracht und jeder hat etwas dazu getan. Wer soll es nun bringen? Ein Jeder hat sich gescheut. Also hat Reb Juda gesagt: „Ich will es ihnen bringen." Reb Michael hat gesagt: „Ich will auch mttgehn," und mein Mann — das Andenken des Gerechten zum Segen — ist auch mitgegangen, denn er — er ruhe in Frieden —/hat das Kind gar sehr lieb gehabt. Darum haben die Hannöverischen meinem Mann — das Andenken des Gerechten zum Segen — nicht trauen wollen, denn sie haben gedacht, wenn mein Mann herausgeht, möchte er es nicht lassen und zu dem Kind gehn. Also hat mein Schwager Reb Leffmann auch mitgehn müssen. So sind sie zusammen gegangen und haben das Essen hinaus gebracht. 4785

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