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Neue jüdische Presse · 1909-05-07 · Heft 17 (7.5.1909) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 17 (7.5.1909)
Date
1909-05-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
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" " .. M Nr. 17 dies fanftfnefet IfmeRftfiften Famiümklattes. Die Memoiren der Glücke! von Hameln. Vorbemerkung. In die jüdische Geschichte des 17. Jahrhunderts würden uns nur trockene geschichtliche Aufzeichnungen einen Einblick gewähren, wenn wir nicht das Tagebuch einer Frau, der Glücke! von . Hameln, hätten. Es waren in diesem Jahrhundert geradezu trostlose Zeiten für die Juden, denn Polen, das Zentrum der Judenheit, wurde durch die Chmielnicki'schen Ausstände aufs schrecklichste verwüstet, und Tausende an den Bettelstab -gebrachte jüdische Familien ergossen sich durch alle Lande. Die materielle Lage war eine fürchterliche geworden, und so kam es, daß auf dem Gebiete der jüdischen Literatur eine geistige Oede herrschte und nur die mystische Literatur der Kabbala blühte, welch' letztere in den falschen Messiassen, deren bedeutendster Sabbatai Zewi ist, ihren sichtbaren Ausdruck fand. Die Memoiren der Glücket von Hameln umfassen den Zeitraunr von 1645 bis 1719. In einer Sprache, die „von Worten und Wendungen, Entlehnungen und Anspielungen ans dem hebräischen und rabbinischen Schrifttum durchsetzt ist und oft unversehens und ungesucht aus der deutschen Rede in das Idiom der Bibel übergeht/' sind hier enge Familienverhältnisse mit Beobachtungen und Schilderungen aus dem jüdischen und allgemeinen Leben der Zeit reich vermischt, und eine feine, offenes Auge, klaren Verstand und tiefes Empfinden verratende Beobachtungsgabe spricht aus den lebendigen und doch so schlichten Worten der Erzählerin. Glückel von Hameln war eine Persönlichkeit von einer ausgeglichenen Lebensanschauung und ungewöhnlicher Tatkraft, eine Kraftnatur, in der Gefühl und Verstand sich harmonisch paarten und zur höchsten Blüte gereift waren, wie solche selbst bei Männern nur höchst selten zu finden ist. Doch sie war keine politische Fäden spinnende Diplomatin nach der Art mancher hervorragender Frauen an den damaligen Höfen, vielmehr eine schlichte, ftomme, jüdische Hausfrau beobachtet hier trotz der vielen Pflichten, die ihr, der früh Witwe gewordenen, die Erziehung und Ernährung ihrer zwölf Kinder auferlegen, das Treiben ihrer Zeit, und was sie gesehen, enrpfunden und erlebt hat, das gibt sie in schlichter, tief empfundener Weise wieder. Schon die Tatsache, daß in einer Zeit, in der in der jüdischen, schönen Literatur vollständige Oede herrschte, eine Frau Memoiren schrieb, legt von der Eigenart dieser Frau Zeugnis ab. Das 'Verdienst, die Memoiren herausgegeben zu haben, erwarb sich Professor David Kaufmann s. A. in Prag, der sie im Origknalwortlaut (jüdisch-deutsch) nach zwei Handschriften (die eine im Besitze von Eugen Merzbacher-München, die andere im Besitze von ^Theodor Hecht-Frankfurt) 1896 bei I. Kauffmann, Frankfurt a. M., erscheinen ließ. Eine Uebertragung dieses in der Literatur einzigartigen Buches in deutsche Sprache mit deutschen Schristzeichen unterblieb jedoch. Die- ' ser nicht genug zu bedauernde Mangel ist nun mit Autorisation der Kaufftnann'schen Erben beseitigt worden; Bertha Pappenheim, durch weitzurückliegende Familienzusammenhänge mit Glückel von Hameln verbunden und dadurch doppelt für dieses Frauenbuch interessiert, hat sich der schwierigen' Aufgabe unterzogen, das Werk ins Deutsche zu übertragen. Sie hat uns gestattet, ein Kapitel aus den Memoiren, zu bringen; dieses Kapitel wird zeigen,, welchen Schatz die Literatur und insbesondere die 'jüdische Literatur in den Memoiren der Glückel von Hameln beherbergt. * , In derselbigen Zeit hat man von Sabbatei Zewi zu reden angefcmgen. Aber „weh uns, wir haben gesündigt", und daß wir es nicht erlebt haben — und wie wir gehört haben — und was wir uns fest eingebildet haben — und wenn ich gedenk, wie von Jungen und Alten Buße getan worden ist — das ist nicht zu beschreiben. Wie es bewußt und bekannt worden ist durch die ganze Welt. — Oh, Herr der Welt; — in der Zeit, da wir gehofft haben, daß du barmherziger Gott dich wirst über dein Volk Israel erbarmen und uns erlösen. Wir haben gehofft wie eine Frau, die da sitzt auf dem Gewinnstuhl (Gebärstuhl) und mit großen Schmerzen ihren Wehtag verbringt und meint, nach all ihrem Schmerz und Wehtag wird sie mit ihren- Kind erfreut werden; aber nach all' ihrem Schmerz und Wehtag kommt nicht anderes, als daß sie einen Wind gehört. — Also, mein großer Gott und König, ist uns auch geschehen. Wir haben gehört, uno alle deine Knechte und Kinder haben sich sehr gemüht mit Gebet, Buße und Almosen durch die ganze Welt. Und dein liebes Volk Israel ist auf dem Gewinnstuhl gesessen und hat gehofft, nach all' seiner schweren Buße, Gebet und Almosen, nachdem sic zwei drei Jahre sind im Gewinnstuhl gesessen — und es ist nichts a ls Wind herausgekommen. Nicht nur, daß wir nicht würdig waren, das Kind zu sehen, um das wir uns so sehr gemüht haben, sind wir auch noch so weit gekommen, daß wir uns ganz sicher gehalten haben und leider stecken geblieben. Mein Gott und Herr, derenthalben verzagt dein Volk Israel doch noch nicht, und hofft täglich auf deine Barmherzigkeit, daß du es erlösen wirst. „Wenn er auch sännet, so hoffe ich doch täglich, daß er kommt." Wenn es dein heiliger Wille sein wird, wirst du deines Volkes Israel schon gedenken. Die Freude, die war, wenn mau Briefe bekommen hat, ist nicht zu beschreiben. Die meisten Briefe, die gekommen sind, haben die Sefardim bekommen. Dann sind 'sie allezeit mit ihnen in ihr BethauS gegangen und der Portugiesen junge Gesellen haben allemal ihre besten Kleider angetan, uno jeder hat sich ein grünes, breites, seidenes Band um sich gebunden. Das ist Sabbatei Zewi seine Livrei gewesen. So sind sie alle mit Tamburin und Tänzen in ihr Bethans gegangen und haben mit Liner- Freude wie am zweiten Laubhüttenfesttag die Briefe gelesen. Einige haben nebbich all' das Ihrige verkauft, Haus und Hof, und haben als gehofft^ daß sie jeden Tag sollen erlöst werden. Mein Schwiegervater — er ruhe in Frieden — hat zu Hameln gewohnt. — Also hat er dort seine Wohmmg aufgegeben, und seinen Hof und sein Haus und seine Möbel, geftillt mit allem Guten, alles stehen lassen und ist in die Stadt Hildesheim zu wohnen gezogen. — Er hat uns hierher nach Hamburgzwei große Fässer mit allerhand Leinenzeug geschickt. Und drin ist gewesen allerhand Essenspeis, wie Erbsen, Bohnen, Dörrfleisch und sonst andere Grämpelspeis von Quetschenschnitz — alles was sich so aufbewahren läßt. — Denn der gute Mann — er ruhe in Frieden — hat gedacht, man wird einfach von Hamburg nach dem heiligen Land fahren. Diese Fässer sind wohl mehr als ein Jahr in meinem Hause gestanden. Endlich haben sie gefürchtet, daß das Fleisch und andere Sachen verderben. Da haben sie uns geschrieben, wir sollen die Fässer aufmachen und was Essenspeis ist, herausnehmen, damit das Leinenzeug nicht verdorben 'werde. Also ist es wohl drei Jahr gestanden und sie haben als gemeint, sie sollten es zur Reise brauchen. Aber es hat dem Höchsten noch nicht gefallen. Wir wissen wohl, daß es uns der Höchste zugesagt hat. Wenn wir ganz fromm wären, von Grund unserer Herzen und nicht jo böse wären, so weiß ich gewiß, daß Gott sich unser erbarmt hätte. Wenn wir nur halten würden: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Aber Gott soll sich erbarmen, wie wir das halten. — Neid und grundloser Haß, die mang uns 'sind, das kann nicht gut tun. Dennoch, du lieber Herrgott, was du uns zugcsagt hast, das wirst du königlich und gnädiglich halten. Ob es sich auch um unserer Sünden willen so lange verzieht, so werden wir es doch gewiß haben, wenn die von dir gesetzte Zeit da ist. — Darauf wollerr tvir hoffen und zu dir, .großer Gott, beten, daß du uns einmal mit vollkommener Erlösung erfteuen möchtest. — Also für diesmal sei die Materie beschlossen, und wieder angefangen, wie ich mit meiner Tochter Mate im Kindbett gelegen bin. In Hamburg hat inan augefangen zu mnukein als wenn, Gott behüte, die Pest inr Ort wäre. Sie hat endlich überhand genommen, sodaß leider drei oder vier jüdische Häuser verunreinigt geworden sind, und fast alle, die drinnen getvesen sind, sind ausgestorben, sodaß diese Häuser fast leer gestanden sind. Es ist eine Zeit großer Not und Elends gewesen. Man ist, Gott behüte, mit den Toten sehr elend unigegangen. Die meisten Familien sind von Hamburg nach Altona gezogen, und die Leute haben für etliche taufend Reichstaler Pfänder gehabt, worunter manche Pfänder gewesen sind von 10 Rcichstaler bis 30 Reichstaler und 100 Reichstaler. Denn wenn man in dem Pfandleihgeschäft war, hat man sowohl Leinenpfändcr von acht als Pfänder von zwanzig Reichstaler nehmen müssen. — Also ist, Gott behüte, die Pest in den Ort gekommen, und wir haben keine Ruhe vor dem Volk gehabt, trotzdem wir gewußt haben, daß es unrein war. Wir haben ihnen dennoch ihre Pfänder nehme!- nrüssen, wenn wir auch schon nach Altona gezogen waren; sie sind uns dorthin nachgekommen. — Slljo haben wir uns resolviert, mit unseren Kinderchen nach Hameln zu ziehen, denn mein Schwiegervater — das Andenken des Gerechten zum Segen — hat dauials dort gewohnt. Also sind wir bald, am Tag nach Jomkipur,. von Hamburg weggezogen und sind am Tage vor dem Laubhüttcnfest in Hannover angelangt. Wir sind im Hanse meines Schwagers Reb Abraham zu Gast gewesen, welcher zu selbiger Zeit iwch in Hannover gewohnt hat. — Also haben sie uns nicht ziehen lassen wollen, weil es so kurz vor den Feiertagen war. So sind wir das Laubhüttensest in Hannover geblieben. Ich habe bei mir gehabt ineine Tochter Zipora — sic soll leben —. Sie ist ein Kind von vier Jahren gewesen, meinen Sohn Nathan — Leben — von zwei Jahren und mein Kind Mate — sie ruhe in Frieden — von ungefähr acht Wochen. Mein Schwager, Reb Löb, Hannover, hatte uns die ersten Tage vom Laubhüttensest eiugeladen gehabt und in demselben Reb Löb seinem Hans ist das Bethans gewesen. Am Feiertag morgens, als mein Mann — das Andenken des Gerechten gesegnet — im Bethaus war, Pin ich unten in der Stub' gewesen und wollte meine Tochter Zipora anziehen. Ich muß nun von einer kleinen Widerwärtigkeit schreiben, welche wir zur Lebzeit meines Mannes — das Andenken des Gerechten gesegnet — gehabt haben, und sonst 'ftm andern schweren Sorgen dabei, die inan oft nicht von sich wegreden kann. Und besonders jetzt leider, wem soll ich es klagen, oder wem soll ich es 'jetzt sagen? Wir haben niemand, aus den wir uns stützen können» als unfern Vater im Himmel. Er soll uns helfen und seinem Volke Israel und uns erfreuen in den Tagen unserer Not. Zwar habe ich auch zu Lebzeiten meines Mannes — das Andenken des Gerechten zum Segen — hin und wieder Sorgen gehabt, Sorgen um die Erziehung der Kinder. Teils solche, die man sagen, teils die man nicht sagen darf und nicht sagen kann. Aber alle meine Sorgen hat mir der liebe Freund ausreden können. Und wenn ich meine Sorgen gehabt habe, sind sie mir als mit seinem Zuspruch gering erschienen. Aber, wer ist imre mein Tröster? .Wer redet mir nun meine schweren Gedanken aus, mein betrübtes Herz, wie es mein lieber, herziger Freund getan hat, — mich in 1 5785

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