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Neue jüdische Presse · 1909-05-07 · Heft 17 (7.5.1909) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 17 (7.5.1909)
Date
1909-05-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ilrairkfirrter Sfrarlilifdirs fniuilirnblaft. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— HedaKtion imd Geschäftsstelle: Srankfurt a. m.. vilbelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße f efefoit 10507. Herausgeber: KalZ Gei-s. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petttzeile. 25Psg. Die Reklamezeile.. 100 .. Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Bellagen: Preis nach Uebereinkunst. Freilag, den 16. IZar ,7. Mai 18VV). 7 Jahrgang. Anhalt des Hauptblattes. Artikel: Briefe aus Rußland. — Aus den Geschehnissen des Tages. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus den Vereinen. — Aus der Lehrerwelt. — Aus der zionist. Bewegung. — Feuilleton: Die Tochter des Kardinals. — Kunst -und Literatur. — Woch en-Kalender. — Familiennachrichten. Briese aas Rußland. i. Die Krisis. Die Krisis unter der russischen Judenhcit dauert fort. Zwar hört man nichts mehr von blutigen „Pogromen". Zwar hat sich das wilde Treiben des „Bundes" und Konsorten gelegt. Das Leben der russischen Juden ist nicht mehr wie vor drei und vier Jahren von innen und außen täglich und stündlich bedroht. Die rebellischen Streiks und anarchistischen Uebersälle gehören nunmehr ebenso zu den Seltenheiten, wie die mörderischen Anfälle der „echt russischen" Banditen und das schauererregende Wüten des „Verbandes des russischen Volkes". Nichtsdestoweniger dauert die Krisis unter der russischen Judenheit fort, und sie ist vielleicht jetzt ernster denn je. Denn die Lage klärt sich nach und 'nach immer inehr auf. Man fragt, was geschehen ist, was die Revolution Rußland gebracht, und wer an ihr sich beteiligt hat, — und all diese Umstände fallen, leider, zu Ungunsten der Juden aus und gestalten sich zu einer ungeheueren Gefahr für sie. Die Revolution hat zweifelsohne Rußland nächst dem japanischen Krieg innerlich sehr geschwächt und sein Prestige nach außen bedeutend herabgedrückt. Dazu weiß heute von all den am 17. Oktober 1904 versprochenen Freiheiten das Land nichts als den über viele Orte verhängten Kriegszustand, überaus häufig gewordene Todesurteile, immer wachsende Stärkung und Ausdehnung der Reaktion trotz der „Reichsduma", die nichts als ein williges Werkzeug in den Händen der betrügenden, allgewaltigen Bureankratie ist. Die Revolution, die so viele Menschenopfer gekostet hat, hat somit nichts als bittere Enttäuschung gebracht. Und nun prahlen jüdische Grünschnäbel und Schreihälse: sie hätten wesentlich die Revolution gefördert, wo nicht gar dieselbe hauptsächlich ins Leben gerufen. Sind auch solche Prahlereien eine offenkundige Uebertreibung, ja eine in die'Augen springende Lüge, so haben sie doch zur Folge, daß unsere Feinde sich anstelle», als ob sie diese Prahlereien für bare Münzen nehmen, und daß sie nun die ganze Wucht der Erbitterung über die Mißerfolge der Revolution auf die Juden wälzen. Noch nie seit meinem Gedanken war die Verstimmung gegen die Juden hierzulande in den verschiedensten Sphären so stark und so ünverholen wie gerade jetzt. Und diese Verstimmung wird beständig geschürt durch die ungeheuere Agitation des überaus mächtigen „Verbandes des russischen Volkes" mit seinen mehr als tausend Filialen und seiner giftspeienden Presse, welche mit entbrannter Wut alle alten lügnerischen Anklagen gegen Juden und Judentum erneuert und zu diesen die neue, allergefährlichste hinzufügt, als ob die Juden, wenn nicht gar die einzigen, so doch jedenfalls die erbittertsten Feinde der Monarchie und der herrschenden Dynastie imd die Hauptanstifter und Träger der Revolution wären. Diese blutrünstigen Beschuldigungen tischen die vielen Preßorgane des „schwarzen Hundert" ihren zahllosen Lesern tagtäglich mit immer steigender Niederträchtigkeit von neuem auf. Ihre Wirkung bleibt bei dem leichtsinnigen, denkfaulen Publikum nicht aus. Jmmermehr bricht sich die irrtümliche Ueberzeugung Bahn, als ob die Juden eine ernste Gefahr für Land und Leute, Staat und Gesellschaft, und ganz besonders für die Schule bilden, und man denkt nur an die Verstärkung der unzähligen alten und die S ch affung neuer M aßnahmen und Ausnahmegesetze, um sie, die Juden, unschädlich zu machen. Die beschränkte Aufnahme der Juden in öffentliche Mittel- und Hochschulen, welche bis vor kurzem dem Ermessen des Ministers der Volksaufklärung anheim gestellt war, ist nun zum strikten Gesetz erhoben worden. Die Ausweisungen der Juden aus vielen Wohnorten, wo sie seit Jahrzehnten sich niedergelassen haben, häufen sich, und die Wohnrechtsbeschränkungen werden durch diverse Entscheidungen des regierenden Senats stetig verschärft. Faßt man hierzu die zunehmende Ausdehnung der Macht und Bedeutung des „Verbandes des russischen Volkes" ins Auge, welcher ' jeden Kulturfortschritt hemmt, das Volk fanatisiert, in ihm alle bestalischen Instinkte wachruft und den angestammten, mit der Muttermilch eingesogenen Judenhaß schürt, so muß man für die nächste Zukunft das Schlimmste für die russische Judenheit befürchten War es 'doch dem genannten Verbände schon bei seinem seinerzeitigen Entstehen, als er noch in allgemeiner Verachtung stand, bei der Morgendämmerung der „Freiheitsbewegung", ein Leichtes, binnen drei Tagen in mehr als 500 jüdischen Gemeinden entsetzliche Jüdenkrawalle zu inszenieren, viele Zehntausende Juden niederzumetzeln und zu verkrüppeln und Hunderttausende jüdischer Familien zu ruinieren und an den Bettelstab zu bringen: Soweit, in großen Umrissen, von unserer Krisis nach außen. Mit unserer Krisis nach innen steht es nicht besser, vielleicht sogar noch ärger. Der „Bund" und die ihm verwandten Organisationen haben der russischen Judenheit unheilbare Wunden geschlagen. Sie haben die Grundpfeiler des jüdischen ökonomischen und religiös-sittlichen Lebens in ihren tiefsten Tiefen erschüttert. Im Dienste ihrer weftbeglückenden sozialistischen und anarchistischen Utopien unternahmen sie einen Rr. 17. vandalischen Feldzug gegen unsere Religion und ihre unantastbaren Heiligtümer und untergruben systematisch den Bestand des jüdischen Familienwesens mit all seinen großen Tugenden, welche von jeher die Existenzbedingungen, ja die Existenzberechtigung Israels in der Diaspora ausmachten. Zwar sind dank der äußerst energischen Maßregeln der Regierung gegen alle revolutionäre Organisationen diese teils bedeutend geschwächt, teils ganz und gar von der Oberfläche verschwunden; allein ihre fluchwürdige Wirkung wuchert in den Volkstiefen noch immer fort. Die jüdische Arbeiterjugend ist nicht mehr wiederzuerkennen. Der „Bund" und Konsorten haben sie völlig demoralisiert. Wenn man am Sabbat durch die jüdischen Gassen geht, blutet einem das Herz, mitanzusehen, wie die jüdische Handwerker- und Arbeiterjugend böswillig alle religionsgesetzlichen Vorschriften öffentlich verletzt, ihre zügellosen Ausschweifungen öffentlich zur Schau trägt, ja sogar mit ihr prahlt. Es ist der leibhafte Auflösungsprozeß, der vor unseren Augen vorgeht. Daß diese Generation für das Judentum verloren ist, unterliegt keinem Zweifel mehr. Aber was wird init der folg enden Go» neration sein? Geschieht ja leider von jüdischer Seite nichts, um die künftigen Generationen vor ihrem verderblichen Einflüsse zu schützen und zu bewahren. In den gebildeten Kreisen springt vielleicht der Abbröcklungsprozeß weniger in die Augen; aber er schreitet nichtsdestoweniger rapid vorwärts. Bei der schulbesuchenden Jugend ist der „Chillul Schabbos" ein allgemeiner, die Vernachlässigung, bezw. Uebertretung der religiösen Satzungen ist eine fast ausnahmslose. Die Taufen und Mischehen unter jüdischen Studenten imd studierten Juden mehren sich von Tag zu Tag. Für viele dieser Klasse Juden ist der offiziekle Abfall vom Judentum zu einer Utilitätsftage herabgesunken Und was das Schlimmste, — es wird von keiner Seite irgend etwas gegen diese Erscheinungen unternommen. Es ist, als ob es niemand etwas angeht, was mit den Mlllionen russischer Juden geschieht und in nächster Zukunft geschehen wird. Es ist schwer zu sagen: ist es resignierter Jndifferentismus oder verzweifelte Hilflosigkeit, jedenfalls ist diese Apathie ein sehr schlimmes Symptom für das Gesamtbefinden der russischen Juden Aus den Geschehnissen des Tages. Wir stehen jedem Zusammenschluß, der die Erhaltung der Judenheit und die Förderung jüdischer Ideale bezweckt, wohlwollend gegenüber, und wir treten daher im Prinzip auch gern für eine Organisierung jüdischer Gemeinden zu einem Ganze« ein Es ist hier aber ein Unterschied, wenn man einen solchen Zusammenschluß von materiellem und wenn man ihn von ideellem Gesichtspunkte aus betrachtet. Das Materielle, Geldliche verlangt steife Paragraphen, die in rechnerisch unverrückbaren Zahlen genau die Leistungen für und von der Orga-

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