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Neue jüdische Presse · 1909-04-30 · Heft 16 (30.4.1909) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 16 (30.4.1909)
Date
1909-04-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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ieifafle p Nr. 16 des fcaiiftftttfet MMMm famUienfitfttfes. Bericht von Fräulein Bertha Pappenheim, 1. Vorsitzenden des Jnd. Frauenbundes, über ihren Aufenthalt in üiumänien. In Ausführung des Auftrages aus der letztem Vorstandssitzung vom 7. Februar 1909, der darin bestand, oie damals im Text vorliegende Petition an d > c Königin von Rumänien der hohen Frau namens des jüdischen Frauenbundes zu überrreichen, bin ich am 3. März in Bukarest cingetrosfen. Zu meinem Bedauern hörte ich dort, daß die Königin leidend sei und z. Z. keine Audienzen erteilte, sie habe jedoch von der Petition Kenntnis genommen, und da sie deren Gegenstand, die Bekämpfung des Mädchenhandels lebhaft interessiere, möchte ich die Angelegenheit mit einer Hofdame besprechen. Ich tat dies, doch war eine Schriftstellerin, die man darf wohl sagen freundschaftliche Beziehungen zur Königin hat, so liebenswürdig, mir die Möglichkeit in Aussicht zn stellen, binnen kurzer Zeit doch noch von der Königin empfangen zu werden. Ich durfte mir diese Möglichkeit als Beauftragte des jüdischen Frauenbundes nicht entschwinden lassen und beschloß, einige Tage im Lande dazu zu benutzen, im Sinne meiner Aufgabe Umschau zu halten und solche Personen aufzusuchen, . die sich bereit finden lassen würden, an einer Bekämpfung des Mädchenhandels werktätigen Anteil zu nehmen. Daß eine solche Agitation im Lande zu einer unerläßlichen Notwendigkeit geworden ist, darüber war von denjenigen, die die Verhältnisse des Landes kennen, nnr eine Stimme. Um so unbegreiflicher mag es aber erscheinen, daß manche Kreise in Unkenntnis der Dinge leben und daß die Wissenden nie ein Wort der Aufrüttelung gesprochen, nie einen Versuch zur Sanierung getan; auch solche Männervereinigungen nicht, die von ihren westeuropäischen Brüdern auf die Schädigung aufmerksam gemacht sein mußten, die dem Volkswohl und der Volksgesundhcit aus der sogenannten „orientalischen Lebeusanffassimg" erwächst. Ich habe sowohl von Juden wie Nichtjuden ans allen Schichten der Gesellschaft sehr viel Bedauerliches und Besckäniendes erfahren; dagegen hatte ich aber auch die Freude, bei vielen Personen nicht ollzuschwer Interesse und — wie wir hoffen wolle». — tatkräftige Freunde für unsere Frauenmission zu finden. Ich nenne in Bukarest an erster Stelle Herrn Rabbiner Dr. Beck, der sich zu der scelsorgerischen Seite der Aufgabe bekannte; Frau Rosa Standecker, eine in sozialer Arbeit und in sozialem Denken geschulte Frau, Herr Schwarz, Dr. Stern u. a., die in der Erkenntnis der Wichtigkeit unserer Bestrebungen eine kleine Consercnz znsammenbcriefen, i» der ich die Ziele unseres Bundes im allgemeinen und die Gründung von Auskunftsstellcn für Frauen und Mädchen im besonderen auseinandersetze.l konnte. An Wohlfahrtseinrichtungcn scheint Bukarest — das trotz keiner SO 000 jüdischen Einwohner keine Gemeinde ist — nicht sehr reich; alle Kraft wird für die Schulen verwendet, deren cs 13 gibt und die ganz aus privaten Mitteln erhalten werden müssen. Nach einigen Tage in Bukarest ging ich nach Braila, wo ich durch die liebenswürdige Einführung von Herrn und Frau F o c s a n i a m sehr rasch meinen 'Weg zu denjenigen Persönlichkeiten fand, die für unsere Ideen zn gewinnen waren. Dr. Nestoriano bestätigte als Arzt und gründlicher Kenner die Verhältnisse und die Notwendigkeit, sie zu ändern; im Hause der Frau Dr. Adler hatte ich Gelegenheit, in einem kleinen konfessionell gemischten Kreise über den Zweck meiner Reise zu sprechen, und was unter den Umständen das Wertvollste sein kann, ich hatte Gelegenheit, mit dem Deputierten Herrn C o n st a n t i n A l e s s i e n über den Mädchenhandel von sozialpolitischer und vollshygicnischer Seite zu sprechen. Er schien interessiert und zugänglich und versprach, jede Agitation zu unterstützen, die dann am meisten Erfolg verspräche, wenn ans einer Initiative der Königin den maßgebenden Kreisen im Lande das Zeichen gegeben werde, sich offiziell zu dieser Aufgabe zu bekennen. Braila ist eine jüdische Gemeinde, deren Mittel auch durch die Erhaltung der Schulen sehr in Anspruch genommen sind. Eine Eisenbahnstunde von Braila entfernt ist G a l a tz, gleich Braila ein Hasen und darum für den Mädchenhandel ein wichtiger und für dessen Bekämpfung ein notwendiger Punkt. Auch hier für alle Teile und Schichten der -Bevölkerung die Notwendigkeit, gewisse Begriffe und Anschauungen zu revidieren. Ich konnte gar nicht oft genug sagen, daß wir Frauen die Bekämpfung des Mädchenhandels absolut nicht nur als Gegenstand sentimentaler Charitas betrachten wollen, sondern als eines der unerläßlich st en Mittel, Bolksgesundheit und Volkswohl zu verbreiten, resp. zu erhalten. (Schluß folgt.) - Personalien. Frankfurt a. M. Das Judentum ist die Refjtziou des nie verzagenden, stets zukunftsfrohen Optimismus. In den mcderdrückendsten Momenten des Lebens die Ruhe zu bewahren, auch dann aus der Fülle des Guten zu schöpfen, das ein guter Gott in so reichem Maße gegeben hat, dieser Granitfcls des Judentums gab den Worte» der Propheten der Jude» Kraft und Schwung und hat das Volk der Juden Jahrhunderte überdauern lassen, von denen bei einem anderen Volke jeder einzelne Tag genügt hätte, sich aus Hofsnungslosigkeit aufzugeben. Auch heute noch lebt ein gutes Stück Optimismus im jüdischen Volke. Doch selten, sehr selten sind die jüdischen Männer geworden, bei denen der jüdische Optimismus — die Freude am Guten und an der Güte, die glühende Begeisterung für alles Gute und Edle und der Glaube an den Sieg des Guten —, das ungeteilte Ganze ihrer Persönlichkeit bildet, denn die Mahlmühle des modernen Lebens zerteilt und zerreibt den Menschen. Wenn daher einer jener seltenen Männer, die wie Leuchttürme in der Brandung des Menschengewoges stehen, aus dem Leben scheidet und wenn es dazu noch ei» Mann in der Vollkraft seines Schaffens ist, der noch Jahrzehnte als Stütze und Vorbild Hütte leben können, — dann ist der Schmerz bei allen das Gute Erstrebenden ein namenloser. Einen solchen Mann hat die Judenhcit diese Woche in dem Dozenten an der hiesigen Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften Dr. G u - st a v Weinberg verloren. Eine Gradheit, der jeder niedrige Gedanke fremd war, eine Selbstlosigkeit und Güte, die selbst die eigenen materiellen Interessen vergessen ließ, da sie in jedem Menschen den Menschenbruder sah, dem Brüderlichkeit zu erweisen, edelste Aufgabe des Lebens ist, Eigenschaften, wie sie in solcher Größe nur ans dem Boden des echten jüdischen Optimismus heranreifen können, drückten dem Wirken dieses Mannes den Stempel ans und machten ihn zil einem der besten und erfolgreichsten seines Berufes, des Lehrerbcrufes, des Berufes, Menschen zu bilden. Und dabei hatte er schwer zu kämpfen, doppelt schwer zn kämpfen, bis er nach jahrzehntelange» Widrigkeiten eine seinen glänzenden Fähigkeiten und seinem hervorragenden Wisse» entsprechende Position erlangte; er hatte schwer zu kämpfen, weil alle aufrecht, gradcans schreitenden Menschen in dieser trotz aller Fortschritte immer noch so engherzigen und egoistischen Menschenwelt fortwährend ein materielles Opfer klcingeistiger, selbstsüchtiger Machenschaften sind: und er hatte doppelt schwer zu kämpfen, weil er Jude war. Aber das Gute siegt! — Die, trotz der ungünstigen Tageszeit ungewöhnlich große Zahl Leidtragender, darunter eine große Zahl erlesener Persönlichkeiten, war der Beweis für die Hochschätzung, die Dr. Gustav Weinberg in den weiteste» Kreisen gezollt wurde. Da er — vielleicht in einer Todesahnung, trotz anscheinend bester Gesundheit — jüngst geäußert hatte, er wolle eimnal iit streng traditioneller Weise und ohne Grabrede bestattet werden, so war von der Familie der Wunsch, daß an seinem Grabe nicht gesprochen werde, respektiert worden. Trotzdem ließen cs sich die Institutionen, in denen er gewirkt, nicht nehmen, durch ihre Vertreter an der Bahre aussprcchen zu lassen, was ihnen der Verstorbene gewesen war, wie er in allem sein großes Herz, se.ineu künstlerischen Sinn und seinen klaren Verstand betätigte, wie treuherzig er zu jedem hielt und stets als umsichtiger.Freund zur Seite stand, wie mustergültig sein Fleiß und seine Arbeitskraft waren. Es sprachen das aus Direktor Prof. Dr. Freund für die Akademie f. Sozialu. Handelswissenschaften, Direktor Dr. Adler für das Philanthropin, Prof. Dr. Gräffcnberg für die städtische Handelslehranstalt und Direktor Dr. Walter für die beiden städtischen Realgymnasien, sowie am Grabe Vertreter der Goethe- und der Hohenstaufen-Loge. lieber den Lebensgang des Heimgegangenen sei berichtet: Gustav Weinberg ivurde am 26. April 1856 in dem romantisch gelegenen Rhönstädtcheu Gersfeld als Sohn des angesehenen Gerbereibcsitzers Juda Weinberg s. A. geboren und erhielt in seinem in traditionell jüdischem Geiste geleiteten Elternhause eine Erziehung, die ihn schon früh für alles Wahre, Gute und Schöne empfänglich machte. So kam es denn, daß es ihn im Kaufmannsbernfe nicht duldete und er nach mehrjähriger Tätigkeit in diesem Berufe dcu Entschluß faßte, sein Leben geistiger Arbeit zu weihen. Wie sehr er diesem Vorsatze treu war, zeigt auch seine außerbernfliche Tätigkeit: er veröffentlichte zahlreiche Arbeiten, von denen „Das französische Schäferspiel in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts" und „Einführung in die englische Handelskorrespondenz" hier genannt seien. Sein kindliches Gemüt und sein Idealismus machten ihn zuin Künstler und er dichtete; wir haben von ihm „Lieder eines Narren", den Opcrntext „Der Halling^, und das Drama „Saul". Sv ist Dr. Gustav Weinberg denn dahingegangen; aber was er geschasst, hat Samen ausgestreut in seine gleichgesinnte Frau und seine ihm ebenbürtige Kinder und in alle, die in den Bannkreis seiner Persönlichkeit traten. 5e*f Berlin. Geh. Regierungsrat Prof. Dr. Hermaun Munck feierte am 20. d. M. sein goldenes Doktorjubiläum. Der Jubilar gehört zu den hervorragendsten lebenden Vertretern der Physiologie und zu den bedeutendsten Schülern Johannes Müllers und Du Bois Reymonds. 1880 wurde Munck Mitglied der Akademie der Wissenschaften und 1897 von der Fakultät an erster Stelle als Nachfolger Du Bois Reymonds vorgeschlagen, aber aus konfessionellen Gründen übergangen und nur zum ordentlichen Honorarprofessor ernannt. Berlin. Geh. Regierungsrat Professor Dr Carl Liebermann erhielt das Offizierkreuz der französ. Ehrenlegion. Berlin. Am 29. April begeht Direktor Landeker von der Philharmonie das Jubiläum seiner fünfundzwanzigjährigeu Direktionsführ nng. Hamburg. Der Herzog von Sachsen-Koburg- Gotha ernannte den Theaterdirektor Hofrat Max Bachnr zum Geh. Hofrat. Breslau. Auk eine 25jährige Tätigkeit als akademischer Lehrer kann der Privatdozent für klassische Philologie an der hiesigen Universität, Oberbibliothekar an der Universitätsbibliothek, Professor Dr. phil. Leopold Cohn zurückblicken. Rheinbischofsheim. Hier starb Herr Isaak Bloch. Derselbe gehörte fast 20 Jahre dem Synagogenrat au und war auch ca. 10 Jahre Vorstand der hiesigen israelitischen Gemeinde. Burgsteinfurt. Dem langjährigen Vorsteher der hiesigen Synagogen-Gemeinde, Rentner I o s. Marc u s, der tut Laufe d. I. sein 90. Lebensjahr vollendet, ist der Kronen-Orden 4. Kl. verliehen worden. ch Mülhausen i. Elf. Der kaum 14 jährige Knabe Lu eien Levy unternahm am 23. d. Mts. einen S e l b st m o r d e r s u ch. Seine Stiefmutter hatte ihm verschiedene Hintertreppenromane und abenteuerreiche Geschichtsbücher weggenommen, die er seit einiger Zeit gierig las. Als er sie jedoch in wenig höflicher Weise zurückverlangte, bestrafte sie ihn. Sofort verließ der Junge das väterliche Haus und stürzte sich in den Kanal, um seiner Lebensqual ein Ende zu bereiten. Glücklicherweise wurde er von einem Arbeiter beobachtet, der sich sofort in die Fluten stürzte und den Lebensüberdrüssigen herauszog. Czernowitz Bukowina). In Lusan starb Ahron Kentner, der älteste Mann der Bukowina, im Alter von 105 Jahren. Seine Frau ist 100 Jahre alt und körperlich und geistig noch frisch. Smyrna kKleinasien). Louis Maulwurf erhielt den österr. Franz Joseph-Orden und Ed mund Maulwurf den österr. Orden der Eisernen Krone 3. Klasse. Professor vr. Benuo Badt. Wir brachten bereits in unserer jüngsten Nummer eine kurze Notiz über den schweren Verlust, den die jüdische Gemeinde' Breslau und mit ihr die jüd. Gesamtheit durch den Heimgang von Professor Dr. Benno Badt s. Ai erlitten hat Wenn die so schwer betroffene Familie des Verblichenen — seine ihm geistig ebenbürtige Gcmahlin, welche mit rührender Fürsorge seit Jahren über der angegriffenen Gesundheit ihres Gatten wachte, mit ihren hosfnungsvollen Kindern, die der Entschlafene durch Lehre und Vorbild zu begeisterten Juden und Jüdinnen zu erziehen wußte — um den Verlust des Heimgegangenen klagt, wenn das Breslauer Johannes-Gymnasium, au welchem Prof. Badt nahezu 40 Jahre in hervorragender Stellung wirkte, wenn der Verband der israelit. Lehrer Schlesiens und der Provinz Posen, der in ihm seinen Vorsitzenden verloren hat, wie der Hilfsverein Deutscher Juden, dessen Ausschußmitglied der Verstorbene war, und noch eine weitere große Zahl jüdischer Vereine, denen Prof. Badt teilweise als Mitbegründer, stets aber als wertvoller, tatkräftiger Mitarbeiter angchörte, trauernd an seinem Grabe stehen, so »lischt sich in ihre Klage der tiefe Schmerz all derer, die den Vorzug hatten, diesem ausgezeichneten Manne persönlich naheznstehen und sich seiner Freundschaft erfreuen zu dürfen. Denn das war eben das Besondere, was Prof. Badt vor so vielen anderen auszeichnete, bei denen trotz aller hervorragenden Geistesgaben, bei aller Tatkraft und Bereitschaft auch für ideale Zwecke doch das Dichterwort gilt: „Die Grazien sind leider ausgeblieben. Und wem die Gabendieser Holden fehlen. Der kann zwar viel besitzen, vieles geben. Doch läßt sich nie an seinem Busen ruh'n." Nicht so Prof. Badt; ihm hatte der Schöpfer zu der Fülle seiner Geistesgaben, zu der schier' unbegrenzten Arbeitskraft, die er allezeit in den Dienst alles wahrhaft Jüdisch-Menschlichen stellte» einerührende Bescheidenheit und Schlichtheit, ein reiches Gemüt und ein Freundschaft heischendes und

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