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Neue jüdische Presse · 1909-03-26 · Heft 12 (26.3.1909) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 12 (26.3.1909)
Date
1909-03-26
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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T'' --- Leite 10. K- -i i- Ii. r Entwicklungsgeschichte vom 6. November 185!) ab enthalten. Merchingen (Baden). Hier wurde Lehrer D. Kallner unter großer Beteiligung zu Trabe getragen. Biele Freunde und Kollegen waren von fernher herbeigeeilt, um dem Toten die letzte Ehre zu erweisen. Der stattliche Trauerzug gab Kunde von der allgemeinen Beliebtheit des Verstorbenen. Merchingen verliert in dem Heimgegangenen einen gewissenhaften überzeugungstreueu Lehrer; einen seltenen Scheliach Zibbur, der durch seine klangvolle und unrfangreiche geschulte Stimme getragen von wahrhaftiger Gottesfurcht seine Gemeinde zu tiefernster Andacht zu stimmen verstand, einen vorzüglichen gewissenhaften Schochct; einen bewährten Kohol, der als solcher in den entferntesten Kreisen bekannt; seine tieftrauernde Kinder, die er , zu brauchbaren nützlichen Menschen und echten Jchudim erzogen, sowie eine betrübte Gattin, für alle die er die größten persönlichen und materiellen Opfer brachte — diese verlieren das unersetzliche Gut; endlich das Gesamtjudentum einen großen Talnmdisten und selbstlosen, edlen Menschen. Am Grabe gab Bezirksrabbiner Dr. Löwcnstein der Anerkennung und Würdigung aller dieser Eigenschaften besonders dadurch Ausdruck, daß er denr Heimgegangenen nachträglich den Ehrentitel „Morenu" verlieh. — Lehrer Scheuermann feierte im Auftrag der badischen Lehrer den Verstorbenen durch warme Abschiedsworte. — Lehrer Bravmann- Merchingen dankte Namens der Gemeinde für die 27jährige segensreiche Wirksamkeit. — Zum Schlüsse schilderte Lehrer E. Wert heim er als Spezialfteund des Verklärten dessen Lehrtätigkeit im Bilde der siebenarmigen Menorah, hob besonders hervor, daß dein Verstorbene» infolge seiner talmudischen und tcchnifchen Kenntnisse und Fähigkeiten Aufsicht und Leitung über verschiedene Mikwaus übertragen wurde, uiid übermittelte iin Namen der Gemeinde Hardheim den Dank für die sztg. Leitung bei der Neuherstellung der dortigen Mikwoh, die eine Musterinstitittivn nach rituellvorschristsmäßiger und nach sanitärer und ästhetischer Beziehung sei. Auf Anregung des Lehrers Wertheimer beschlossen die Bezirkskollegen, den Verklärten noch dadurch besonders zu ehren, daß sie während der Schelanschim einen Schiur für ihn lernen. Voltmarsen (Bez. Cassel). Lehrer Wertheim -beging unter allgemeiner Anteilnahme seinen 70. Geburtstag. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Das 6. Stiftungsfest des Mädchen-Klub war charakterisiert durch den familiär-gemütlichen Rahmen, den ihm seine Arrangeure gegeben hatten. Diese bewiesen damit, daß sie sehr wohl die goldene Mitte zu halten wissen zwischen der ernsten Lebensaufgaben ftemdcn Frau, die ihre Muse zwecklos vergeudet, und der modernen Frauenrechtlerin mit ihren herben Zügen. Ein erfteuliches Zeichen für den Geist, der im Mädchen-Klub herrscht. Die zahlreichen Mitwirkendcn gaben alle ihr Bestes, und ihr Bestes war gut. Als Meisterinnen der Töne in Gesang und Musik, als verständnisvolle Darstellerinnen auf der Bühne, als Künstlerinnen in anmutigen Körperbewegungen lernten wir die jungen Damen kennen. Wir taten aber auch einen Blick in den wachen Geist heutiger Frauen^ Der von Fräulein.Bertha P ä p p e n h e i m und Fräulein H. Neumüller gedichtete humorvolle "Schwank „Eine Stunde im Hotel Royal zu Pzremysl" zeigte die Frau auf den mannigfachsten sozialen Gebieten wirkend, und die von Frau Clara Fromberg und Fräulein H. Neumüller gedichtete ,.Revue 1907—1908" ihr lebhaftes Interesse für alle Angelegenheiten des öffentlichen Lebens.. Köln a. Rh. Unter großem Andrang des Publikums wurde am Sonntag den 21. ds., abends 8Vs Uhr die jüdische Lesehalle der Benutzung erstmalig übergeben. Ziemlich alle hervorragenden Korportioneu Kölns haben die Gründung, sei es durch tätige Mitarbeit bei den Vorbereitungen, sei es durch Gewährung namhafter Subventionen, Unterstützt. Die Gründung.ging von der „Zion. Ortsgruppe" aus. Nachdem Ende vorigen Jahres die Vorarbeiten soweit erledigt waren, mietete das Kuratoriuni die Räumlichkeiten Petersstraße 3, die sich indessen erfreulicherweise sehr bald als zu klein und ungenügend erwiesen. Die neuen Lokalitäten sind im Zentrum der Stadt gelegen und mit Bildern von der Meisterhand Hermann Strucks geschmückt. Herr Max Goldreich eröfsnete den Einweihungsakt .als Vertreter der „Zion. Ortsgruppe". Er gab eine Uebersicht der bisher geleisteten Tätigkeft und legte die Ziele und Zwecke der Lesehalle ausführlich dar. Diese solle „eine Kultursttte sein, eine Stätte, wo jeder, der des Tages Last und Mühe von sich abschütteln will, geistige Erholung findet." Geplant sei ferner die Einrichtung .populärer Vorträge aus dem Gebiete von Kunst Wissenschaft, Literatur, Handel und Gewerbe, wie auch von Fortbildungskursen. Möge die jüd. Lesehalle auch fernerhin sich des Wohl- Frankfurker HsraeütischeS FamilienbtaÜ. Nr. 12. wollcns der jüd. Bürgerschaft erfreuen, zilin Wohlc derjenigen, für die diese Stätte errichtet, zur Ehre der jüd. Korporationen und somit beitragen zum Heil und Ruhni des jüd. Volkes. Herr Rabb. Dr. R o s e n t h a l als Vorsitzender des provisorischen Kuratoriums richtet herzliche Begrüßnngswortc an die Versammlung und vergleicht in geistvoller Weise im Anschluß an die Wochensidrah die Halle mit dem Mischkan. Namens der „Synagogen-Gemeinde" sprach Herr B l u m e n a u, Herr Dr. Apfel für die „Rheinlandloge", Herr I s a a c für den „Unterstützungsverein", Herr Rabbiner Dr. Frank ermahnte die Besucher, nicht mit der Kultur, die sic von der Lesehalle enipfangen sollen, gleichzeitig auch die Schattenseiten derselben, Gleichgültigkeit gegen die vterliche Religion, anzunehmen. — Herr W o l f f s o h n verglich hierauf bezugnehmend die Halle mit dem Bethhamidrasch, das ja den osteuropäischen Juden von Jugend auf eine liebe, vertraute Stätte sei. Herr N. S o k o l o w wies in humorvoller Weise darauf hin, wie sich das ganze Leben ja eigentlich nur auf dem Alphabeth aufbauc und wie die erste Vorbedingung zu einer Lesehalle sei, daß Literaten aus dein Alphabeth Lesbares zustande brächten. Herr Rabbiner Dr. Rosenthal erklärte hieraus die Lesehalle für eröffnet. Be» Jair. Die Tochter des Kardinals. Historische Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung aus dem Hauptblatt). Der Arzt presste die Lippen aufeinander; jetzt glaubte er zu verstehen, welche Art von Mitteilung ihm bevorstehe. Die Kranke schien, wieder durch ihre Aufregung überwältigt, nicht imstande, ihre Mitteilungen fortzusetzen. „Beschränkt euch auf das unumgänglich Notwendige," wiederholte der Rabbi, „unterlasset jede Erörterung und saget mir in möglichst wenigen Worten, was Ihr von mir verlangt." Die Gräfin nickte mit dem Kopfe und fuhr dann flüsternd und oft stockend fort. „Sechzehn Jahre find's — mein Gemahl weilte bereits drei Jahre im Ausland — ich war in Verzweiflung — ich sah meiner Niederkunft enfc gegen — sah entgegen der entsetzlichsten Schmach — Monate hindurch hatte ich mein Zimmer nicht verlassen — ich galt für krank — sah nur zuweilen meine nächsten Freunde, dje in mich drangen, einen geschickten Arzt zu Rate zu ziehen — dagegen wehrte ich niich — ich ließ mich ausschließlich von dem Bäder behandeln — der glaubte alles, was meine damalige Kammerfrau ihni sagte — sie war die Einzige, die um das Geheiinnis wußte — sie veranlaßte den Bader, mir eine Badekur zu verordnen — und während wir angeblich iii ein Bad reisten — fuhren wir auf ein Gut von mir — wo ich eines Kinoes genas. — Eine Stunde lang war ich glücklich — die einzige in meiucm ganzen Leben — ich hielt mein Töchterchen in meinem Arm und hatte an alles andere vergessen. — Aber meine treue Kammerfrau dachte für mich. — Sie war erst vor wenigen Jahren in den Schoß der allein seligmachenden Kirche ausgenommen worden uiid seitdem in meinen Diensten. — Sie bestand darauf, ich müsse mich sofort von dem Kinde trennen. — Aber alle Vorschläge, die sie mir machte, verwarf ich, — denn ich hatte geschworen, mich nur dann von dem Kinde zu trennen, wenn ich über die Zukunft desselben würde beruhigt sein können. Da erfuhr meine treue Babette, daß eine Verwandte ^von ihr, die an einen hochachtbaren Mann und sehr geschickten Arzt verheiratet war, ihr einziges, wenige Wochen altes Kind verloren hatte, — sie versicherte mich, daß es keine mitleidigeren Menschen gebe als die Israeliten — und keine bessere Kindespflegerimieu als die Israelitinnen. — Ich ließ mich überreden — ich befahl ihr, meine Brillanten in ein Säckchen zu legen und an den Windeln meines Kindes zu befestigen. —"Als es dunkelte, entfernte sie sich mit dem Kinde, — sie hat fid) buvd) eine Hintertür in den Hof des Arztes geschlichen und durch ein offenstehendes Fenster das Kind in ein leeres Kinderbett gelegt —" Rabbi Jizchak war emporgeschnellt. Mit geisterbleichenr Angesicht und Weit aufgerissenen Augen starrte er die Gräfin an. „Unmöglich!" staim melte er. Sie schüttelte den Kopf. „Es ist, wie ich Euch sagte." Er preßte die Hand gegen die Stirn, auf der kalte Schweißtropfen perlten. „Der beigelegte Zettel bezeichnet das Kind als von hochgeachteter Familie, — er war in jüdischer Kurrentschrift geschrieben —" „Babette war als Jüdin geboren; — daß das Kind einer hochgeachteten Familie entsprossen, entspricht den Tatsachen." Ein unaussprechlich bitteres Lächeln zuckte um seine noch immer bleichen Lippen. Er war auf» gestandeii, — und ohne daran zu denken, wo er sich befand, ivar er im Zimmer einige Mal auf und niedergegangen, während die Gräfin in atemloser Spannung jede seiner Bewegungen mit den'Blicken folgte. Endlich blieb er vor ihr stehen, die geisterhafte Blässe seines Antlitzes hatte sich verloren, . aber seine Stirne war in Falten gezogen. „Was wollt Ihr?" fragte er hart, „sechzehn Jahre habt Ihr Euch um bnS Stinb nicht gekümmert." „Ihr seid im Irrtum," entgcgnetc sie flüsternd, „Tag für Xaß bin ich an Eurem Garten vorübergefahren — und war jedesmal glücklich, wenn ich auch nur aus einen Augenblick meines Kindes ansichtig werden konnte." — „Und was wollt Ihr nun?" wiederholte er in demselben Ton. „Bor allem Euch danken für die Güte und die Liebe, die Ihr und Eure dahingeschiedem. Frau meinem Kinde zugewendet habt." Er atmete sichtlich erleichtert auf. „Ihr seid mir keinen Dank schuldig! Ich hatte keine Ahnung, daß das Kind Euer!" „Sonst hättet Ihr Euch desselben nicht angenommen?" Er zuckte die Achseln. „Das ist wohl gegenwärtig eine müßige Frage! — Wir haben das Kind für ein Judenkind gehalten und haben cs als solches erzogen. — Die Edelsteine waren auf dem Zettel als Mitgift des Kindes bezeichnet; sie liegen unberührt daheim und stehen zu Eurer Verfügung." Sie machte eine unmutige Bewegung mit dem Kopfe. „Ihr sprecht von den Steinen, — und ich vergehe vor Sehnsucht nach meinem Kinde." „Nach Eurem Kinde?" — Mit sinster zusammengezogenen Brauen blickte er auf sie nieder. „Wer sein Kind einem andern ins Haus legen läßt, ist nicht mehr berechtigt, es sein zu nennen." „Habet Erbarnien!" flehte sie, „Ihr seht, wie ich leide. — Wenn Ihr wüßtet, wie unsäglich ich gelitten habe —" „Was verlangt Ihr?" fragte er abermals. „Es kann doch, nicht Eure Absicht sein, das Kind als das Eitrige anerkennen zu wollen?". „O, wie gern wollte ich es anerkennen," versetzte sie schmerzlich seufzend, „aber leider! leider! — Das ist unmöglich. — Doch setzt Euch wieder!" Er entsprach ihreni Wunsche und neigte sich lauschend zu ihr nieder. — Mit sichtlicher Anstrengung fuhr sie flüsternd fort: „Ich bin Euch so vielen Dank schuldig — Euch und Eurer dahingeschiedenen Gattin. — Kein Tag ist vergangen in diesen sechzehn Jahren, an dem ich nicht für Euer Wohl inbrünstig gebetet habe. — Ich habe mein Kind bei Euch heranblühen sehen, — ich habe sie frisch und schön und glücklich gesehen. — Wie ist sie so glücklich als euer Kind? — So glücklich ist ihre Mutter nie gewesen. — Und ich habe mir oft gesagt, daß es grausam sein würde, sie von Euch trennen zu wollen. — Vor meinem Ableben gedachte ich, Euch ihre Abstammung initzuteilen; .aber von Euch verlangen wollte ich sic nimmer." — Rabbi Jizchak atmete wiederholt tief aus, der Ausdruck seiner Züge hatte sich gemildert. „Ich begreife, daß es Euch zweckmäßig erschien, mir ihre Familie zu nennen — aber — der Name des Vaters —" „Auch den sollt Ihr erfahren! — Ehemals Ivar' er Offizier; jetzt zählt er zu den höchsten Kirchensürsten, — er ist die rechte Hand des heiligen Vaters —" „Er weiß, daß Ihr das Kind mir zngescndct habt? — daß es unter meiner Obhut lebt?" „Euren Namen habe ich nicht genannt, — ich habe es nicht gewagt, weil Ihr nicht der Kirche angehört." „Ihr habt wohl daran getan und ich bitte dringend, den hohen Herrn in dieser Beziehung auch ferner in Unkenntnis lassen zu wollen." „Gewiß — gewiß!" —" sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn. „Auch darüber muß ich mit euch reden. — Aber mein Köpf ist schwach, — hundert Gedanken jagen mir durchs .Gehirn, ehe es mir gelingt, eine» zu erhaschen." „Ihr solltet euch Ruhe gönnen, .solltet die Fortsetzung eurer Mitteilungen aus morgen verschieben." „Nicht doch, nicht doch! — Es läßt mir keine Ruhe, — und weiß ich denn, ob ich. den morgigen Tag erlebe, — ob nicht im Lause der Nacht, ein Erstickungsanfall mich in's Reich der Schatten führt." ’ „Ihr sehet zu schwarz, Frau Gräsin." Sie schüttelte abwehrend' den Kopf. „Ich fühle mich, — und überdies drängt cs mich, die Bedingung zu erfüllen, unter der mir vollständige Absolickion das Oberhauptes unserer Kirche zugesichert ist —" Sie hielt inne, als erivartete sie eine Frage des an ihrem Bette Sitzenden. Als _ diese jedoch nicht erfolgte, fuhr sie fort: „Das ist der Segen unserer Kirche, daß sie selbst den tiefst Gesunkenen zu absolvieren vermag; — habe ich die Bediirgung erfüllt, so dars Ich frei ausatme», so drückt mich keine Schuld mehr." (Fortsetzung folgt.)

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