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Neue jüdische Presse · 1909-02-26 · Heft 8 (26.2.1909) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 8 (26.2.1909)
Date
1909-02-26
Page
– (sequence 9)
Language
German
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p Nr. 8 iffes faitfcfntk IsmckWm JfamiMtftftes. Aus der zionistischen Bewegung. Hamburg. Am 4. d. M. erstattete in einer gut besuchten Ortsgruppen-Versammlung Referendar Jakob Möller-Altona ein gründliches und mit Beifall aufgenommenes Referat über die jüngsten Ereignisse. Der Vorsitzende entwarf ein Lebensbild von Gustav Tuch und schilderte im besonderen seine Entwicklung zum Zionismus. — Am 1. und 15. dss. Mts. hielt Herr Rabbiner Dr. Loewenthal seine ersten beiden Vorträge über „Die geistigen Führer der Judenheit in der Zeit nach He rode s." Die Einladungen waren von 4 Vereinen ergangen (Ortsgruppe, Loge, Geschichtsvercin und Verein ehemaliger Talmud-Thora-Schüler); der große Saal des Logenheims war überfüllt; die Vorträge waren außerordentlich fesselnd und lehrreich. — Am 16. dss. Mts. wurde auf zionistische Initiative der „Kunstverein Bezalel in Hamb u r g" begründet, nachdem 8 Tage vorher einb Anzahl Bezalel-Teppiche einem Kreise geladener Gäste vorgelegt waren, mit anschließendem Referat von von Dr. H a l P e r n. Der neue Verein, dessen ordentliche Mitglieder einen Mindestbeitrag von 10 JL pro Jahr zahlen, wird jährlich eine Verlosung von Bezalelprodukten unter seinen Mitgliedern veranstalten. Bis jetzt sind 50 Herren und Damen beigetreten. Vorsitzender ist Herr Dr. Münden, stellvcrtr. Vorsitzender Dr. H a l p e r n, Schatzmeister Arthur Hirschland, Schriftführer Moritz S. Wolfs und Hermann Landau, Beisitzer Rechtsanwalt 'Alexander, Rechtsanwalt David, H H a r t i g, Dr. H u l d s ch i u e r , P. I a.c o b s o h n und Ludwig Mainz. Posen. Die von der Zion. Ortsgruppe veranstalteten „I ü d. Ges ch i cl>ts k ur s e" sind für das laufende Winterhalbjahr nunmehr beendet worden. Die Besucherzahl betrug ständig 150—200 Personen. London. Eine Sitzung dcs zionist. Exekutivkomitees, der die Aktionskomitee-Mitglieder S. Goldreich und L. K e ß ler beiwohnten, wurde unter Vorsitz L. I. Greenbergs abgehalten. In Abwesenheit Murray Rosenbergs, dessen Rücktritt ein Schreiben Dr. Gasters meldete, wurde JsraelCohen zum Ehrensekretär bestimmt. Ihren Rücktritt hatten ferner gemeldet: Dr. Daiches, Dr. W e i tz m a n n und I. Mose r. Es wird beschlossen, diese Herren zu ersuchen, ihren Rücktritt zurückzunehmen. Die Krise ist Dr. G a st e r zu verdanken, der wegen der Wahl Greenbergs zum Vizepräsidenten sein Amt als Präsident niederlegte. Odessa. Die Generalversammlung der „Chowewe Zion" faßte folgende Resolutionen betreffend das Schul- und Erziehungswesen in Palästina: '1. Die Tätigkeit des Komitees auf dem Gebiete des Schul- und Erziehungswesens in Palästina trägt einen streng naticnalen Charakter. 2. Das Komitee ist bestrebt, entsprechende Lehr- und Erziehungsanstalten ins Leben zu rufen und zu befestigen, uni sie, sobald ihre weitere Existenz gesichert erscheint, der Verwaltung der einheimischen jüdischen Bevölkerung;u überantworten. 3. a) Die Generalversammlung empfiehlt dem Komitee, auch künftighin, neben seiner Arbeit zugunsten der allgemeinen, elementaren und Mittelschul-Bildung, allerlei professionelle Kurse nach Maßgäbe des erwachsenden Bedürfnisses zu fördern: d) Die Generalversammlung empfiehlt dem Komitee, die Kolonialschule den Bedürfnissen der 'Agrikultur in d e m Maße anzupassen, als dies von kompetenter Seite für zweckmäßig erachtet wird. 4. Die Generalversammlung empfiehlt dem Komitee, darauf bedacht zu sein, möglichst weite Volkskreise zur Förderung des zur Verfügung des Komitees stehenden Schulfonds auf den Namen Dr. Pinslers heranzuziehen. 5. Das Komitee arbeitet auf dem Gebiete des Schul- und Erziehungswesens, sowohl in den Städten, als.auch in den Kolonien. 6. Das Komitee unterstützt das Jasfaer Gymnasium. 7. Das Komitee wird sich es auch künftighin angelegen sein lassen, durch seine Lehrer auch au; andere Lehr- und Erziehungsanstalten in Palästina in nationalem Sinne einznwirken. 8. Das Komitee hat den Lehrerverband in Palästina zu fördern und zur weiteren Stärkung und Entwicklung desselben beizutragen. 9. Das Komitee subskdiert in Palästina erscheinende Druckwerke, die von kulturell-erzieherischer Bedeutung sind. 10. Die Generalversammlung empfiehlt dem Komitee, in Palästina ein Seminariuni für Kindergärtnerinnen zu gründen und zu unterhalten. Personalien. Posen. Justizrat Julius Salz, Stadtverordnetenvorstehrr und Vorstandsmitglied der Anwaltskammer, ist nach schwerem Leiden verschieden. Er wurde hier am 10. Sept. 1858 geboren und ließ sich 1880 als Anwalt hier nieder. Auch dem Vorstand der jüd. Gemeinde hat Salz seit langen Jahren angehört und in dieser Eigenschaft seine beondere Fürsorge dem jüd. Krankenhause zugewandt. Wien. Bankbeamter Martin Mühsam. Sohn des im Vorjahre verstorbenen Rabbiners Dr. Mühsam-Graz, und Dora Byk, Nichte des vor zwei Jahren verstorbenen Lemberger Kultuspräsideuten Dr. Emil Byk, traten zum Christentum über; elfterer wegen 20 Kronen Kultussteuer, letztere, um den getauften jüd. Arzt Dr. Peter Fellner, vormals Leo Pollak, zu heiraten. Budapest. Hier verschied — 58 Jahre alt — der angesehene Journalist Prosessor Albert Sturm. Erst war er Mittelschulprofessor, dann Mitarbeiter dcs „Pesler Lloyd" und dann Herausgeber der „Budapester Korrespondenz". Oberst Simon Vogel wurde bei seinem Uebertritt in den Ruhestand zum Generalmajor ernannt. Budapest. Sigmund Kornfeld. Präsident der Börse und Mitglied des Magnatenhauses, wurde in den erblichen Baronetstand erhoben. Brünn (Oesterreich). He>renhausmitglied und Präsident der Brunner Handels- und Gewerbekammer Julius Ritter v. G o m p e r z ist nach kurzer Krankheit im Alter von 85 Jahren gest o r b e n. Der Verstorbene, geboren am 21. November 1824, war Gesellschafter der Feintuchfabrik „Auspitz Enkel" in Brünn und' seit 1859, also volle 50 Jahre, Präsident der Brunner Kammer, deren erster Präsident er gewesen ist, da die Handelskammern eine Schöpfung des Jahres 1859 waren. Von 1871 bis 1901 gehörte er auch dem Abgeordnetenhaus an, wo er in volkswirtichaftlichen Fragen ein entscheidendes Wort zu' sprechen hatte. — In S a a z verschied der Kultusvvrsteher, Stadtrat und Rechtsanwalt Dr. Adolf A n s p a ch. Amsterdam. Mit dem Tode des Herrn S. Monk, eines durch unbegrenzten Wohltätigkeitssinn, Bescheidenheit und fromnien Lebenswandel gleich ausgezeichneten Mannes, hat upsere Gemeinde einen schweren Verlust erlitten. Der Verstorbene, der ein Alter von 67 Jahren erreichte, ermöglichte durch eine große Spenoe die Errichtung des neuen Bes-Hamidrasch und gehörte dem Vorstand des Kindergartens und des Vereins zur Bekleidung der Kinder der Talmud-Thora an. Zu seinem 60. Geburtstage verlieh ihn, das hiesige Rabbinat den „Chower"-Titel. Rom. Cesare Colombo, Präsident deS Appellgerichts in Modena, ivurde zum Generalst a a t s a n w a l t in Bologna ernannt. Rom. Bildhauer Moses Ezekiel wurde anläßlich der Fertigstellung feiner Napoleonstatue zum Offizier der Krone von Italien ernannt. Wilkowisk (Rußland). Unsere Gemeinde hat jüngst einen Verlust erlitten, dessen Schwere in Worten kaum geschildert werden kann. Denn um das Wirken Jsak L ö b R a b i n o w i tz' zu beschreiben, inuß inan es mit eigenen Augen gesehen haben. Wenn ich erzähle, daß er zu jeder Mahlzeit mindestens sechs Arme an seinem Tische sitzen hatte, oder wenn ich erzähle, daß er sich häufig Geld lieh, um es ohne Zinsen auf Jahr und Tag zu verleihen, — so habe ich noch wenig von ihnl gesagt. Auch wenn ich erzähle, daß es seinem leuchtenden Beispiele und seinen aus dem Born edelsten mrd reinsten jüdischen Wissens hervorquellenden Worten zu verdanken ist, daß wir hier noch eine echt jüdische Jugend haben, — auch dann habe ich ihn noch nicht gezeichnet. Er war — um es mit Worten einigermaßen zu sagen — der Vater und der Lehrer unserer ganzen Gemeinde. Jsak Löb Rabinowitz hat nur ein Alter von 58 Jahren erreicht. Er war als Sohn des angesehenen Rabbiners Josua Zwi Rabinowitz in Wendsegolo geboren und widmete sich dem Kaufmannsberufe. Er besaß ein Manusakturwarengeschäst; doch der Erwerb war für ihn nur das Mittel, um damit Segen zu stiften. Zu seiner Beisetzung ivaren seine Brüder Rabbiner M. Rabinsohn - Raduschkowicz, L. Rabinowitz- Kowno und S. Rabinowitz-Frankfurt herbeigeeilt. Endlos war das Trauergefolge; anfs tiefste ergreifend die Hespedim. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Verein für jüd. Geschichte und Literatur. — „Jüdische MystiI" hatte Herr Rabbiner Dr. Lazarus zum Gegenstände seines Vortrages genommen und damit ein Stoffgebiet sich ausgesucht, für das heute wieder das Interesse ein reges ist, denn das Sehnen und Suchen nach den tiefer liegenden 'Geheimnissen des Menschendaseins ist in unseren Tagen mächtig geworden. Was ist Mystik überharlpt? mit der Beantwortung dieser Frage setzte der Vortrag ein. Die Einheit des vielen, das uns umgibt, durch gefühlsmäßiges Erleben erfassen zu suchen, das Streben, hinter die letzten Ursachen des WeltgeWhens ans dem Wege des Gefühlslebens zu gelangen, nennt man Mystik. Bibel und Talmud, die das Gefühl nur in harmonischer Gleichberechtigung mir dem Verstände anerkennen, sind daher keine Freunde der Mystik. Trotzdem hat sich auch innerhalb der jüd. Gedankenwelt eine Mystik entwickelt. Die erste literarische Erscheinung auf diesem Gebiete stellt das Buch Jezirah dar, das von den Anhängern der Kabbalal. (jüd. Mystik) Simon ben Jochai (2. Jahrhundert) zugeschrieben wird, in Wirklichkeit aber im 7. Jahrhundert geschrieben ist, die bedeutendste der Sohar, verfaßt im 13. Jahrhundert, von dem panischen jüdischen Gelehrten Moses de Lion. In diesem Bliche vereinigt sich Gutes und Böses, echte Frömmigkeit neben arger Gotteslästerung. Ihre Blüte erreichte die Mystik im Judentum durch Israel ben Elieser, Balschem genannt. Diese eigenartige und bewunderungswürdige Persönlichkeit lebte etwa von 1700—1760 in Podolien und Wolhynien. Es war eine Zeit, in der in den jüdischen Studierstuben eine einseitige Verstandesbewertüng so überhand genommen hatte, daß ein Sehnen nach einem Gegengewicht gegen diesen in. Tüfteleien und Haarspaltereien ausgeartcten Verstandesab - solutismus durch die jüd. Bolksmassen ging. Da kam Israel ben Elieser und lehrte, daß nicht das Wissen, sondern Demut, Seelenheiterkeit und Enthusiasmus die erstrebenswertesten Tugenden sind und lehrte damit die jüd. Volksmasse, daß sie durch einen tugendhaften Lebenswandel den Gelehrten ebenbürtig werden köime. Israel Üen Elieser ging von der Allgegenwart Gottes ans, er unterschied sich von seinen Vorgängen in der jüd. Mystik dadurch, daß er an die Stelle der Wkese, die unjüdisch ist, die Heiterkeit setzte. Seine Schüler aber lehrten, daß dje höchste Entwicklung sei, ein Teil der Gottheit zu werden, und sie gerieten ans Abwege, indem sie Rabbincrdynastien (Wnnderrabbis) gründeten, die sich eines übernatürlichen Verhältnisses zur Gottheit rühmen. Die Anhänger dieser Richtung, die Chassidim, find unter den Inden Osteuropas sehr zahlreich geworden. Der Redner führte nun feine Zuhörer in dje Gedankenwelt der Chassidim ein, indem er ans Martin Bubers „Die Geschichten des Rabbt Nachman" eine größere Legende zur Vorlesung brachte, und schloß mit der Aufforderung zur Selbstbesinnung ans die tiefen Kräfte der Judenseele, damit sich der Realsinn mit dem Gefühle paare. Frankfurt a. M. Das Deutsch-Israelit. Kinderheim in Diez ist unstreitig eine der hervorragendsten Stätten, wo jüdische Mildtätigkeit und Wohltätigkeit fürsorgend waltet. In den lichtdurchfluteten Räumen des schönen und zweckmäßig eingerichteten Hauses, das, hoch am Waldrande gelegen, weit hinausschaut in das gesegnete Tal des nassauischen Geländes, wird eine große Anzahl von Knaben unter sorgfältigster Aufsicht erzogen und zu einem menschenwürdigen, gottgefälligen Dasein herangebildet, die, ihren Kreisen überlassen, zum größten Teile sicherlich einem traurigen Schicksal verfallen wären. Waisen und Halbwaisen sind es nicht allein, die hier Aufnahme finden, auch solche denen durch zerrüttete häusliche Verhältnisse die Erziehung fehlen würde, wie auch solche bedauernswerte Kinder, denen eine grausame Welt sehr oft wegen des Fehltrittes der Mutter einen Makel anhaftet: hier finden sie alle eine Stätte der Liebe, unter der sie sich entfalten und zu einem heiteren Leben erblühen. Man sehe nur in ihre froh blickenden Augen, ihre von Gesundheit zeugenden rotwangigen Gesichter, und man wird seine Freude an. ihnen haben, und man wird sich freuen, daß jüdische Wohltätigkeit hier eine ihrer schönsten Blüten entfaltet. Es ist ein glückliches Bewußtsein, an diesem Wohltätigkeitswerk sein Teil mitgearbeitet zu haben; sich aber dieses Glückes teilhaftig zu machen, dazu bedarf es für den einzelnen keiner großen Opfer. Mit dem wiederkehrenden P u r i in f e st e, das jüdischer Gedanke ja mit Wohltun am schönsten zu weihen glaubt, werden Kindernmnd und Kinderspruch bei ihren fleinen und großen Freunden um eine kleine Spende für das Kinderheim bitten, und die Kleinen 'werden gewiß nicht abgewiesen werden und mit leeren Händen abziehen müssen. Das Kinderheim erweist seine Wohltaten jüdischen verlassenen Kindern ganz Deutschlands, und so darf es auch wohl an die jüdischen Herzen ganz Deutschlands seine Bitte um Mithilfe an dem guten Werke richten. Frankfurt a.M. Im .Montefiore"-Berein sprach Mittwoch, den 17. Februar, Herr Dr. Heinemann über „Der Glaube (tu einen Gott im alten Griechenland". Der Redner wies nach, aus welchem Wege vereinzelte Denker zu monotheistischen Ideen gelangten: Xenophanes um 500 durch die Kritik der homerischen Götterwell, Anaxagoras durch die Beobachtung der Zweckmäßigkeit der Geschöpfe; wie dann Platon den „guten" Gott als Vorbild der Menschen erscheinen läßt, Aristoteles den Gedanken cm den zweckmäßig wirkenden Beweger der Welt durchführt und di« 8 t o a bi« all durch dringend« 58

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