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Neue jüdische Presse · 1909-02-19 · Heft 7 (19.2.1909) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 7 (19.2.1909)
Date
1909-02-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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m fit. 7 des Imudfadet Ijmetitiitfien, Iamilien6tiiffes. Rahum Sokolow als Literat. (Zu seinem 50. Geburtstag.) II. Seitdem Sokolow Redakteur der „Hazcfir a h" wurde, stand er an der Spitze der hebräischen Tagespreise. Mehr als ein Vierteljahrhundert befand er sich in einer unermüdlichen, sür buchstäblich keinen Tag unterbrochener: schriftstellerischen Tätigkeit. Mit Geschick redigierte er seine tägliche Zeitung, die er auf die möglichste Höhe zu bringen bestrebt war, gab das erste periodische Sammclbuch „Haassif", später „Sefer Haschana", heraus, verfaßte verschiedene Werke, regte den Eifer und die Nachahmungslust vieler durch sein persönliches Muster an, führte den europäischen Ton und die europäische Form in die hebräische Presse ein und veredelte und bereicherte den Geschmack der jüdischen Leser. Doch er beschränkte sich nicht auf ein Gebiet, sondern pflegte alle Zweige der Presse gleichzeitig und Mntereinandcr. Politische und Leitartikel, wissenschaftliche Abhandlungen, kritische und historische Betrachtungen, Essays, Reiseschilderungen, Feuilletons, historisch-psychologische Erzählungen, Gedichte in Prosa — alles dies floß aus der genialen Feder Sokolows wie aus einem sprudelnden, unversiegbaren Quell. Und seine Entwicklung stieg von Tag zu Tag, seine literarischen Kräfte entfalteten sich unaufhörlich, seine Feder erstarkte und wurde reicher an 'Farben mit jedem Tag.' In der ersten Zeit widmete er sich mit besonderer Liebe und fast leidenschaftlichem Eifer dem politischen Teile seines Blattes. Er war eigentlich der erste, der diesen Zweig aus der europäischen Presse in die hebräische verpflanzte, und blieb auch der einzige, der ihn zur hohen Vollendung brachte. In seiner politischen Revue „Diwre du jo mim" (Geschehnisse der Tage), die tagtäglich mit einer unglaublichen, geradezu maschinenmäßigen Pünktlichkeit zwanzig Jahre hindurch erschien, führte er den Lesern der „Hazefirah" die ganze Welt vor, machte sie mit allen politischen Vorgängen in Europa, mit alten Fragen und Bewegungen der Zeit bekannt, brachte dem jüdischen Publikum das Verständnis und Interesse für das politische Leben und Treiben bei. Noch mehr Eifer und Geistesreichtun: widmete er aber der Besprechung und Erörterung der vielen Fragen des jüdischen Lebens. Wer wie er ist mit dem Leben in der jüdischen Gasse so innig vertraut, und wer kennt wie er alle eigentümlichen, zuweilen grotesken Erscheinungen unserer Welt? Mit scharfem Blick durchschaute er alle verworrenen Verhältnisse und Lebenszustände der russischen Judenheit, und mit seinem kerngesunden Verstand fällte er über alle unsere geistigen, wirtschaftlichen mrd sozialen Probleme das richtige Urteil. In einer langen Serie von Aufsätzen unter dem Titel „H a z o f e l' B e t h Israel" (Wärter des Hauses Israel) und in hunderten, ja vielleicht tausenden anderen Aufsätzen dieser Gattung betrachtete er das jüdische Leben nach allen Seiten hin. Und dabei zeigte sich nicht nur der Scharfsinn und helle Blick Sokolows, wie er alles schnell und gründlich erfaßte, das feinste sofort wahrnahm und ein jedes zutreffend beurteilte, — hier zeigte sich vor allem das tiefe Gemüt Sokolows, sein warmes, rasch pulsierendes Herz, dem die immer aufs neue geschürten Leiden des jüdischen Volkes oft die erschüttertsten Klagen entrissen, sein reges Fühlen, das vom kühlen Verstände nur oberflächlich unterdrückt zu werden schien. Bei keinem anderen tritt wie bei ihm das Subjektive so stark in den Vordergrund, und keiner verstand es wie er, die schwierigsten Fragen und Probleme des Ghettolebens mit echt popularisatorischem Sinn zu erläutern und zu illustrieren. Mit einer bewundernswerten Gewandtheit, die wiederum von allen hebräischen Schriftstellern nur Sokolow eigen ist, lllld mit viel Glück ging er' vom politischen und publizistischen Gebiet zum belletristischen über. Dabei zeigte sich das Psychologische Eindringen Sokolows, sein feiner Kunstsinn und das freie Spiel seiner lebhaften Phantasie. In seinen Reijebeschreibungen, vor allem in der Artikelserie: ,,l'Europa hamaarow is", schilderte er das Leben der 'Juden in Westeuropa, wie er sie auf seinen 'häufigen Reisen kennen gelernt hatte. Mit historischem Blick und treuer Hat zeichnete er Vergangenheit und Gegenwart der großen geistig-nationalen Zentren unseres Volkes im Mittelater. Die Reisebilder Sokolows sind von einem 'psychologisch-poetischen Hauch umweht, sie sind durchtränkt vom Geiste der jüdischen Geschichte und der jüdischen Ähetti, sie laflea ^or uns alte Wetten in ihrem geheimnisvollen Zauber erstehen; denn er malt die Bilder der traurigen Gegenwart in Italien, Spanien, Frankreich usw., allen jenen alten Festen jüdischen Geistes und jüdischen Lebens, auf dem Hintergrund eben jener glorreichen Vergangenheit. Auf seinen Reisen durch die größten Kulturzentren Europas bot sich ihm die Gelegeuheit, die alten und die neuen Erzeugnisse der Pinsel- und Meißelkunst näher kennen zu lernen, und da zeigte sich auch das tiefe Verständnis Sokolows für Malerei und Skulptur. In seinen Studien: „Die Bildergalerie in Dresden", „Gibt es jüdische Kunst", „Bei Glitzenstein" usw. entwickelte ec seine Kunstanschauungen im allgemeinen und seine Ansicht in Bezug auf die jüdische Kunst insbesondere. Für die hebräische Literatur, die so arm ist auf diesen: Gebiete, waren die Studien Sokolows ein unschätzbarer Gewinn. Unübertroffen ist er in seinen „literarischen Essay s". Mit wahrhaft künstlerischen: Sinn, mit wenigen, leichten Strichen, mit Krappen, treffenden Worten zeichnet er ein deutliches, lebend vor uns schwebendes Bild. Er dringt in die verborgensten Winkel der Seele der zu zeichnenden Personen ein und zergliedert sie nach allen ihren Eigentümlichkeiten, Regungen und Nuancen. Eine Fülle von Charakteristiken verschiedener Persönlichkeiten haben wir von seiner Feder erhalten. Dasselbe psychologische Verständnis zeigte Sokolow auch in seiner historischen Erzählung „Neuro hanescher", die die bewegte Zeit des Bar- Kochbaischen Aufstands behandelt. Der gesunde Humor Sokolows mtb sein sprudelnder Witz äußerten sich in der langen Reihe von Feuilletons i:ud leichten Gespräch e n. Denn auch in dieser Rubrik der Presse zeigte er sich fast unübertroffen. Ueber alle Fragen des Tages, über das Größte und Kleinste, versteht er cs, so leicht und graziös, so scharfsinnig und geistreich zu plaudern; sein Redefluß ist hier unerschöpflich, seine Geistesblitze zucken hier und da blendend. Er vereinigt die Schärfe des jüdischen Witzes mit der Eleganz der Form, der farbenreichen Ausführung. Sokolows Feuilleton ist ein Gemisch von jüdischem Gesühl und Esprit und sprachlicher Schönheit, ein harmonisches Zusammentönen von jüdischen Seclenklängen und europäischem Wohllaut. Den politisierenden, philosophierenden und polemisierenden Publizisten, den scharfblickenden, leichtbewegten Journalisten, den geistreichen und scharfsichtigen Essayisten und hunrorvollen, Geistesblitze sprühenden Feuilletonisten löste bald der feinfühlende, glühende, schwärmerische Dichter ab. Denn neben dem urgesunden Verstände, der klaren, alles niederzwingcndeu Logik, dem luüchtigcn Intellekte und den: festen, scharfen, 'unerschütterlichen und unumncbeltcn Wirklichkeitssinn besitzt Sokolow zugleich auch eine tiesempsindende, stark poetische, warm fühlende, phantasievvlle Seele. Diese verschiedenen Erscheinungen seines Geisteslebens aber stehen nicht in: Gegensatz zu einander, sondern ergänzen sich gegenseitig und äußern sich eine jede zu rechter Zeit ut in: richtigen Maße. Freilich ist Sokolow kein Dichter in: gewöhnlichen Sinne des Wortes, er ist kein Dichter in Vers und Stil, — die wenigen Gedichte, die erversuchsweise der Poetischen Kunst gemäß geschrieben hat, können ihn nicht als Dichter empfehlen —; das heiße Temperament aber, die gefühlsstarke Seele und der sehnsuchtsvolle, träumerische Ge-- mütserguß sind die eines Dichters. Ein Meer von Gefühl, Schwärmerei und Wehmut flutet in seinen Gedichten in Prosa, in den „Luchoth w'schewrs Luchoth", „Zion", „l'Erez Israel" usw. Der Art des reichdifferenzierten, vielseitigen Schaffens entsprechend, ist auch der Stil Sokolows reichhaltig und gediegen. Sein Stil ist farbenreich, leicht, geschmeidig und kernig; sein Sprachschatz besteht aus den Kostbarkeiten aller Literaturperioden unserer Nation; seine Redewendungen und Ausdrucksnuancen sind mannigfaltig und voll Saft und Leben. Er weiß in gleichem Maße die ältesten und neuesten Schätze der hebräischen Sprache mit Geschick und gutem Geschmack zu verwenden. Leider wurde Sokolow durch die Wucht der Geschehnisse in Rußland dem hebräischen Schrifttun: gewaltsam entrissen. In allerletzter Zeit jedoch beginnt er allmählich zu der Arbeit, an der er mit allen Fasern seines Herzens hängt, zurückzukehren. tzosfentlich wird die völlige Rückkehr bald geschehen. L. S—o. Aus aller Wett. Rußland. Petersburg. Das Ministerium hat den Vorschlag des finnischen Senats, das Schächten zu verbieten, abgelchnt, da dadurch die jüdische Religionsausübung gestört werde. Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Bei der Exped. des Franks. Jsr. Familienblatt .gingen sür den Nationalsonds ein: Saly Geis gratuliert zur Hochzeit Litwin S. Beregowski, Sitomir —.50 Jk Frau Bertha Hirsch, Homburg v. d. H., Marken und Staniol. Frankinrt a. M. Im Bureau des Jüdischen Nationalfonds, Grüncstraße 2g pt., ging ein: Bon den Hinterbliebenen des Herrn Raphael Ettlinger 50.— Jk Von Rechtsanwalt Dr. Siegfried Schwarzschild 10.08 „ Zion. Stammtisch im Cafe Bauer 4. 2. 1.60 „ Zion. Stammtisch im Cafe Bauer 2. 2. 2.— „ Simon Haas, Hölderlinstr. 3.— ,, Gesammelt bei dem Bortrage von Dr. Margulies 15.50 „ Isidor Kahn spendet einen Oelbaum im Herzlwald auf den Nanren seiner Tochter Irmgard Kahn 6.— „ 88.18 M. Marken von Herrn Dr. Alexander Friedmann, Gorazda i. Bosnien, Staniol von Herrn Dreßler, Grünestraße 11. Fraukfurt a. M. Zionist. Ortsgrupve. Es waren meist dem Zionisten vertraute Gedanken, die Herr Rechtsanwalt Dr. Margulies in seinem Vortrage „Der Weg ins Freie" gab, — und trotzdem war der Vortrag selbst für die ältesten Anhänger der Bewegung ein Genuß, denn bei Dr. Margulies vereinigen sich ein wundervoller Organ, Wärme der Einpfindung und eine klassisch edler Wortfülle. Wer kennt nicht unter uns Juden das Suchen nach einem Weg ins Freie, wir alle suchen ihn, — jedoch nur die Zionisten haben einen würdigen, zukunftverheißenben Weg gefunden. Dieses Suchen nach einem Weg ins Freie in seiner verschiedenen Nuancen schilderte der Redner und würdigte dabei selbstredend auch kurz Schnitzlers Roman „Der Weg ins Freie." Dem Bortrag schloß sich eine Diskussion au, in der besonders Herr Rechtsanwalt Dr. S ch w a r z s ch i l d längere Ausführungen machte. Frankfurt a.M. Nut dem 8 Zin-i^enkongrestw-^de von den im H a a g versammelten Airhängeri: des Misrachi einKaPitalfonds für dieGrütung einer hebräischen Mittelschülerin Palästina gezeichnet. Das zur Durchführung des Unternehmens gebildete Komitee! wurde inzwischen durch den Beitritt mehrerer angesehener, dem Zionismus nicht angehörender Männer der deutschen gesetzestreuen Judenheit erweitert und das Unternehmen dadurch auf eine breitere Basis gestellt. Rach längere Zeit dauernden Ermittlungen hat das Komitee von der Errichtung einer neuen Schulanstalt abgesehen, hat vielmehr beschlossen, die seit einigen Jahren in Jaffa bestehende Tachkemonischule zu übernehmen und in eine nach modernen pädagogischen Grundsätzen ge- 7285

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