Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 6 (12.2.1909)
- Date
- 1909-02-12
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6. Gegenstände geboten ist, Sammelstellen errichtet würd.en, von denen aus von Zeit zu iZeit Sendungen nach Frankfurt gehen könnten. Frankfurt a. M. Die Kommission der Stellenver Mittelung der Weibl. Fürsorge für i s r. Frauen und Mädchen teilt uns mit, daß die Bürostnnden jetzt täglich von 3—5 Uhr Werktags und Sonntags von 0V2—11 Uhr stattsinden. Für die Arbeitergeber genügt bei Verlangen von Geschäftsimd Hauspersonal Mitteilung per Postkarte oder — während den Bürostnnden — per Telephon 3728. Sämtliche Aufträge werde» tunlichst rasch erledigt, damit den vielen Stcllenn»d Arbeitsuchenden Gelegenheit gegeben wird, den erwünschten Erwerb zu finden. Die Vermittelung erfolgt a n ch nach a n s w ä r t s für beide Teile k o st e n l o s. Frankfurt a. M. Herr August Na-bmann Elkenbachstraße 6, Bevollmächtigter und Ehrcn-Mitglied der Allg. Jsr. Volksküche, des Jsr. Blind eninstitu ts nnd des Jsr. Mädchen- Waisenhauses in Jerusalem, bittet um Geldspenden für diese Institutionen, die sofort nach Jerusalem weiterbefördert werden. Frankfurt a. M. „Montesiore"-Verein. In seineni Vortrage „D i c U in Wandlung der Iuden von einem .Ackerbanvolkc. zu einem H a n d e l s v o l k e" zeigte Herr B e r n - hard Nosenthal, wie wir Inden nur durch den Zwang der Verhältnisse in den Handelsstand hineingedrängt worden sind. Zereits zur KönigSzeit wandelten viele Juden au:. Palästina ans, weil die Latisundienwirtschast sie zur Auswanderung zwang, nnd gründeten Kolonien. Das waren die ersten jüdischen Kauslcute. Nachdem die Völkerwanderung Kultur und Handel vernichtet hatte, wurden die Inden die natürlichen Träger des Welthandels, . denn mit ihrem Hebräischen konnten sie überallhin Beziehungen anknüpfcn, während die anderen Völker' keine Weltsprache mehr beherrschten. Später sanken sie dann infolge der für sie gemachten Ausnahmegesetze zu elenden Kleinhändlern hinab, nnd der eigentliche Handel lag so seit den Krcuzzngen Jahrhunderte lang in den Händen der Christen, bis mildere Zeiten auch den Inden Menschenrechte gaben. Frankfurt a. M. Während Herr Rabbiner Dr. Jakob Horovitz in einem vor drei Monaten im Verein ..Tiseres Bachurim" gehaltenen Vortrage MichaelSachs im Rahmen seiner Zeit gezeichnet hatte, schilderte er ihn in seinem gestrigen Vortrage im Verein für j ü d. Geschichte und Literatur in seiner inneren Wirksamkeit und in seiner bleibenden Bedeutung. In seiner .seelischen Analyse lernte das zahlreich erschienene Publikum Lachs als ein „Genie der Persönlichkeit" kennen, als eine» Mann, bei dem sich in seltener Harmonie Gemüt nnd Geist vereinten. Sachs schloß sich in seiner Person den jüd. Jdealgestalten der spanischen Zeit an, denn er war Dichter nnd Gelehrter zugleich nnd beherrschte mit gleicher Eleganz das Hebräische nnd seine Mutterspräche. Von seinem edlen Sinn legt schon die Tatsache Zeugnis ab, daß er in Berlin ans den Titel „Rabbiner" verzichtete, weil der seit Jahren amtierende „Prediger nnd Rabbinatsassessor" sich dadurch hätte zuriickgcsetzt fühlen köilucn. Bon dem Zauber seiner Persönlichkeit zeugt auch seine innige Freundschaft mit dem hochgesinnten Moritz Veith und sein intimer Verkehr mit Männern wie Alexander und Wilhelm von Humboldt, Varnhagen v. d. Ense rc. Als Jude stand er ans dem Boden des traditionellgesetzestreuen Judentums nnd hielt fest an der Einheit Israels — Redner verliest einen dafür bezeichnenden Bries an Veith nnd weist ans die glühende jüdische Liebe, von denen seine Werke Zeugnis ablegcn, hin —. Der so bescheidene Mann konnte zum unerschrockenen nnd unermüdlichen Kämpfer werden, wenn es seineni Judentum galt, und bei " diesen! Kampf standen ihni sein beißender Spott, seine Fülle von Gedankens seine glühende Wärme nnd Phantasie hilsrei zur «eite. Sachs' bleibende Bedeutung liegt in seinen Werken. Seine Ncbersetzungen der Psalmen, von 15 Büchern der Znnz'schen Bibel, des Machsors nnd der Piutim zeichnen sich durch treue Wiedergabe des Textes bei einem klassischen Deutsch ans. Seine „Religiöse Poesien der Inden in Spanien" haben die Perlen dieser Poesie in der großen Literatur der Gegenwart bekannt gemacht-— so hat er Heine durch sein Buch stark angeregt —. Niemand hat tiefer nnd inniger die hebräische Poesie der spanischen Juden erfaßt, wie er, der nicht nur Uebersetzer, sondern auch llmdichter dieser Literatur gewesen ist. Doch nicht allein her Dichter, sondern auch der Literarhistoriker spricht aus diesem Werke, das später noch in seinen „Stimmen vom Euphrat und Jordan" seine Fortsetzung fand. — Die Verdienste Sachs' für die traditionelle Judenheit und für die Poesie und Wissenschaft des Judentuins werden für die Dauer der Zeiten anerkannt bleiben. Redner schließt unter lebhaftem Beifall. — Es sei hinzugesügt, daß deni Vortrage ein Enkel des Gefeierten, der hiesige Augenarzt Sachs, beiwohnte. Köln a. Nh. Dem Berickte des Vorsitzenden Nt. Falkenstein auf der jüngsten Generalversammlung des Wohltätigkeitsvereins Chewrah Simichas Dalim entneh- Frankfurker Israelitisches Familienblakt- Seite 11. men wir, daß der Verein 870 Mitglieder zählt und seine Einnahmen und Ausgaben im Berichtsjahr mit 16 455 Jf. balanzierten. Der Vorsitzende beklagte in seinem Berichte die zunehmende Verarmung eines großen Teils der jüd. Bevölkerung Kölns. Hamburg. Auf Anregung des »Verbandes der Sabbatfreunde" hat sich auch hier ein Komitee gebildet, um eine B r o ck e n s a m m l u n g „P e a h" ins Leben zu rufen. Bakel. Die Kommission des Vereins zur Förderung des gesetzestreucn Judentums in der Schweiz nahm in ihrer letzten Sitzung davon Kenntnis, daß die mit 2000 Fr. Kosten in Genf errichtete Mikweh ihrer Bestimmung übergeben worden ist. Dem Talmud Thora-Verein in Zürich wurde ein namhafter Zuschuß bewilligt und ans Vorschlag des Herrn Rabb. Dr. Cohn beschlossen, der Gründung einer jüd. Bibliothek mit Büchern belehrenden nnd unterhaltenden Inhalts näherzutreten. 0 leuüMon. 0 Friedhofsgeschichteu. ....*) — Neue Folge. — Von Maxime Le Maitre. Im Hekdesch bei Tag. Nur langsam und mühevoll ist der Morgen, der bleierngraue Morgen aus dem Schoße der Nacht hcrvorgckrochen. Die kaum anfgehellte Morgenluft schwamm im Nebel und — in Wehmut. Der graue Nebel umfängt die Lüste und bedeckt wie mit einem Mantel die nackte, schwarze, feuchte Erde. Er hat überall seinen Weg gefunden, über Gräber nnd Berge, über schwarze, weitgähnende Flutabgründe, wie über die Wellen des kleinen Bächleins. Ein müder, stöhnender Westwind säuselt in die nebeldurchtränkte Lust und weint in die Wellen des murmelnden Baches. Und ein hoffnungsloses, wehmütiges Lied zieht durch die Seele des weiten, unendlichen Alls . . . Die Wolken am grauen Himmel verkünden Trauer von oben, und ein stummer, geheimer Schmerz nnd ein banges Walten hängen über den: freudlosen Morgen Der Hekdesch ist iin Nebelmecr ertränkt, als wäre er von ihm tvcggeschivemint worden. Nichts ist von ihm sichtbar. Nur irre Strahlen der Totenkcrzen, die durch die traurigen Scheiben des Hekdesch in das Morgengrau dringen, im Nebel zittern, um sich bald im undurchdringlichen Nebelgrau zu verlieren, bezeugen, daß der am Eingang des Friedhofs von den Wellen des Nebelmeeres nmflutete Berg keine mit Erde überschüttete Leichengrnbe ist. . . Im Hekdesch herrscht jetzt Leben, das sich in stummen Gebärden, Flüstern, Seufzern und halblauten Klagen ausdrückt. Jankel der Ewige, der kleine Jude mit dem großen' Halbgranen Bart, dieser Totenvater und Stadtwaise, der für alle kinderlos Heimgegangenen Kaddesch sagt, sitzt nicht mehr Totengebete lispelnd bei der Leiche, sondern er bewegt sich schnell und stumm im Hekdesch, eilt von einem Winkel zum andern, bald auf der Reinigungsbahre, auf der die Bettler schliefen, Ordnung schassend, bald einigen Juden Befehle und Wünsche zuflüsternd. In den verschiedenen Ecken und Enden im Hekdesch stehen schwärze, bärtige Juden und führen im Flüstertöne Zwiesprache miteinander. An der Stelle, wo noch bis vor einigen Augenblicken die Leiche lag, sitzt auf einem kleinen Schusterstuhl eine alte Frau mit verweinten Augen und hagerem Gesicht und schluchzt von Zeit zu Zeit schwer ans. Ihr düsterer Blick starrt ans den Erdenwinkel hin, wo die Leiche gelegen hatte. Die bärtigen Juden werfen zuweilen ihre Blicke voll Trost und Anteilnahme auf die Frau, die den Heimgang des einzigen Sohnes beklagt. Die Fra» sitzt aber stumm und bewegungslos, und die Blicke voll Trost nnd Teilnahme prallen an ihrer Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung ab, wie der irrende Nachtwind an den nackten Felsenklippen. Das Licht der Totenkerzen sollte das Hinabsenken des Toten in sein Grab nicht überdauern. Die ganze lange Nacht hindurch hatten sie nur einen spärlichen Schein verbreitet, jetzt flackern sie auf und treiben rosa und blaue Flämmchen in die Luft, lodern bald verzweifelt auf, sinken wieder, um.sich darauf desto kräftiger zn erheben und ringen hoffnungslos um ihr Licht. Sie erlöschen. Und zum Zeichen ihres Verdrusses über ihr gewaltsames Ende, pusten sie niit ihreni letzten Lebenshauch einen üblen Geruch aus, der sich bald mit der Hckdeschluft freundnachbarlich verbindet und selbst der verzweifelten Mutter den Atem anfreißt. Sie verzerrt ihr Gesicht, hebt den Kops und schaut suchend in die kleine Trostgemeinde. Alles wendet ihr das Gesicht zn, und nach einer Weile atemloser Spannung löst Jankel der Ewige mit seinem berufsmäßigen Trostspruch, den er gleichgültig dahin murmelt: „Gestorben — begraben — nix zu machen", jedem die Zunge. Dieses Trostwort Jankels fällt wie der Funke in's Pulverfaß. In das hagere, fahle Gesicht der alten Frau steigt das Blut, ein schwerer Seufzer ringt sich aus ihrer Brust, sie bestreicht mit der *) Bilder aus dem russisch-jüdischen Volksleben. Zunge ihre vertrockneten Lippen, sammelt ihre ganze Kraft und schreit mit heiserer Stimme: „Was, gestorben — begraben — nix zn machen? Sie, Reb . Jankel? — ja, nix zu machen?" und im gesteigerten Ton mit weinerlicher, heiserer Stimme: „Nichts zn machen? — nichts zu machen —?" Und bald still nnd lautlos zu sich selbst: „Nichts zn machen — nichts zn machen —„Aber wer hat Schuld? Wer hat ihn in den Tod getrieben? Ihn, meinen einzigen Ernährer. Er war nicht krank — aber gut war er — zu gut, und das war sein Verderben. Oder nein, er war nicht gut, er war krank. Hat man je so etwas gehört? Hat die Welt je so etwas gesehen? Die Mutter, die arme, kranke Mutter, läßt man darben, weil? weiß ich, weil —? Eine Krankheit der Zeit, seit Menschen Gedenken war noch immer die Mutter die Erste und die Einzige, für die sich ein Kind zn opfern pflegte — aber heute bei unserer Sünde — krank sind sie, irrsinnig — einen Beutel wollen sie für alle — alle sollen mit dem Gelde teilen, welcher Wahnsinn! Nun ja, dieser Wahnsinn hat ihn in den Tod getrieben. Was er verdiente, gab er weg. Andern, nicht mir. Jchverzeihe es ihm. Er war ein guter Sohn, ein guter Mensch, er war krank, krank. — Schlechte Kameraden haben ihn verführt — was gilt noch heute Vater und Mutter? Einen Beutel wollen sie, eine gemeinsame Kasse, das ist alles — keine Eltern kein Gott, kein Glaube, nur eine gemeinsame Kasse wollen sie — aber die Reichen und die Polder? Die wollen es nicht, und die sind die Stärkeren — .Gestorben, begraben — nichts zu machen? Vorgestern noch sagte ich ihm: Wage Dich nicht auf die Straße, sie ist schwarz von Menschen, und die Polizisten schießen. Gehe nicht, gehe nicht, flehte ich ihn an — aber er ging doch — und heute geht er nicht mehr. — Einen Beutel wollen sie und acht Stunden wollen sie arbeiten, aber die Reichen wollen nicht und die Polizisten schießen. — Und nach einigen Augenblicken mit erstickter Stimme: „Nun, er ist tot, er mein einziger Ernährer, der mich eigentlich nie ernährt hat, ich verzeihe es ihm, er war so gut, nein, so krank. Er ist tot, er ist tot! Ich hatte noch immer gehofft, daß er gesund wird, haß er sich auf seine alte Mutter besinnt — 'nun habe ich mit seinem Tod auch die Hoffnung verloren. Wem es wohl besser ist, mir oder ihm? Er hat schon geine Ruhe, seine letzte Ruhe, und ich muß auf meine alten Tage in den Hekdesch wandern — auf meine alten Tage. Ja, wenn der Sohn nicht mehr das Kind seiner Mutter ist, sondern so, wie sie cs jetzt sagen, der Bruder aller Menschen — ja, wenn kein Glaube, keine Eltern — ja — wenn mein Sohn nicht mir gehört, sondern seinen Arbeitern und Kameraden — nun muß ich in den Hekdesch, in de» Hekdesch — vielleicht als Strafe für seine Sünden." Und als sie aufgehört und wieder ihren Blick ans jenen traurigen Erdenwinkel gerichtet, da stieß Jankel halb bewegt die Worte aus: „Gestorben — begraben — nix zu machen!" „Nix zu machen," fuhr jetzt Motl der Gelbe, ein langer, schlanker, breitbärtiger Jude, fort, „gewiß ist zu machen. Sie sehen doch, wenn Sie nichts machen, macht die Polizei, lieber meinen Sohn habe ich ein Recht, und ich warte nicht, bis die Polizei kommt. Ich habe dem meinen gesagt: Du, hörst du, keinen gemeinsamen Beutel, nicht acht, sondern fünfzehn Stunden arbeiten, denn so habe ich es gemacht und mein Pater, mein Großvater und mein Urgroßvater, und alle sind achtzig Jahre alt geworden,, und es ist gut so — das ist die Ordnung der Welt. Ich habe ihm gesagt: Du hist mein Sohn nnd kein Arbeiterbruder. Ich Hab' ihm vielmal gesagt, er aber hörte nicht — ob er krank war — ich weiß es nicht mehr — aber da er mein Sohn war und ich aus ihn als Vater ein Recht hatte, so wartete ich nicht, bis die Polizei kam, — ich habe selbst an einem ungeratenen Sohn die Verletzung des Glaubens und des Brauches gerächt. Ich Hab' als Vater meine Pflicht getan — nun, er ist gestorben, er ist dahin — aber ich habe Kaddesch für ihn gesagt." Jankel der Ewige wartete wieder ab, und als Motl der Gelbe zu Ende war, rief er gleichgültig wie sonst: „Gestorben — begraben — nix zn machen!" Bunte Chronik. Der Kalender der Chinesen. Der Kalender der Chinesen ist fast dem jüdischen gleich. Ihr Jahr beginnt mit dem ersten Neumond nach Eintritt der Sonne in das Zeichen des Wassermanns (im Januar-Februar) und hat 12 Monate zu 20—30 Tagen, znsanimen 354 oder 355 Tage zählend. Die Monate beginnen mit dem Neumond. Alle zwei bis drei Jahre tritt ein Schaltmonat hinzu, der den Namen des ihm vorangehenden Monats mit dem Zusatze „shun" trägt. Das Schaltjahr zählt 383 oder 384 Tage. Je 60 Jahre werden zu einem Zyklus zusammengesaßt. Gegenwärtig läuft der 78. Zyklus. Zur Geschichte der Juden in Schweden. In einem interessanten Aufsatze macht uns der Petersburger ,)Fraind" mit der Tatsache bekannt, daß Schweden aus Furcht vor den Juden Gesetze