Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 5 (5.2.1909)
- Date
- 1909-02-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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" " p ilt. 5 des Icftnüfttttet lamiMfattes. Freitag-Abende. Die winterlichen Zeiten, in denen wir jetzt leben, mit aller Ungastlichkeit der Straße und Trübseligkeit der Witterung, mit den langen Abenden erhöhen für jeden den Wert des heimischen Herdes und verstärlen jede gesellige Regung. Nach alter Weise und schönem Brauchest bei uns Juden der Freitag-Abend vvc allem traulichem Zusammensein gewidmet, Trei von den Sorgen der Woche und dem kommenden Tag der Ruhe in Beschaulichkeit entgegensehcnd, gaben sich unsere Väter und Mütter in jenen Stunden sinnigem und heiterem Gespräche hin, lehrten die, die an ihrem Tische saßen, in unseren unvergänglichen Geistesschätzen zu forschen und ans den Blättern der Geschichte unserer Gemeinschaft Wissen zu schöpfen. Da wurde eine talmudischc Frage erörtert, da ein Buch zur Hand genommen und zur Verlesung gebracht, da erzählte der in Ehren zum Mahle gebetene „Orach" (Gast) von seinen Fahrten und den Wundern fremder Länder, da erwachte unter der Wärme des Kamins und dem milden Schein der Sabbatlampe in jedem der Feiernden eine Gabe, die den anderen trohltat, und aus den verhetzten und hastigen, geduckten und irrenden Kindern des Ghetto und der Knechtung tvuchsen freie gefühlvolle und gefühlsstarke Gestalten hervor. Aber vielen unserer Brüder und Schwestern, die, wenn auch für immer dem Ghetto entronnen, sich doch nie mehr von der Knechtschaft ihres Erwerbssinnes frei machen können, hat der Sabbat seine befreiende Kraft, der Freitag-Abend sein gemütS stärkendes Wirken verloren. Jedem Inden, dem. der freundliche Glanz einer sabbatlich erhellten Stube in Jugendzeiten geleuchtet hat, wohnt ein Sehnen inne, wie einst in der Frühzeit des Lebens die sorglose und arglose Wonne jener Stunden von neuem zu verspüren, und keiner, mag ihn sein Wille und Weg noch so fernhin von den Satzungen unseres Glaubens gestellt haben, denkt ohne Wehmut an den stillen Frieden jener Abende voller ethischer Werte zurück. Die Flucht unserer jüdischen Bevölke rung in die Großstädte hat vielen jeden Anschluß versagt, der ihnen Heimat und Familie ersetzen konnte, und so ist in wenigen Jahren all der Kitt dxr Zusammengehörigkeit, aller hochgesinnte 2[, auf gemeinsame Ideale geschwunden. Besonders bedürftig nach einer Stube voller Wärme und Lichterglanz, nach Herzen voll vertrauenheischenden Entgegenkommens, nach einem Munde voll anspruchsloser Belehrung ist unsere Jugend, die vom Lande in die fremde Stadt gekommen, keinen Tisch kennt, der auch für sie gedeckt hat, der auch ihnen die getvohntcn Freuden für Körper und Geist beut. Hat einmal erst das Leben der Kaffeehäuser diese jungen Menschen in seinen Kreis gezogen und haben sie in stillem Heimweh die ersten 'Abende dort gleichwie in einer fremden kalten Welt verträumt, so sind sie bald für immer dem Zauber des reinen Frohmut des Freitag-Abends entrückt. Und wenn es früher ein Bonmot gab, daß manche vom Judentum nur noch den gefüllten Karpfen am Freitag-Abend und diesen für das Beste „halten", so geht leider heute manchen mit den ersten sreudeleeren, kalten und nnheimischen Freitag-Abenden ihr ganzes Judentum, ihr ganzes Gemeinschaftsgefühl, ihr Vertrauen zu der Gemeinbürgschaft der heutigen Juden, die keinen „Orach" mehr schätzen und laden, verloren. .. Es ist eilt unbestreitbares Verdienst, eine vorbildliche^Tat, daß der wackere Frankfurter Verein „Montefiore" auch hier Wandel zu schaffen versucht, daß er nun seit Jahren schon an winterlichen Freitag- Abenden seinen Mitgliedern die Pforten seiner Räume offen hält, daß beim freundwillig gereichten Glase Tee und mancher Erquickung die Segnungen des altjüdischen Freitag-Abends Hunderten von jungen Kaufleuten und Handwerkern, die hier in der Fremde leben, gewährt werden.. Keine Wohltat im gewöhn lichen Sinn, nur ethische und kulturelle Tat wird hier geleistet! Kommt nur, Ihr alle, die Ihr kein Heuii^und^keinen Herd habet. Euch womöglich zu erwärmen, und . lauschet den Worten, die heute ein lchriftkundiger Gelehrter, ein ander Mal ein gewandter Erklärer der Sidrah, und wieder ein ander Mal ei» Kenner der Literatur, ein strebsamer Bortragskünstler kündet! Und Ihr, denen ein Tisch voll reicher Gaben gedeckt ist, die Ihr die frohen Häupter Eurer Lieben um Euch schaut, sehet Euch an einem Freitag-Abend einmal die leuchtenden Blicke dieser Beglückten an, daran jeder mithelfen will, die 'Nachbarn mit freundlichem Zuruf und wohlmeinender Anteilnahme zu einer großen Familie zu vereinen! Erfreuet Euren Sinn an solcher Gnade und stärkt den Verein in seinem Beginnen! Personalien. Frankfurt a. M. Ein überaus zahlreiches Gefolge gab der sterblichen Hülle des Herrn Raphael Ettlinger,'der Donnerstag nach langem Leiden im Alter von 56 Jahren verschied, das Geleite. Da der Sabbat .herannahte, so mußte Herr Rabbiner Dr. M. H o r v v i tz sich in seinem Hesped Beschränkungen auflegen. Der ehrwürdige Redner hob in den schmerzdnrchzitterten Worten, die er dem Freunde nachrief, besonders hervor, daß der Entschlafene in feinem Leben das Gebot der Tesillin begriffen und durchgesührt hat; wie die 'Tesillin der Hand, die das Tun symbolisieren, verdeckt sind, so war auch sein Tun, und wie die Tefillin der Stirn, die das Denken symbolisieren, offen liegen, so sprach auch er, was er dachte, stets offen und ohne Scheu ans. Redner dankte dem Entschlafenen im Namen des Vorstandes und des Ausschusses der israel. Gemeinde, der Neuen Gemeinde-Synagoge und des Israel. Krankenheinis in Neuenahr. Es sprachen sodann die Herren: Rechtsanwalt Dr. M e r z b a ch im Aufträge der Frankfurt-Loge, hervorhebend, daß man in unserer Zeit der Kompromisse in Raphael Ettlinger die Persönlichkeit mit ihrem ausgeprägten Eharakter bewundern mußte, Dr. Frei mann im Namen der Tynagogen- Jnspektion der Neuen Gemeinde-Synagoge, Dr. Heine m a n n für den Centralverein israel. Gemeindemitglieder, den Verstorbenen als „Jsch Emnnoh" in der dreifachen Bedeutung der „Emunoh" Glaube, Treue und energischer, kraftvoller Betätigung, schildernd, Joseph Wiesloch als Vertreter der Großloge und des Gnmperz'schen Siechenhanses, Moritz A. L o e b für den Verband der Sabbatfreunde .und dessen Frankfurter Ortsgruppe und H i r s ch für die Frauenkrankenkasse. 'Aus a..'en Worten, die dem Entschlafenen nachgerufen wurden, tönte ein einstimmiges Urteil heraus: nämlich, daß er von einer ungewöhnlichen Willenskraft bestrebt war, daß er mit Energie seine Ansichten vertrat und daß er in den Körperschaften, in denen er arbeitete, eine bewundernswerte Pflichtreue betätigte. Das Andenken Raphael Ettlingers wird in seinen Gründungen, dem Gnmperz'schen Siechenhanse und dem Krankenheim in Neuenahr, fortleben. Frankfurt a. M. Dr. med. Albert Ettlinger erhielt die Rote Kreuz Medaille 3. Klasse. Berlin. Felix Glaserfeld. Seniorchef der Firmen Wolfs n. Glaserfeld und Moritz Monasch, eine der angesehensten Persönlichkeiten der Berliner Wäscheindnstrie, st a r b 68jährig. Berlin. Professor Dr. Adolf Frank der Begründer der deutschen Kali-Industrie, feierte seinen 75. Geburtstag. Mannheim. Seinen 70. Geburtstag feierte Hermann L o e b - S t e r n , Vorsitzender des badischen Landeskomitees der Alliance Jsraslite Universelle und Mitglied der israelitischen Gemeinde-Vertretung. Heidelberg. Dr. Victor G o l d s ch m i d t, außerordentl. Professor der Mineralogie, wurde zum ordentlichen Honorarprofessor ernannt. Bonn. Ludwig S e l i g m a n n, Vorsteher der jüd. Gemeinde, verschied am 26. Januar. Ulm. Rechtsanwalt und Gemeinderat Albert Mayer, Landtagsabgeordneter der Stadt Ulm, verschied im 53. Lebensjahre. Stratzbnrg. Der jüngst verstorbene Henri Herzog hat einer Anzahl hiesiger Wohltätigkeitsanstalten beträchtliche Summen hinterlassen. Außerdem vermachte er jeder in seiner Firma (P. Levy u. H. Herzog) seit länger als 10 Jahren angesteMen Person 2000 JL, seit 5—10 Jahren angestellten 1000 M. und darunter 200 JL (L) Zlrke (Posen). Gestern früh verstarb hier im Alter von 67 Jahren der Beigeordnete und Ehrenbürger unserer Stadt L i p v m a n n P l o n s k i. Fast vier Jahrzehnte hatte der Verstorbene in den verschiedensten Ehrenämtern zum Wohle unserer Stadt gewirkt. Kattowitz. 61 jährig verschied Stadtverordnetenvorsteher Jnstizrat Salomo» Eppstein. Dem Repräsentanten-Kollegium der jüd. Gemeinde gehörte er seit 1822 — seit 1828 als dessen Vorsitzender an. — - Stadtrat Salomo n Wiener wurde zum S t a d t ä l t e st e n ernannt. Wien. Robert Wolfs, Redakteur des „Illustrierten Wiener Extrablatt", einer der wenigen jüdischen Journalisten in der Tagespresse, die sich ein lebendiges jüdisches Interesse bewahrt haben, feierte seinen 60. Geburtstag. Budapest. Postu. Telegrapheninspektor Moriz Tauber feierte sein 40jähriges Dien stjubiläum. — Professor Dr. Ignaz Goldzihcr, der sich gleich seinem Glaubeusgenossen Dr. Bernhard Kunkacsi um die finn-ugrische Sprachforschung und um die Erforschung der Vergangenheit deS finnischen Volkes hervorragende Verdienste erworben hat, würde von der Helsingforser Finn-ugrischen- Ge-' sellschaft zum Ehrenmitgliede ernannt. — Im Alter von 20 Jahren verschied der Freiheitskämpfer Wilhelm Schwarz, der in der Schlacht bei Kaschan die Kriegskasse rettete. Er war ein Schulkamerad der Grafen Julius und Emanuel Andrassy. Prag. In der Reihe der Uebertritte vom Judentum zum besser bezahlten Christentum ist diesmal ein „politischer" Glaubenswechsel zu verzeichnen. Fräulein Leopoldine (Lilly) Katz ist in .der Dominikanerkirche am Sonntag znm römisch-katholischen Glauben übergetreten. Als Patin fungierte Frau Willomitzer, die Witwe des verstorbenen Chefredakteurs der „Bohemia." Frl. Katz ist die Tochter des gewesenen Redakteurs der „Bohemia" und Korrespondenten der „N. Fr. Pr." Hermann Katz, der vor wenigen Wochen seinem Leben in Verzweiflung ein jähes Ende machte. Paris. Emile Samuel Ullmann, Direktor des Comptoir National d'Escomte, Bonoven, Rechtsanwalt am Appelhof in Paris, Ferdinand Blumeuthal, amerikanischer Bürger, Baron Jacques de M e n a s c e aus Alexandria, wurden zu Rittern der Ehrenlegiou ernannt. D r. Leon Bernard erhielt für seine Arbeiten über die Tuberkulose den Lacaze-Preis (10 000 Fr.). London. Am 2. Februar war der 100. G eburtstag des Begründers der jüd. Presse Englands Jakob 'Abraham Franklin. Franklin gründete 1823 „Hebrew Jntelligencer", der in drei Lieferungen erschien, und 1841 „Voice of Jacob", der 1848 zu erscheinen aufhörte. Franklin starb am 3. August 1877. Odessa. Allgemeine Trauer rief die Nachricht von dem Tode des Ehrenbürgers der Stadt Odessa Salomon Leontjewitsch Jsakowitsch hervor. Jsakowitsch, ein Schwiegersohn des hebräischen Schriftstellers Beilensohn und selber Druckereibesitzer und Redakteur — er redigierte lange Jahrzehnte die Mitteilungen der Odessaer Stadthauptmannschaft —, war einer der angesehensten Inden Odessas. Raphael Ettlinger in memoriam. 3hut hat auch Raphael Ettlinger dem Allbezwinger Tod, dem er so lange kühn und standhaft widerstand, den Tribut leisten müssen. Wir wollten die schmerzliche Kunde nicht glauben, er, der so oft schon erkrankte, hatte sich immer uncder herausgerissen, so oaß man hoffen konnte, seinejähe Widerstandskraft würde auch jetzt wieder der tückischen Krankheit Herr werden; es sollte anders kommen, ans der Vollkraft seines Schasfens wurde er herausgerissen, in den Sielen ist er gestorben. Was Raphael Ettlinger in der Wohlfahrtspflege geleistet, das ist von berufener Seite an seinem Grabe gesagt Ivorden. Strengste Pflichterfüllung beseelte ihn dabei, eine hohe, ideale Auffassung von dem Berufe eines Wohltätigkeitspflegers, ihm genügte cs nicht, dem Namen nach düs Amt zu führen und sich an der Ehre zu genügen, nein, er führte das Amt mit der Gewissenhaftigkeit und dem Schasfenseifer, wie wenn er es beruf» tit äßig zu verwalten gehabt hätte. Wessen wir aber hier in erster Linie gedenken möchten, das war die Stellung, die unser dahingeschiedener .Freund am Gemeindeleben genommen und was er jenen Kreisen gewesen ist, die er in der Gemeinde vertreten hat. Raphael Ettlinger, ein überzeugter Vertreter des gesetzestreuen Judentums, betrachtete es als seine Lebensaufgabe, der konservativen Richtung die ihr gebührende Stellung innerhalb der Gemeinde zu verschaffen; und sein Ideal war ei» großes, blühendes Gemeiudewesen, das Platz bietet für alle religiösen Strömungen, und das mit Gerechtigkeit verwaltet wird. Dem Extremen nach links und rechts in gleicher Weise abhold, arbeitete er in der Gemeindeverwaltung und in anderen Körperschaften gerade gern mit den Vertretern anderer religiösen Richtungen zusammen. Was bei dieser Tätigkeit Ettlingers vor allem imponierte und was auch die. hohe Achtung und Wertschätzung seiner Gegner abuötigte, das war »eben 1785