Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 2 (15.1.1909)
- Date
- 1909-01-15
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 2 Schwester und die blinde Mutter, die ihn, unglückahnend, in Furcht und Spannung erwar- Als die blinde Frau Feiwels Anwesenheit im Hause fühlte, sing sie zitternd an: „Na, Feiwel, was gibts, na, Feiwel . . .!" Feiwel bebte am ganzen Körper und schwieg. Die blinde Mutter ahnte einen Schuksaüschlag . . . und Hub plötzlich an zu rufen: „Lei, Leiuniu, mein Lciuniu, — komm, komm zu mir!" Lei kam rasch aus sie zu. Da umarnite sie ihre Tochter, preßte sie an ihre Brust, hielt sic fest in ihren Armen und schluchzte: „Meine Lei, meine Leiuniu . . ." Als Feiwel mit Lei später draußen war, ' erzählte er ihr alles, alles . . . Seit jener Stunde war die gesunde, rot- . wangige, schöne Lei nur noch ein Schatten. Sie Wurde bleich und finster, ihre Augen, die schwarzen Angen, traten aus dm Höhlen und starrten ausdruckslos in die Welt, sic wurde verschwiegen, wortkarg, ja sie sprach an jenem und dem darauffolgenden Tag mit Niemanden ein Wort. Auch die Mutter sprach nicht mehr, seufzte . nur stumm und rang verzweifelt die Hände. Drei Tage ist in Feiwels Stube kein Wort gesprochen worden .... drei Tage — ein banges Schweigens. Am dritten Tage gegen Abend, als noch Feiwel in der Stadt war, nahm Lei ihre ledernen Schuhe, ein Halstuch und eine Jacke und verließ stumm das Hans. Die Mutter saß eben . am Backofen und die Schwester fädelte Schaufäden. Sie sägte nicht guten Abend und sagte auch nicht, wohin sie gehe. Ganz stlll, wie ein Schatten, verließ sie das Haus. Sie ging. Kein Mensch wußte wohin . . . Ms Reb Feiwel von der Stadt kam und sie nicht zu Hause ttaf, war er ganz traurig. Ohne, wie es sonst seine Gewohnheit war, etwas Neues von der Stadt zu erzählen, ohne seinen Fahrkittel und seine langen Schaftstiefel abzulegen, ja ohne seine lange Peitsche in den Winkel zu stellen, setzte er sich auf die Bank am Ofen, saß eine Zeit lang still, bis ihn ein Weinkrampf übermannte . . . . Er weinte . . . Und er weinte — zum ersten Mal in seinem Leben, — wie ein Kind, ja wie ein Kind. Die blinde Mutter und die Schwester^die von nichts wußten, weinten mit. Lange, so erzählen die Leute, saßen sie so in verschiedenen Ecken des Hauses und weinten bittere Tränen. Der Vater, Reb Feiwel, schluchzte und jammerte dabei wie ein Kind, ja wie ein Kind.- Plötzlich fragte die Mutter: „Kinder, wo ist Lei? wo ist unser Leiuniu?" Irr diesem Moment kommt der Knecht Wanka ins Haus gestürzt und schreit wie besessen: „Feiweles! Fciweles' Deine Tochter Lei im Brunnen, im Brunnen — gefunden jetzt — ist tot, ganz tot..!" ' Die blinde Mutter sprang wie gestört auf, die Schwester fiel in Ohnmacht — nur der arme Feiwel erhob sich schnell, trocknete seine Tränen und lief mit der Peitsche in der Hand zum 'Hause hinaus .... Er lief zum Brunnen. Soeben hatten sie Lei, die stille, fromme Lei aus dem Brunnen gezogen .... Sie war tot, . ja, sie war tot, die arme Lei. Am Morgen brachte man die tote Lei nach der Stadt ... nach dem Hekdesch — und ein paar Tage später die blinde Mutter auch. Auch sie war tot. Aber was war zu machen? Gesetz ist Gesetz. Sie hat sich das Leben genommen und mußte gleich alten Selbstmördern auf die Insel kommen. . . ." „Na, jetzt weißt Du, wer Lei Feiwels war." Leibeli schwieg. Er besann sich. Als sie schon nahe am Hekdesch waren, frug Leibeli seinen Schwiegervater: „Und die ledernen Schuhe und die wollene Jacke, von der Sie sprachen? Wo sind sie? Die ledernen . Aus den Vereinen. Frankfurt a. M., 14.Jan. Verein .Nachlaß Z w i". — Gestern Abend hielt Herr Lehrer Man n - heimer > Dettelbach einen Vortrag über das Thema: „DerZug der Volkstümlichkeit in Lehre undLeben des Judentums." Der landjndischcn Lebenssphäre entnommen und die reichen Erfahrungen aus der pädagogischen Praxis des jüdischen Lehrers auf dem Lande verwertend, bot der Redner einen Streifzug durch die Jahrhunderte und zeigte, wie die jüdische Religion, die mit konkreten Begriffen und sinnlichen Anschauungen viel operiert, ins volle Menschenleben cingreift. Zahlreiche Aussprüche des Talmuds, des Midraschs ic. führte der Redner als Beleg hierfür an. Zum Schluß gab er einen kleinen Ausschnitt aus der täglichen Morgenandacht der Juden, der den Zug der Volkstümlichkeit in eklatanter Weise zeigte. Lebhafter Beifall lohnte den Redner. Frankfurt a. M.. 14. Jan. .Montesiore«- Ver ein. — Für den verhinderten Herrn Dr. Hülsen hielt gestern Abend Herr Kunstmaler A. G a l l i n e r, Lehrer am Philanthropin, einen Lichtbildervortrag. Es war eine Stunde reich an Genuß, der dem 2MöPfigen Publikum geboten wurde., Redner zeigte, wie der Jude in der Kunst — besonders in der des Mittelalters — meist im verächtlichen Sinne dargestellt wird (jo auf den Holbein'schen und Dürer'schen Bildern). Eine rühmliche Ausnahme macht R e m b r a n d t, für den der Jude ohne jeden Nebenzweck nur ein Objekt des reinen künstlerischen Interesses ist. Als Rembrandt, der 1606 in Leiden geboren wurde, nach Amsterdam kam, brachte er als echter Holländer eine eingehende Kenntnis der Bibel und Liebe zu ihr mit, und so war es natürlich, daß er in den Judengasse» für seine Bilder mit biblischen Motiven den Stoff suchte/ Bald siedelte er sich in der Judengasse an und allmählich gewann er auch ein rein künstlerisches Interesse an den Juden. In ein drittes Verhältnis zu den Juden trat er, als er gegen Ende seines Lebens in bedrängte materielle Lage geriet und so in den« jüdischen Weh etwas seinem Geschick Analoges fand. Redner zeigte diesen Werdegang Rembrandts eingehend an dessen Schöpfungen. Verein Mekor-Chajim. Samstag, 16. Jan., nachm. 3Vs Uhr: Mikro- Bortrag des Herr» Abraham Roos. Sonntag, 17. Jan., nachm. 6 Uhr: Vorlesung des Herrn Julius Hirsch aus „Jesaias". Verein „Rachlatz Zwi". Mittwoch, 20. Jan., abends 9 Uhr. im Vereinslokale, Schützenstraße 2: „Das jüdische Gerichtsversahren". Referent: Herr Hermann Goldschmidt. Dozent: Herr Prof. Dr. E. Fink. Samstag, 16. Jan., mittags 121,4 Uhr, im Hörsaale der Synagoge Friedberger Anlage: Lektüre des Pentateuch-Kommentars unter Leitung des Herrn S. Schachnowitz. Jüdischer Fraueuverei» C. V. Montag, 18. Jan., abends 8i/» Uhr, im Hörsaal. der Jsr. Rel.-Ges., Schützenstr. 12: „Die Peah". Frau Erna Bamberger. Mittwoch, 20. Jan., abends 9 Uhr, in der Realschule der Jsr. Rel.-Ges., Am Tiergarten: Lektüre und . Erläuterung des Buches Hiob. Herr Dir. Dr. Lange. „Montefiore"-Vereiu. Mittwoch, 20. Jan., abends 9 Uhr: Herr Privatdozent Dr. Jul. Hülsen, hier: „Ausgewählte Kapitel aus der Kunstgeschichte". III. Verein Tiferes Bachurim. Sonntag, 17. Jan.: „Das jüdische Gebet". Jüdische Bibliothek und Lesehalle. Dienstag, 19. Jan., abends 8% Uhr, in der Lesehalle, Bleichstrahe 21: Generalversammlung. Hatchio. Sonntag, 5 Uhr: Isaak Abrabanel. Carl Grebenau, Zeil 3, Telephon 6069. Juwelen. Uhren. Soldu. Mensuren. Auswahlsendungen gerne zu Diensten. Wilhelm Büttel Hoflieferant Goethestrasse 23, Frankfurt a. M. l« Bürobedarf. Feine Schreibwaren. Billige Preise. Katharina, Culie empfiehlt ihr Atelier kür künstlerische Photographien. sp.okiitu Binder-Aufnahmen speomtst Hoehslrasse 82 parterre. Telefon 8845. 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