Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 2 (15.1.1909)
- Date
- 1909-01-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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p Nr. 2 des IcftnUfuttec IsmeliMm FamklmklMZ. Gestalten und Schatten. Bon Maxime Le Ma!trc. Die Geschichte eines Grabes. An einem grauen, kalten Novembermorgcn zog Jankel der Ewige mit feinem jungen Schwiegersohn Leibcli, den er in die Lehre der Totcngräberci genommen, ans den Friedhof, lim feinen Nachfolger in der Herrschaft über den Hckdcsch in Amt lind Beruf einzuführc», denn, Ivcnn Fremde aus Amerika oder aus Wilna kommen, die Gräber ihrer Ahnen ansznfnchen, mns; Leibcli Bescheid geben können. Der gräberknndige Jankel zeigte seinem jungen Schiviegcrsohn die letzten Rnhcftättci! der frominen Rabbinen, oer heiligen Blätter, der Parnessim, der wenigeil auf dem Friedhof ruhenden Reichen, er führte ihn in alle Ecken und Winkel der uralten Gräberwüste (von der die Hekdeschlente sagten, lvenn sie voll sei, käme der Erlöser) und belehrte ihn über Jahr und Tag des Todes der in den Gräbern Ruhenden, über Familienverzwcigiingcn iind Nachkommenschaften.- Air jenem grauen, kalten Morgen ivollte ihm Jankel die Stätten zeigen, Ivo die Selbstmörder begraben sind. Zivar fragt kein Mensch nach diesen Gräbern, denn niemand will sich die Blähe geben . . . ., aber Jankel ivollte ihm auch jene cinsame „Insel" hinter dem Friedhofszaune zeigen. Er meinte, ein gewissenhafter Totengräber müsse alles wissen, — noch mehr als ein schadchei!. Nach einem langen Marsche durch den Friedhof betraten Jankel und Leibcli jeneii Ort, wo leberismüde Menschen begraben zu werden pflegten. Die Insel befand sich hinter oem Friedhofszaünc aitf einer Keinen Anhöhe des grasreichen Bachufers. Diese Toteninscl schmückten keine Denksteine. Die cinzeliien Gräber, in iveitem Abstand von einander, ivaren unbegrast, ungepflegt, nackt .... Kleine, nackte Erdhaufen, die jeder mied, sogar Jankel. . . . Aber oiese nackten Gräber traten jedem Friedhofsbesucher zuerst in den Gesichtskreis, und an kalten, einsamen Tagen, in welchen der Himmel schivcigt, die fchioarze Erde kalt und feucht ist und ein stuinmc Schrecken verkündender Wind durch die herbstlichen Lüfte heulte, schieii cs, als wenn die einsamen, nacktcil Gräber weinte». . . . Als sie nach langeni Waten im Morast jene stille, einsame Insel erreicht hatten, fing Jankel, Mit dem steifen Mittelfinger auf ein Grab weisend, mit der Miene des Wissendeil an: „Hier liegt Gehet der Gläser. Gehet >var ein starker Sechziger, als er sich an einem Winterabend die Pulsader mit einem Scheibenglas durchschnitt. Er hat keinen Kadosch hintcrtassen, denn er ivar ledig, und ma,l redete ihn natürlich per Du an. Man erzählte, er habe in einem Wahnsinnsanfalle die furchtbare Tat begangen. So halb verrückt ivar er sein Leben lang. Seit Menscheilgedcicken pflegte er inriner über Einsamkeit zu klagen, und kurz vor seinem Tode hatte er allen Juden und Weibern geklagt: „Ich bin allein, ich bin einsam, ich halte cs nicht aus." Damals war er schon sicherlich ganz gestört. Hast Du schon so etwas gehört, dass ein erwachsener Mann, ein Jude mit einem grauen Bart, über Einsamkeit klagt? Kinder haben Angst allein zu bleiben, aber erivachsene Menschen — Inden-? Ja, er ivar gestört." „Und da liegt Lei Fciwcls." Leibcli erwartete nähere Auskunft, aber Jankel ging weiter, ihm andere Gräber zeigend, und sprach von Lei Feiwel kein Wort. Da ward Leibcli etwas neugierig und srng: „Wer war Lei Feiwels?" Jankel schwieg. Leibcli wiederholte seine Frage, und Jankel bli:b abermals die Antwort schuldig. Und als Leibcli zum vierten Male die Frage wiederholte, da autivortcte ihm sein Schwiegervater kurzsilbig und verdrossen: „Du bist noch zu jung — — wenn Du älter wärest — nein, ich kann Dir's nicht erzählen." Leibcli wurde erst recht neugierig. Er machte Reb Jankel ernste Vorwürfe, daß er ihn als verheirateten Mann so wenig ernst nehme, daß er ihn, den Totengräber und fromnien Inden, für so kindisch halte. Jankel überlegte, runzelte die Stirn, besann sich, mnsterte seinen Schwiegersohn von Kops bis zu Fuß und sagte endlich: „Wenn wir nach Hanse gehen!" 'Auf dem Rückwege erzählte ihm Jankel der „Lei Feiwels ivar die Tochter Feiivel des Pächters. Ihr Vater, ein ehrlicher Jnd', ivar vierzig Jahre hindurch Milchpächter bei Graf Zanwwsty; Feiivels Vater war Pächter und sein Großvater auch. Feiivel hatte einen Sohn in Amerika und zwei Töchter daheim. Lei war die älteste Tochter. Sie ivar gejnnd und schön, fleißig und den Eltern sehr folgsanc. Seit der Erblindung ihrer Mutter besorgte sic den Haushalt, half ihrem Vater bei der Arbeit, schlug Butter und Käse, reinigte die Milchkannen und war eine gute, brave, jüdische Tochter, wie alle jüdischen Töchter auch. Sie war ein gut geratenes Kind. Gesund, schön, arbeitsam und pflichttreu. Sie kannte nur zwei Pflichten, das Leben ihrer blinden Mutter erleichtern und dem Vater die Milch in Ordnung bringen, damit er sie gut verkaufen könne. Lei ist selten in die Stadt gekommen. Auf dem Dorfe lebte sie mit beit Leuten in Frieden und wurde von Alt und Jung gern gesehen. Ans Achtung vor ihr hat sich nie ein Gutsknecht erlaubt, ihrem Vater ein Leid znzufügen. Reb Feiivel mußte zivar schiver arbeite,«, aber er verdiente sein Auskommen und lebte in Ruhe und Frieden. So lebte er vierzig Jahre. 'Allein an einem Tage, es ivar wahrscheinlich vom Himmel bestimmt, ivnrde sein Glück und das Glück feines Hanfes jäh zerstört. Der Gutsherr, Graf Zninoivsky, der das ganze Jahr in Paris »der in Wilna oder in Amerika oder weiß ich wo lebte und vielleicht einmal in zehn Jahren sein Gut besuchte, kam eines Tages unerwartet. Er erkundigte sich bei seinem Gutsverwalter nach allem und über alles; auch nach seinem Milchpächter Feiwel, den er schon mindestens zehn Jahre nicht gesehen hatte, erkundigte er sich. Sein Verwalter erzählte ihm, daß Feiivels Frau nrittleriveile erblindet iväre und daß seine Kinder, die zivei Töchter und der Sohn, inzwischen groß geivorden sind. Aber Du ivcißt doch, was bei einem Inden ans der Lunge, das ist bei einein Goi auf der Zunge . . . Und so erzählte ihm auch dieser Summe Bauer, ohne daß er gefragt ivurde, daß Feiivels ältere Tochter, groß, gesund und schön ist, dabei sehr arbeitsam, gehorsam und von allen geliebt und geachtet. Er lobte sie über alle Maßen und erzählte ihm noch, daß Feiivel daran denke, für seine Lei einen' Schiviegcrsohn zu nehmen. Der Gutsherr hörte schön zu und sprach kein Wort. An einecm Nachmittag kam der Graf selbst in die Wohnung seines Milchpächters. Zum ersten Male seit Menschen-Gedenkeil ivar es geschehen, daß der Gutsherr selbst die Behausung eines Beivohners seines Gutes betrat. Er trat still und sehr nobel ins Haus und fand gerade die ihm so diel gelobte Lei mit ihrer Schwester beim Bntterschlageii. Tie Mädchen crschrackcn, erröteten und ivaren im ersten Augenblick ganz fassungslvs. Der Graf sprach zu ihnen einige ihnen unverständliche Worte, sah sich im Hause um, erkundigte sich nach Vater und Mutter und ging sehr artig fort. Tie Nachricht vom Besuche des Grafen bei Feiivel verbreitete sich sehr schnell, und soivohl die Bauern als der Verwalter ivaren ganz verwmcdert und wußten gar nicht, >vas das bedeuten solle. Am Tage daraus kam der Verwalter zu Feiivel und sagte ihm, der Graf lasse ihn zu sich bitten.er möchte sofort kommen. Feiivel, nichts Böses ahnend, nahm noch einige Geschenke für die Dienerschaft des Herrn mit und begab sich unverzüglich zu seinem Gutsherrn. Der Graf, so erzählten die Leute, empfing ihn sehr sreundlich, gab ihm sogar einen Stuhl zum Sitzen und unterhielt sich mit ihm leutselig. Feiivel ivar über die Ehre hocherfreut. Nachdem sie eine geraume Zeit mit einander gesprochen hatten, erhob sich Feiivel, um fortzugehen — er ivar schon an der Tür — aber da rief ihn der Gras zurück und sagte ihm zu Feiwels größtem Erstaunen: „Feiivel, Du mußt innerhalb drei Tagen mein Gut verlassen!" Feiwel ward ganz bleich, traute kaum dem Gehörten und machte ein ganz verwundertes Gesicht. Da klopfte ihni der Graf noch einmal aus die Schulter und sagte ihm in strengstem Tone „Feiwele! Du mußt in drei Tagen mein Gut verlassen, in drei Tagen, hörst Du!" Da ivurde Feiwel fast ohninächtig, warf sich aus die Erde, küßte die Schuhe des Herrn und weinte und schluchzte: „Herr! Herr Gras! Sjm .... guter, lieber Herr! Sie machen mich unglücklich. Wohin soll ich jetzt ziehen? Ich bin hier geboren, ausgewachsen, hier ergraut — hier, ans Ihrem Gute — bin Milchpächter, nur Milchpächter, und kenne keinen andern Beruf. Mein Vater, mein Großvater sind hier groß geivorden, haben hier gelebt und sich hier als Milchpächter auf diesem Gute redlich ernährt. .... Wohin soll ich jetzt gehen? Ich habe keinen anderen Beruf, Hab' kein Geld — meine blinde Frau, zivei erwachsene Töchter, Herr!! eine blinde Frau und zwei erwachsene Töchter. . . Bin hier geboren, hier ausgewachsen . . . eine blinde Frau und habe kein Geld — Herr, Herr Graf, guter Herr"-und er bettelte und weinte „Herr . . . Herr.... ich Der Graf ließ sich nicht erweichen und antivortete ihm streng: „Jud', Da mußt in drei Tagen mein Gut verlassen. . . ." Als Feiwel sah, daß sein Flehen vergeblich, erhob er sich, richtete einen frommen Blick zum Himmel und ivollte gehen ... In diesem Augenblick sagte ihm der Gras mit der gleichgültigsten Miene der Welt: „Feiwel! Du gehst also fort. Du bist.ein Jnd und ivirst auch schon Geld haben. Du hast gewiß Geld. Tie Leute erzählen, daß Deine Tochter bald heiraten imrd — also mußt Du doch Geld haben. ... Du gehst in dreiTagen fort, hörst Du, Jud!" Und noch im selben Augenblick ioechselte die Farbe in des Grasen Gesicht, seine 'Augen fingen an zu leuchten, er blinzelte, errötete und ein gutinütig-polnisch-verlogenes Lächeln umschmeichelte seine Lippen: Er sagte zu Feiwel mild und gut: „Feiivel! gehst fort. Dir liegt doch nichts an der Pacht .... Du gehst also fort." Feiivel ivollte mit einem Wortschwall heraus, er ivollte ihin sagen, ivie schiver ihn sein Beseht treffe, das; er nicht fortziehen kann, daß er gar nicht ivissc, ivas anznfangen, er wollte noch einen Bittversuch machen. — als ihn der Gras mit der Frage überraschte: „Feiivel! Wie alt ist Deine Lei. Deine schöne Lei?" und mit blinzelnde» Augen und erheuchelter Gutnrütigkeit „Deine sehr schöne Lei? Du willst sie verheiraten. Deine Lei, Deine sehr schöne Lei?" Feiivel errötete-vielleicht ahnte er schon das traurige Geschick . . . und antwortete stotternd: „Meine Lei, nieine gute Leiunin — kaum achtzehn Jahre, kaum achtzehn .... Herr Graf!" Daraus sagte der polnische Graf zum ehrlichen frommen Juden Feiwel: „Feiwele! Willst Du hier bleiben, dann .... Leiunin, die schöne Leiunin," — lächelte verstohlen und wiederholte „Deine Leiunin . . . Du verstehst ... .! Deine schöne Leiunin — sonst mußt Du in drei Tagen das Gut verlassen." Feiivel verstand, ivurde kreidebleich . .. und dem Grasen einen Blick voll Verachtung zuwerfend, verließ er stumm und am ganzen Körper zitternd sein Hans. Dann lief er wie wahnsinnig in seine Wohnung und fand dort Lei, ihre 4780