Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 2 (15.1.1909)
- Date
- 1909-01-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ZsrarrkfHtrter Isriklitislhrs familicslilatt. KedaLtio» ««- chefchäftsstette: Srsnkfurt s. M.. vilbelerstraße 4/6. Lcke «leichstraße P.ref»» 10507. KalU 7. Jahrgang. Freitag, de« 22. Tewes 5669 <15. Januar 1909). Rr. 2. Jnsertionspreise: Die viergespalteue Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 .. Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Ueberetnlunft. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. WonnementSpreiS pro Vierteljahr.- In Frank, furt a. M. Mk. 1.— frei inS Haus. Bet der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Sünder M. 2.— 4.--- Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Zerklüftung und Geschlossenheit. — AusallerWelt — Personalien. — Aus der Lehrerwelt. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus den Vereinen. — Feuilleton: Eine versunkene Welt. - Sprechsaal. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. — Br i efka st en. — B ar m i zw oh s. Zerklüftung und Geschlossenheit. Zur gegenwärtigen Situation. : Es ist ein wahres Glück für die Völker, daß Juden in ihrer Mitte leben. Ohne uns Juden müßte manch ein Volk vor Scham ob seiner Verruchtheit sich ins Meer versenken lassen, manch eine Partei aus Haltlosigkeit zerschellen und gar mancher Minister oder Parteiführer sich Schornsteinfegerkleidung anlegcn uub auf den Schornstein statt ans die Parlanlcntstribüne treten. Sogar Königsthrone wären schon manchmal gestürzt, lvenn nicht wir Juden — wie schon öfters - die Erlösung in der Not gebracht hätten. Man vergegenwärtige sich nur, wie das Volk der Hooliganc nach Tzusima und Mukden dagcstanden hätte, wie der damals wankende Zarenthron vor dem Zusammensturz hätte gerettet werden können, - wenn Rußland keine sechs Millionen Inden gehabt hätte. So veranstaltete man Massenmorde in den Judengassen, — und die Revolution verstummte im Lande, und außer Landes vergaß nian vor Entsetzen Tzusima und Mukden. Die Erlösung war da, der Zarcnthron gerettet und das Russenvolk mit einer Scheinkonstitution von Zarengnaden eingeluilt. lind der Erlöser war lind mciler: Stolypin, ein unbesähigter Mensch, rechts und links von Feinden umgeben, dfe aus seinen Sturz sinnen, scheint trotz seiner 'sonst unhaltbaren Position unüberwindlich. Und wieso? Juda ist der Erlöser in der Stolypinschen Not! Stolypins Staatssäckel ist leer, und die Linke bedrängt ihn, - da bekomint er liberale Anwandlungen, damit die ausländische» Finanzmänner ihm mehr Vertrauen schenken und die Linke in ihrem Haß gegen ihn nachläßt, und er erläßt eine Verordnung, die den Juden bis zur Entscheidung der Duma den Aufenthalt außerhalb des Ansiedlungsrayons gestattet. Doch bald Wechselt die Dekoration: die Männer vom Verband 'des russischen Volkes und Konsorten stürmen gegen ■- den „liberalen" Ministerpräsidenten Stolypin, der das teure Vaterland immer mehr in die Gcivalt der Juden geraten lasse, - und aus Stolypins - Kanzlei geht dem Ministerrat ein Gesetzentwurf zu, nach dem Soldaten politisch unbescholten, ja sogar unverdächtig sein müssen — und Juden sind ja politisch stets verdächtig! — und Ministerrat und konstitutionelle Duma nehmen das staats.- rettende Gesetz mit Dank für den weitsichtigen Ministerpräsidenten an. Doch was ward mit der Anfhel'nng der Wohnrrchtsbeschräickung? Auch diese Angelegenheit wurde den veränderten Verhältnissen entsprechend wieder ins alte Geleise gebracht! Wozu hat denn Rußland neben seinem Unter- und seinem Oberhaus noch einen Senat? Stolypin läßt sich einfach wegen seines liberalen Erlasses von dem Senate anklagen, — und der Erlaß ist auf Senatsbeschlnß ausgehoben. Das Ziel ist erreicht: die schwarzen Hundert sind besänjtigt, das teuere Vaterland von der furchtbaren jüdischen Gefahr gerettet, und Stolypin als liberaler und konservativer Minister regiert zum Segen Mer weiter, und die Konstitution auf der Basis des permanenten Kriegszustandes blüht und gedeiht. . . . Aber auch außerhalb des Landes der Progrome lebt mau von der Gnade der Juden. Mau denke sich z. B. die Partei der „Christlich-Sozialen" in Oesterreich ohne den Antisemitismus! Und was würde Lueger ohne die Inden geworden sein? Seine Existenz wäre nur in Marokko an Stelle Rasnli's unter dem Szepter Abdul-Asis denkbar. Doch genug der Beispiele aus dem Reiche nackter Tatsachen! Tatsachen? wird wohl mancher Leser erstaunt fragen. War das alles denn nicht Scherz? O nein! uns ivnr es mit unseren Ausführnnngen bitter ernst. Hier ein Beispiel konkretester Art: Das demokratische Finnland, das sich in seinem Demokratismus nicht genug tun kann, ist den russischen Machthaber» längst ein Dorn im Auge; die schwarzen Kreaturen hetzen beständig gegen das freie Finnland. Um sich des Hasses der Kannibalen zu erwehren und sich deren Gunst zu erkaufen, — was taten da die Finnländer? Sie begannen, stark in Antisemitismus zu niachen und drakonische Gesetze gegen die Juden zu erlassen. Nicht anders verfahren die bedrängten Polen Rußlands, und so werden vielleicht die in Opposition zu der Regierung stehenden Kadetten in Kürze tun. Antisemitismus ist ja ein biliiges Mittel, das nicht nur simple Liberale, sondern auch waschechte Sozialdemokraten oft benutzen und mit dem sie nicht im geringsten gegen ihr inneres Gefühl verstoßen. Was haben wir Juden bei solcher Lage der Dinge, zu tun? Unsere berufenen Vertreter vertrösten uns mit der sogenannten Mission, die das jüdische Volk innerhalb der Völker zu ersüllen hat; sie vhantasicreil bei dieser Mär von einer großen, heiligen Mission. Mein, wenn es logischer und vernünftigerweise zulässig wäre, von einer Mission eines ganzen Volkes für andere zu sprechen, so könnte man nur von einer Mission sprechen, und zivar nicht von Verbesserung anderer, sondern von Annehmlichkeiten, die das jüdische Volk den Völkern bietet, indem cs als „schoir laasoscl", als Sündenbock und Ableiter für alle möglichen .menschlichen Ucbel: für Verbrechen, Dummheit, Unwissenheit u. dgl. m. dient. Will man ein Resümee aus all dem Gesagten ziehen, so ist cs dies: In dem Verhältnis der Völker zu einander und zu den Juden insbesondere gibt es zweierlei Maß; das Verhältnis, das ein jedes Volk zu jedem anderen unterhält. ist mehr oder minder ein gerechtes und berechtigtes, es beruht auf dem Maße gegenseitiger Achtung; anders aber das Verhältnis der Völker zu den Juden, das durchaus als ein schlechtes anznsehen ist, denn sogar die demokratischen Völker behandeln nicht die Juden als ein gleichwertigcs und ebenbürtiges Volk, sondern gewähre« ihnen Rechte nur aus Hochherzigkeit und Humanität, nicht aber aus Pflicht als etwas den Juden recht mäßig Z u kommende s Uird der Grund hierfür? Ein jedes Volk steht als etwas Ganzes, Geschlossenes da, es hat, gestützt auf dieser seiner Macht der Geschlossenheit, Respekt vor sich selb st und verlangt daher kategorisch von den anderen die ihm zukomnrcnde Achtung, die ihm auch gewährt wird. Anders aber die Juden, die innerlich zerrissen und in unzähligen Parteien zersplittert sind, dir sich einander beständig bekänrpfen und wo einer die Aktion des anderen zu inhibieren sucht. Diese große Zerrissenheit ists, aus der eine innere Schwäche resultiert. Daher die Mißachtung vor sich und dem eigenen Volke, daher das Verzweifeln an eine besseren Zukunft und daher die Ausreißerei und die Flucht in das Lager der Feinde und daher auch die Bersolgungennud verdiente Mißachtung der Völker vor einem Volke, das sich selbst verachtet und keine Achtung beansprucht. Hier der Grund unserer Leiden, hier aber auch dieHeilunq! G n. Aus ail'ev Well. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Die alljährliche Generalversammlung der Synagogen« gem einde Israel. Rel igions ge'felkfand diesmal erst am >0. Januar statt. Um 5% Uhr «öffnete Herr Louis F eist, der Vorsitzende, die Versammlung, konstatierte oeren ordnungsmäßige Einberufung und verlas dann den Bericht. Dieser konstatiert, daß der Synagogenbau sich in allen seinen Teilen als zweckmäßig bewährt, daß aber die Baukosten mit 1229 628 Jfe weit den Voranschlag überschritten haben. Die Betriebskosten sind naturgemäß wesentlich größer geworden, sodaß der seither übliche große Ueberschuß der Synagogenkasse sich bedeutend vermindert hat (er betrug im abgelaufenen Jahre 36118 M). Die Mitgliederzahl ist nm -iS gewachsen. Der Bericht gedenkt der verstorbenen Mitglieder, in erster Reihe des Professors Dr. Werner, der an den Jomim nauroim mit seinem verständnisvollen Vortrag als Scheliach Zibbur viel zur weihevollen Stimmung der versammelten Gemeinde beitrug, sowie der Lehrer an der Israel. Realschule Dr. Gnggenheiin und Israel Rosenthaler und des Gemeindebeamten Emanuel. Der Bericht erinnert an die Feier des 100jährigen Geburtstages Rabb. S. R. Hirschs, die eine begeisterte Teilnahme fand. Durch den Rückgang des Neberschusses der Synagogenkasse und die sonst gesteigerten Ansorderungeil an den Betrieb schließt die Rechnung mit einem Defizit von 20600 — und dies, trotzdem die vermieteten 1364 Synagogenplätze 62 716 Jk gegen 27 324 Jfc in dem vorher-