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Neue jüdische Presse · 1909-01-08 · Heft 1 (8.1.1909) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 1 (8.1.1909)
Date
1909-01-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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I Isrankfrrrter JW Ismrlitislhes fuiailirnlilalt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. MonnementSpreiS pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. ML. 1.— frei inS HauS. Bet der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungam Mk. 1,50, sonstige Sünder M. 2.— HedaKtlon und Hefchäftssterls: Zrsnkkuri a. m.. vilbelerstraße 4/6, Lcke Lleichstraße Tetefou 105S7. -HIH- Keraitsgever: f aig chefts. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 .. Platz» und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft - - 7. Jahrgang. Freitag, den 1». 'I6>ve8 5669 (8. Jaunar 1999). Rr. 1. Inhalt des Hauptblattes. ■ Artikel: Die Alliance Jsraelite Universelle. — Generalversammlung der Bereinigung der traditionellgesetzestreuen Rabbiner Deutschlands. — Generalversammlung des „Bundes .gesetzestreuer jüd. Lehrer Deutschlands". — Aus allerWelt. —Personalien. — Aus der Lehrerwelt. — Feuilleton: Eine versunkene Welt. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. Die Alliance Jsraelite Universelle. Kein Volk auf der ganzen Erdenrunde ist an Wohltätigkeit und Berussphilanthropen so reich, tvie das jüdische, . kein Volkstum hat so viele Institutionen und Organisationen zur Hebung der wirtschaftlichen Lage und der sozialen Verhältnisse aufzuweisen, wie die Juden. In der Pegel ist die große Zahl von Vereinen und Vereinigungen ein Beweis dafür, daß das Volksleben in allen seinen Arten und Abarten mächtig pulsiert. Die große Zahl von Vereinen und Vereinigungen bei Juden spricht aber eine ganz andere Sprache; sie erzählt von dem Elend der Juden, wo sic sich auch befinden, und bezeugt die Notwendigkeit der Hilfsleistung. Wir haben also gar keinen Grund, uns ob der notwendigen Existenz dieser Vereine und Organisationen zu freuen. Allein diese Organisationen könnten auch ihre Lichtseite haben, sie könnten nämlich als Beleg dienen für das Zusammengehörigkeitsbewußtscin aller Juden. Sie könnten cs sein; aber das Volk siecht, verkommt, es ist an allen Lebenskräften geschwächt, — und diese Schwäche und innere Kraftlosigkeit ist für manchen jüdischen Philanthropen ein Spielball seiner Launen. Wir wollen hier nicht von dem seltsamen Verhalten der „Jca" dem Volke gegen über reden, hier soll uns nur ihre Pariser Schwester, die Alliance, beschäftigen. Die Alliance, arbeitet mit einem jährlichen Budget von iy« Mill. Frs.; sie unterhält etwa 150 Schulen im Orient; ihre Mitglieder rekutieccn sich aus Juden aller Länder, und ihr Einfluß erstreckt sich auf die gesamte Judenheii des Orients und auf einen großen Teil der europäischen Judenheit. Wer verwaltet nun diese Riesen-Organisation; aus welchen Wahlen gehen ihre Führer hervor; wer sind ihre Führer; wer gibt ihren Leitern die Ermächtigung, so oder anders zu handeln-; wer kontrolliert ihre Geschäfte, und wem.und vor welchem Forum legt sie Rechenschaft über ihre Handlungen ab? All diese Fragen müssen nicht nur von unö, sondern auch selbst von den Alliance-Männern unbeantwortet bleiben, denn' selbst die „Führer" der Alliance können sie nicht beantworten. Die Herren wählen sich gegenseitig, .machen was sie wollen, ziehen von aller Welt Geld ein,' verwalten es nach ihrem Gutdünken, und außer einem jährlichen "formellen Bericht, der nur Ausgaben und Einnahmen., enthält, legen sie vor niemandem! Rechenschaft ab, pfeifen auf alle Welt und betrachten die Millionen von Juden als ein Objekt, mit dem man nach Gutdünken hantieren darf. Wer gibt der Alliance das Recht, die ihr von den Juden aus allen Ländern zugetragencn Millionen nur im einseitigen französischen Interesse zu verwenden, ihre Schulen ausschließlich französisch zu leiten, die ihr überlassene Jugend «religiös und jüdisch anti-national zu erziehen? Niemand. Und doch tut sie es, zum Schaden der ihr anvertrauten Jugend, zum Schaden des Gesamt-Judentums und zum Schaden der Juden derjenigen Länder, deren politische und wirtschaftliche Interessen ini Orient direkt' kollidieren, sodaß die Juden dieser Länder von ihren Wirtsvölkeru des Landesverrats geziehen werden. Wer gab der Alliance das Recht, mit den ihr anvertrauteu Millionen Ränke und Jntriguen nicht nur gegen den Zionismus, sondern auch gegen das gesetzesireue Judentuni in Palästina zu schmieden? Wer ermächtigte sie, in das Geschick der türkischen Juden so einzugreifen, daß die ganze Judenheit sich gegen ihre Machenschaften in Konstantinopel auflehnt? Und mit welchem Recht versucht sie es, den Juden in der Türkei Rabbiner ä la Nahoum aufzuoktroieren, die dort zum Schaden der ganzen Genieinschast wirken? Niemand! Und doch tut sie es; sie macht was sic will und pfeift auf alle Welt! Wie ist ein solcher Zustand möglich, eine solche verlotterte Wirtschaft, ein cynischcr Hohn auf das ganze Volk, eine solche Verunglimpfung der gesamten jüdischen Gemeinschaft? Wie das möglich ist? Wir haben eben Philanthropen, deren Philanthropie sich wie ein Sport ausnimmt. Diese Herren betreiben ihre „philanthropischen" Interessen mit einer eleganten Pose und ohne Kenntnis des Objektes und ernten dafiir noch den Ruhm des Volksführers und des Retters in der Not. Und mit den ihnen von allen Juden zur Verfügung gestellten Mitteln sind sie in den Stand gesetzt, große politische und sozialpolitische Aktionen auszuführen, die ihnen den Dank der Regierung, der französischen Regierung, eintragen. Es ist für die Alliance bezeichnend, daß selbst antisemitische Zeitungen, wie die „Libre Parole" und der „Gaulois", ihr bezeugen, daß sie viel für die Ausdehnung des französischen Einflusses im Orieut getan hat. Und noch bezeichnender ist es, daß die französischen Kolonialpolitiker der Alliance immer ihren Dank ausdrücken. Andrerseits ist es bekannt, daß selbst französische Diplomaten, die im Orient wirken, sich oft nicht sehr günstig über das Erziehungswerk der Alliance im Orient geäußert Laben. Statt wahre Kultur und Wissen zu verbreiten, läßt sie der jüdischen Jugend im Orient nur eine oberflächliche Erziehung angedechcn und übertüncht die Unwissenheit mit französischer Halbkultur, die später eine zerstörende Wirkung und einen Zersetzungsprozeß auf allen Gebieten des jüdischen Lebens im Orient zur Folge hat. Ihre erwachsenen Zöglinge haben cs zu Franzosen nicht gebracht, und ihr Judentuin ist ihnen iniolge einer verpfuschten Erziehung abhanden gekommen. Sie sind weder Franzosen noch Juden. Und es gibt keinen schlechteren Judcntypus als den Juden des Orients, der in die Allianceschule gegangen ist. Er ist auch als Mensch eine wenig sympathische Persönlichkeit. Sein Wissen und Können reicht nur soweit, daß er im Orient die Vermittlerrolle zwischen dem Eingeborenen und dem französischen Exporteur und Spekulanten übernehmen kann. Und dafür gibt das jüdische Volk Millionen her! Das zeugt nicht nur von der Gewissenlosigkeit der Alliance, sondern noch mehr von der Gleichgültigkeit der Geber! Der Mische Spießbürger glaubt, seiner Pflicht seinem Volke gegenüber Genüge zu tun, wenn er den großen Sport-Philanthropen in Paris kleinere oder größere Beträge zusührt, und kümmert sich nicht über die weitere Verwendung dieser Beträge. Die Alliance ist eine alte Organisation und zehrt noch heute von ihrem alten Kulturkredit, den ihr einst ihre großen Schöpfer verschafft haben. Aber jene großen Juden sind dahin, und an ihre Stelle sind Männer getreten, die als Vorsteher einer interterritorialen Weltorganisation, die sie nichts kostet, glauben, die Mittel in der Hand zu haben, die Leiter des politischen Ruhmes und des Rufes großer Volksführer erklimmen zu können, die sie aus eigener Kraft nie hätten erreichen können. Die Alliance ist ursprünglich eine interterritoriale Organisation und hat als solche sicherlich ihre Existenzberechtigung, so sie — was eben nicht der Fall ist — in ihrer Leitung in demokratischer Weise eine Vertretung aller Länder, in denen Juden in nennenswerter Zahl wohnen, darstellt. Im Laufe der Zeit hat sich die Notwendigkeit der Existenz territorialer Organisationen herausgestellt, vielleicht nicht ohne Verschulden der Alliance. Aber die ehrgeizigen Alliancemänner wollen von ihrem Nimbus einer Weltorganisation nichts eintüßen und dulden nicht, daß territoriale Organisationen — wie z. B. der „Hilfsverein der deutschen Juden", der eine wahrhaft allgemeine jüdische Volksinstitution ist, — der alten „Weltorganisation" Konkurrenz machen. Und die Alliancemänner — ob ihres weiteren Nimbusses besorgt — schrecken vor keinem Mittel zurück, um diese territorialen Organisationen zu kompromittieren. Speziell gegen den „Hflfsverein der Deutschen Juden" richtet sich die Minierarbeft der Alliance, denn der Hilfsverein beeinträchtigt nicht nur ihren Nimbus, sondern er arbeitet auch im Sinne des jüdischen Volkes. Er sucht nicht französische Kultur zu verbreüen, auch nicht deutsche, sofern sie mit den jüdischen Interessen kollidierc, er arbeitet vielmehr gewissenhaft, mft Geschick und Umsicht daran, die kulturelle und wirtschaftliche Lage überall zu heben, wo sie darniederliegt. Die Männer des Hilssvereins sind Juden und arbeiten auch für Juden; die Männer der Alliance LI

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