Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 46 (27.11.1908)
- Date
- 1908-11-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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M Nr. 46 rfes fattEftdet IjmckWm FamlimklMs. Friedhossgeschichten.... Bon Maxime Le Ma!tre. V. Hekdeschleute unter sich. lieber einem freudlosen Tischobeav--Morgen hängt ein fragender Himmel und ergießt eine schweigende Schwermut über die Erde. Die Luft schwirrt von schwimmenden Rätseln. Die Hassen sind leer^ .und das Hämmern des Werktags ist verstummt. Die Juden, Alt und Jung, Weib und Kind, sitzen in ihren Bethäusern auf der Erde und klagen still ob der Zerstörung^ Jerusalems. Auf allen Gesichtern liegt Trauer. Mit weinerlicher Stimme murmeln die Juden ihre Klagelieder, und seufzend lispeln die Weiber nach. Der Vorbeter, der auf der Treppe des Allmemors sitzt, beschließt jeden Gebetabschnitt, indem er mit traurig klagender Melodie den letzten Satz wiederholt und den ersten des nächsten Abschnittes beginnt. Dann murmeln die Juden weiter. Jeder der Betenden ist in sein Klageliederbuch versunken und betet allein für alle. — Das stille, melodische Klagegeflüster der Einzel-Betenden wird von einer unsäglichen Friedhofsluft umwittert, die in Jedem Grabeslust und Grabessehnsucht weckt. Je inehr sie beten, je mehr sie klagen, desto größer wird die Sehnsucht nach dem Friedhof und die Lust zu den Gräbern. Und als vollends der Vorbeter mit weinerlicher Stimme beginnt: „Dann als Jeremiah die Gräber der Väter aufsuchte," steigert sich diese stille, unaussprechliche Sehnsucht nach Gräbern, daß viele still sich von der Erde erheben und auf den Weg zum Friedhof begeben. Und die es in der Synagoge bis zu Ende ausgehalten haben, nehmen ebenfalls den Weg zum Friedhof. Still und lautlos ziehen sie in Scharen dahin, zum Zeichen der Trauer haben sie ihre Schuhe abgelegt, und so vernimmt man kaum die Tritte dieser Friedhofspilger. Die Hekdeschleute aber nennen diesen „Tischobeav" den Jahrmarkt auf dem Friedhof. Und diesen Tag erwarten sie sehnsuchtsvoll das ganze Jahr hindurch. Am Tischobeav stehen sie tu bunten Scharen am hintern Hekdeschtor, das zum Friedhof führt, mit ausgestreckter Hand und bettelndem Gesicht und lassen nicht ab, bis ihre schmutzige Hand die harte Münze füllt. Jankel der Ewige hat ebenfalls seinen großen Tag; er muß jedem Enkelkind zeigen, wo seine Großmutter begraben liegt, und jeder Nichte die Grabesstätte ihres Onkels. Und Jankel kennt seine Gräber. Er rennt von einem Winkel des ,Friedhofs zum andern, führt jeden zu seinen Seligen und spricht jedem lebenden Verwandten sein tiefes Bedauern über den Verlust der Ewig-Ruhenden aus. Die Hekdeschleute davorn aber haben für ihre Kunden mehr als Bedauern, sie weinen fast ob dem Heimgang der jetzt schon in Gott Ruhenden. So weint Mote Goi Chazkel dem Parnes gegenüber, daß ihm sein Herz im Tode breche, wenn er daran denkt, daß Chazkels Großvater so jung gestorben ist.„Und Jankel Ganef schwört der uralten Bäli, daß er bei der Nachricht des Todes ihres 'Großonkels vor Schmerz fast gestorben sei. Jeder Hekdeschmann will den Urgroßvater seines Kunden gekannt und geliebt haben. Geschäftig, wichtig tuend und mit ernster Miene schwatzen die Hekdeschleute rat den Friedhofspilgern, entlassen gegen Entgegennahme eines kleinen Mmosens die von ihnen Angesprochenen und empfangen mit neugierig-erwartungsvollem Ausdrucke beit Neuankommenden und so in einem fort. Gegen Mütag zieht die ganze Stadt nach dem Hekdesch. Die Klagelieder in den Bethäusern sind verstummt. Der Vorbeter hat sein melancholisch-trauriges „Eli Zion" ertönen lassen, der ausdruckslose, eintönige Kaddosch ist verklungen und in stummer Traurigkeit und gleichgültigen Schrittes zieht die ganze Gemeinde zu den ewigen Ruhestätten. Die Hekdeschleute wußten nicht, wen zuerst anzubetteln, und so gingen sie von diesem „Jahrmarkt" leer aus. Sie waren zwar nicht verzweifelt, denn in bunten Scharen wallt man zum Friedhof, aber einzeln verläßt man ihn: und jeder muß doch das Hekdeschtor passieren. Bald ertönen aus unzähligen Ecken und Enden des, Friedhofs bittere Klagerufe, und ein greller Schrei übertönt den nächsten. Da ruft eine alte Mutter die Seele ihrer jung verstorbenen Tochter; dort fleht ein junges Mädchen den Geist ihrer jüngst dahingegangencn Mutter an, ihr im Leben beizustehen. Dort jammert ein Greis über den Tod seines einzigen Kaddoschbeters. Und über diesem Tischobeavjammer auf dem Friedhcf hängt ein sonnenloser, gleichgültiger und ausdrucksloser Himmel. Am Eingang des Friedhofes lauern die Hekdeschleute und warten ungeduldig ihre Opfer ab. Der Tag ist langweiligtraurig, die Menschen weinen so viel, und die Hekdeschleute haben keine Geduld. Jetzt stehen sie schon mehr als eine Stunde, stttmm und verdrossen in banger Erwartung. Keiner will das Schweigen brechen, keiner traut dem andern, vielleicht kommt einer — aber es ist entsetzlich langweilig, und die Hekdcschleute haben ihre Geduld verloren. Mote Goi, der seiner Keckheit wegen „Goi" genannt wird, wagt es auch jetzt, das Schweigen zu brechen: „Ein schöner Jahrmarkt, was?" spricht Mote Goi, — und die Bettler, voll Verdruß, stimmen wie auf Befehl ein: „Ein schöner Jahrmarkt, ein schöner Jahrmarkt!" Mote Goi spricht weiter: „Der heutige Jahrmarkt! Ihnen gesagt — jetzt lauere ich den ganzen Tag wie ein Hund, mach' ein Gesicht zum Erbarmen, tröste die Menschheit, lüge noch obendrein, — und was ist mein Lohn? Sieben Groschen. — Daß uns solcher Jahrmarkt nicht wiederkehre! .... Für sieben Groschen da zu lauern, die Menschheit zu trösten, jedem a' gut Gesicht zu machen, nein, da soll mich lieber der Schlag treffen. Mich der Schlag treffen? Nein, lieber sie,, die Fresser, die Diebe . . . ." Bäli Nudel aber fällt ihm ins Wort und sagt: „Soll Dich der Schlag treffen mit ihnen zusamnren, Du bist auch ein Fresser, bist auch ein Dieb. Wärest Du nicht dagewesen, hätte ich die sieben Groschen bekommen, und ich brauch' doch Geld, Ihr wißt «s ja alle, Juden! Mein Chaikele ist lahm und kann nicht laufen, und da muß ich für sie sorgen, — und mei' Mordechai ist erst sechs Monate alt, und für ihn muß ich doch gewiß sorgen, 'denn sein Vater ist doch in Amerika oder weiß ich wo?" Aber Mote Goi — ganz erbost — antwortet wutschnaubend: „Was, Du brauchst Geld — und ich brauch kein Geld? Und meine alte Mutter? Kann sie von der Luft leben? Und sie kann überhaupt nicht mehr gehen. — Und dann bin ich krank und muß Selterswasser haben — und Zucker zu meinem Tee" und er labt sich an dem bloßen Gedanken, „Tee mit Zucker, ah." — Er öffnet die geschlossene Faust, betrachtet unzufrieden seine sieben Groschen, macht ein trauriges Gesicht und seufzt: „Sieben Groschen, was damit anfangen? Zucker kaufen? oder Tee oder Selters? oder gar die Mutter damit ernähren?" Er spricht und senkt seinen verzweifelten Blick zur Erde. Joschi der Lange, der diesem Gespräch mit Interesse lauscht, kann den verzweifelten Blick Mote Goi's nicht ruhig hinnehmen. Joschi der Lange, meint: „Mote ist immer unzufrieden, und wenn er auch einen ganzen Rubel in der Tasche hätte." Beim Gedanken des ganzen Rubels blinken seine Augen hell auf und strahlen vor Freude. Und Joschi spricht. Er spricht zu Mote und zu der Bettlergemeinde: „Er," auf Mote weisend, „er frevelt immer. Was fehlt ihm? Er ist ein Jud', hat seinen Schabbes, seinen Jontef, seine Mizwes und seine Freude und kann Gott dafür I danken, daß er soviel hat. He, wenn er ein Goi wäre, was hätt' er gehabt? Haben die Goijim Schabbes? Wissen sie 'was von Jontef? Von Tefillin, von Zisses, von Mizwes überhaupt? Und wenn ein Goi stirbt, sagt sein Sohn nach ihm Kaddosch? Lebt wie ein Goi und stirbt wie ein Goi!" Und den schmutzigen Zeigesinger unter Mote Goi's Kinn legend und ihm tröstend zublickend, ruft er neckisch aus: „Und Du klagst noch?" Mote Goi bleibt aber untröstlich: „Was sprichst Du da von Mizwes, von Jontef und Schabbes? Haben wir Polizisten? Haben wir Soldaten? Haben wir ein Gefängnis? Ein jüdisches Gefängnis? Nix haben wir, und wir sind nix. Ein Bettler bin ich und Du auch und alle Juden.... Schabbes hin, Schabbes her, Jontef oder nicht, was hilst's?" Die Bettlerschar wird jetzt aufmerksamer und hört gespannt diesem Gespräch zu. Es scheint ihnen neu zu sein, und da Joschi der Lange für einen klugen Mann gilt, so erwarten sie mit Spannung seine Antwort. Und in der Tat, kaum ist Mote verstummt, als Joschi mit überlegener Miene und mit gefurchter Sttrn beginnt: „Was redest Du da für Dummheüen, Mote? Ein Jude ist ein Jude, und ein Goi ist ein Goi. Und wenn ein Jude wenig hat, hat er doch viel. Was sagst 'Du da von Polizisten und Soldaten? Was ist ein Polizist? Ein Räuber, ein Esau! . . . . Und ein Soldat? Auch! Sei froh, daß Du kein Polizist bist! Wenn Du als Jude nicht diese Welt hast, hast Du doch wenigstens jene Welt, und ein Goi hat nicht diese Welt und nicht jene Welt. Was hat der Goi von seinem Leben überhaupt? Ein Jud, wenn er geboren wird, ist ein Jontef, Masseltow, und wenn er acht Tage alt wird, hat er schon eine Mizwe, und wenn er sechs Jahre alt wird, geht er in den Cheder und lernt die heilige Thora, und ist er dreizehn Jahr', legt er Tefillin und zählt zum Minjen, und dann lernt er und hat Mizwes, seinen Schabbes und seinen Jontef, ist wohltätig und sagt Kaddosch, wenn sein Vater stirbt — kurzum, er lebt, wie es Gott geboten hat, — er hat 'was von seinem Leben. Aber ein Goi, — was hat der von seinem Leben? Er wird geboren als Goi, lebt wie ein Goi, wenn er erwachsen ist, säuft er, mißhandelt seine Frau, hat in der Woch' kein' Mizwes und Schabbes kein' Ruh. Was, — sie haben Polizisten? Wir haben wohltättge Leut. Sie Haben Soldaten? Wir haben Talmudjünger. Sie haben Gefängnisse? Da haben wir doch Synagogen. Sie haben Minister? Wir haben doch Rabbiner. — Wir sind Juden, und ,sie sind doch nur Gojim; wcchrhastig, sie tun mir leid. Wenn sie etwas wären, wären sie doch keine Gojim. Danke dem Schöpfer, daß Du als Jud' zur Welt kamst." Joschi der Lange schloß triumphierend: „Siehst Du, ich habe immer gesagt: ein Jud' ist ein Jud', und ein Goi ist ein Goi." Mote blieb stumm, er fühlte sich besiegt, und die Bettlergemeinde gab Joschi dem Langen durch fteundliches Zuwinken ihren Beifall zu erkennen. Noch schwirrten in den Köpfen der Bettler die Worte: „Ein Jud' ist ein Jud". als der Gemeinde-Parnes von seinem Friedhofsbesuch langsamen Schrittes und mit kauerndem Gesichte dem Hekdeschtor zuschlich. Joschi der Lange bemerke ihn zuerst, lief ihm, auf seine Krücken gestützt, entgegen, streckte seine Hand bettelnd aus und sprach: „Reb Kasriel, sollt Ihr lang leben, ich bin ein armer Jud', ich bin lahm — ich bin lahm und bin ein ehrlicher Jud'. Das ganze Jahr faste ich und heute Abend ist Tischobeav zu Ende. Ich bin lahm, ich bin ein ehrlicher Jud'." Und ein einsamer, verschwiegener Tischobeav-- Himmel bestätigt stumm Joschi's Klagen — „ich bin lahm, ich bin ein ehrlicher Jud'." 7785