Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1908-11-20 · Heft 45 (20.11.1908) · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 45 (20.11.1908)
Date
1908-11-20
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2692297-2692562-2692607--04346-2699145
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 10 Die jüngste Generation, die durch die Jargonliteratur mbers Ghetto hinausgewachsen.ist, hat nichts Eiligeres >zu tun, als den Jargon von sich abzuschütteln. Das ist die Tragik des Jargons. Nun geht Redner auf die Jargonliteratur näher ein. 'Sie bestand früher meist aus Erbauungsbüchern. Ein Kampf zwischen der hebräischen Literatur und dem Jargon beginnt erst in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, der Kampf, der heute zu der vielbesprochenen Konferenz zu Czernowitz geführt hat, in 'welcher der Jargon als Nationalsprache der Juden.'erklärt und die hebräische Sprache entthront wurde. Diese Maßlosigkeiten erklärt Redner für eine direkte Folge der Taktik der hebräischen Schriftsteller, die während 50 Jahren ein Judentum ohne Tauroh gepredigt, die Tauroh verleumdet, und die Rabbiner verächtlich gemacht haben. (Gordon, Smolenski).*) Nuncharakterisiert Redner die heutigen Hauptvertreter des Jargons — Pcrez, Asch, Rosenfeld — in ihren einzelnen Besonderheiten und zeigt zum Schlüsse, daß eine Bewegung einsetzen müsse, die, den Wissensdurst der 10 Millionen Jargon sprechenden Jrwen befriedigend, dem Ghettojuden Glaube und Hoffen, Licht und Sonnenschein wiederbringen müßte, die das verderbliche Wirken so vieler Jargonschriststeller 'dem jüdischen Volke geraubt habe. Die Jargonliteratur der letzten Zeit habe die Jugend im Gegensätze zu den alten Ghettojuden vom Judentum entfernt. Aber es sei jetzt in Rußland eine gesetzestreue Bewegung im Gange, die den tragischen Konflikt zwischen Vätern und Söhnen, die verderbliche Wirkung eines Teils der Jargonliteratur, Nuszugleichen sich bemüht und durch belehr rende Volksschriften das Gegengewicht zu den zersetzenden Strömungen zu schaffen sich anschickt. Perl. . . Frankfurt a. M.. 1P. Nov. Verein »Nach laß Z w i". — Die Verehrer des wohlbekannten Herrn Professor Dr. A. Sulzbach hatten sich zu seinem heuttgen Bortrag „Eirriges aus der Pädagogik des Talmud" zahlreich eingefunden und wurden in ihren Erwartungen, wie stets bei dem geschätzten Referenten, nicht getäuscht. Redner führte aus: „Die allgemeine Verwunderung, die die Forderung Luthers, man müsse den Armen Schulen geben, bei der Welt erregte, ist uns Juden vollkommen unverständlich. Die Weisen legen großen Wert auf die Erziehung der Jugend. Der Talmud weist eine große Zahl von Schulen, auf, und wir können nach einzelnen Talmudstellen eine Geschichte der Pädagogik und Methodik verfolgen, : die nur das Schulwesen berührt. — Das Schulwesen selbst ruht auf gesunder Grundlage. DieStadtmnß Schulen unterhalten. Die Schule besitzt große Vorrechte. Rabbi Josua b. Ganrlei ist der Mann, der bahnbrechend gewirkt hat. Das Kind durste erst fr Schule, wenn es 7 Jahre alt war, die lasse sollte nicht mehr denn 25 Schüler fassen, bei größerer Anzahl .mußten Hilfslehrer angestellt werden usw. Der Hauptlehrstoff ist Nationalliteratur, was wir heute jüdisches Wissen nennen. In diesem Fache wird dann auch Bedeutendes geleistet. Für andere Gebiete, Mathematik, Arithmetik usw., die „erfahrungsgemäß", d. h. an Hand der betreffenden Mischnahstellen, gelehrt werden, hat man Fachlehrer. Der Talmud gibt auch noch heute gültige Winke für die Methodik des Unterrichts, n. a. daß sich der Lehrer stets kurz fasse, daß er den Küldern nicht zuviel zumute usw. Ein schönes Beispiel für die lebendige Art, in der die Lehrer den Kleinen das Ales Beth beibrachten, zeigte der Redner an einer Erzählung des Talmud, aus der mancher unserer heuttgen Lehrer noch lernen könnte, seinen Unterricht interessant zu gestalten. Disziplin' den Schülern beizubringen, ist nach dem Talmud eine Hauptsache. Der Lehrer muß sich auch im öffentlichen Leben so verhalten, daß die Schüler Achtung vor ihm haben können, und Haus muß Schule dabei unterstützen. Eine recht gesunde Ansicht vertritt der Talmud über die heute so vielbesprochene „Prügelmethode", eine Meinung, die sich vollkommen mit der der modernsten Pädagogen deckt. — Auch über Mädchenerziehung weiß der Talmud Interessantes zu berichten, — was der ’ Referent allerdings nur andeutete. Nicht die Polizei, nein, der persönliche Eifer der Väter und Mütter, so schloß der Redner, brachte die Kinder zur Schule. Man wußte sie dort sicher, denn nichts galt dem Lehrer höher, als vas ihm anvertraute Gut zu hüten; der Talmud weist überraschende Stellen von der Gewissenhaftigkeit des jüdischen Lehrers auf. Schule „und Haus wirken zum Segen ineinander, denn die Tauroh gebietet den jüd. Ettern, die Kinder lernen und lehren zu lassen. Und solange dies Gebot der Tauroh erfüllt wird, solange wird auch der bei uns Juden G.l so große Trieb zum Lernen nicht erlöschen. Herl... *) Diese Verallgemeinerung trifft nicht zu, auch nicht. für die letzte Zeit. D. Redakt. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Frankfurt a. M. .Mo nteiiore" -V erein. Das Programm der diesjährigen Chanuka-Feier des Montefiore-Vereins ist nunmehr fertig gestellt und verspricht allen Teilnehmern einen sehr genußreichen Abend. Einen Hauptbestandteil der Darbietungen werden „Lebende Bilder aus der Makkabäerzeit" bilden, welche mit verbindendem Text und instrumentiert zur Darstellung gelangen. Die Bühnenbilder werden vom Chef des Malerateliers des Opernhauses, Herrn Max Walter, gestellt und inszeniert, der Text zu den einzelnen „Bildern wird von Herrn I. B. Levy verfaßt und gesprochen. Ferner sind zur Mitwirkung bei dem Feste einige unserer ersten Künsller vom Opern- und Schauspielhaus gewonnen worden. Die einleitende Festrede hat Herr Dr. I. Heinemann übernommen. Frankfurt a. M. .Montefinre"- Verein. Der musikalisch-deklamatorische Unterhaltungs-Abend am 18. November erfreute sich eines überaus starken Besuches, sodaß der große Saal des früheren Kaufmännischen Vereins überfüllt war. Die Damen Herzheim und Cahn sowie die Herren Mayer, Pohle und Stern führten das geschickt zusammengestellte Programm bestens jaus und ernteten stürmischen Beifall. Fraukfurt a. M. Jüd. Frauenverein. Am Montag, den 16. Nov., beendete Herr Dr. med. A. Feuchtwanger seinen Vortragszyklus „Einiges aus der Psychologie und Pädagogik" an Hand des Buches von Kankeleit „Unsere 'Lieblinge in Haus und Schule". Anschließend an die erste Vorlesung, über die bereits berichtet worden, legte der Vortragende in den beiden letzten die Wichtigkeit der experimentellen Psychologie für die Erziehungskunst dar und behandelte die drei verschiedenen Vorstellungstypen der Kinder, den visuellen, den akustischen und den motorischen Vorstellungstyp und ihre Anwendung und Ausnutzung beim Unterricht. An der Hand der Kinderpsychologie schilderte er die Entwicklung der Gefühls- und Willensbildung und zeigte den Zusammenhang zwischen Aufmerksamkett und Willensbildung, die Entwicklung beider zu scharfer Beobachtung und Wahrhaftigkeit, lenkte das Augenmerk auf die Hemmungen, die plötzlich bei einem Kinde durch unrichtige Behandlung oder schlechte Umgebung in Haus und Schule hervorgerufen werden können und sprach der Methode der Aufmunterung anstatt der der Demüttgung das Wort. Daran schlossen sich Betrachtungen über Jntelligcnzprüfungen und Gedächtnisversuche, über Kombinattonsgabe Und Anschauungsunterricht, Mit einem Ueberblick über die Geschichte der experimentellen Pädagogik schloß der Redner seine außerordentlich interessanten Ausführungen. Fraukfurt a. M., 17. November. Einen wertvollen Portrag hörten wir gestern im Verein für jüdische Geschichte und Literatur. Herr Dr. Hampel- Karlsruhe, der über die U r - gcschichte Israels im Lichte zeitgenössischerDenkmäler sprach, führte nämlich in seine» Ausführungen den Nachweis, daß das Bestreben der Bibelkritiker, die Bibel auseinanderzureißen und zu entstellen, um dadurch die Bedeutung des jüdischen Volkes zu versteinern, durch die Auffindung und Entzifferung der Denkmäler der biblischen Zeiten immer schärfer in seiner ganzen Lügenhafttgkeit gezeigt wird. Besonders mit der modernen Rassentheorie suche nian alles Schöne und Große, was geschaffen wurde, der arischen Rasse zuzuschreiben, während man Israel zu einer Beduinenhorde hinabzudrücken sich bemühe. Zu bedauern sei, daß die Bibelkrittk so zahlreiche Nachbeter unter den Juden hat, die dadurch ihrem eigenen Judentum fm Interesse seiner Feinde Totengräberdienstc leisten. Redner geht nun zu den Einzelheiten über. In Israel sind Volks- und Religionsgeschichte unzertrennlich verbunden. Wir sehen das schon in der Geschichte des jüdischen Stammvaters Abraham, von dem die modernen Bibelforscher behaupten, daß er nicht gelebt haben könne, denn kein Volk kenne seinen Ursprung: auch habe ein Volk in seinein Kindesalter keine Schrift und kein historisches Verständnis. Die Tatsachen beweisen aber, daß die kleinen orientalischen Völker — im Gegensatz zu den großen europäischen Volksmassen — wohl ihre Entwicklung bis zu einem Stammesvater hinleitcn können; auch verschweige die Bibel ja nicht beträchtliche Beimischungen aus anderen Völkern. Des weiteren ist das jüdische Volk zu einer Zeit geboren worden, als Babylon und Egypten auf der Höhe ihrer Kultur standen, und so ist es nicht als Kind, sondern als reifer Mann zur Welt gekommen. Israel war eine von dem babylonischen Vojke losgelöste Sekte, die sich deshalb absonderte, weil ihre religiöse Anschauungen sie absonderten. Auch die Episode von der Höhle Machpela wird als Erfindung hingestellt. Ganz besonders wird behauptet, daß man die bei dem Kaufe abgewogenen Silberschekel erst 1500 Jahr« später kannte, denn erst dann habe man geprägtes Geld gehabt. Wir haben aber jetzt mehr als 1000 Kaufbriefe, Familienaufzeichnungen rc. aus der abrahamittschen Periode und können damit auch diese Behauptung uck adsuräum führen. Für' das Vorhandensein der Sumerer war bis zur Gegenwart die Bibel das einzige'Dokument, Nr. 45. und auch hier bestritten die Bibelforscher die geschichtliche Authencität, ebenso wie sie den Umstand, daß die Städte Kanaans bei der Einwanderung Israels mit hebräischen Namen bezeichnet sind, für ihre Zwecke ausbeutcn. Jetzt ist auch dies alles im Sinne der Bibel aufgeklärt. In Kanaan waren erst Seniiten und dann Hamiten (Kananäer), womit der biblische Satz „Und der Kananäer war damals im Lande" seine Beleuchtung erhält. Es ist heute ferner wissenschaftlich festgestellt, daß die Behauptung der Bibel, daß die Menschen von reinen religiösen Anschauungen allmählich gesunken sind. Tatsache ist, eine Tatsache, der die bisherige wissenschaftlichen Anschauungen entgegengesetzt waren. In Ur, dem Geburtsorte Abrahams, ist der Tempel des Mondgottes Sin aufgedeckt worden, und die Hymnen und Psalmen, die nian dabei entdeckte, zeigen eine hohe religiöse Auffassung. Auch das bekannte Hammurabi-Gesetz, doch gleichfalls eine semitische Schöpfung, steht auf einer hohen Stufe. Frankfurt a. M. Flavius JosephuS hatte Herr Rabbiner Dr. Lazarus zum Gegenstand seines Vortrages im Verein „M o n t e f i o r e" gewählt. Joseph Ben-Matthia, so ist sein ursprünglicher Name, wurde 38 in Jerusalem geboren, erhielt, dem Priesterstande entstammend, eine vorzügliche Bildung und wurde bereits als sehr junger Mann mit einer Botschaft nach Rom gesandt, von dessen Glanz und Pracht er geblendet wurde. Bald darauf wird er Oberbefehlshaber der Truppen von Galiläa, der von den Römern am stärksten bedrohten Provinz Palästinas, trotzdem er keine -strategischen Kenntnisse hat. Er zieht sich jn die Feste Jotapata zurück, hält infolge seiner hervorragenden Klugheit. den Römern lange stand, aber schließlich fällt Jotapata durch Verrat. Er gibt sich dem römischen Feldherrn Bespasian gefangen, prophezeit ihm die Kaiserwürde, und als die Prophezeihung Tatsache wird, weist ihm Bespasian im kaiserlichen Palaste zu Rom Wohnung an und setzt Ihm ein Jahresgehalt aus. Josephus widmete sich nun den Wissenschaften. Er beschrieb den jüdischen Krieg in 7 Büchern, schrieb in 20 Büchern sein unsterbliches Werk ,Aon den judäischen Altertümern", die erste Apologetik gegen den Antisemitismus unter dem Titel „Gegen Ayion" rc. Jn seineil Büchern sucht er seinem Volke und desserr Lehre gerecht zu werden. Die Charakterisierung der Persönlichkeit Josephus ist sehr verschieden gegeben worden; Redner sucht im zweiten Teile seines Vorttages, Josephus Persönlichkeit aus dem Milieu seiner Zeit heraus zu würdigen. Es gab dainals zwei Richtungen im jüdischen Volk, die eine, die das jüdische Reich erhalten wollte, und eine andere, die die nationale Selbständigkeit aufgegeben hatte und auf einen Sieg des jüdischen Geistes hinarbeitete, zu welch' letzteren Josephus gezählt werden dürfte. Frankfurt a. M. Der Centralverein Israel. Gemeindemitglieder hat auf nächsten Montag Wend 8»/r Uhr eine öfentlicheBersammlung einberufen, in der Herr Dr. Arthur Kahn-Berlin über das'Thema „Die jüdische Religion und die moderne Wissenschaft" sprechen wird. Zu der Versammlung ist auch Nichtmitgliedern der Eintritt gestattet. Frankfurt a. M. Der Verein zur Wohltätigkeit wählte in seiner außerordentlichen Generalversammlung teils neu teils wieder in den Vorstand: I. Sänger (Vorsitzender), N. Seligmann (2. Vorsitzender), L. Frank (Kassierer), Weis und. I. Fuld (Schriftführer) und A. Krause (Beisitzer). Camberg. Den Eröffnungsvorttag im hiesigen „BereinfürjüdischeGeschichteundLiteratur" hielt Herr Leopold Perlmutter- Frankfurt a. M. über „Samson Raphael Hirsch". Jn schwungvollen Worten und klarer Darstellung gab der jugendliche Redner bas Lebensbild des gewaltigen Mannes. Von der Voraussetzung ausgehend, daß die Lebensarbeit Hirschs nur an der seinem Wirken vorangegangenen Zeit zu beurteilen sei, zeichnete er die Zeit des Abfalls nach Mendelssohns Tode und die Entstehung und Entwicklung der Reform. An Hand der einzelnen Phasen Hirschs Wirken und bei Besprechung seiner grundlegenden Werke zeigte Redner, wie das Lebenswerk Hirschs in zwei große Teile zusammenzufassen sei: 1. Energischer Kampf gegen die übermächtige Reform. 2. Aufbau bis zur herrlichsten Vollendung durch Errichtung von Organisationen im Sinne und zur Erhaltung des gesetzestreuen Judentums. Zum Schlüsse vergleicht Redner das Wirken Hirsch's mit der Lenzesgewalt des nahenden Frühlings, der mit Macht die Judenheit Deutschlands aus den Banden des Winters, der auf ihr lastete, befreite und die Frühlingsbotschaft brachte, daß man ein moderner Mensch sein könne, ohne auch nur ein Jota seines gesetzestreuen Judentums herzugeben. , , ' ’, Dem einstündigen, mit lebhaftem Beifalle aufgenommenen Vortrage, folgte eine angeregte Disküssion, ' die Herr Lehrer Reichend erg * leitete.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.