Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 45 (20.11.1908)
- Date
- 1908-11-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Üeikge zu Ile. 45 des fmn&furfet IsmeliMm Iamt(ien6(attes. Aus der zionistischen Bewegung. Berlin. Am 10. November fand hier die erste V e r s a m m l u n g des anläßlich des achten Zionistenkongrcsses im Haag gegründeten Verbandes jüdischer Kranen für Kulturarbeit in Palästina statt. Den Geschäftsbericht erstattete die Vorsitzende Frau Professor Marburg. Der Verband, dem jüdische Frauen aller Kreise und verschiedener Richtungen angeboren, umfaßt gegenwärtig etwa 500 Mitglieder, hat in Berlin, Hamburg, Cöln, Breslau, Königsberg i. Pr. sowie im Haag besondere Ortsgruppen begründet und findet bei den jüdischen "Frauen und Mädchen überall große Sympathien. Er unterstützt gegemvärtig das jüdische Krankenhaus in Jaffa und hat die Schwester Fräulein Tempelmann als dessen Leiterin eingesetzt; er verfügt zur Zeit über einen Barbestand von 2500 JL Die Versammlung beschloß eine straffe Zentralisation der Verbandsleituug in Berlin und die Einleitung einer großzügigen Propaganda. — Zuschriften für den Verband sind zu richten an die Schristleiterin, Fräulein stud. mcd. Resa Hirsch, Berlin NW., FlenSburgerstr. 12, Geldsendungen an das Bankhaus A. H. H e y in a n n u. C o., Berlin NW. 7, Unter den Linden 59. München. Am l4. November fand der erste Vereinsabend der hiesigen Ortsgruppe statt. Den Vortrag hatte Herr Rechtsanwalt Dr. EliaS Straus, der 1. Vorsitzende der Gruppe, übernommen und hierzu ein Thema gewählt, das für die Einleitung der Wintertätigkeit ganz besonders geeignet war. In klaren und lichtvollen Ausführungen besprach Redner „Die neueren Vorgänge im Zionismus", wobei er sowohl die politischen, wie wirtschaftlichen und kulturellen Programmpunkte des Zionismus einer eingehenden Würdigung unterzog. Die jüngsten politischen Veränderungen in der Türkei boten dem Rescrenten Gelegenheit, dieselben als den Zionismus voraussichtlich günstig beeinflnßend hinzustellen; in einem Nationalitä tenstaat, wie die junge Türkei ist, stehen die Aussichten für uns weit günstiger, als wenn wir mit den verschiedenen europäischen Staaten zu verhandeln hätten. Ganz besondere Ansmcrksamkeit wurde den wirtschastlichcn und kulturellen 'Aufgaben gewidmet und in dringendster Weise die Unterstützung der diesbezüglichen Jnstirutionen den Zuhörern nahe gelegt. An den großzügig angelegten und das Thema doch so erschöpfenden Bortrag, der lebhaften Beifall fand, schloß sich eine kurze Diskussion, welche Uebereinstimmung mit den Ausführungen des Redners bekundete. Posen. Die National-jüdische Frauenvereinigung hielt am 28. v. Mts. ihre erste Winter-Zusammenkunft im Stein'schen Saale ab, die von Mitgliedern und Freunden der Vereinigung zahlreich besucht war. Nach der Begrüßung der Anwesenden durch die stellvertretende Vorsitzende erstattete die Schriftführerin Bericht über die S o m m e r t ä t i g k e i t der Vereinigung, die sich hauptsächlich auf Jugendpropaganda, Veranstaltung von Jugendspiel-Nachmittagen ,c. erstreckt hatte. Von ganz ungeahnt günstiger Wirkung für uns war ein Kinder-Spielnachmittag während der Herbstferien, an welchem eine Menge hellblau-weißer Fahnen mit Mogen-David aus Goldbörtchen au die Kinder verteilt wurden, die fleißige Frauenhände als Ileberraschung gefertigt hatten. Wir empfanden eine besondere Genugtuung, unsere Nationalfarbcn ani Simchath-Thorasest in allen Synagogen unserer Gemeinde vertreten zu sehe» und sehen immer mehr ein, daß solche Kleinarbeit von Frauen geleistet uns mehr Sympathie für die große Sache einträgt, als laute Volksversammlungen. Für die Winterarbeit sind neben den Vortragsabenden innerhalb der Zionistischen Ortsgruppe, deren Zweigverein wir bilden, -besondere Zusammenkünfte als Kinderveranstaltungen bei Nationalfesten re. geplant. Für die inneren Arbeiten der Vereinigung finb vorgesehen: Bahnhofsmission zu Gunsten russischer und galizischer Durchwanderer, Besuch und Unterhaltung auswärtigerGlaubensgenosseninhieligen Spitälern re. Einer Anregung vieler Eltern um Einführung des jüdischen Religionsunterrichtes in hiesigen Privat-Töchterschulen wird Folge gegeben, nach der stattgefundenen Enquete bei allen Interessenten übernimmt eine Vorstandsdame die diesbezüglichen Verhandlungen mit den Leitern betr. Schulen. Die Rednerin schließt mit einem warmen Appell an olle Anwesenden, sich an der sozialen Hilfsarbeit der Vereinigung fleißig zu betätigen und erteilte dann Frl. Wolfsohn das Wort zu ihren Rezitationen jung-jüdischer Dichtungen. Die Vortragende hatte den Anfang recht glücklich gewählt durch Felbels ,Micgenlied"; die weiche, wehänntsvolle Stimmung wurde noch erhöht beim Vortrag von „SBeruria", der Wohl manchem Auge Tränen der Rührung entlockte. Auch die folgenden Vorträge von Reisen „Ghetto", „Nacht", „Heimatlos" versetzten uns so recht in unsere geknechtete Vergangenheit, und wie Erlösung aus finsterer Winternacht klang uns Friedländers ,,'Rosen" und „'Neuer Frühling" entgegen. Voll Humor war Salis „Vom hohen Rabbi Löw", und Jungmanns feine Sattiren „Die Religion", „Kaftan und Chofsid" riefen direkt Beifallsstürme hervor. Den Schluß bildete Perez „Der kranke Knabe". Hier wußte Frl. Wolfsoh» mit ihrer modulationsfähigen Stimme so ganz die keusche Empfindung einer jüdischen Knabenseele zum Ausdruck zu bringen. Genug, es war ein nach jeder Richtung hin wohlgelungener Abend, und reicher Beifall belohnte die Vortragende. Wir bemerken noch, daß Frl. Maria Wolfsohn es verstanden hat, sich als Rezitatorin einen Ruf zu erwerben, der weit über die Grenzen unserer Heimat hinausgeht und wir ihr doppelt dankbar für ihre Mitarbeit in unserer Vereinigung sind, da sie durch Vortragsreisen für Literaturvereine rc. sehr in Aiypruch genommen ist. Als kleine Aufmerksamkeit setzte die Nat.-jüd. Bereinigung Frl. Wolfsohn 1 Baum, bei welcher Gelegenheit auch viele Nichtzionisten cs sich nicht nehmen ließen, ihren Obolus beizusteuern, sodaß unsere Frauenverein-Büchse gut dabei fort kam. Einige Neuausnahmen von Mitgliedern konnten gleichfalls gemacht werden. R. L. Posen. Die Zionist. Ortsgruvve hielt Samstag eine Mitgliederversammlung ab. Rechtsanwalt Dr. Kollenscher, der Vorsitzende, gedachte des verstorbenen Mitgliedes S. I. Brandt und berichtete über die Sitzung des Zion. Zentralkomitees, M. N e n m a r k gab die Presse-Uebersicht und Lehrer Auerbach hielt ein Palästinareferat. Odessa. Ein Umschwung? Vor zwei Wochen beschlagnahmte die Odessaer Polizei den zio». Verlag „Kopekenbibliothek" und nahm auch alles Vorgefundene Geld mit. Bor einigen Tagen wurden nun dem zionistischen Führer Odessas vom Polizeimeister das geraubte Geld und alle saisierten Druckschriften und Manuskripte znrückgestellt. Dieses Ereignis rief umso größere Verwunderung hervor, als man nicht gewöhnt ist, daß die russische Polizei einen Schaden gutmache oder gar Geld znrückgebe. Aus der Lehrerwett. Frankfurt a. M. Vakanzen. Mit Hatorath- Horooh versehener Lehrer für Jsr. Lehrer-Bildnngs- Anstalt in Würzburg. — Stadtrabbiner in Konstanz JL 3200 und cvent. Staatszuschuß bis JL 800. Meldung an Obcrrat der Israeliten in Karlsruhe. -- Lehrer und Kantor in Geldern (6600 E., 30 j. F.). JL 1800. Meldung an S. Nordheim. Berlin. Die von der Bereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands gewählte pädagogische Kommission, bestehend aus den Rabbinern Dr. Blumenthal-Berlin. Fabian-Breslau, Freudenthal-Nürnberg, Jacob-Dortmund und Bogelstein-Königsberg, hielt ihre erste Sitzung ab. Es wurde beschlossen, vor allem die Schaffung einer pädagogischen Sammelstelle, die Aufstellung von Lehrplänen für die höheren Lehranstalten und die Ausarbeitung von normativen Grundsätzen für den Unterricht und für die Bearbeitung der Lehrbücher in die Wege zu leiten: auch wurde die Begründung einer pädagogischen Zeitschrift als unbedingt erforderlich bezeichnet. Hadamar i. Weste-wald. Am 6 Dez. d. I. sind es 25 Jahre, daß Herr Lehrer Adolf Oppenheimer seines Amtes waltet. Die isr. Kultusgemeinde wird den Tag festlich begehen. Dasselbe beabsichtigt der „Verein isr. Lehrer im ehemaligen Herzogtum Nassau". Herr Oppenheimer, der jederzeit ein eifriges, förderndes und unterstützendes Mitglied des Vereins gewesen, hat auch viele Jahre hindurch segensreich im Vorstände gewirkt. ft. BreSlau. Anläßlich des 70. Geburtstages Rabbiners Dr. Rosenthal gab der Vorst and der jüd. Gemeinde ein Fe st mahl, an dem mehr als 200 Personen teilnahmen. Auch Oberrabbiner Dr. Margulies-Florenz, der Schwiegersohn des Gefeierten, befand sich unter den Gästen. Breslau. Rabbiner Dr. Ferdinand Rosenthal feierte unter lebhafter Anteilnahme seiner Gemeinde den 70. Geburtstag. Rabb. Dr. R. wurde in Oesterreich geboren und lernte bei Rabbiner Dr. Hildesheimer s. A„ als dieser noch in Eisenstadt wirkte, 1867 wurde er zum Rabbiner in Beuthen gewählt, seit 1887 versieht er sein jetziges Amt. Von seinen Werken seien genannt: „Das erste Makkabäerbuch", Leipzig, 1867; „Die Erlasse Cäsars und die Senatskonsulte in Josephus", Breslau 1879; „Vier Apokryphische Bücher aus der Zeit und Schule R. Akibas," Leipzig 1885. Prag.K Unter großer Beteiligung wurde der emeritierte Lehrer und Sofer Hermann Pimsenstein zu Grabe getragen. I Laudon. Rabbiner S. Alfred Adler, berI einzige Sohn des Chefrabbi, ist wegen andauern-1 der Krankheit von seinem Amte als Rabbiner an der Hammersmith-Synagoge zurückgetrcten. Kanczuga. Während des Schemaune- Eirci- Gebetes in der Synagoge stürzte Rabbiner Benzion Jsak We st reich plötzlich zu Boden und verschied. Er hat ein Alter von nur 47 Jahren erreicht. Sofort nach der Beerdigung wurde ein Sohn des Verblichenen zu seinem Amtsnachfolger gewählt. Philadelphia «Amerika;. Anläßlich seiner silbernen Hochzeit erhielt Rabbiner Dr. B e r k o w i tz von seiner Gemeinde ein Ehrengeschenk von 4000 Dollars. Pittsburg (Amerika;. Rabbiner I. Leonard Levy hat mit l2000 Dollars Jahresg c h a l t das höchste Gehalt eines Geistlichen in Pittsburg. Aus deu Vereine«. Frankfurt a. M. Im dritten Boi trag seines Zyklus behandelte Herr Dr. MeCameb das Thema „D i e Juden in der deutschen Politik im 19. Jahrhunder t" und leitete seine Ausfiihrnngen mit einer Betrachtung über den Königsberger Juden Johann Jacoby ein, dessen Schrift, „Bier Fragen, beantwortet von einem Ostpreußen" damals das Signal zu einer neuen Epoche war. In I. Jacoby erkennt man die stark ausgeprägte sittliche Natur des Juden, den radikalen Geist und das verbitterte Gemüt, das immer dem Minuszeichen zuneigt. Jacoby sing als bürgerlicher Kandidat an und brachte es am Abend seines Lebens bis zum roten Deine krateu. Jedoch nicht der Jude Jacoby, sondern die Inden Karl Marx und Ferdinand Lassalle haben der Weltgeschichte ihren Gang vorgeschrieben und unsterbliche Werte hinterlassen. Marx als Reaktion ans die Romantik kehrt den Hegelschen Spieß um und leitet alle Ereignisse der Weltgeschichte nicht als Objektivationen des Geistes — wie Hegel —, sondern aus den rein ökonomischen Prozessen ab. Der Hegelschen dialektischen Methode sich bedienend, arbeitet er seine Mehrwertlehre als die synthetische Substanz heraus und klassifiziert so die Menschen vermöge ihrer ökonomischen Produktivität Er bestellt zwei Kämpen, Kapitalisten und Ausbeuter, und mittels seiner synthetisch materialistischen Geschichtsphilosophie tut er dem Christentuur Abbruch, wie es nur ein Spinoza vermocht hat. Wäre aber Max auf jüdischem Boden, in einer jüdischen Kultur ausgewachsen, er hätte, statt Owen und Thompson den Prophetismus mit seinem Genius befruchtet. Den Theoretiker Marx ergänzt Lassalle — dieser gewaltige Massenpsycholog und geniale Organisator. Redner streift Lassalles Erbrechtslehre, sein Verhältnis zu ihrem Lohngesetz, seinen Staatssozialismus und stellt diesen beiden Männern einen Friedrich Julius Stahl entgegen, der auch Jude war, auch radikal negativ — —. Stahl hatte das Werk von Leo vollendet — war der Begründer der konservativen Partei in Deutschland und bekämpfte mit allen Mitteln die öffentliche Polemik, den Liberalismus, den er mit dem Revolutionismus verblende: identifizierte. Sprachen Marx und Lassalle von Majorität, so betonte Stahl um so energischer das Prinzip der Autorität im Leben des Staates und der Politik. Nach einen, knappen, aber um so klareren Charakteristiknin von L a s k e r und Ba in berge r, den Begründern der liberalen Partei in Deutschland, schloß der Redner mit dem Hinweis auf das Irren und ziellose Suchen der deutschen Inden in der Politik, die über ihrem Milien ihr eigenes Volk, die Juden, vergessen hatten, ein Fehler, den erst der größte Jade des 19. Jahrhunderts, Theodor Herzl, korrigierte, indem er eine - eigene jüdische Volkspolitik begründete. Frankfurt a. M. Verein .Nachlaß Z w i." Während die vorwöchentliche Protestversammlung des Nachlaß Zwi- Vereins kaum die Menge derer, die erschienen waren, fassen konnte, war der heutabendliche «Vortrag: ,,Der I argon und seine Literatur" nur sehr schwach besucht. Zn allen Zeiten der jüdischen Geschichte — so ungefähr führte der Redner, Herr Redakteur S. Schachnowltz, ans — war für die Juden das Bindemittel die hebräische Sprache. Nach der Tempelzerstörnng korrespondiert Jecheskel von Babel aus mit Jimirjahu, der auf den Triimmern Jerusalems geblieben ist, die Talmudhochschule in Babel verkehrt schriftlich mit der in Jerusalem: alles in Hebräischer Sprache. Erst im Ghetto —und zwar im deutschen — entsteht ein Jargon als Ausdrucksmittel für profane Dinge im Hausgebrauch. Der eigentliche «Jargon aber bildete sich, als die Ausweisungen im Jahre 1420 die Juden aus Oesterreich nach Polen, 4432 aus Sachsen nach Polen, 1450 .aus Bayern nach Rußland verpflanzen. Die Verbindung der einzelnen Dialekte mit dem slawischen «Idiom ist der Jargon, jene Sprache, die heute'von 10 Millionen Juden gesprochen wird und eine Literatur gezeitigt hat, die sich auf alle Gebiete des menschlichen Geistes erstreckt. Allerdings hat dieses rasche Aufblühen den Todeskeim in sich.