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Neue jüdische Presse · 1908-11-13 · Heft 44 (13.11.1908) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 44 (13.11.1908)
Date
1908-11-13
Page
– (sequence 9)
Language
German
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-—7-EMTk- :-— -; ... ' " ‘ . zn Ult. 44 ttes FraMMer UmekWeil Familimklaites. Friedhofsgeschichten.... Von Maxime Le M a! t r e. Ein Nachmittag im Hekdesch. Wolkenlos lächelte die Sonne, die lügnerische Wintersonne, und Jankel der Ewige ruht stumm und regungslos aus seinem Schusterstuhl. Vor ihm steht eine kleine Schusterwerkstatt, auf der sich Ahle, Hämmer, Nägel, abgerissene Absätze und Lederfetzen im bunten Wirrwarr herumtreiben. Um die Werkstatt herum liegen unzählige zerlumpte Stiefel, die die Hekdeschlente sammeln und Jankel repariert, und die er den Hekdeschleuten wieder veräußert. Denn an lcichenloscn Tagen ist Jankel noch neben seinen vielen andern Berufen, Schuster. Ausgenommen am Purim, der ihn als Geschenkboten sieht, Hoschanaraba, an dem er mit Hoschanuth handelt, die langen Winternächte, in welchen er Nachtwächterdienste verrichten muß, und in den Wochen vor Ostern, die ihn mit der Beaufsichtigung der Mazzo-Anfertigung beschäftigen. Sonst ist er Schuster. Allein in arbeitslosen Tagen, in welchen er weder Leichen zu begraben noch Schuhe zu reparieren hat, betreibt er einen Kalenderhandel, oder er ist mit dem Sammeln von Kerzen für die Synagoge beschäftigt. Und ist gar nichts zu tun, so fädelt er Schaufädcn, erkundigt sich nach Neugeburtcn, nach Festlichkeiten, bei welchen er niemals fehlt, oder er erkundigt sich nach dem Befinden der Kranken. Seine Frau indessen sitzt am Spinnrad oder näht Totenklcider. Neben dieser Beschäftigung liegt es ihr noch ob, für ihre acht Kinder zu sorgen und wenn sie schreien und gar zu oft Brot verlangen, sie zu prügeln. Jndeß ist Jankel der Ernährer der Faniilie. Die Hekdeschlente haben ihm ganze Haufen zerlumpter Schuhe zugetragen, niit deren Reparierung er jetzt beschäftigt ist. Er hätte jetzt viel zu tun, allein sein Schusterberuf bringt ihm nicht viel ein, und so sitzt er etwas faul zu Werke. Während er mechanisch mit der Ahlspitze in eine verfaulte Sohle sticht, ist sein Kopf mit Plänen beschäftigt, mit allerlei Gedanken über neue Unternehmungen, mit Träumereien über bessere Tage und Schlachtentwürfe für neue Einnahmequellen. So sitzt er jetzt und träumt bei seiner Ahle, während eine lügnerische Sonne seinen Träumen zulächelt. Dann ist er etwas müde und sucht auf dem Schusterstuhl Erholung. Er träumt sinnend vor sich hin, sein Schuflerwcrkzeug bewegt sich in seiner zitternden Hand und sein Haupt sonnt sich im Scheine der Strahlen. Aber sobald ihm ein neuer Gedanke durch den Kopf kommt, eine neue Sorge, — dann bewegt er sein Haupt rechts und links, seufzt, fährt mit seiner dürren Hand in seinen grauen Bart, guckt sich nach allen Seiten um, auf die stumm spielende Kinderschar, auf das rastlos summende Spinnrad und bleibt weiter in Gedanken versunken. Er sinnt, er träumt, er lechzt auch nach Ruhe — aber Jankel darf nicht ruhen. Bald schreit ein Kind auf, das die Mutter geprügelt, bald ist der Hekdesch voll von Flüchen und Verwünschungen, die die Mutier ausstößt, und Jankels Ruhe ist hin. „Nicht sechs Minuten Ruhe gönnt sie mir," brummt Jankel, „meine glühe will ich, meine Ruhe." Die Frau, ganz erbost, stößt neue Flüche aus, kreischt und lärmt und überhäuft Jankel mit Vorwürfen, daß er, der Hekdeschvater, wie ein „Monarch" leben will. „Ich habe es Dir von jeher und imnier gesagt und zum ersten Mal vor fünfundzwanzig Jahren, unsereiner ist nicht zuni „Monarchen" geboren. Willst Ruhe haben? Vielleicht willst auch noch süßen Tee? Vielleicht noch Weißbrot dazu? Mein Fürst, sonst fehlt ihm nichts als Ruhe. Die Kinder geben mir seit gestern Mittag keine Ruhe: Mutter Brot, Mutter Brot! schreien sie in einem fort. Was soll ich machen? Ich prügle sie, suche sie auf jede Weise zu beruhigen, — und Du klagst noch? Im übrigen haben die Kinder recht, seit gestern Mittag haben sie nichts mehr genossen. Andere Väter sorgen mehr für ihre Kinder, und statt zu ruhen und nach süßem Tee noch vielleicht zu verlangen, arbeiten sie, sehen sich nach Arbeit um. Und was tust Du? Ruhe willst Du, bist Du schon tot?" Jankel schweigt. Was sollte er auch antworten? Er muß zugeben, daß die Frau recht hat. Die Kinder fasten wirklich seit gestern, und von Prügel wird man doch nicht satt. Und über Jankel kommt eine tiefe Traurigkeit, er starrt bald wieder in Gedanken versunken vor sich hin, er glotzt bald wild mit den Augen, er sucht, er sucht —. Die Frau flucht nicht mehr, die Kinder, zerlumpt und ausgehungert, spielen stumm auf der Erde, wo sie die strengen Blicke der Mutter in Schrecken halten, und Jankel sinnt und träumt weiter, — aber Jankel darf nicht ruhen, — ihm ist nicht nur Brot ein Luxus, sondern auch der Gedanke an Brot. Ein halbbarfüßiger Bettler kommt in jäher Plötzlichkeit in den Hekdesch gestürzt, lärmend und schreit Jankel an: „Nun, wie ist es? Meine Schuhe — sind sie fertig? Sie haben mir doch versprochen, daß sie heute fertig sein sollen! Nun, — sind sic fertig?" Und mit krischend weinerlicher Stimme: „Sie sehen doch, ich gehe halb barstrß, ich verfricre. — Sind sie fertig? Es gibt doch keine Pest mehr. Wenn die Reichen nicht sterben, kann ich doch meine Schuhe haben! Ja, Sie haben's gut. Sie haben Schuhe und Ihre Frau auch — Sie haben's überhaupt gut. Sie leben wie ein Fürst und haben Weib und Heim dazu. Aber unser einer hat gar nix. — Also wenigstens nicht barfuß laufen!" Kaum hatte sich der barfüßige Bettler beruhigt, als ein anderer Hekdeschbürgcr, Jankel Ganef, oder, wie ihn die Hekdeschleute nennen, der lange Jankel, lärmend und wild hereingestürzt kommt. Er wirft sich mit rasender Wut auf Jankel, reibt chm die geballte Faust unter das Kinn, wirft ihm ein paar Mörderblicke zu und schreit chn an: „Was, habe ich Ihnen nix gesagt? Hier wohn' ich und hier auch meine Säcke. Hier müssen sie bleiben, so will ich's! Wo ich sie her habe, geht Sie nichts an! Sie sind auch ein Dieb! Heutzutag ist jeder ein Dieb! Und wenn es noch einmal vorkommt, daß ich meine Säcke nicht wiederfinde—. Also aufpassen!" ruft's und reibt ihm abermals die geballte Faust unter das Kinn. Jankel war schon bei seinem Anblick tvie versteinert und kreideweiß vor Schrecken. Die unschuldig spielenden Kinder senkten ihre Blicke, als schämten sie sich, und die Frau zitterte. . . . Jankel Ganef indes hat es dieses Mal beim Anschreien bewenden lassen und entfernte sich mit einein Warnungsblick an Jankel. Der barfüßige Hekdeschmann inzwischen fing, nachdem er Jankel draußen wußte, von neuem an: „Meine Schuhe, meine Schuhe will ich, es ist Zeit." Und während er um seine Schuhe bettelt, fällt eine alte, erboste Großmutter mit der Tür ins Haus: „Großer Gott, wo bleiben die Schaufäden für meine Enkel? Na, so 'was, meine Enkel sind doch Juden und Waisen dazu und müssen doch chre Schaufäden haben! Nicht einmal Schaufäden? Sonst haben sie doch gar nichts im Leben." — Jankel sucht sein Gesicht zu verbergen, er möchte am liebsten flüchten — chn quält eine marternde Unruhe, er will aus dem Hekdesch heraus und laufen, weit, weit. — Aber die alte Großmutter steht noch immer in der Tür, dicht hinter ihm der Hekdeschmann und in der Mitte des Hekdesch die stumm spielenden Kinder, die beim Anblick der alten Frau wieder ihre Köpfchen heben und mit leiser, weinerlicher Stimme im Chor der Mutter zurufen: „Mutter, Hunger, ein Stückchen Brot!" Und ein älteres Kind flüstert der Mutter zu: „Mutter, dort im Winkel liegt Mote Goi's Bettelsack!" — Jetzt hält es Jankel nicht mehr aus, er erhebt sich im Nu, springt zum Schrecken aller aus dem Hekdesch und begibt sich auf die Gasse. Draußen dämmerts. Der Himmel bedeckt sich mit grauem Gewölk, und auf die Erbe lagern sich dichte Nebelmassen. Der Novcmbertag geht zu Ende. Jankel bleibt vor dem Hekdesch stehen und überlegend wendet er den Blick nach aUen Richtungen, als ob er jemand suche. Die Gasse ist still und leer, nur aus dem Hekdesch ertönen Kinderstimmen, weinerliche Kinderstimmen: „Mutter, Brot!" — Jankel sieht sich noch einmal um, überlegt, sucht, wartet, geht einige Schritte weiter, kehrt aber bald voll Unruhe zurück und verschwindet. — Wieder ist die Gasse Ml und leer und im Hekdesch alles verstummt. In dem matten Scheine der Dämmerung werden auf dem Friedhofe Schatten sichtbar, huschen die Schatten, die sich mit wahnsinniger Schnelligkeit, mit wilder Hast rings um die Gräber bewegen. Bald werden im Kreise dieser Schatten Kinderstimmen laut: „Papa, Papa, Hunger, Papa, Brot!" Und bald vernimmt man auch das Plätschern Barfüßiger in Lehm und Kot. — Jankel rennt auf den Friedhof, er rast wie wahnsinnig durch die Gräberreihen, irrt anscheinend plan- und ziellos umher, — und die Kinder ihm nach. Seine Augen blinzeln wild, sein Kopf ist zur Erde gesenkt, vor seinem Munde steht Schaum, er atmet tief und atmet schwer und rennt weiter —, und die Kinder ihm nach: „Vater, Hunger, Vater, kalt, Vater" — und mit weinerlich bebender Stimme: „Vater, kalt". Und des Friedhofs düsteres Echo trägt diese Kinderrufe durch alle Gräberreihen. Jedoch Jankel irrt nicht planlos. Dort, unweit vom Zaune, steht ein junger Mann mit einem warmen Pelz und betet am Grabe seines jüngst verstorbenen Töchterleins. Jankel hatte sein Kommen bemerkt und will ihn bei dieser Gelegenheit für seine Kinder um Brot bitten. Jankel will — aber er schämt sich. Jankel ist wohl Herr im Hekdesch, aber kein Bettler. Und so läuft er um die benachbarten Gräberreihen herum, macht sich Mut und überlegt, wie er es anfangen soll. Während Jankel verzweifelt im Kreise läuft, von den hungernden Kindern verfolgt, wendet sich der am Grabe Betende um, da Jankels Schatten in seinen Gesichtskreis gekommen. Die Rufe der Kinder hatte der Wind verweht. In diesem Augenblick rennt Jankel auf ihn zu mit schäumendem Mund und wild starrendem Blick und bleibt stumm vor chm stehen. Der Fremde aber dreht sich in seinem warmen Pelz, guckt chn verächtlich an und ruft voll Empörung: „Nirgends hat man vor Schnorrern Ruhe, nicht einmal auf dem Friedhof ist man vor ihnen sicher!" und wendet das Gesicht wieder dem Grabe seines Kindes zu . . . Jankel springt auf, wie vom Schlag getroffen, spricht kein Wort, schaut rückwärts und fängt plötzlich wie wahnsinnig zu laufen an.. Er rennt und hastet durch Morast und Kot, umkreist lange Gräberrechen, blickt wild und finster auf die Erde, atmet schwer und jagt wie toll in einem fort. Und die kleinen, hungrigen, barfüßigen Kinder chm nach: „Vater kalt, Vater Brot." Und der Wind murmelt verdrossen in die Wellen des Bächleins: „Vater kalt, Vater Brot". Aus der zionistischen Bewegung. Antwerpen. Eine Trauerbotschaft. die in der gesamten zionistischen Welt ihren Widerhall finden wird: AronDecht ist uns entrissen worden! Wenn jemals der Klageruf „Ein Fürst ist gefallen in Israel" keine Phrase, sondern reine Wahrheit war, so ist es hier. Er war ein Fürst — und ein jüdischer Fürst, der als erstes Gebot die Hochhaltnng des jüdischen Gesetzes und als erste Sorge das Wohl des jüdischen Volkes kannte. Wer diesen prächtigen, kraftstrotzenden Mann, der uns nun in der Kraft der Jahre genommen wurde, gekannt hat, weiß, was wir verloren haben! Heute haben wir ihn begraben. Am Grabe sprachen u. a.: Rabb. Dr. Wiener, Rabb. de Bries- Hartem und Jean Fischer, welch' letzterem die Aufgabe oblag, als Mtglied des Großen :i 4785

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