Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 43 (6.11.1908)
- Date
- 1908-11-06
- Page
- Seite 5 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2692562-2692605--04312-2699120- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
jpjprfv; 9h. 48. Fttmffltrker FsraÄWHkA Familienblatt. Nun brach aber Salomon loS. „Geh' zum Asasel, es ist eine Ehre für Dich» wenn man Dich mit unS sieht. Du Hungxrleider. — Und was schreist Du mir eigentlich auf der Straße immer zu?" Joseph faßte den zitternden Schneider am Arm -md sagte begütigend: „Mein Vater ist hitzig» aber er meint es nicht so schlimm, Ihr kennt ihn ja. Trinkt aus." Gumpel erwiderte fast 'weinend: »Wenn man das sieht, konlme ich doch auch in den Bann, und dann kann ich .verhungern." Joseph beruhigte ihn: „Seid nicht bange. Später werden unsere Feinde bitter bereuen, daß sie unfern Haß heraufbeschworen. Sagt mir nur das eine, dann könnt Ihr gehen. Wem verdanken wir den Niddui» war das ganze Gericht einig?" „Bon den zwölf Richtern haben elf für den Bann gestimmt, — nur einer war gegen die Bestrafung." Salomon fragte gespannt: „Wer war der eine?" Gumpel machte eine Kunstpause, dann sprach er langsam: „Bär Kuchenheim." Salomon sagte stolz: „Seht Ihr, der ist der Klügste in der Gemeinde, und der kann mir kein Unrecht geben, der pflichtet mir bei." Gumpel stand auf. »Labt Ihr noch etwas zu fragen?" Joseph drückte ihm einige Silbermünzen in die Hand. „Sagt dem Rabbiner und dem Rat, sie würden noch von uns hören. Wir wären nicht die Leute, die einer ge>etlichen Sache wegen sich bestrafen ließen." Gumpel rief erschrocken: „Ich red' kein Wort. Mit mir sind sie noch viel schneller fertig, als mit Euch." Er nahm seinen Pack Kleider und verschwand. Salomon aber sagte: „Siehe den schlauen Bär. Er hat mehr Emsicht als die anderen. Mer morgen gehe ich auf's Rathaus, sie sollen mit den Juden deutlich sprechen. Ich weiß noch nicht, wie ich die Summe für den Erzbischof allein aufbringen soll, mit Bär möchte sch reden, aber erst muß ich aus dem Bann sein." Der klügere Joseph aber meinte: „Bär macht nur dann Geschäfte mit uns, wenn wir mit der Gemeinde in Frieden sind." Einträchtig wanderten Vater und Sohn nach Köln zu: als sie an der fliegenden Brücke Gumpel trafen, blickten sie an ihm vorbei, und der Schneider wandte sich weg. 6. Kapitel. In der guten alten Zeit hatte jedermann hart zu arbeiten, um des Lebens Bedürfnisse zu befriedigen. Bevor der Bürger, der Bauer die Früchte seiner Tätigkeit genießen konnte, mußte er der Geistlichkeit, dem Landesherrn zehnten und "frohnden, und die Steuern waren rechtschaffen hoch. Mer fast unerschwinglich waren die Abgaben, die von den Juden verlangt wurden, sie mußten die Erlaubnis zu atmen, zu gehen und zu stehen schwer bezahlen. So waren die Juden gedrückte, gehetzte Geschöpfe, die mit unermüdlichem, eisernen Fleiß jede Gelegenheit erspähen mußten, um von ihren Peinigern und Unterdrückern selbst die Mittel zu erlangen, sie zu befriedigen. Mendel Ems schasste rastlos, unermüdlich bis in die sinkende Nacht. Er vermittelte für die Großen der Stadt Geldgeschäfte, er kaufte und verkaufte Gold und Edelsteine, er trug aber auch für die Kaufherren seltene Güter, Teppiche aus dem Morgenland auf die Schlösser am Rhein und handelte für seine Auftraggeber ayf solche Weise, vaß sie ihn immer wieder in Anspruch nahmen. Wohl mußte er bisweilen im Schnee oder Regen oder bei glühendem Sonnenbrand. lange vor der Pforte warten, bis er eintreten durfte, wohl mußte er zu mancher Beleidigung von Herren und Knechten schweigen — er sah aber auch, wie Bauern den Mantelzipfel des Edelmannes küßten: daß Die ner geringfügigen Versehens halber gepeitscht wuv den, kurz, daß die Juden nicht allein von ihren Mitmenschen zu leiden hatten. Wenn der Jüngling Wends heim gekommen war, eilte er nach dem Mendbrot zu seinem Onkel Bär, um mit dessen lieblicher Nichte Blümchen sich zu unterhalten. Es wurde ihm aber nicht leicht gemacht. Bär Kuchenheim empfing ihn in seinen: Zimmer. „Ah Mendel, scholem aleichem. Setz' Dich, was gibt's Neues?" Jetzt wurde der arme Junge ausgefragt, bis Bär ein menschliches Rühren spürte und begann: „Mendel, Du willst auch gewiß der Tante guten Abend sagen. Geh hinauf in die Wohnstube, die Weiber sind dort zusammen." Oben waren dann die beiden Frauen, Esther und Blümchen, fleißig, sie saßen am Spinnrad oder nähten. Wenn Mendel eintrat, wurde Blümchen feuer rot. Dann wollten die Frauen wissen, was es Neues gab. Mendel erzählte, und wenn er von der Welt berichtete, die ihnen verschlossen war,' von den geputzten Edelfrauen, von den Festen der Geschlechter -auf Hem städtischen Tanzhans Gürzenich, bann ruhten Spinnrad und Nadel und die Frauen hörten elbstvergessen zu. Meistens kam Bär, des Alleinseins müde, auch nach oben — und dann wehe Mendel! Bär fragte mit inniger Teilnahme, Nas denn Mendel zu seiner Schwester, der' Frau Reiß, so hinzöge. Früher habe er .doch ihn. seinen alten Onkel, nicht so häufig besucht. Und mit seiner Schwester habe es ja gar keinen Zweck, sie habe ja einen Mann bis zu hundert Jahren. Die Mädchen kicherten, die Weiber schmunzelten, der arme Mendel, der in diesem Fall sehr wortarm war, wand sich und wußte nicht zu antworten. Er hatte auch insofern Pech, als Blümchen niemals, auch nur einen Augenblick, allein war, die Mutter war vielmehr imnier zugegen. Die sittenstrengen Juden der damaligen Zeit anden es nämlich nicht für nötig, daß die jungen Leutchen sich viel miteinander unterhielten. Die Ehen wurden von den Eltern bestimmt, die Mädchen im Haus für das Haus erzogen und ihr Verkehr mit den jungen Männern in den engsten Grenzen gehalten. Wer die Liebe suchte und fand immer Gelegenheit, sich trotz der scharfen Augen der Eltern in die Herzen des jungen Volkes zu stehlen. Wenn also auch Mendel leider sein Blümchen nicht auf ein armes viertel Stündchen allein sprechen konnte, o war er doch einig mit dem jungen Mädchen. Er hatte es zu einer ganz gefährlichen Gewandtheit im Aufsuchen von Gelegenheiten gebracht, sich mit Blümchen zu verständigen. Wenn er abends seine Verwandte besuchte, gab er jedem der Anwesenden — die ob der Herzlichkeit ganz gerührt waren — die Hand, um auch das Händchen seiner Angebeteten drücken zu können. Das Händchen, das erst scheu und zaghaft in seiner Hand lag, wurde immer vertrauter und erwiderte leise den Druck. Er erzählte manches, das nur der Geliebten galt. Sie wußte das und ließ die fleißige Hand ruhen, um ihm besser zuhören zu können. Bär und seine Schwester bemerkten diese unschuldigen Kunststückchen wohl und schmunzelten sich wohlwollend zu Der Zeitpunkt rückte näher, da die Frauen wieder nach Hause reisen sollten, und es war Mendel noch nicht möglich gewesen, sich mit Blümchen auszusprechen. Jetzt aber redete Bär mit seiner Schwester ein deutliches Wörtlein: „Mendel ist nicht der Jung', der mit der Mutter spricht, bevor er weiß, wie er mit der Tochter dran ist. Wenn er heute Wend kommt, so gehst Du mit meiner Frau und Esther zu Scheuers und läßt mich mit den Leutchen allein." Und so geschah es. Als die Frauen verschwunden waren, sagte Bär nach einer kleinen Weile gähnend: „Ihr seid mir zu langweilig, ich gehe zu Deiner Mutter. Bis in einer halben Stunde also." Mendel schaute seinem Onkel dankbar nach, während Blümchen in rötlicher Verlegenheit sich erhob und flüsterte: „Ich will doch auch zu Scheuers gehen." Auf den bittenden Blick Mendels sank sie auf ihren Stuhl zurück. Der junge Mann, denkend, daß eine solche Gelegenheit sobald nicht wiederkehre, war im Nu an der Seite des jungen Mädchens, und ohne Umschweife, schlicht und herzlich, sagte er, ihre Hand ergreifend: „Blümchen, ich habe Dich lieb. Willst Du meine Frau werden?" Sie blickte ihn an. Er las die Antwort in. ihren Augen und zog sie mit einem Jubelruf an sich. Ihre Lippen fanden sich in zärtlichem Kuise, da aber wand sie sich aus seinen Armen und sagte innig: „Mendel, ich liebe Dich von Herzen, ich werde gerne Deine Frau. Wer jetzt wollen wir zu meiner Mutter gehen und fragen, ob sie nnsern Bund segnet." Rasch war sie aus dem Zimmer geschlüpft und kam im Nu, mit einem Tuch um die dunkeln Locken, zurück. In .der Tür blieb sie stehen und rief Mendel zu: „Begleite mich." Das Pärchen machte den kurzen Weg bis zu Scheuers, doch nur bis zur Haustür, dann kehrten sie wieder um und so mehreremals, sie hatten sich so vieles zu erzählen. Ein Wermutstropfen in der Seligkeit bildete, daß Blümchen mit ihrer Mutter in einigen Tagen fortreisen mußte, Mendel tröstete seine Braut mit der Aussicht: „Bald hole ich Dich, und dann bist Du mein auf immer." . Endlich mußten sie nun doch bei Scheuers eintreten. Frau Reiß schien nicht erstaunt, daß die Beiden zusammen kamen. Ans dem Nachhauseweg ging Mendel an der Seite der Frau Reiß, während Esther, die ihre Mutter führte, ihre Freundin zu sich rief. Frau Reiß war ob der Eröffnung Mendels sehr verwundert und fand es durchaus nicht lobenswert, daß der leichtsinnige Jüngling sich der Zusage des Mädchens versichert hatte, bevor er mit den Eltern geredet. Seite 5. Mendel wurde kleinlaut; er konnte ja nicht wissen, daß während des Besuches der Frau Reiß in Köln die Eltern unter Beihülfe des Bär Kuchenheim schon einig geworden waren. Frau Reiß versicherte jedoch den allzu stürmischen Liebhaber, daß :r der Einwilligung ihres Mannes auch wohl sicher 'ein dürfe, und so trennte man sich in voller Befriedigung.- (Fortsetzung folgt.) Ser Menschheit Wohltäter Odivin Weltmundwasser, i*' Ueberall erhältM. Preis der Retord - Elaseha HTk. 1.25. Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) In vielen Gemeinven, in denen die Zugehörigkeit äkultativ ist, besteht die Verordnung, niemanden in eine Chewroh aufznnehmen, der nicht Mitglied der Gemeinde ist. — Diese Vorkehrung ist eine administrative und wird getroffen, damit die Gemeinde pekuniär nicht geschädigt wird und Nichtzahlende die religiösen Institutionen der Gemeinde nicht benutzen können. — Zuwiderhandlungen sind Sache der Verwaltung, keinesfalls aber des Rabbiners. — In dem Falle, den Sie, geehrter Herr Redakteur, in der vorigen Nummer Ihres geschätzten Blattes berühren, scheint kein religiöser Faktor mitgespielt zu haben, und war daher das Eingreifen des Herrn Rabbiners — und dazu noch beim öffentlichen Gottesdienste — teinesfalls berechtigt. — Kein religiöser Grund liegt der Bedingung, nur Leute der orthod. Religionsgesellschast aufzunehmen, zu Grunde. Denn würde Rücksicht auf religiöse Führung genommen werden, so müßte es der Herr Rabbiner schon längst unterlassen, „einen Mischeberach" auf manches „Anschel Kehiloselnou"-Mitglied der Kippe zu machen. . Dieser Vorfall, wie er sich in Frankfurt zugetragen hat, bestätigt mir zum unendlichen Male, daß die -Orthodoxie sich zu einem ganz neuen Judentum gestaltet, welches weit entfernt von dem hohen Geiste der Religion ist, den man uns eingeprägt hat zu einer Zeit, als man einen streng religiösen Manu einen guten Jehudi genannt hat, woher er auch kam, zu welcher Gemeinde er auch gehörte, welchem Rabbiner er auch huldigte. — Heute ist man nur Jehudi — Pardon: „orthodox", wenn man sich unter die Fittige des einen oder des anderen Rabbiners stellt. Herr Rabb. Dr. Breuer, dessen große Gelehr« samkeit und innige Frömmigkeit allgemein bekannt ist, scheint auch von die>em Zeitgeist beeinflußt zu sein, sonst hätte er sich freuen müssen, daß ein Mann, der. trotz feiner offiziellen Stellung ^engreligiös lebt, Sohn eines Rabbiners und Enkel eines Gaons ist, das Bedürfnis hat, in der Kippe wirken zu können. I. K. Kaiser Friedrich Quelle ■ Offenbach a. M. —— Gegen Gicht nnd Rheumatimnns bewährt. Wohack Mis JSXSÄS* Inhaber: JML. Porten, Jawalen, Ooftfwaj*ea» — Auf Wunsch Auswahlsendungen, sr Wocherr-Laterrver. (Zeitangaben nach dem Laach.) Samstag, den 7. November (= 13 Cheschwan): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 Uhr 25 Mm. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 45 Min. in Berlin 5 Uhr 15 Min. Wochenabschnitt: Lech - lecho. — Gottes Aufforderung an Wram — so hieß er damals —. die Heimat zu verlassen und sich in fremdem Lande anzusiedeln. (Eine der vielfachen Prüfungen!) Wram kommt dem Befehle nach. Sara und Lot ziehen mit. Ueberall verkünden sie Gottes Namen. Im Lande Kanaan offenbart sich ihm Gott von neuem, ihm Land und Nachkommen verheißend. Wegen der Hungersnot zieht Wram nach Egypten. Der dortige König raubt ihn Sarah, muß sie aber, nachdem