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Neue jüdische Presse · 1908-11-06 · Heft 43 (6.11.1908) · page 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 43 (6.11.1908)
Date
1908-11-06
Page
– (sequence 10)
Language
German
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ArrS den Vereinen. Frankfurt a.M. Verein „Nachlaß Zwi". — Gibt es etn liberales Judentum?*) Eine alte Frage. Eine Frage, die sich jeder gesetzestreue Jude einmal vorgelegt hat, der Augen und Ohren offen hat für die Stimme der Zeit. Eine Frage aber, die er sich auch schon längst beantwortet haben muß, hat er rechtschaffen über sein Glaubensbekenntnis einmal nachgedacht. Ein desto erfreulicheres Zeichen ist» für die Sache des gesetzestreuen Judentums, daß ein erneutes Anfwerfen dieser Frage ein solch begeistertes Echo fand, wie' vergangene,! Montag Abend. Der große Saal im ehemaligen Kaufmännischen Verein war bis zum letzten Platze besetzt. Die Tatsache, daß Vereine und Zeitschriften für liberales Judentum existieren, ist für Herrn Moritz A. Loeb, dem Redner des Abends, nicht der Beweis dafür, daß eS ein l i b e - rales Judentum gäbe. Was sich aber heute unter dieser Bezeichnung zufammenfindet, das sind die Erben der Reform, die dem vorigen Jahrhundert sür uns Juden ihren Stempel ausgeprägt hat. Deshalb müssen wir deren Entstehung und Entwicklung folgen, wollen wir unsere Frage beantworten. Das finstre Ghetto beherbergt noch wahre Juden. Als aber der Lichtstrahl hineinflutet in die engen Judcngassen, die nur die Finsternis kannten, da werden die Juden von der plötzlichen Helle geblendet. Die französische Revolution hat -die Ghettomauern gestürzt. Sie hat aber auch im Gefolge, daß die Juden ,nitgerissen werden hinein in den Strudel, den die Vergötterung der Vernunft gebildet, in jenen Taumel der allgemeinen Ansicht, die Religionen insgesamt seien überlebt. Wir können uns heuse keinen Begriff machen von dem Widerstreit in den Empfindungen der damaligen Juden. Vermöge der beispiellosen Elastizität des jüdischen Geistes paßt sich der Jude leicht den bestehenden neuen Verhältnissen an. Vorzüglich der, besser gestellte „gebildete" Jude nimmt schnell Kultur, Sitte und Unsitte des Wirtsvolkcs an. Eine Verachtung der Religion seitens dieser Klasse ist der A s s i m i l a t i o n s s u ch t e r st e Phase. Nun zeigt der Redner, wie bald eine neue Stimmung im Judentum sich bemerkbar niacht, die dem Judentum Anerkennung verschaffen will, aber — anstatt die geistigen Werte unserer Religion einer staunenden. Welt zu offenbaren —, suchen sich diese Weltkinder eine Gleichstellung zu „erschleichen", indem sie das Judentum der fremden Kultur „näherführen" wollen. Israel Jacobsohn ist ein solcher Reformer. Tempel, Konfirmation wie bei den Nichtjuden, das sind seine Ideale, deren Verwirklichung. ihm — sonst ein schwacher Mann — gelingt. In Berlin steht ihm der alte David Friedländer bei. Mich. Beer. Auerbach, Kley helfen die Reform auch weiter cinzuführcn. Ein weiteres Zeichen der Zeit ist die Gründung des „Verein für jüd. Kultur und Wissenschaft", deren Hauptgründer ebenso wie der des in Frankfurt a. M. um 1840 cntstaiidenen ähnlichen Vereins ' sich bald tauften. Es folgen nun der gemäßigte Reformer Geiger, Philippson, der praktischere Führer, H o l d h e i m, der einst orthodoxe Rabbiner und später fanatische Neuerer. Die Rabbinerversammlungen sind jetzt das Zeichen der Zeit. Auf solchen wird einmal die Mischehe sanktioniert, ein andermal der dreijährige Thaurohzyklus angesetzt. Der gewaltige Ansturm S. N. H i r s ch' s zwingt nun die alles überströincnde Flut der Reform zum Einhalt. Erst zwanzig Jahre später werden wieder Rabbinerversammlungen berufen, deren Zeit nunmehr endgültig vorbei ist. Die neuen Versammlungen, zu denen nunmehr Laien herangezogen werden, sind zahlenmäßig ebenso wenig besucht, wie die Rabbincrversammlungen, und das hochtönende Pathos eines Prof. Lazarus, der Kultur nnd Judentum verschnielzen will, weicht bald der wehmütigen Elegie, als er kleinlaut bekennt, daß die Zahl seiner Anhänger immer kleiner werde. Es folgt eine große Pause, in der allerdings der Abfall zunimmt, während welcher Zeit aber nicht mehr versucht wird, die sogenannte Reform zu organisieren. Erst wieder in neuester Zeit be¬ *) Wenn es ein orthodoxes Judentum gibt, dann muß es selbstredend auch ein liberales Judentum geben; das eine bedingt das andere. Manche freilich bedauern das in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts von den christlichen Konfessionen übernommene Wörtchen „Orthodox", da es das Judentum gleichfalls zu einer Konfession werden läßt und damit eine Verneinung der nationalen Seite des Judentums zur Folge hat. Für diese, die das Judentum in der Ganz» heit seiner Ueberlieserung auffassen, kann es nur Anhänger dieses Ganzjudentums und Anhänger einer Reform dieses.Ganzjudentums zu Gunsten außerhalb desselben bestehender Anschauungen geben. — Wir hielten es für angebracht, einmal diese Begriffe klar zu umschreiben. D. Redakt. mühen sich Epigonen, das, was einem Geiger nicht gelang, zu vollführen. Und nun wendet sich angesichts dieser Versuche der Redner zu der Frage, ob es möglich sei, das Judentum umzuschaffen. An Hand der Geschichte weist er nach, wie wohl Einzelne ja auch Gesamtheiten dem Judentum nicht lebten, aber den Versuch, las Judentum umzuwandeln, finden wir nicht. Ein solcher Versuch bedeute die Herbeiführung des Untergangs des Judentums. Hier geht Herr L. auf die Programmschrift der sogenannten liberalen Judcnheit ein und weist an vielen Beispielen nach, wie wenig da Worte und Taten zusammenstimmten. Der durch ihre Eigenart auffallenden Behauptung der Neologen, daß die Orthodoxie den Abfall veranlasse, stellt Herr L. die ganze Fülle eines statistischen Materials entgegen, die gerade das Gegenteil dieser Behauptung, gegen deren Annahme schon der natürliche Verstand spricht, beweist. „Euch müßt Ihr reformieren, nicht das Judentum," ruft Herr L. mit Zuuz den sogenannten Liberalen zu, die weiter nichts seien, als die neuen Träger der alten Reform, die so schmählich Fiasko erlitten, und schließt mit dem freudigen Ausblicke auf jene beruhigenden Erscheinungen, daß gegen die neuesten Vorstöße der Reform in Berlin anläßlich der geplanten Einführung eines Sonntagsgottesdienstes und in Baden gelegentlich der Gebctbuchasfäre kräftig seitens der weitaus größten Masse des jüdischen Volkes Front gemacht wurde, und daß die damals erzielten Erfolge dafür sprechen, daß die Zeit eines sich der Reform gegenüber bewußt fühlenden Judentums nahe sei. Frankfurt a. M. Verein .T i f e r e s B a ch u r i m". — Der erste Vortragsabend in diesem Winter wurde vorigen Sonntag abgehalten. Herr Hermann G o l d s ch m i d t, der Vorsitzende, hielt eine Eröffnungsansprache, und dann nahm Herr Rabbiner Dr. Jacob Horovitz zu einem großangelegten fast zwei stündigen Vortrage über „M i ch a e l Sachs" das Wort, dessen Persönlichkeit aus dem Rahmen ihrer Zeit heraus lebensvoll gestaltend. Wir geben nachstehend kurz das Biographische der Ausführungen wieder, zumal der Redner, wie er sagte, an anderer Stelle von z. T. anderen Gesichtspunkten aus über denselben Gegenstand sprechen wird. Sachs wurde 1808 in jenem Glogau geboren, das der jüdischen Wissenschaft auch Salomon Munk, Dav. Cassel und andere Männer gegeben hat. 1835 machte er das Oberlehrerexamen, fand aber keine Anstellung. In dem gleichen Jahr erschien von ihm eine Friedrich Rückert gewidmete Uebersetzung und Erklärung der Psalmen. Trotzdem er es als die vorzüglichste Aufgabe ejner llebersetzung ansah, ein treues Spiegelbild des Originals zu geben, eine Methode, die zu Härten in der llebersetzung führt, offenbarte er darin eine geradezu imponierende Meisterung der Sprache. Leopold Z u n z "bekam als Rezensent das Buch in die Hand und erkannte sofort Sachs' wissenschaftliche Bedeutung. Nun war Sachs' Ansehen in der jüdischen Gelehrtenwelt begründet, nnd da er nicht nur eine tief wurzelnde jüdische und klassische Bildung besaß, sondern auch ein edles Aeußere, eine klassische Sprache und eine geniale Rednerbegabung, ’ so fand er schnell innerhalb der Judenheit seinen Wirkungskreis. Auf Zunz' Empfehlung wurde er als Prediger nach Prag berufen, wo von 1840 an Salomo Ich u da Rapoport, eine Persönlichkeit von hervorragender talmudischer Gelehrsamkeit und großem Scharfsinn, als Oberrabbiner wirkte. Hier übersetzte er innerhalb lVs Jahren 15 Bücher der Zunzschen Bibel, mit seiner Uebersetzung der Zunzschen Bibel ihre Eigenart aufprägend. In Prag erregte seine Beredsamkeit so ungeheures Aufsehen, daß auch Christen zu seinen Predigten herbeiströmten. Aber bereits 1844 verließ er Prag, um auf Betreiben seines Freundes Moritz Verth einem Rufe nach Berlin Folge zu leisten. Kaum war er ein Jahr in Berlin^ da erschien sein bedeutungsvollstes Werk „Religiöse Poesien der Juden in Spanien", das Professor David Kaufmann „ein Buch von Mark und Größe" nennt. Mit diesem Buche, das in seinem 1. Teile die deutsche llebersetzung der Gedichte, im 2. Teile die Charakteristiken der Dichter und im 3. Teile den hebräischen Originaltext der übersetzten Gedichte gibt, wurde zum ersten Male die gebildete Welt auf den Reichtum und die Schönheit der jüdischen Literatur im Mittelalter aufmerksam gemacht, und es hat bekanntlich auch auf Heinrich Heine gewirkt. In Berlin hatte Sachs zu beweisen, wie teuer ihm sein Judentum war, denn in der Gemeinde machten sich immer stärkere Reformbestrebungen geltend. Er kämpfte tapfer gegen diese Bestrebungen, .Aber er zerrieb dabei seine Gesundheit, und so verschied er bereits 1864. — Dem Vortrag schloß sich eine kurze Diskussion an» in der Herr Salli Posen darauf hinwieS, daß Sachs vor Samson Raphael Hirsch eine Probepredigt in der Frankfurter Israelitischen Religionsgesellschaft gehalten hat, dann aber aus privaten Gründen auf diesen Posten verzichtete. Frankfurt a. M. Am 1. November hielt unser Mitarbeiter Dr. S. M. Melamed (Maxime Le Maitre) im Saale der Loge zum Adler vor einem zahlreichen Publikum den ersten Vortrag über i e Juden in der deutschen Kultur im 19. Jahrhunder t." In diesem Bortrag gab der Redner einen Ueberblick über die verschiedenen Phasen des Einslusses des Judentums auf die deutsche Kultur vom 16. bis zum 19. Jahrhundert. Der Einfluß war ein doppelter, sozial-politischer und ein literarisch-philosophischer. In der englischen Revolution, die mit dem Puritanismus ansetzt und im Jndependententum ausläuft, zeigt sich die Bibel als politischer Kulturfaktor in der Bestimmung des Geschicks der ganzen Nation. In Deutschland macht sich der Einfluß der Bibel zunächst auf rein religiösem, dann auf literarischphilosophischem Gebiet bemerkbar. Summarisch betrachtet, steht die Bedeutung der Wiederentdeckung der Bibel im 16. Jahrhundert hinter der Entdeckung der neuen Welt am Ende des 15. Jahrhunderts an Bedeutung für die Kultur nicht nach. Weltgeschichtlich betrachtet, hat der antike jüdische Geist, der sich in der Bibel objektiviert, die Absichten der röm. Expansionspolitik durchkreuzt und der Jmperialisierung des christlich angekränkelten Rom's vorgebeugt. Mit der Bibel in der Hand hat Luther, der Sohn des kalten Nordens, das Schwert des römischen Pabst-Jmperators gebrochen. In Deutschland führte sie zum pietistischen, später zum biblischen Drama, beeinflußte den ganzen rechten Flügel der deutschen Aufklärung und gelangte auf schlängelnden Umwegen bis auf Goethe's Faust. In England führte sie zu Milton, "wie in Deutschland zu Klopstock und dann zum linken Flügel des geistigen Jndepedententums zur Aufklärung des englischen 18. Jahrhunderts, aus der Männer wie Shaftesbury, Hume u. A. hervorgegangen sind, und die wiederum auf die Entwickelung der Dinge in Frankreich mächtig eingewirkt haben. Mit der französischen Revolution hört teilweise der biblisch-jüdische Einfluß auf den Werdegang auf. Aber jetzt greifen die Juden persönlich ein und stellen sich in den Dienst einer neu zu schaffenden Kultur, einer Kultur, die auf dem Gesetz der Individuation beruht. Wo die Juden in die Kultur eingreifen, greifen sie als Juden ein, und das Novum, das sie mit dem Eingreifen in die Kultur mitbringen, ist der typisch-jüdische Geist. Und der jüdische Geist läßt sich doppelt charakterisieren, durch seine Vorliebe zum Absoluten als apriorisches Merkmal und durch seinen destruktiv-negativen Charakter, der sich im Exilleben ausgebildet hatte. Mit der polemischen Klinge parierend, treten die Juden in die deutsche Kultur ein. Das erste Werk des ersten deutschen Juden in der neueren Kultur ist nicht sowohl ein Buch von gewaltigem Inhalt als eine große deutsche Kulturtat, nämlich des Danziger Juden G o m P e r tz polemische Schrift, die eine Erwiderung auf Friedrichs II. „De la littßrature allemcmde" ist und in der Gompertz die deutsche Literatur und ihre Zuikunft gegen den Spötter von Sans-Souci verteidigt. Dieser polemischer Geist wird nur durch Mendelsohn unterbrochen, um bald wieder mit Männern wie Maimon, Heine, Börne, Karl Marx und Fritz Stahl, seine höchste Entwickelung zu feiern. Die Entwickelung der Negation in den gewaltigsten Formen, die schöpferisch, weltgeschichtlich wirkten. — Der mit Beifall aufgenommene interessante Bortrag . schloß mit Moses Mendelsohn. Im 2. Vortrag wird Herr Dr. Melamed den Abschnitt von Mendelsohn bis auf Börne behandeln und an der Hand einzelner Kulturgestalten seine eigenen geschichts-philosophischen Schemata zu beweisen suchen. Frankfurt a. M., 5. Nov. Verein .Montefiore". — In seinem gestrigen Bortrage ,Are Juden in der deutschen Literatur der Gegenwart" zeigte Herr Dr. Melamed. daß sich bei allen Schriftstellern jüdischer Herkunft eine gemeinsame, nur ihnen eigene Note offenbare: ein stark ausgeprägtes ethisches Empfinden, das nach der Wahrheit, nach dem Absoluten sucht und in diesem Suchen bis zum Ende der Gedanken geht und dadurch zum Radikalismus nnd zur Negation wird. Und nicht nur kritisierend, sondern auch schöpferisch ist diese typisch jüdische Eigenschaft. Ludwig Börne's „Tell"-Kritik, in der das ethische Moment ausgearbeitet ist, Nordaus große Kulturkritik in seinem Buche „Die Entartung", in dem er über dem Grotesken und dem Originellen nicht den gesunden Menschen vergißt, Albertis „Hauptmann"- Kritik, in der fortwährend auf die ethischen Schwächen hingewiesen wird, und noch anderes beleuchtet Redner. Er zeigt die Juden als konsequente Durchführer und Formuliere! großer Kultur- 4780

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