Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 42 (30.10.1908)
- Date
- 1908-10-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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M Rr. 42 fe Frankfurter IsmekMm Familien klaiie.?. Friedhofsgeschichten.... Von Maxime Le Maitre. II. Wenn die Heide schiente Buße tun . . . Die Luft war abgehellt .... Langsam lam das Dunkel aus dem Jenseits des Friedhofs geschlichen. Dunkle Schatten der alten Friedhofseichen lagerten sich auf das stille Tal jenseits des Friedhofsbächleins» um sich von den matten Lichtstrahlen des heraufziehenden Mondes bestreicheln zu lassen. Bedächtig zog der bleiche Nachtwandler herauf und ergoß ein gebrochenes Strahlenlicht auf die ruhenden Friedhofsschatten. Bald stellte sich aber der Weltenbarfüßler ein und reizte diese Kinder der Dämmerung gegen ihren nächtlichen Vater ... Er riß das Wasser des Bächleins' aus seiner Ruhe, daß es tosend und schäumend zu plätschern begann. Die Schatten, enttäuscht ob des spärlichen Lichtes, wurden ruhelos und bewegten sich nach allen Richtungen, und gereizt rollten auch die kleinen Wellen des Bächleins rasch dahin. Es bewegen sich Schatten, es zischen halb grimmig, halb spöttisch die kleinen schäumenden Wasserwellen und führen im Schutze nächtlichen Dunkels geheimnisvolle Zwiesprache .... Und die einsamen bewegten Friedhofscichen lauschen diesem nächtlichen Geflüster. . . „Ssss". . . zischen gallig-spöttisch die blitzesschnell aufeinanderrollenden und in jäher Plötzlichkeit verschwindenden Wellen. „Wir tauchen auf und tauchen unter und sterben, sobald wir geboren werden. Ssss . . . wir leiden picht . . . unsere Wiege ist unser Grab . . ." „Ssss". . . zischen sie und verschwinden. Und die bärtigen, verdrossenen Schatten huschen bedächtig und spötteln: . . . „Unsere Wiege ist nicht unser Grab: am Tage verhätschelt uns die Sonne, und abends bestreichelt uns sanft der nächtliche Vater." Die einsamen, bewegten Friedhofseichen nicken andachtsvoll mit ihren Häuptern... Bald kommt der weltverstoßene Nachtbummler und entlockt der nächtlichen Lyra verführerische Melodien. Es beten bewegt die alten Eichen, und ein melancholisches Rieseln des Baches begleitet dieses Gebet. . . Die Nacht, vom melancholischen Mondlicht durchflutet, verrichtet still ihre Gebete, und leise klagt der Wind. Bald fließen die Gesänge und Gebete der Nacht, über die ein ruhiger Himmel seine Hände faltet, zu einem weihevollen Gesang zusammen, der alles, was lebt und webt, niitreißt und zum Einstimmen in den Chorus zwingt. Die Nacht betet, die Nacht singt, — und ein Lied voll Wehmut und süßer Schauer zieht durch ihre Seele .... und bändigt die Gewalten des Verderbens. Inzwischen ist die Lichtinsel am Himmel verschwunden, — und in finsterer Einsamkeit sang noch die Nacht ihre Lieder. Ueber dem Hekdesch ist Ruhe und im Hekdesch lautlose Stille. Keiner seiner Gäste hat sich zur Ruhe begeben, alles wacht. Jankel der Ewige bewegt sich still und ungeduldig und steckt jeden Augenblick seinen Kopf in die weitgeöffnete Tür, als ob er jemanden erwarte. Die Bettler und die dunkeln Gestalten, in allen Ecken und Winkeln niedergelassen, harren auch in lautloser Stille des kommenden Augenblicks. Jankel wird immer ungeduldiger, sein Gesicht immer verzerrter, sein Schritt immer unruhiger. Er stößt Flüche aus, murmelt unverständliche Worte und glotzt wild um sich. Auch die Hekdeschleute werden ungeduldig. Allein Jankel wirst seine bleiche, schmutzige Hand in'die Luft, und er bändigt den Ausbruch ihrer Unruhe, denn Jankel der Ewige ist unumschränkter Herr im Hekdesch. Noch einige Augenblicke voll Spannung und Ungeduld, noch eine Weile lautloser Stille, und das stumme, schaurige Walten im Hekdesch verschwindet beim Herannahen eines leiscschrcitenden Trupps alter Juden mit braunen und grauen struppigen Bärten und bleichen Gesichtern, der im bangen Schweigen seinen Einzug in den Hekdesch hält. Jankel begrüßt mit stummem Kopfnicken die Gäste, und die Hekdefchleute gewinnen beim Anblick dieser nächtlichen Besucher ihre Ruhe. Noch ist die Ruhe im Hekdesch nicht gestört. Die Schar neuer Gäste weiß ein tiefes Schweigen zu beobachten. Auf einen Wiuk Jankels hin bringt ein junger Hekdeschmann, Mote Goi genannt, zwei lange, grüne Wachskerzen, zündet sie bedächtig an und überreicht sie seinem Herrn und Obern, Jankel dem Ewigen. Jankel uimmr die zwei Kerzen in die Hand, fährt mit der andern in die Luft und gibt so ein Zeichen zum Aufbruch. Das hintere Tor des Hekdesch, das zum Friedhof führt, öffnete sich, und Jankel mit zwei grünen Wachskerzen stellt sich an die Spitze des Trupps, schreitet' voran, seiner Gefolgschaft den Weg beleuchtend. Jankel dem Ewigen folgt ein schneeweißer Greis gebeugten Hauptes und schlotternden Schrittes. Hinter dem Rabbi schreitet ein junges Paar, Mann und Weib, von einem Greisenpaar geführt. Diesen folgen die eben angekommenen Gäste, zumeist alte bärtige Juden und auch einige ältere Frauen. Zuletzt ziehen noch die Hekdeschleute, von Mote Goi geführt, nach. Langsam und bedächtig bewegt sich der Zug. Still und lautlos ziehen sie durch lange Gräberreihen, irren durch Kreuzungen und Krümmungen und lenken bald nach rechts, bald nach links ein. So ziehen sie still und mit kaum vernehmbarem Schritt durch den Friedhof, von den tiefen, wehmütigen Klängen der mondverlassencn Nacht begleitet. Aber bald vernimmt man nichts mehr von diesen unheimlichen Friedhofsbesuchern. Die finstere Nacht und die reich bezweigten Friedhosseichen haben sie verschlungen. Hinter einer alten Eiche ist 'wieder der Mond aufgegangen. Er schickt seine silbernen Lichtstrahlen in die finstere Nacht, die von den alten, dichten Bäumen anfgefangen werden. Ihr Licht bleibt nur in einem engen Kreis ausgegossen, da die Bäume seine Flut hemmen. In dieser natürlichen Laube, die vom Mondlicht umwölbt ist, werden huschende Gestalten sichtbar, alte, verschwiegene Juden. Ihre fahlen Gesichter glänzen im Schimmerlicht der Nachtsonne. Sie stehen da im Kreise, lispeln leise Gebete oder begleiten mit einem andächtigen Murmeln das lautlose Gebet eines greisen Juden, dem ein kleiner Mann mit einem großen Bart zwei Nachtkerzen zuhält und ihn beleuchtet. Gespcnsterhaft und stumm umstehen ihn die alten Juden und die Hekdeschleute. Auf ein Zeichen des greisen Rabbi, zu dem die Umstehenden verehruugsvoll emporblicken, treten aus der Menge ein junger Mann, dessen lumpige Kleidung und hageres, bleiches Gesicht auf einen Hekdeschmann Hinweisen, und ein junges Weib, dessen Schultern ein großes, graues Wolltuch bedecken, so daß sein Antlitz kaum sichtbar wird, hervor uud nehmen, mit dem Gesicht nach Osten gewandt, vor dem Greise Aufstellung. Die Versammlung, Stadt- und Hekdeschleute, stehen wie versteinert, fast leblos da. Alle Blicke sind auf den Rabbi und das junge Paar gerichtet. Friedhofsruhe-Totenruhe. Unter der versteinerten Verschwiegenheit der Menge beginnt der Rabbi mit leiser, gebrochener Stimme: „Juden! Gemeinde Israels, auf dieser Stätte des ewigen Lebens und der ewigen Ruhe, aus dieser Stätte, die rein von Sündern, und die noch nie entweiht ist, an diesem Orte, wo sich alles trennt und sich alles wieder vereint, führe ich zwei junge, verlassene Menschenkinder in das Leben ein. Hier, wo sich alles trennt, sollen sie sich zum gemeinsainen Leben vereinigen. Diese zwei verwaisten Menschenkinder, die sich laut Gesetz Moses und Israel zum Leben vereinen, hat der Vater des Erbarmers auserkoren und dazu berufen, den großen Schrecken, die Pest, die seit langem Israel heimgesucht und in jüdischen Häusern Verheerungen anrichtet, zu bannen. Gott hat seine bösen Geister ausgeschickt, um uns für unsere Sünden zu strafen. Mit dem Leben sollten wir büßen, was wir am Leben gefrevelt und im Leben begangen. Wer der himmlische Vater, der Allmächtige und Erbarmungsvolle, der den Wurm unter der Erde nicht verläßt, hat sich auch seines Hauses Israel erbarmt. An uns ist es jetzt, die Boten des Todes zu vertreiben. Zum Zeichen, daß Leben und Gesundheit wieder in Israel einzieht, führe ich dieses Menschenpaar hier nach jüdischem Ritus und nach dem Gesetze Moses in das Leben ein. Möge die Errichtung dieses neuen Heims in Israel ein Zeichen dafür sein, daß Leben und Gesundheit wieder in unsere Häuser eiuziehe. Auf daß keine Waisen und Witwen mehr in Israel seien. Und die seligen Geister, deren irdische Hülle hier ihre letzte Ruhe gefunden haben, mögen vor dem Stuhl seiner Allherrlichkeit unser Gebet und unsere Wünsche nicderlegen, daß der Tod den Kindern ihre Väter und Mütter und den fromnien Frauen ihre Männer nicht mehr entreiße. Daß der Tod nnr hier walte und in unseren Häusern Leben." Mit einen: leisen, andachtsvollen Amenruf war diese stille Rede verstummt. Der nächtliche Frievhofsbräutiganl kam auf seine Braut zu, übergab ihr einen silbernen Ring und rief mit kräftiger, aber bebender Stimme die Worte: „Du seist mir mit diesem Ringe geheiligt nach dem Gesetz Moses und Israel." Daraufhin reichte ihm Mote Goi ein gefülltes Glas, von dem er nnd seine Braut tranken und dessen Scherben bald auf der Erde klirrten. Während aber Braut und Bräutigam tranken, riefen die Versammelten einstimmig und aus voller Kehle: „Zum Leben, zum Leben!" Und des Friedhofs trauriges Echo trug diese Worte widerwillig und verdrossen durch die langen, langen Gräberreihen. Es glitzert der Mond am einsamen Hinunel. Leisen Schrittes und bedächtig ziehen kleine, bärtige Juden mit dem Friedhofsbrautpaar und dem Rabbi an der Spitze durch die gekrümmten Friedhofspfade. Zwei grüne Wachskerzen beleuchten den vom Tode gesättigten Ort. Sie ziehen weiter, suchen.. — sie ziehen nach dem Hekdesch... Die andachtsvoll betende Nacht, die Ruhe des Friedhofs und die Hoffnung auf das Leben begleiten sie auf ihrem Wege. Mit stummer, verborgener Freude, die sich diese Friedhofswandler durch Blicke Mitteilen, legen sie ihren Weg zurück, und als sie erwartungsvoll die weitgeöffnete Tür des Hekdesch erreichten, durch die Jankel sich zuerst unter sein Dach stellte, rief dieser, da sein schnellspähendes Auge keine neue Leiche im Hekdesch erblickte, den Nachziehenden freudig zu: „Dort haben wir ihn gelassen — den Tod, — Ihr werdet leben!" — Als die Hochzeitsgäste sich längst entfernt hatten, die Bettler schon schliefen und Jankel bereits sich auf seinem Lager wälzte, gähnte er sorgenvoll und seufzte: „Sie werden leben — ich habe nichts mehr zu tun — und meine acht Kinder'?" Er seufzte: „Meine acht Kinder," und die Nacht sang fromme Lieder. — Personalien. Mannheim. Anläßlich der 200 j übrigen Jubelfeier der hiesigen orthodoxen Klausgemeinde, die letzten Sonntag in würdiger Weise unter großer Teilnahme begangen wurde, erhielt Rabbiner St. I Unna den Orden vom .-iähringen Löwen. Kottbns. Der Tuchfabrikant Max Grünebaum, der der hiesigen Stadt 150 000 M für gemeinnützige Zwecke spendete, wurde zum Ehrenbürger von Kottbns ernannt. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M., 28. Okt. Mit dem heutigen Abend trat der Verein „Nachlaß-Zwi" in seine diesjährige Wintertätigkeit ein. In einer längeren Begrüßungsansprache eröffnet der Vorsitzende, Herr Leopold Schwab, den ersten Vereinsabend mit einem Ausblicke auf die nunmehr zurückliegenden nenn Jahre des Bestehens, während welcher Zeit sich dieser Verein in Frankfurt eine Popularität gesichert, die anläßlich der imposanten Samson Raphael Hirsch- Feier ihren Ausdruck gefunden habe. Das neue Programm sei geeignet, das Interesse der Hörerschar zn erhalten: man habe ganz besonders den Wünschen der Jugend Rechnung getragen. Hierauf ergreift Herr Redakteur S. Schachnowitz das Wort zu dem Vortrage: Die Arche in der Geschichte und im Volksglauben. Der Redner führt nns von ben Eindrücken, die jene mächtige Geschichte von der Sintflut aus uns als Kinder machte, in die Zeit, da wir — reifer geworden — verstehen lernen, daß dieser Akt des unmittelbaren Eingreifens Gottes eine Aeußerung war des göttlichen Strafgerichts sowohl, als auch der göttlichen Gnade und Barmherzigkeit für seine Gerechten. Nachdem der Redner die der Flut vorangegangene Sittenverderbnis geschildert, beschäftigt er sich mit den Bibelkritikern, die gerade auf diese Bibelstellen ihre Geschosse richten. Es sei eine Forderung des Tags, die Hohlheit der Eingriffe dieser „atheistischen Heiden", wie sie Herr Sch. im Gegensatz zu den „polytheistischen Heiden" nennt, bei jeder Gelegenheit ins Licht zu setzen. An Hand der zeitgenössischen Literatur weist der Redner nach, wie die Kirchenväter im 2., 4. und 5. Jahrhundert bei der Untersuchung der Sintflut noch versuchten, ihre Hypothesen mit den Bibelerzählungen in Einklang zu bringen, wie in der Reformationszeit schon begonnen wird, die schwierigeren Fragen kritisch zu prüfen, bis gar in der neueren Zeit die Bibel angegriffen wird und die sogenannte Bibelkritik einsetzt. Hier wendet sich der Redner ganz besonders gegen einen gewissen Distel, der eine Zeitlang Vorträge über den „Aberglauben" der Sintflut hielt, und gegen Delitzsch, den Verfasser von Babel und Bibel, der den Babyloniern alles Gute — also auch die Sintflut zuschreibt. Nun greift der Redner wieder zurück und zeigt, wie die verschiedensten Völker der Erde ihre „Fluttraditionen" hätten, die alle denselben ethischen Kern aufweisen: das Strafgericht Gottes und die Rettung des Gerechten. Zum Schlüsse führte Herr Sch. an, wie die Sintflut im Talmud in verschiedenster Hinsicht von unseren Weisen zu Gleichnissen, ja auch in humoristischer Weise, gebraucht werde. Auch zu Kunstwerken habe sie angeregt. Und an der stimmungsvollen Schilderung eines Gemäldes, das die Sintflut allerdings nur als hereinbrechendes und alles überflutendes Unglück darstellt, entwirft der Redner in farbenhellen Strichen das Bild der Folgezeit, die mit dem Regenbogen, dem Zeichen des Friedens, beginnen sollte. Perl. . . Frankfurt a. M. D'r .Jüdische Frauenverein" (Vorstand: Fanny Birnbaum, Hedwig Cramer, Zerline Feuchtwanger, Nanny Levis,' Sara Moos, Amalie Rosenthaler, Jacobine Wohlsarth, Dr. I. Bondi, Louis Feist, Moritz A. Loeb) veröffentlicht folgenden Bericht: „Der „Jüdische Frauenverein", der auf ein knapp einjähriges Bestehen zurückblickt, hat in dieser kurzen Spanne Zeit den Beweis liefern können, daß trotz der großen Zahl der in unserer Vaterstadt schon bestehenden jüdischen Vereine sür seine Wirksamkeit noch ein weites Feld vorhanden ist. Konnte das in unserer konstituierenden Bersammlnng entworfene Programm aus Mangel an Mitteln 4785