Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 40 (9.10.1908)
- Date
- 1908-10-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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M Rr. 40 ttes FrMMer IsraMMm #ftmiCieu6tattes. Jüdische Gemeindeverhältniffe in Bayern. Anläßlich der Budgetberatung inl bayerischen Landtag im August d. Js. kam der Referent für das Kultusbudget, Abgeordneter Dr. Sch übler, auch auf die Revision des Judengesetzes in folgender Weise zu sprechen: Ohne sich in die inneren Angelegenheiten des israelitischen Kultus mischen zn wollen, dürste er doch darauf aufmerksam machen, daß, nachdem einmal die beiden Richtungen im Judentum vorhanden seien, dafür gesorgt werden müsse, daß eine Richtung nicht etwa durch die andere unterdrückt oder bedrückt werde. Mit diesem Satze des Referenten ist in kurzen Worten das ausgedrückt, was zur Begründung der Revision des Judenedikts von 1813 (das in jedem Ort, ob Stadt oder Land, nur eine Gemeinde und einen Rabbiner kennt) und der Ministerialentschließung von 1863 zu sagen ist. Wie kam nun eigentlich der, Stein, der ja schon Jahrzehnte nach den verschiedensten Seiten hin störend im Wege ist, ins Rollen? Kleine Ursachen — große Wirkungen, kann man auch hier sagen. In Abwesenheit des Münchner Stadtrabbiners im Mai 1807 verbot die. Münchener israelitische Gemeinde-Verwaltung (natürlich auf Grund des Edikts von 1813) dem Rabbiner der orthodoxen Privatgemeinde in deren Synagoge die Vornahme einer Trauung. Die Orthodoxen in den verschiedensten Gemeinden Bayerns hatten sich schon manches von ihren sich „Liberale" nennenden Brüdern gefallen lassen, allein diese Provokation war ihnen doch zu viel, und sie sollte sich auch bitter rächen. Mit einer Energie, wie sie dem Führer -er Münchner oder — richtiger — der bayerischen Orthodoxie, Sigm. Fränkel, in^München eigen ist, wurde diese Angelegenheit als Ausgangspunkt der Bewegung ausgenommen und im Einvernehmen mit den Orthodoxen Nürnbergs Schritte eingeleitet, um dem unleidlichen Verhältnisse, in dem die orthodoxen Privatgemeinden Nürnberg und München zu den Hauptgemeinden stehen, ein Ende zu machen. Wie schon oben bemerkt, erkennt das Edikt von 1813 nur eine Gemeinde und einen Rabbiner an einem Orte an, und wenn im Laufe der Jahre sich in Nürnberg und München Separatgemeinden bildeten, so war dies eigentlich ungesetzlich. Und wenn diese Ungesetzlichkeit seitens der Kultusverwaltungen von Nürnberg und München geduldet wurde, so war wohl dabei weniger die Liebe zu den frommen Glaubensgenossen ausq schlaggebend als die Furcht, daß den Orthodoxen doch einmal der Geduldfaden reißen könnte und dann von ihnen Schritte unternommen würden, welche dazu führen, der Herrlichkeit der herrschenden Klasse ein Ende zu bereiten. Daß nun bei einer so wenig wichtigen Gelegenheit, wie bei einer Trauung (wo doch dem Rabbiner religionsgesetzlich eine so geringe Rolle zufällt), der Krach kommen sollte, das glaubte man in der Münchener Gemeindestube nicht, und gar manche Partcigröße in diesem hohen Rate bedauert heute noch das Vorgehen von damals. Auf Veranlassung der Münchener gingen die Nürnberger Orthodoxen, welche auch schon lange auf Aenderung ihrer Lage bedacht waren, mit denselben Hand in Hand, und so traten beide mit einer Anzahl Forderungen an die Hanptgcmeinden heran; würden diese unberücksichtigt bleiben, dann wollte man die Streitfragen der Regierung unterbreiten. Um diese letztere Eventualität zu umgehen, traten die Großgemeindcn in Verhandlungen rin, welche nach längeren Debatten zu einer Einigung führten. Den Orthodoxen wurden etliche Zugeständnisse gemacht, die als einstweilige Abschlagszahlung gelten dürfen, bis eine Aenderung des ganzen Judengesetzes bessere Verhältnisse schafft. Wenn man sagt, die Orthodoxen hätten mehr erreichen können, so tut man den Führern der Bewegung ein großes Anrecht. Bisher hatten die orthodoxen Filial-Gemeinden in Bayern keinen Boden unter sich; die bayerische Staatsregierung hätte wohl eine Schließung der orthodoxen Separatgottesdienste nicht geduldet, und wäre vielleicht auch in der Unterrichtsfrage (siehe weiter unten) den Orthodoxen entgegcngekommcn, allein das wäre auch der einzige momentane Erfolg gewesen; alle anderen Punkte wären bis zur Acnderung des Edikts aufgespart geblieben. Und daß eine solche Gesetzesänderung nicht so schnell geht, das konnte man bei Behandlung der christlichen Kirchenordnung beobachten und das har auch Referent Dr. Schädler in der Abgeordneteilkammer betont, indem er ausführte, „daß der Herr Minister dankbar wäre, wenn man vorerst nicht so sehr drängen würde, zumal noch andere Dinge zu bearbeiten seien, die mehr spruchreif wären". Nachdem nun die Vereinbarungen in Kraft getreten sind und vorerst Friede oder — _ besser gesagt — Waffenstillstand geschlossen ist, kann man wieder auf den Kernpunkt zurückkommen und mit Vorschlägen für die neue Gesetzgebung herantreten. Da die Regierung, um nicht einseitig vorzugehen, Vorschläge der Parteien zu erhalten wünscht, haben sich die im „Bayerischen Landesverein" vertretenen Gemeinden und Rabbiner zusammengefunden, um zu versuchen, einheitliche Anträge zn machen. Es wurden ö Herren (2 liberale und 1 orthodoxer Gemeindevorstand, 1 liberaler und 1 orthodoxer Rabbiner) gewählt, die in den nächsten Monaten die Punkte ansarbciten sollen, auf deren Basis ein alle Seiten befriedigendes Gesetz seitens der Regierung erlassen werden kann. Es läßt sich nicht verkennen, daß die Arbeit eine sehr schwierige ist; cs muß gesetzlich, wie im bestehenden Edikt, festgelegt werden, daß die Gemeinden für die Bedürfnisse des Kultus ausreichend zu sorgen haben, und es muß ganz besonders hcrvorgehoben werden, daß man den Gcwissensbedenken der Minoritäten gerecht wird. Es muß ferner einer Minorität die Möglichkeit gegeben werden, bei wirklich unüberbrückbaren Gegensätzen ihr Verhältnis zur Haupt- Gemeiirde lösen zu können, und es muß hierbei auch die finanzielle Scheidung berücksichtigt werden. Wir glauben kaum, daß auch nach Schaffung eines solchen Gesetzes in Bayern hiervon Gebrauch gemacht wird; die Machthaber werden es sich reiflich überlegen, bevor sie es zum Bruch kommen lassen; wir möchten sogar behaupten: die Möglichkeit der Trennung ist der beste Kitt für das Zusammenhalten. Die Kommission und später das Plenum des Landesvcreins müssen sich bei ihren Beratungen vor Augen halten, daß die Regierung immer das letzte Wort hat, bezw. das Gesetz erläßt und nicht an die Vorschläge gebunden ist. Ganz besonders der liberalen Seite wird cs klar sein, daß die bayerische Staatsregierung eine Bedrückung der orthodoxen Minoritäten nicht zulassen wird, und sie wird daher in versöhnlicher Weise Mitarbeiten; der Entscheid in betreff der Unterrichtsfrage in Nürnberg wird gewiß in dieser Hinsicht von heilsamem Einfluß aus diese Richtung sein. Die Orthodoxen haben bisher ihre Mäßigung bewiesen, und werden auch ferner, ohne Preisgabe ihrer Prinzipien, ihr Möglichstes für einen dauernden Frieden und ein friedliches Beisammenarbeiten tun. Möchten sich nun die Gedanken bewahrheiten, mit welchen der Führer der bayerischen Orthodoxen, Sigm. Fränkel in München, seine Broschüre: „Rückblick und Ausblick" schließt: „Wenn wirklich in den beiden Lagern des bayerischen Judentums die ernste Absicht obwaltet, vorurteilslos und objektiv, ohne jedweden Hintergedanken von Herrschaftsgelüsten der einen Richtung über die andere an die Vorarbeiten zur neuen Gesetzgebung heranzugehen, so kann in diesen Vorstadien der Enquete und der Instruktion über die erstrebenswerte Gestaltung der Dinge das jetzt, erzielte friedliche Einvernehmen der beiden Parteien gewahrt und gemeinsam das für die gesetzgebenden Faktoren notwendige Material zusammcngetragen werden. Freilich solleil in beiden Lagern nur solche Streiter aus dem Plan erscheinen, die die Materie nach der juristischen und materiellen Seite hin völlig beherrschen und die die genügende Objektivität besitzen, um auch dem Standpunkt des Gegners vollste Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Wer aber von neologer Seite Schulter an Schulter niit uns an einer jeden Gewisstuszwang ausschließenden, an einer auch ihrem innersten Wesen nach wirklich liberalen und modcrneil Revision des alten bayerischen Judenedikts arbeiten will, er soll uns als Mitkämpfer hochwillkommen sein." I v r i. Mohammed und die Jude«. Bon Dr. Julius Reiner (Berlin). Der Begrülider des Islams, Mohammed, hatte während seines Lebens vielfache, teils freundliche, teils auch seindliche Beziehungen zu den Juden. In der ersten Zeit seiner prophetischen Laufbahn, als er noch mit dem Widerstande der heidnischen Araberstämnie, die seine göttliche Sendung stark bezweifelten, zu kämpfen hatte, bemühte er sich, die Gunst und Anerkennung der Juden zu erwerben. Bei jeder Gelegenheit berief er sich auf Abraham, Moses und die Propheten, er bewunderte ihre Größe, achtete bis zu einem gewissen Grade ihre Anschauungen und gab sich ftir einen Nachfolger derselben aus, den Gott den heidnischen Arabern sandte. Ursprünglich, so behauptete der Prophet, waren die Araber gleich den Inden, mit denen sie stammverwandt sind, echte Gottesverehrer, der Glaube Abrahams war auch der Glaube der Ahnen Mohammeds, und erst im Laufe der Zeit sollen die Araber ihren reinen Glauben vergessen haben und dem Heidentum verfallen sein. Nach dem gegenwärtigen Stande der historischen Forschung ist es höchst wahrscheinlich, daß sich diese Behauptung Mohammeds mit der Wahrheit deckt. Aus vielen einzelnen Angaben bei griechischen und römischen Historiographen und aus Erzählungen arabischer Chronisten, die allerdings späteren Datums sind, läßt sich ein Bild der ältesten Religion der Araber entwerfen, das dem Monotheismus der jüdischen Patriarchen ähnlich ist. Es ist höchst wahrscheinlich, daß die Juden in Arabien schon seit König Davids Zeiten sich niedergelassen haben, und Prosessor Dozy hat sogar nachznweisen versucht, daß nrch der Zerstörung des ersten Tempels zahlreiche jüdische Flüchtlinge in Arabien eine zweite Heimat gefunden hätten. Wie denr aber auch sei, so viel steht fest, daß kurz vor dem Auftreten Mohanuneds in Arabien zahlreiche jüdische Kolonien und sogar ein unabhängiges jüdisches Reich existierten. Diese jüdischen Kolonisten, die von ihren palästinensischen Brüdern sich in den ältesten Zeiten trennten, haben auch eine von ihnen ganz verschiedene Entwicklung durchgemacht. Wenn auch der Zusammenhang mit dem Stammlande unter König Salomo, der Handelsbeziehungen zu Arabien unterhielt, nicht zu leugnen ist, so haben aber in der Folgezeit die jüdischen Niederlassungen in Arabien eine von ihren palästinensischen Brüdern durchaus unabhängige Entwicklung durchgemacht, die in religiöser Beziehimg eine große Verschiedenheit zwischen den arabischen und palästinensischen Juden zur Folge hatte. lieber die ältesten Eimvohner Arabiens steht gegmwärtig so viel fest, daß sie Amalekitcr, ein aramäischer Stamm des biblischen Volkes Edom, waren. Auf diese folgten dann die Juden, welche sogar eine Zeitlang ein eigenes unabhängiges Reich hier bildeten, dessen letzter .König Fitjaun in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts n. Ehr. vom Araberhäuptling Mali! ben alr Aglan getötet wurde. 4785