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Neue jüdische Presse · 1908-10-02 · Heft 39 (2.10.1908) · p. Seite 11

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 39 (2.10.1908)
Date
1908-10-02
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 39. Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) An die jüdischen Hausfrauen! „Kesiwo wechcsimo tauwo" so riefen uns vor Roschhaschonoh Freunde, Bekannte, Lieferanten in den jüdischen Zeitungen zu; eine unrühmliche Ausnahme machten die hiesigen jüdischen Metzger, die uns als Gratulation — eine Preiserhöhung des Fleisches brachten! Nur 10 Pfg. pro Pfund mehr, .als die hiesige Metzgerinnung festsetzt!! Und warum? Weil der Koscher-Ochse mit einmal vor Roschhaschonoh sich seines jüdischen Wertes bewußt wird, sich besser hält als seinen christliche» Kollegen. Als zweiter Grund wird die Einführung eines Netzes — das wir gerne selbst anschasfen wollen — angeführt, und deshalb pro Pfund 5 ,Pfg. mehr, wie lächerlich! Als ob es nicht einerlei hväre, 1 Pfund oder 10 Pfd. ins Netz zu legen! Und diese Zumutung in heutiger Zeit, wo Schabbosaus und Jaum-tauwim unseren Männern Vs Ihrer Parnosoh nehmen, während die Metzger garnicht darunter leiden! — t Wir Frauen müßten schlechte Ehefrauen sein, wollten wir uns diese unerhörte Teuerung gefallen lassen. Wenn die Metzger glauben, daß wir wegen des Kaschrus nichts dagegen ausrichten können, so sind sie im Irrtum. > Zunächst schlage ich eine Protestversammlung vor, in der Mittel zur Abwehr worgeschlagen werden sollen. Und wahrlich, es wird uns .nicht schwer fallen, solche zu finden. Wir können uns leicht mit einem christlichen Metzger in Verbindung setzen, für den, falls die Gemeinde es abschlägt, ein frommer Schauchet aus der Umgegend schlachtet und wir bekämen besseres und billigeres Fleisch! Sogleich mit dem 1. Oktober woUen wir aber einen Gegendruck auf die Metzger ausüben. Wenn die Burschen, wie bisher, in die Häuser kommen, uin Bestellungen aufzunehmen, dann verweigere man jede Auskunft; erst im letzten Augenblick» wenn wir das Fleisch brauchen, wollen wir Hausfrauen selbst oder die jüdischen Mädchen das Fleisch abholen. Die Metzger sollen dann sehen, wie sie den Andrang bewältigen können. Zum Schlüsse möchte ich aber ein ernstes Wort an den Vorstand, mit dem verehrten Rabbiner an der Spitze, richten. Fürchtet er nicht, daß durch die Preiserhöhung die große Zahl der jüdischen Haushaltungen vermehrt werde, die ihren Fleischbedarf von auswärts nehmen und so das Verbot Schechitas chuz übertreten?*) > Eine H a u s f r a u. * * * Geehrte Redaktion! Das „Jüd. Tagblatt" in Newyork bringt gus der Feder seines "Redakteurs, des Herrn G. Bublik, einen Aufsatz, der sich mit einem von mir an einen Newyorkcr Freund bezüglich der geplanten „Knesseth-Jsroel"-Organisation gerichteten Privatbrief des ausführlichen beschäftigt. Es liegt mir daran, festzustellen, daß die in dem betr. Aufsatze mir zugeschriebenen Anschauungen und deren Interpretation seitens des Verfassers auf argem Mißverständnis beruhen. Ich habe diese R.chtigstellnng dem betr. Blatte eingesandt, leider ist sie noch immer unberücksichtigt geblieben. Hochachtungsvoll! Dr. Jakob Klatzkin. Bunte Chronik. Am Grabe des Esra. , Einem Reisebriefe durch Mesopotamien und Babylonien des bekannten Orientreisenden Eduard M y - g i n d entnimnrt die N. I. K. folgende Schilderung: „Etwa eine Tagesreise von Basra befindet sich hart am Ufer des Stromes ein israelitisches Nationalheiligtum: eine bunte Kuppel, wie sie irgendeiner Moschee augehören könnte, erhebt sich in einem kleinen Garten, in dessen Nähe eine Reihe Äußerst fensterreicher, also nicht mohammedanischer Karawansereien und Privathäuser steht. Das ist Türbe-el-Usair, kurzweg Usair genannt, Esras Grab! Alljährlich pilgern Tausende von Inden aus Basra, Bagdad und den Uferstädten hierher, um während einer Woche, gewöhnlich von einem Dampfer zum anderen, ihre Andacht am Grabe des Propheten zu verrichten, und eine ganze Kolonie streng ritueller Logis- und Speisewirte, Händler und sonstiger „Unternehmer" *) Wie wir hören, sind Verhandlungen im Wege, daß die Erhöhung nicht eintritt. t D. Redakt. Frankfurter I7raÄitiflhes Familienblatt. hat sich dort angesiedclt, unbelästigt durch die Beduinen und die Behörden, denen das Grab des „Mar Usair" ebenfalls eine Art Heiligtum ist, und sorgt für die Verpflegung ihrer Religionsgenossen. Noch ehe unser Dampfer vor dem Orte Halt machte, stürzten sich die ungeduldigsten der Pilger in den Fluß, erkletterten schwimmend das Deck und umarmteil wassertriefend die Verwandten und Bekannten, die sie gerade vorfanden. Wir hatten nicht viele <m Bord, die nach Hause wollten. In ihrer Furcht, zu spät zu kommen, benutzten sie alles, was ein Erklimmen des Decks ermöglichte, hauptsächlich die großen, runden Boote aus Kvrbgeflccht, Kuffus genannt, die dem Tigris eigen sind, kreisrunde Körbe, die durch einen Ueberzug aus flüssiggemachtem Asphalt wasserdicht gemacht worden sind und bis zu zehn und zwanzig Personen fassen. Diese Boote wurden irgendwie am Dampfer festgemacht, und aus ihnen heraus krabbelte „Urahne, Großmutter, Mutter und Kind", so gut sie es vermochten, mit Bündeln und Paketen, init Körben und Kesseln, als wollten sie eine Reise um die Welt machen. Für eine Viertelstunde erfüllte ihr Rufen nach den Häuptern ihrer Lieben die Luft, dann hatte sich endlich alles ein Plätzchen gesucht, und die auch etwas mehr auf äußerliche Würde gebenden inännlichen Mitglieder der verschiedenen Familien hatten sich nach unendlichem Abschiednehmen, Umarnrungen, Küssen und Segenswünschen seitens ihrer zurückbleibcnden — jedenfalls mir für eine Woche zurückbleibenden! — Religionsgenosscn an jBorb cingefunden. Der Dampfer heulte seine lauten Warnungsrufe über Fluß und Wüste dahin, und irnmer noch kamen Nachzügler an. Schließlich ging dem Kapitän die Geduld aus — ein letzter, gellender Pfiff, die Schaufeln peitschten das Wasser, und langsam, schwerfällig, nahm das Schiff jeinen Kurs wieder auf; noch ein Abschiedsgruß, und Esras Grab verschwand hinter Palmen." Förderung der Naturkunde in P a l ä st i n a Unter dem Namen „Akademischer Verein zur Förderung der Naturkunde in Palästina" hat sich soeben eine neue Gesellschaft konstituiert, die sich die Erforschung der Fauna und Flora Palästinas, sowie seiner geographischen und geologischen Verhältnisse zum Ziele setzt. In dem eben erschienenen Aufrufe des neuen Vereins heißt es nach einer Skizzierung des heutigen naturwissenschaftlichen Erkenntnisdranges: „Dennoch gibt es ein Land, das weder in der Nähe des Südpoles gelegen noch von wilden Völkerschaften bewohnt ist, das vielmehr in einer bequemen Reise von der Dauer einiger Tage erreicht werden kann und nach allen Richtungen ohne jedwede Gefahr durchforscht werden könnte, und dennoch — man sollte es kaum für möglich halten! — ist dieses Land letzten Endes eine terra incoguita. Es ist weder nach seiner Bodenbeschaffenheit, nach der Natur seiner Berge und Flüsse, noch auf seine Fauna gmd Flora genügend erforscht worden. Allgemein sind die Klagen hierüber bei den Fachgelehrten. Dieses Land, das einst einem Paradiese glich, und seit Jahrtausenden zu einer Einöde verwandelt ist, ist das allbekannte, unbekannte Palästina!" Der Aufruf des nach einem Vortrage von Dr. Leo M e t m a n n im Akademischen Zionistenverein inBern gegründeten Vereins, ist unterzeichnet u. a. auch von einigen uichtjüdischen Professoren der Universität Bern, den Herren Professor Dr. S t u d e r und Professor Dr. Marti, sowie von einem ebenfalls uichtjüdischen Berner Gymnasialdirektor, Dr. Preis werk, außerdem von Professor Dr. Mai, Bern, Professor Dr. Marburg, Berlin usw. Der Verein verdient zweifellos die wärmste Unterstützung von Juden und Nichtjuden. Er hat ein so weites Arbeitsfeld vor sich, daß er Tausende von Mitgliedern brauchen kann, die sich hoffentlich in kurzer Zeit zusammenfiuden werden. Zuschriften sind zu richten an Herrn Dr. Leo M e t m a u n, Jaffa (Palästina)? Der Vortrag des Herrn Dr. Metmauu ist unter dem Titel „Zur Regenerationsarbeit in Palästina" im Verlage des Akademischen Zionistenvereins in Bern erschienen und für 60 Centimes zu beziehen. Jüdisches aus Dcutsch-Südwestafrika. Aus Swakopmund wurde der „Welt" ein interessanter Brief zugesandt. Der Schreiber schickt 104 Mk. als Ertrag einer Sammlung für den Nationalfonds, die dort bei zwei Bris-Miloth veranstaltet wurde. Die erste dieser Bris-Miloth war zugleich die erste in Deutsch-Südwestafrika überhaupt. Im Anschluß an diese Bris-Miloth fanden noch zwei weitere Bris-Miloth statt. Der erste Junge war 6 Monate, der zweite und der dritte ö Wochen alt, als dje Beschneidung vorgenommen wurde, der Mohel kam aus Kapstadt, .das 720 Meilen entfernt ist, und nahm zu gleicher Zeit auch eine Trauung vor. Seite 11? Aus der Regierungszeit des Großen K u r f ü r st e n. Mitgeteilt von Lehrer H o r w i tz - Kassel. Bei meinen Forschungen zur Geschichte des Landrabbinats in Kurhessen fand ich im Königl. Staatsarchiv zu Marburg (Kasseler Geh. Rats-Akt. O. St. S. 2420) nachstehende Verfügung des Großen Kurfürsten. Dieses Schriftstück war au den Landgrafen Moritz gesandt, als eine Dienstinstruktion für den von ihm zu erilennenden Landrabbiner für seine Gebietsteile. Die Ernennung des Rabbi Samuel von Hildesheim zum Landrabbiner von Halberstadt und Minden dürfte weitere Kreise interessieren. Seine Tätigkeit als Rabbiner der neu erworbenen Landesteile Preußens wird weder in der Monographie des Herrn Dr. Lewinsky - Hildesheim über Rabbi Samuel-Hameln, noch in Auerbachs Geschichte der jüdischen Gemeinde Halberstadt erwähnt: „Wir Friederich Wilhelm, von Gottesgnaden. Marggraf zu Brandenburg, des Kaiser!. Römischen Reichs Erzkämmerer und Kurfürst, zu Magdeburg, in Preußen, zu Wlich, Kleve, Berge, Stettin, Pommern, der Caßuben und Wenden, auch in Schlesien, zu Crossen und Jägerudorff Herzog, Burggraf zu Nürnberg, Fürst zu Halberstadt und Minden, Graf zu der Mark und Ravensberg, Herr zu Ravenstein pp.. Fügen hiermit männiglich. Insonderheit unseren in unseren Fürstentumbeu Minden und Halberstadt, auch Grafschaft Ravensberg vcrordneten Sadthaltern, Landtdrostcn, Cantzlern und Räthen gnädigst zu wißen, demnach wir denen in unseren Landen vergleiteten Juden, zu unterricht und entscheiden etwa vorfallender Streitigkeiten einen Rabiner zu haben vergünstiget, daß wir zu solchem cnds Ihnen anordneu Rabi Samuel von Hildesheimb dergestalt, daß obernannte Juden schuldig seyn sollen, Ihre Klagte bey Ihm auzubringen, seinem Erkändtnus sich zu untergeben, und dessen rechtlichen entscheidungen gebührend uachzukommeii. Würde sich dann ein oderander demselben zu widersetzen unterstehen, so soll gemelter Samuel solche Verbrecher! nicht allein in Bann zu nehmen macht haben, und solches alßbaldt den von unß bestellten Befehlshaber und Vorgänger Bercnd Levi andeuten, sonder» es sollen auch diese widcrsetzende uns Jedesmahls zur straffe zehn Goldtgüldeu zu erlegen gehalten seyn. ^Jmgleichen ist auch obgemeltem Samuel von unß gnädigst anffgegeben, über die in unßerem Fürstentumbcn befindliche Rolle, Synagogen fleißige Auffsicht und Register zu halten, auch dahin unsämlich zu scheu, damit die von den Synagogen unß zukommende Gefälle zu rechter Zeit an Bernhard Levi)*) derselbige vermöge unßer Verordnung zu empfangen befehligt, geliefert werde. Wegen dießes Rabi SanrUels unterhalt nun haben sich die in obgen. unßereu Landen wohnenden Juden, ingesambt mit Ihm der billigkeit nach zu vergleichen; Vnd soll Ihm sonst frey stehen, sich mit häußlicher Wohnung in unßercn Städten Minden oder Halberstadt, wo er sich am ersten angeben, und am bequemsten zu sein befinden Ivirdt, mit häußlicher Wohnung, sambt Weib und Kind nieder zu laßen, und gleich den anderen ,von uns vergleiteten Juden daselbst zu verhalten. Befehlen dervwegen Jedermänniglich, Ihn dabey zu haudt haben, zu schützen und zu schirmen. Urkundlich haben Seine Churfürstl. Durchl. dieses eingenhändlich unterschrieben und dero Cammer Secret darauff zu drücken wohl wißcutlich anbefohlen. Geben zu Petershagen den 9ten Februarii 1650. Friedrich Wilhelm." (L. 3.) Kunst und Literatur. Das Balkanproblem und die Balkand y n a st i e n von Bresnitz v. Sydacofs (,lk 2;, Leipzig, B. Elischer Nachfolger. Im ersten Kapitel „König Georg von Griechenland und sein Hof" schildert der Verfasser, ein Kenner der balkanijchen und südslavischcu Verhältnisse, den Werdegang Griechenlands und erzählt bemerkeuswecie Details über Kaiser Wilhelms Ausenthalt in Korfu und über die großen Nachwirkungen, die dieser im Gefolge haben dürfte. Das Kapitel „Die wiedererstandene Dynastie Karageorgevic" läßt einen tiefen Blick in die Verderbtheit des serbischen Hofes, in die Wirrsale der serbischen Verhältnisse tun und ist reich an spannender Detailmalcrei. Die nächsten Kapitel „Die großserbische Propaganda in Bosnien" und „Der eiserne Riirg des Panslavismus" bringen Enthüllungen über die Vorgänge im Südosten der Habsbnrgischen Monarchie und das Wiedcrerwachen der sogenannten neu-all slavischen Bewegung, es werden die Schleier von den Umtrieben der englischen Politik hinweggezogen, die nach Reval führte. Im letzten Kapitel „Die südslavische Frage und das mazedonische Problem" stoßen wir abermals auf die Hand Englands und hören neues und interessantes über die *) Bernhard oder Bernard Levi wird von Glückel- Hameln in ihren Memoiren oft genannt.

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