Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 39 (2.10.1908)
- Date
- 1908-10-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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zu Nr. 39 tfes fcftnfcfiirfin; WMsllim MMMaMs. Inhalt -er Vellage: Artikel: Friedhofsgeschichten. — Personalien. — Aus der zionistischen Bewegung — Aus d en V er eine n. —Aus der Lehr erwelt. — Sprechsaal. — Bunte Chronik. — Briefkasten. Friedhofsgeschichten . . . von Maxime Le Ma;tre. I. Der Hekdesch. Langsam und weinerlich rieselt der Bach längst des Friedhofszaunes. Ein feuchter, kalter Nordwind schluchzt und heult in die finstere Nacht und erfüllt mit Klagen die nächtliche Luft. Und ist der Wind verweht und sein Widerhall voll Jammer in den Gräberreihen verklungen, dann faltet sich wieder das einsame Schweigen und die Stille der Wüstenei über Bach und Wiese und die Herrschaft des Todes singt ihr Allmachtslied. Der Himmel ist sternenlos, und langsam, wie Katzen, kriechen oben die Wolken. Sie verdüstern den Schein des scheulugenden Mondes, der nur schwer sich durch diese Himmelsgerippe einen Weg bahnt. Aber sobald er aus seinem Gewölk hervorkriecht, dann lugt er so einsam und verdroffen in die Reihen der Gräber und bestrahlt mit seinem matten Licht des Bächleins kleine Wasserwogen. Bald verschwindet er wieder, und über die Nacht ist abermals graues Dunkel ausgegossen. Alles atmet Tod und ewigen Schlaf. In dieser _ leblosen Wüstenei der Nacht ist alles erstorben. Nur die grauen und weißen Grabsteine, die in die bleierngraue Nacht hineinragcn, erinnern an das Gelebt-Haben. Die Toten ruhen, und lang' sam und leise nur atmen die Winde. Die Toten schlafen und die uralten Eichen auf dem Friedhofe auch. Dies reichen Zweige an den Bäumen ruhen, und selbst die halbverwelkten Blätter bewegen sich kaum. Die Nacht ist tot, die Nacht, die das Leben birgt. Und in die Starre des nächtlichen Dunkels hat die Majestät der Schweigsamkeit dem Tod ein Postament gesetzt .... Der Friedhof ist für die Toten — und für die Elenden der Hekdesch. Und der Hekdesch ist ein Grab, in dem lebende Cadaver begraben sind. Auch äußerlich unterscheidet er sich nicht viel von dem Grabe Eine kleine Ruine, baufällig und morsch, deren Dach ende die schwarze Erde küßt, mit niedrigen, baufälligen Wänden und eingeschlagenen Fensterscheiben, die mit Papier, Glas und Blechscherben ausgefüllt sind und starkem Wind nur schwachen Widerstand bieten können. In diesem düstern Loch, dessen Wände den Tod atmen und in dem der Boden nackte, feuchte Erde ist, haust der Totengräber mit seinem Gesinde, übernachten auf der Erde die, die morgen in der Erde ihre letzte Ruhestätte finden .... In einem Winkel im Hekdesch liegt eine Leiche mit dem schwarzen Leichentuch bedeckt und von zwei matt schimmernden Kerzen beleuchtet. Bei der Leiche sitzt der alte, greise Totengräber, Jankel der Ewige geheißen," und lispelt Totengebete für die Seele des Dahingegangenen, die um die Leiche schwebt . . Im anderen Winkel lagert das Gesinde des Toten gräbers, Weib und Kinder. Ein Strahl des matten Totenlichtes fällt in jenen Winkel zurück, wo Weib und Kind des Totengräbers auf der Erde kauern bleiche Gestalten-verdorrtes Gerippe, das noch ein Lebenshauch durchzuckt, und ein lebendiger Leichenhaufen, der gähnt und im Schlafe seufzt. In einem anderen Winkel stehen gefüllte Säcke, ^liegen Packete in wirrem Durcheinander, treiben sich Cartons, Tüten, alte Kleider, die die Tagediebe hierher gebracht, in buntscheckigem Wirrnis herum. Hier sind die gestohlenen Sachen gut aufgehoben, denn bis hierher reicht nicht die Hand der Polizei . . Der Hekdesch ist eine Stätte für Tote und für Lebende, für Ehrliche und für Diebe, für Reiche, die ihn als Duchgang zum Friedhof benutzen und für Arme, Elende und Obdachlose, die im Hekdesch ihre Nachtruhe finden. Die am Tage von Haus zu Haus betteln gehen, ihre schmutzige, magere Hand um Almosen trecken, die das Sonnenlicht nicht genießen und die der Tag nicht erquickt — finden beim Einzug der Nacht im Hekdesch Rast und Ruhe. Sobald die Nacht den letzten Sonnenstrahl niedergerungen und sie sich wie ein schwarzes Leichentuch auf sie gelegt, ziehen die Elenden aus allen Gassen zum Hekdesch und finden seinen baufälligen Wänden Rast und Nachtruhe. Auf der feuchten Erde im Hekdesch kauern sie in einem Winkel ohne Unterschied des Geschlechts und des Alters. Greise, Weiber und Kinder und Krüppel. Kranke und Aussätzige und atmen die Ruhe des Todes und den Wind des Friedhofs, der durch tausend Luken in den Hekdesch dringt. Bald pustet und pfeift der Wind aus unzähligen Luken und Löchem, löscht die Totenkerzen dringt dem an der Leiche Totengebete lispelnden Totengräber in Bart und Nacken und bestreicht den hier Jammer träumenden Menschenhaufen. Mitternacht. — Das verelendete Gemensch wälzt sich auf der schwarzen Erde, gähnt und seufzt im Schlafe, während' draußen der Mitternachtwind den Tod verkündend durch die Ferne heult. Ein leises Jammem dringt aus dem Kreise des spärlichen Lichtes, als ob die Seele des Verstorbenen weinte, und dieses Jammern vermischt sich mit dem Aechzen und Pusten des anstürmenden Windes und mit den Seufzern der im anderen Winkel der Ecke Kauernden. Die Nacht weint im Chore. Die schwere, matte Todrslust aber erstickt und dämpft dieses zusammengegossene Todes geheul, und nur ein müdes Schluchzen durchtränkt die Lust und die Nacht im Hekdesch. — Ein in sich zusammengekauerter Mer, der mit geöffnetem Munde schläft, und dessen linker Arm einem kleinen Kinde als Kopflager dient, fährt von Zeit zu Zxit auf, bewegt und wirft sich kranlpfhaft, stößt Herz brechende Seufzer aus und bleibt wieder ruhig liegen, sobald die Bewegungskrast versagt. Bald schreit er auf, spricht mit roher, heiserer Stimme in gebrochenen Sätzen und spricht die Nacht aus ihrem Schrecken und aus ihrer Ruhe. Er bleibt bald wieder still, attnet nur noch tief, bis wieder so ein Bewegungskrampf ihn überniannt. Dann ist er ruhelos in der Ruhe der Nacht. Welche Schreckensbilder und Todesgedanken ihm wohl den Schlaf rauben, seine Ruhe stören mögen? Bald fährt er wieder auf, kämpft und ächzt, faltet die Hände und seufzt und fällt wieder wie ein Stein au' sein Lager zurück. Einen Augenblick hört man nichks mehr im Hekdesch als das leise Knistern der Wachskerzen Die Luft ist mit Ruhe und Schrecken und Schweigsamkeit getränkt. Aber hall! Ein Seufzer als Vorbote des Kampfes, — und der Greis gebärdet sich wieder krampfhaft und spricht mit geschlossenen Augen — »Sechzig Jahre gebettelt. Sechzig Jahre wie der Wind gelebt — Sechzig Jahre. Ich war jung, stark — einsam, vereinsamt. Sechzig Jahre gebettelt und wie der Wind gelebt." Er seufzt schwer und tief und schreit wie wahnsinnig: »Sechzig Jahre, Sechzig Jahre. Sein Haupt fällt wieder auf seine Kopflage, und er hätt einen Augenblick inne. Leise knistern die Totenkerzen, der Totengräber, »Jankel der Ewige lispelt weiter seine Gebete, und die schaurige Ruhe wird nur von den Seufzern der im Hekdesch kauernden Bettler unterbrochen. Aber bald fährt er wieder auf. Er dreht und. windet sich auf seinem Lager, fährt mit seiner schmutzigen, dürren Hand über die Stirn, als wenn er seine Gedanken sammeln wollte, seufzt und spricht.- »Sechzig Jahre gebettelt, Sechzig Jahre — und ich hatte nie ein Heim — Sechzig Jahre — ein Vater — hatte ich einen Vater? — ich habe nur für meine Mutter Kaddosch gesagt — nur für meine Mutter. Wenn man keinen Vater hat, ach, wenn man keinen — Sechzig Jahre im Hekdesch." Und mit weinerlich - heiserer Sttmme seufzt er — »wenn man keinen Vater hat — Sechzig Jahre im Hekdesch". An der Wand bei der Türe liegt ein junges Weib mit zerzausten Haaren und schmutzigem Gesicht. Als Kopflager dient ihr der Bettelsack mit gefüllten Brotbrocken — und ihr langes schwarzes, zerzaustes Haar. Eine Hand ruht auf dem Halse eines asten Weibes, das man Hekdeschmutter heißt, während ihre andere Hand ihre entblößteBrust bedeckt. Matte Sttahlen der Totenkerzen fallen auf ihr blasses Gesicht, dem die letzten Schönheitsspuren noch nicht entschwunden sind. Sie schläft ruhig und zufrieden, als hätte sie sich mttihrer West avgefunden. Die Hekdeschleute nennen sie Prinzessin, denn sie flucht so selten und ist immer stA und in sich gekehrt. Niemand weiß, woher sie gekommen. niemand kennt ihre Abkunft und ihren Fall. Sie wird auch als »Fremde" behändest. Wenn der Hekdesch überfüllt ist, muß sie an der Türe kauern, und sie duldet stA, wenn die Hekdeschmutter sie mißhandelt, weil sie sich so prinzesfinhaft stellt. Im Hekdesch ist sie jedem eine Last.- Heute muß sie wieder an der Türe liegen. Die Nässe und der durch die Türe dringende Wind stören ihren Schlaf, und so bewegt und gebärdet auch sie ich heute. Sie erwacht, sobald der Wind sie bestreicht, gähnt ruhig — verzweifelt ruhig — und sucht sich bald wieder im Schlaf zu vergessen. AVer sie findet keine Ruhe. Es pfeift der Wirst» und es ist naßeucht. . . . Sie dreht sich um, wendet ihr Gesicht der Hekdeschmutter zu, und ihrem Munde entfahren die Worte: »Ein Bett, ein Bett; sie hat ein Bett".— Und sie legt ihre Rechte auf den Kopf und spricht weiter, ruhig und unverdrossen: »Sie hat ein Bett, ein gutes, weiches Bett — und ich im Hekdesch. Sie ist Frau und Mutter, geachtet, geschätzt und hat ein Bett — ein weiches, gutes Bett — und ich im Hekdesch. Sie war fromm und schlecht — sie die Dumme und die Häßliche — und sie wartete, bis er kam. . . Und heute hat sie ein Bett — ein gutes Bett — ein warmes Bett — und ich im Hekdesch. . . O. im Hekdesch. . . Aber jener Sonnenuntergang auf dem Berge. Die Lust war mild, die Vögel zwitschetten so verführerisch, es war warm und ruhig. Die Luft war so mild und gettäntt mit Liebe und Leben. Die Luft war mild, der Berg so hoch, die Sonne ganz rot, und wir, er und ich, waren so schwach . . . und sorgten nicht für den Morgen. . . Und so kam es . . . so kam ich in den Hekdesch. und so habe ich kein Bett." Der Totengräber, der wie eine lispelnde Mumie an der Leiche fitzt, gibt auf diese Motte hin ein Lebenszeichen von sich; er hebt den Kopf und wendet ihn nach der Richtung, aus der die Motte kamen, furcht die Sttrn. zuckt hasttg mit den Wimpern, und sein Blick späht in jene Ecke an der Türe. Er erspäht sie — und ruft leise mtt gleichgüstiger verdrossener Stimme: »Auch eine." Und darauf bleibt er wieder stumm und verschwiegen. Mes schweigt. Die Elenden im Hekdesch und draußen der Wind. Die Wollen am Himmel hat ein Sturm verttteben und einsam spioniert der Halbmond am Horizont. Er lauscht dem Weben der Nacht und deutet ihre Träume. Wüstenstille, TodesstMe. Auf dem Bauche des ruhenden Baches schlummett der Wind. Und der Hekdesch — ein mattes Gähnen im Herzen der Nacht. Aber bald wird eine rohe Sttmme laut, die den Tod aus seiner Ruhe reißt. Jarckel Ganew ttäumt schwer und spttcht zu der Nacht: »Ich Jankel Ganew — Ganew — ich muß es sein. Gestohlen habe ich und mein Vater auch. Mein Vater war kein Ganew, aber er hat gestohlen — und geflüchtet. Die Mutter — ich weiß nicht — hat sie gestohlen, hat sie auch gestohlen? . . . Nein er, er hat die Mutter beswhlen... sie beraubt . . . geflüchtet. Gestohlen hat mein Vater, und ich bin Jankel Ganew — Jankel Ganew. Wer war er? Mein Vater? Wo ist er? Mein Vater. Ich habe ihn nie gesehen, meinen Vater. Vater! wo, wo bist Du? Ich dein Sohn — ich Jankel Ganew im Hekdesch — komm, sich' deinen Sohn, deinen Jankel Ganew — komm' — komm' Vater — ich liebe Dich — Vater, komm' ich li... nein, nein verfluchter Vater, nein verfluchter .... Ich Jankel Ganew, Jankel Ganew, ich Prügelknabe und Auswurf .ich Jank" ... Sie letzten Worte schreit er wie wahnsinnig . . . »ich Jank . . ." und fällt todesschwer auf seine zerlumpten Sttefel, die ihm als Kopsttffen dienten, zurück. Ms sein schweres Rufen erwacht die Challele, ein achtjähriges Mädchen, das zu seiner Linken liegt. Sie öffntt die Augen, erschreckt beim Anblick der Todeskerzen, kauett zusammen und ruft mtt milder, kindlicher Sttmme: „Mutter, Mütterchen, Mutter, Mütterlein" und schläft. Aber Challeles Mutter ist nicht im Hekdesch. sondern im Irrenhaus, denn Challeles Vater ist sott, fort. . . . 1785